Seit der Nepalese Nirmal Purja in Rekordzeit alle Achttausender bestiegen hat, ist er der Superstar des Alpinismus. Doch es gibt in seinen Schilderungen grobe Ungereimtheiten.

Ein Beitrag von Dominik Osswald

Unweit des Mount Everest liegt der Lobuche, ein etwas über sechstausend Meter hoher, formschöner Berg mit ausgeprägtem Gipfel, technisch nicht besonders schwierig zu besteigen. Jedes Jahr stehen viele Touristen auf dem Lobuche. Sie wollen erste Höhenluft schnuppern und schauen sehnsüchtig hinüber zu den ganz Grossen: Everest, Lhotse, Makalu. Zum Greifen nahe stehen die Achttausender da, vielleicht eines Tages …


In der Sendung Beta auf Actiontalk TV diskutieren wir die Unstimmigkeiten rund um Nirmal Purja


So begann auch die Karriere des derzeit populärsten Bergsteigers der Welt, Nirmal Purja. Mit 29 Jahren stand er auf dem Lobuche, unten im Tal hatte er sich zum ersten Mal in seinem Leben Steigeisen angeschnallt. «Jeder Schritt liess mich innehalten und nachdenken – hin und wieder überkam mich Angst», schreibt er in seinem kürzlich erschienenen Buch «Beyond Possible». «Manchmal schien es eine sehr reale Möglichkeit zu sein, in den Tod zu stürzen.» Auf dem Gipfel angekommen, sind seine Ängste verflogen. Purja ahnt, dass er zu mehr bestimmt ist.

Zwei Jahre nach dem Lobuche besteigt er mit dem Dhaulagiri seinen ersten Achttausender, 2016 steht er erstmals auf dem Everest. 2017 kündet er ein Projekt an, das wie die reinste Utopie klingt: Purja will alle vierzehn Achttausender besteigen – in Rekordzeit. 38 Menschen hatten zu diesem Zeitpunkt alle vierzehn Achttausender bestiegen, die schnellste Zeit lag bei rund sieben Jahren. Purja gab sich sieben Monate.

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Nirmal „Nims“ Purja, Dawa Tenji Sherpa (Team MG), Mingma G, Dawa Temba Sherpa und Pem Chiri Sherpa, Mingma David Sherpa, Mingma Tenzi Sherpa, Nimsdai Purja und Gelje Sherpa bei der Puja-Zeremonie vor dem Winterangriff auf den K2 am 5. Januar 2021. Bild Nimsdai / Red Bull Content Pool

Alles ist möglich

Die vierzehn höchsten Berge zu bezwingen, erfordert neben alpinistischem Können eine Menge Glück. Manche, die es sich zum Ziel setzen, kommen dabei um. Andere brauchen Jahrzehnte und können danach die verstorbenen Weggefährten nicht mehr an einer Hand abzählen. Doch Purja liess sich nicht beirren. Am 23. April 2019 startete er sein «Project Possible». Sechs Monate und sechs Tage später stand er auf dem Shishapangma, seinem 14. Achttausender. Jetzt wird Purja in einem Atemzug mit Reinhold Messner genannt.

Wobei ihn niemand mehr beim vollen Namen nennt. Die Rede ist nur noch von Nims, sein Spitzname, oder Nimsdai, was «Bruder Nims» bedeutet. Nimsdai ist ein Superstar, wie ihn das Bergsteigen noch nie hervorgebracht hat. Er verkörpert die Botschaft: «Alles ist möglich, wenn man nur genug an sich glaubt.» Aus dem Mund eines Mannes, der das Mögliche neu definiert hat, ist das keine Binsenweisheit mehr.

Millionen von Followern bewundern ihn in den sozialen Netzwerken. Sie flippen aus angesichts des Mannes, der sich als Zeichen seiner tiefen Verbundenheit mit den Bergen die Achttausender auf den Rücken tätowiert hat und Fremde mit «Bruder» anspricht. Er schafft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Auf dass unsere Träume wahr werden.

«Aufgeben liegt mir nicht im Blut.»

Nirmal Purja

Schnell war Netflix zur Stelle: «14 Peaks. Nothing Is Impossible» heisst der Film, der die Sensation dokumentiert. Er landete in den Top Ten der weltweit am häufigsten gestreamten Filme auf der Plattform. Man sieht Purja im Schneesturm, auf Gipfeln, am Helikopter baumeln oder mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug springen – stets lächelnd, Daumen hoch. Er sagt: «Ich bin der Usain Bolt der 8000er.» Und: «Aufgeben liegt mir nicht im Blut.» Doch der Film hilft nur ansatzweise zu verstehen, wie Nirmal Purja zu dem Helden geworden ist, der er ist. Oder zumindest vorgibt zu sein.

