Alexander Rohr gehört zu den Namen, die wir in Zukunft (noch) öfter hören werden. Der junge Berner macht mit Routen wie Ravage oder Alpenbitter von sich reden und hat Pläne im norwegischen Flatanger. Unsere Gastautorin Jeannine Zubler sprach mit Alex über Motivation, Training und warum er keine Wettkämpfe mag.

Ein Gastbeitrag von Jeannine Zubler

Alex, du bist nur kurz in der Schweiz, wo gehst du als nächstes hin?
In den Frankenjura, nach Ceüse und dann länger nach Flatanger.

Hast du ein konkretes Projekt in Flatanger?
Ich habe zwei Hauptprojekte. Daneben schaue ich, was sich ergibt.

Verrätst du uns welche?
Die Routen behalte ich für mich. Das macht es relaxter für mich.

Stichwort Druck: Damit hast du oft zu kämpfen, wie wir nach Alpenbitter lesen konnten?
Ich werde oft missverstanden. In der Art und Weise, wie ich das Klettern betreibe, könnte man denken, es gehe darum, besser zu klettern als die Konkurrenz. Ich messe mich aber nicht mit anderen. Es ist mein persönlicher Druck, wenn ich merke, es läuft nicht wie geplant. Bei Alpenbitter war es auch so. Letztes Jahr bin ich vor allem an der Fitness gescheitert und habe deshalb diesen Winter speziell trainiert. Am Fels wollte ich dann natürlich Resultate sehen.

Wie äussert sich der Druck?
Das ist sehr unterschiedlich. Druck kann sich positiv auswirken, weil ich die Griffe noch fester zu mache und alles gebe, weil ich es aus ganzem Herzen will. Aber es gibt die frustrierenden Momente, in denen ich nicht mehr geniessen kann. Alpenbitter hatte ich in meiner Vorstellung schon durchgestiegen, real aber noch nicht. Das macht es dann schwierig.

Wie wirst du diesen negativen Druck wieder los?
Ich rede mir selber gut zu. Ich sage mir, schau, ich habe dieses Jahr diese Routen so schnell geklettert, das ist viel besser, als ich es letztes Jahr konnte. Das gibt mir die Sicherheit zurück.

Alexander Rohr in der Route Wipeout (8c/8c+) im Gimmelwald
Alexander Rohr in der Route Wipeout (8c/8c+) im Gimmelwald

In Flatanger wirst du also auf Alpenbitter zurückschauen?
Genau. Ich wollte Alpenbitter auch deshalb möglichst schnell durchziehen. Es war eine meiner schwersten Routen bisher und ich war noch nicht am Limit. Ich habe sie erst im sechsten Versuch des Tages geklettert.

Das heisst, es liegt noch viel drin? Steuerst du wie Adam Ondra 9c an?
Ich bin in einer ganz anderen Phase als Ondra. Ich will möglichst viele Erfahrungen machen und  mich selber davon überzeugen, dass schwere Routen auch nur Routen sind. Ich klettere auch absichtlich Routen, die nicht meinem Stil entsprechen um mich zu steigern und mein Repertoire zu erweitern. Ich habe kein Lebensprojekt, wie Ondra’s Silence, wo du alles auf diese eine Route setzt.

Ist es auch langweilig? So lange an der gleichen Route?
Nicht langweilig, aber anstrengend, weil der Erfolg lange ausbleibt. Da muss man sich sehr motivieren um dranzubleiben. Langweilig wird mir, wenn eine Route zu einfach geht.

Kannst du vom Klettern leben?
Nein, das ist auch gar nicht mein Ziel. Ich habe Sponsoren, aber ich arbeite als Landschaftsgärtner und Baumpfleger wenn ich in der Schweiz bin.

Warum nicht, das klingt doch verlockend…
Mir ist viel wichtiger, meine eigenen Ziele zu verfolgen. Zudem ist Sportklettern viel günstiger als Expeditionen in den Himalaya. Den ganzen Winter in Spanien klettern kostet nicht viel. Wenn man in der Schweiz arbeitet geht das gut.

Alexander Rohr in einem weiteren Gimmelwald-Klassiker - Renardo Rules (8c)
Alexander Rohr in einem weiteren Gimmelwald-Klassiker – Renardo Rules (8c)

Hast du in der Schweiz neben der Arbeit Zeit zum trainieren?
Es erfordert einfach ziemlich wenig Schlaf. Ich trainiere fast nur am Abend und habe kaum Ruhetage.

Dann bleibt wahrscheinlich keine Zeit mehr für Freunde?
Mein Kollegenkreis besteht fast nur aus Kletterern, so kann ich soziale Kontakte pflegen. Aber für Kollegen ausserhalb vom Klettern habe ich keine Zeit.

Wie ist das für deine Freundin?
Sie klettert zum Glück auch. Es braucht schon Nerven für jemanden, der nur „normal“ klettert. Diesen inneren Drang muss man verstehen können. Wenn ich Leuten ausserhalb des Kletterns davon erzähle, ernte ich viele Fragezeichen.