Er wird 1983 geboren und wächst im nepalesischen Flachland auf. In Chitwan gibt es keine Berge, dafür Dschungel und Elefanten. Purja möchte Soldat der begehrten Gurkha-Einheit im Dienste der britischen Armee werden. Die Aufnahmeprüfung schafft er erst im zweiten Anlauf. Doch dann stösst er zum Special Boat Service, einer Eliteeinheit der britischen Armee, und ist in diversen Kampfgebieten im Einsatz. «Angst spielte in meinem Leben keine Rolle, nicht einmal in Afghanistan», schreibt er in seinem Buch. Einmal wird er angeschossen und versteht danach nicht, wieso sich seine Frau Suchi besorgt meldet. «What the fuck? Warum rufst du an?» Weil er Nepalese ist, wird er in England oft gefragt, ob er schon einmal auf dem Everest gestanden sei. Es stört ihn, wenn er die Frage verneinen muss, auch das wird ihm zum Antrieb.

Als Purja 2017 drei Achttausender in nur fünf Tagen bewältigt, fragt er sich laut eigener Aussage: «Was habe ich, was andere Bergsteiger nicht haben?» Er drückt sich in seinem Buch gern in Superlativen aus und geizt nicht mit Sätzen der Selbstverherrlichung: «Boom! Boom! Boom! Jeder Schritt erfolgt mit Kraft.» – «Bruder, dachte ich, du bist ein badass in der Höhe.» Und so hilft auch das Buch nicht wirklich, das Phänomen Purja nachvollziehbar zu machen. Man kann ihm nur folgen, wenn man akzeptiert, dass man die Geschichte eines Übermenschen liest, dessen Superkräfte nicht weiter erklärt werden müssen. Geht man diesen Deal nicht ein, wird man bald skeptisch.

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Nirmal Purja: «Ich bin der Usain Bolt der 8000er.» Bild: Nimsdai / Red Bull Content Pool

Eine andere Realität

Etwa, als Purja eine heldenhafte Rettung beschreibt, die er 2016 am Everest gemacht haben will. Die Überprüfung der Fakten gestaltet sich schwierig. Doch am Ende der Recherche ergibt sich eine andere Realität. Er sei allein auf dem Abstieg gewesen, schreibt Purja, als er eine junge Frau 450 Meter unterhalb des Gipfels gefunden habe, offensichtlich sich selbst überlassen, zum Sterben verurteilt. Er funkt nach Hilfe ins Lager 4.

«Leute, hier ist Nims. Hier steckt eine Frau fest, Seema. Könnt ihr helfen?» Eine Stimme antwortete sofort. «Schau, Nims, du kennst uns, letzte Nacht haben wir diesen Bergsteiger vom Südgipfel gerettet, und jetzt sind wir am Arsch. Kannst du sie selbst nach Lager 4 bringen? Wir können ihr von hier aus helfen. Wenn wir wieder hochkommen, könnte einer oder zwei von uns sterben.»
«Klar, kein Problem», sagte ich.

Purja kann Seema gemäss seiner Darstellung zum Lager 4 bringen, wo sie vom Rettungsteam übernommen wird. Sie überlebt. Im Basislager wollen Journalisten, wie er sagt, wissen, wer der unbekannte Retter sei, sie möchten den Helden interviewen. Doch Purja schreibt, er habe abgelehnt. Er möchte nicht, dass bei seinen Vorgesetzten in der Armee bekannt wird, dass er in seinen Ferien am Everest war. Er habe darum gebeten, dass sein Name nirgends genannt werde.

Tatsächlich drang 2016 zunächst wenig über die Rettung einer Seema in die Medien, und nirgends wurde Nirmal Purja – seinem Wunsch entsprechend – erwähnt. Laut der Himalayan Database (HDB) muss es sich um Seema Goswami handeln, sie ist die einzige Seema, die 2016 am Everest war.

Erst 2020 gelangten Details über ihre Rettung in die Medien, als bekannt wurde, dass Goswami falsche Angaben über ihre Everest-Besteigung gemacht haben soll. Sie hält bis heute daran fest, dass sie den Gipfel erreicht habe, ehe sie gerettet wurde. Die Behauptung wird von den nepalesischen Behörden aber als unglaubwürdig betrachtet, das Gipfelzertifikat wurde ihr aberkannt. Unabhängig davon steht fest, dass Goswami am 20. Mai 2016 in einer Höhe von 8200 Metern in Not geriet.

Nirmal Purja war aber am 13. Mai 2016 am Everest-Gipfel, so steht es in der Himalayan Database und überall sonst, wo sein erster Everest-Erfolg datiert ist – also eine Woche bevor Seema in Not geriet. Demnach hätten sich die beiden unmöglich begegnen können. Auf Nachfrage, ob es einen Fehler bei der Überlieferung seines Gipfeldatums gebe, antwortet Purja nicht. Seine PR-Agentur verspricht zunächst, der Sache nachzugehen, liefert dann aber keine Antworten.

Der Umstand, dass immer mehr indische Bergsteiger an den Everest pilgern, hängt auch damit zusammen, dass man in Indien einen höheren gesellschaftlichen Status erlangt, wenn man eine Everest-Besteigung vorweisen kann. Insofern erstaunt es nicht, dass Seema Goswami behauptet, sie habe auf dem Gipfel gestanden, bevor sie gerettet wurde.

Die Empörung über den Fall war vor allem gross, weil Seemas Kletterpartner Narinder Yadav ein gefälschtes Gipfelbild als Beweis vorlegte und für die höchste Abenteurer-Auszeichnung in Indien nominiert wurde. Die nepalesische Zeitung «The Record» veröffentlichte daraufhin einen detaillierten Artikel über den Everest-Versuch von Seema Goswami und Narinder Yadav. Was dort über deren Rettung steht, lässt sich mit Nirmal Purjas Version nicht vereinbaren.

Laut dem Artikel geriet neben Seema und ihrem Kletterpartner Narinder weiter oben am Berg noch eine andere Inderin namens Chetna Sahoo in Not. Zwei Sherpas des Alpine Rescue Service (ARS) seien gesandt worden, um Chetna zu retten. Auf ihrem Weg hätten sie aber zuerst Seema und Narinder gefunden und angesichts von deren bedrohlicher Lage Verstärkung aus Lager 4 angefordert. Zwei weitere Sherpas sollen daraufhin aus Lager 4 aufgestiegen sein und Seema und Narinder gerettet haben.

«Completely fake and false»

Angeführt wurde das ARS von Mingma David, er sollte später zum wichtigsten Begleiter von Nirmal Purja werden. Der junge Sherpa gilt als einer der besten Höhenbergsteiger und Schlüsselfigur hinter dem «Project Possible». Auf Nachfrage, ob er sich an Details der Rettung von Seema erinnern könne, antwortet er nicht.

Die Rettung von Seema wird auch in einer Dokumentation namens «Everest Air» gezeigt, allerdings waren die Kameras erst in der Schlussphase der Rettung zugegen, als Seema von Lager 2 nach Kathmandu gebracht wurde. Die Aussagen in der Dokumentation lassen nirgends einen Rückschluss auf einen anonymen Einzelretter (Purja) zu. Vielmehr decken sie sich mit dem «Record»-Artikel – Seema sei von Sherpas gefunden und gerettet worden. Purja lässt sämtliche Anfragen unbeantwortet.

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Für die Rettung von Seema Goswami erhielt Nirmal Purja von der Queen einen britischen Ritterorden. Bild: Stefan Voitl / Red Bull Content Pool

Dafür gelingt die Kontaktaufnahme mit Seema Goswami. Aufgrund der negativen Berichterstattung über ihre Person möchte sie zunächst keine Auskunft geben. Die Frage, ob sie bestätigen könne, dass Purja sie gerettet habe, weckt aber ihr Interesse. Sie wisse, wer Purja sei, schreibt sie. Sie habe ihn weder je getroffen, noch habe er sie gerettet, noch kenne sie ihn persönlich.

Seema scheint nicht zu wissen, dass sie in seinem Buch erwähnt wird. Auf ihren Wunsch wird der entsprechende Abschnitt des Buches in Hindi übersetzt und ihr zugestellt. Ihre Antwort ist deutlich: «I call this story completely fake and false», die Geschichte sei komplett erfunden und falsch. «Nirmal Purja hat sich die ganze Geschichte ausgedacht, um sich selbst zum Helden zu machen.»