Wie ist das bei deiner Familie, unterstützen sie dich?
Ja total. Anfangs wussten sie nicht so genau was ich mache und konnten sich nicht viel unter der Spielart Sportklettern vorstellen, aber mit den ersten Sponsoren kam auch das Verständnis für den Profitsport.

Du kommst also nicht aus einer Kletter-Familie?
Meine Eltern gingen zBerg, aber das ist nicht zu vergleichen. Sie machten klassische Hochtouren, 4000er im Wallis oder Berner Oberland. Sportklettern war damals noch kein Thema.

Wie bist du zum Sportklettern gekommen?
Schulkollegen kletterten und nahmen mich mit. Ich ging damals bereits viel in die Berge und Joggen. Aber als mich der Klettervirus packte, hatte das plötzlich keinen Stellenwert mehr. Ich ging bei jeder Gelegenheit nur noch an den Fels oder trainierte in der Halle.

Extrembergsteigen ist also nichts für dich?
Das ist ein Titel, den die Medien diesen Bergsteigern geben. Einige Kollegen von mir sind so unterwegs. Sie machen eigentlich dasselbe wie ich, sie versuchen die eigenen Möglichkeiten auszureizen und Grenzen zu verschieben. Der Unterschied ist das Risiko. Sportklettern ist viel sicherer.

Du bestreitest auch keine Wettkämpfe – warum nicht?
Ich habe mich zweimal für die Schweizer Meisterschaft angemeldet. Jedesmal war das Wetter schön und ich ging raus an den Fels… Es war mir nie wichtig genug. Ich möchte die Freiheit, die ich mir geschaffen habe, nicht aufgeben für einen vom Verband diktierten Wettkampfkalender.

Trainierst du nur am Fels?
Wenn ich nur fünf Stunden pro Tag trainieren kann, gehe ich in die Halle. So werde ich fit. Wenn du die ganze Zeit nur an den Felsen rumgammelst, wirst du nicht besser.

Wie sieht so ein Training aus?
Ich trainiere Ausdauer an der Systemwand. An dem kleinen, 32 Grad überhängenden Wändlein mit vielen kleinen, wahllos verteilten Griffen mache ich Zirkel.

Du kletterst nicht in den Routen?
Nein, das wäre nicht effizient. Die Routen sind besetzt, du musst den Kollegen sichern, dadurch hast du mehr Pause als Kletterzeit. Je nach Phase sind aber bei mir die Erholungszeiten zwischen den Belastungen deutlich kürzer als die Kletterzeit. Das heisst zum Beispiel ich klettere fünf Minuten und habe drei Minuten Pause. Und dann kommt schon die nächste Klettereinheit.

Machst du auch Mentaltraining?
Nein. Aber ich habe kleine Ticks. Immer den rechten Schuh zuerst anziehen, zweimal ausgiebig die Hände einpudern oder das Shirt ausziehen. Ich setze mir damit ein Zeichen: jetzt bin ich parat.

Hast du ein Idol?
Wolfgang Güllich. Er hatte damals kein Wissen über Trainingsmethoden, er hatte einfach eine Idee und zimmerte ein paar Leisten auf ein Brett und trainierte daran. Das fasziniert mich, diese Visionen, das fehlt uns heute. Zudem habe ich Kollegen, die mich inspirieren, wie etwa Jonathan Siegrist. Ihnen fehlt natürlich etwas der Idolwert, ich kenne sie ja persönlich und klettere mit ihnen.

Kannst du dir ein Leben ohne Klettern vorstellen?
Im Moment nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass ich später etwas anderes finde als das Klettern und mich voll darauf konzentriere.

Was wären Gründe, etwas Neues zu finden?
Persönliches Weiterkommen ist mir wichtig. Wenn ich beim Klettern plötzlich Rückschritte mache, weil ich zu alt werde, mich verletze oder einfach keine Lust mehr habe, würde ich kürzer treten. Ich werde aber wahrscheinlich immer klettern, nur vielleicht nicht mehr so intensiv. Wenn es um die reine Freude am Klettern geht, reicht einmal die Woche.

Seit Flatanger, ist Alex nicht mehr so sicher ob er Kalk oder Granit lieber mag. Ist er in der Schweiz, trifft man ihn im Gimmelwald oder im Jura. Zum Trainieren geht er ins Magnet in Bern. Das Büsli steht noch auf Alexs Wunschliste. Alex ist ein Nachmensch, liebt Pizza und Schoggi und hört auf sein Gefühl. Wäre er ein Tier, dann am Liebsten ein Affe. Logisch oder?!


Über die Autorin
Jeannine Zubler ist freischaffende Journalistin und Texterin. Sie verbringt jede freie Minute in den Bergen und beim Klettern und schreibt über alles, was sich in der Vertikalen abspielt. www.jeanninezubler.com


Transa

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