Mit dieser Aussage konfrontiert, verspricht sein Kommunikationsteam innerhalb einer Frist von fünf Tagen Antworten zu liefern. Doch es kommt nichts. Auf erneute Nachfrage heisst es: «Leider ist Nims derzeit ausser Landes und konnte sich aufgrund seines unglaublich vollen Arbeitsplans nicht melden.» Gleichentags verfasst Nirmal Purja aber einen Post auf Instagram. Darin bezieht er sich unter anderem auf sein Buch, er teilt mit: «Es wurde mit brutaler Ehrlichkeit geschrieben.»

«Nirmal Purja hat sich die ganze Geschichte ausgedacht, um sich selbst zum Helden zu machen.»

Seema Goswami

Die Rettung von Seema war einer der Gründe, warum Nirmal Purja einen britischen Ritterorden erhielt, den die Queen an besonders verdienstvolle Bürger verleiht. In mehreren Interviews bezieht sich Purja auf die Heldentat, wenn er gefragt wird, weshalb er mit Flaschensauerstoff klettere. Unter Spitzenbergsteigern ist es heute üblich, auf zusätzlichen Sauerstoff zu verzichten, die Gasflasche gilt schon fast als Doping. Purja antwortet, dass ihm 2016 am Everest bewusst geworden sei, wie leicht er Leben retten könne, wenn er zusätzlichen Sauerstoff mitnehme. Obschon es sein Traum gewesen wäre, die Achttausender ohne Gasflasche zu besteigen.

Im Vorfeld der ersten Winterbesteigung des K2, die Purja vergangenen Januar mit neun Sherpas gelang, wurde in der Szene darauf gepocht, dass die Begehung ohne zusätzlichen Sauerstoff geschehe. Sämtliche Wintererstbesteigungen der Achttausender wurden in diesem sogenannt «sauberen Stil» gemacht. Team Nimsdai konnte schlecht mit der Tradition brechen. Von den zehn Nepalesen, die am 16. Januar 2021 auf dem K2 standen, allesamt Top-Bergsteiger, hatte nur einer keine Gasmaske auf – Nirmal Purja.

Es sei ein kalkuliertes Risiko gewesen, liess er danach verlauten. Zwar sei er nicht optimal akklimatisiert gewesen, doch: «Mein Selbstvertrauen, das Wissen über die Stärke meines Körpers, meine Fähigkeiten und meine Erfahrung aus der Begehung aller 14 Achttausender ermöglichten es mir, mit den anderen Teammitgliedern mitzuhalten und sie auch anzuführen.» Das ist ein typisches Beispiel seiner Kommunikation: Er verpackt vollendete Tatsachen in wohlklingende Worthülsen und erklärt nichts. Dass er ohne zusätzlichen Sauerstoff auf dem K2 stand, ist bis heute ein Mysterium, auf das Purja nie näher einging. Setzte er die Maske nur fürs Gipfelfoto ab?

«Mein Selbstvertrauen, das Wissen über die Stärke meines Körpers, meine Fähigkeiten und meine Erfahrung aus der Begehung aller 14 Achttausender ermöglichten es mir, mit den anderen Teammitgliedern mitzuhalten und sie auch anzuführen.»

Nirmal Purja

Purjas Aussage erklärt nicht ansatzweise, wie es ihm möglich gewesen sein soll, den K2 im Winter ohne Sauerstoffflasche zu begehen. Auf welche Erfahrung beruft er sich, wo er doch anhand der Rettung Goswamis oft genug darlegte, dass er sich zuvor stets für die Atemhilfe entschieden habe? Für Bergsteiger gibt es kaum einen gefährlicheren Ort als den K2 im Winter. Der Luftdruck ist dort noch tiefer als am Mount Everest, die extreme Kälte erschwert das Atmen zusätzlich. Es war nicht einmal klar, ob Menschen am Gipfel überhaupt atmen können.

Ausgerechnet dort auf Sauerstoff zu verzichten, entbehrt jeder Logik. Vor allem wenn Sauerstoff, gemäss Purjas Argumentation, aus Gründen der Sicherheit verwendet wird. Auf die Frage, ob es Beweise gebe, dass er den K2 komplett ohne Sauerstoffflasche beging, antwortet weder Purja noch seine Kommunikationsagentur. Ebenso wenig auf die Frage, ob es eine Erklärung gebe, wie er so viel stärker sein konnte als die neun Sherpas, die ihn begleiteten.

Sein «Project Possible» ist einer der grössten Rekorde im Höhenbergsteigen – wenn nicht der grösste. Der Netflix-Film dokumentiert ihn zu wesentlichen Teilen. Der Regisseur Torquil Jones betonte, es sei angesichts der mehr als 100 Stunden Filmmaterials schwierig gewesen, sich auf eine Auswahl zu beschränken. Man kann also davon ausgehen, dass von «Project Possible» mehr dokumentiert ist, als im Netflix-Film veröffentlicht wurde. Und doch muss angemerkt sein, dass Purja mit Informationen oft zurückhaltend war. So wurden manche Besteigungen erst im Nachhinein und über verschlungene Wege kommuniziert. Bekannt sind auch heute meist nur die Eckdaten seiner Begehungen, GPS-Tracks gibt es keine.

Wohlwollen von Messner

Die Himalayan Database (HDB) verfügt bloss über Informationen aus zweiter Hand. Sie gilt als wichtigste Chronik des Himalajabergsteigens, hat eine grosse Tradition und hohe Ansprüche, wenn es um die Dokumentation von Expeditionen und insbesondere Rekorden geht. In den Sechzigern begann Elizabeth Hawley die rückkehrenden Bergsteiger zu befragen und anhand ihrer Angaben detaillierte Berichte zu schreiben. Hawley wurde zur Kultfigur, von ihr befragt zu werden, galt als Ehre. Es kursiert der Spruch, dass nicht stattfand, was nicht in der HDB stehe. 2018 starb Hawley im Alter von 94 Jahren, zuvor hatte sie das Zepter an ihre langjährige Assistentin Billi Bierling übergeben.

«Ich bin Nims ein paarmal über den Weg gelaufen, und stets hat er ein persönliches Gespräch in Aussicht gestellt», sagt Bierling, die in Kathmandu lebt. «Doch bis heute hatte ich keine Gelegenheit, mit ihm persönlich zu sprechen.» Bierling gibt zu bedenken, dass Purja ein gefragter Mann ist: Eben reiste er für seine Filmtournee durch die Welt, dann war er in der Antarktis, und gegenwärtig bereitet er in Nepal eine Expedition zu Everest und Lhotse vor, auf die er Kunden mitnimmt. «Bestimmt hat er einfach keine Zeit.» Oder weicht er aus? «Ich könnte mir schon vorstellen, dass er lieber bei CNN ein Interview gibt, als sich mit mir an einen Tisch zu setzen», sagt Bierling.

Natürlich reissen sich die Medien um ihn. Sky, CNN, ABC, CBS, BBC: Überall war er zu Gast. Die Begeisterung über Purja ist auch deshalb so gross, weil endlich ein Nepalese im Rampenlicht steht. Seit Tenzing Norgay, der 1953 mit Edmund Hillary als erster Mensch auf dem Mount Everest stand, hatte es kein nepalesischer Bergsteiger mehr zu weltweiter Bekanntheit gebracht. Westliche Bergsteiger waren stets gut darin, ihre Sherpas – die Lasten schleppen, Fixseile verlegen und Rettungen machen – nur so weit zu würdigen, dass die eigene Leistung nicht geschmälert wird. Längst ist es kein Geheimnis mehr, wer die wahren Helden am Berg sind. Im weltweiten Jubel auf Nirmal Purja kommt auch diese Anerkennung zum Ausdruck, obschon Purja kein Sherpa ist und längst in Grossbritannien lebt.

«Als ich hörte, dass ein Einheimischer dieses Projekt versuchen würde, ein Ghurka, habe ich an ihn geglaubt und ihm Geld gegeben.»

Reinhold Messner

Hauptsache Nepalese – Purja zu lobpreisen, ist für viele die Gelegenheit, die historische Schuld an den Sherpas zu begleichen. Etwa für Reinhold Messner, der von Anfang an voll des Lobes für Purja war. «Als ich hörte, dass ein Einheimischer dieses Projekt versuchen würde, ein Ghurka, habe ich an ihn geglaubt und ihm Geld gegeben», sagte er. Das ist untypisches Wohlwollen von Messner, der sonst mit Kritik nicht spart, wenn andere Bergsteiger zu grossmäulig auftreten. «Ankündigungsalpinismus» oder «Möchtegern» schimpft er dann. Messners Urteil bestimmt das Narrativ in den Medien wesentlich. Dass er Nirmal Purja von Anfang an seinen Segen gab, hatte Wirkung.

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Credits: Titelbild Stefan Voitl / Red Bull Content Pool

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