Ein Brand in einem Hafenspeicher Beiruts führte am 4. August 2020 zur Explosion von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat. Die Explosion zerstörte Teile des Hafengeländes und richtete Schäden in weiten Teilen der Stadt Beirut an. Gemäss Regierungsangaben wurden dabei 190 Menschen getötet und mehr als 6’500 verletzt. Von der Explosion betroffen ist auch die Kletterhalle FLYP. Die Betreiber lancierten eine Crowdfunding-Kampagne und bitten um Unterstützung für den Wiederaufbau.

Ein Betrag von Juliane Sonntag

Diala Sammakieh, Gründerin und Betreiberin der Kletter- und Funsporthalle FLYP in Beirut, schreibt am 4. August 2020 eine Rundnachricht an ihr Team, dass sie entgegen der aktuellen Öffnungszeiten an diesem Tag die Tore zu den Indoorwänden nicht aufschließt.

Ich hatte einfach so ein komisches Gefühl

Diala Sammakieh

Stattdessen fährt sie raus in ein nahegelegenes Klettergebiet und ahnt dabei nicht, dass das Felsklettern ihr wortwörtlich das Leben retten wird.

Denn während die Geschäftsführern ihr derzeitiges Projekt durchzusteigen versucht, explodieren im Hafen der Hauptstadt Libanons über zwei Tausend Tonnen Ammoniumnitrat. 190 Menschen sterben bei dieser Katastrophe, 6’500 Menschen werden verletzt. Gebäude im Umkreis von bis zu 20 Kilometer werden beschädigt, darunter auch Dialas Haus und ihr Unternehmen FLYP. Von der Kletterhalle, die sich gerade einmal 500 Meter vom Explosionsherd entfernt befand, erinnern lediglich ein paar Stahlträger und einzelne Wandfetzen daran, was dort einmal stand.  

60 bis 70 Leben hätten wir verloren, wenn wir an diesem Tag geöffnet hätten, denn auf keinen Fall wäre jemand lebend daraus gekommen. Gerade im Kletterbereich wo die Wände zusammen gebrochen sind.

Diala Sammakieh

20 Meter lange, scharfe Bauteile sind durch die Gegend geflogen, der ganze Hangar ist implodiert. An diesem Tag hat Diala Sammakieh alles verloren, wofür sie gearbeitet hat.

Die politische und wirtschaftliche Situation ist die wahre Crux für das libanesische Volk

Das Land war bereits geschwächt durch den Ausbruch des Coronavirus, die nationale Finanzkrise und die benachbarten Kriege in Syrien und im Gazastreifen, an denen die regierende Hisbollah beteiligt ist und die nicht zuletzt auch einen erheblichen Teil der libanesischen Regierung ausmacht. Und auch der Verantwortung für die schwerwiegendste, nicht-nukleare Explosion der Geschichte solle die Regierung sich stellen, fordern einige BürgerInnen, und abtreten. 

Diala erzählt wie sie die momentane Situation empfindet: „Das letzte Jahr war ein schwieriges Jahr für den Libanon. Wir möchten diese widerwärtige [Regierungs-]Partei loswerden. Und da kannst du mich ruhig zitieren”, lacht sie und wird darauf aber gleich wieder ernst. “Ich habe 15 Jahre Bürgerkrieg überlebt, ich habe die Politik in den letzten Jahren mit angesehen und ich habe noch nie solch ein Ausmaß an Zerstörung und Verzweiflung und Traurigkeit gesehen.”

Beiruts Klettergemeinde ist nun auf internationale Hilfe angewiesen. Auf die Unterstützung der Regierung braucht sie nicht zu warten. Ganz im Gegenteil: „Immer wenn internationale Spenden an die Regierung gehen, landen die Gelder in den Taschen der Politiker. Das ist auch der Grund warum NGOs weltweit jetzt nur noch an kleine, vertrauenswürdige Organisationen spenden. Niemand traut mehr den Behörden.”, sagt die politisch aktive Libanesin.

Also gründet sie ein Crowdfunding-Projekt, welches mithilfe von internationalen Spenden 30’000 US Dollar sammeln soll, womit sie die Kletterhalle erst einmal an einen neuen Ort verlegen könnte. Der komplette Wiederaufbau ist derzeit zu teuer, daher will das Team von FLYP die noch wenigen intakten Wandteile recyceln und neu zusammenbauen.

Wo diese dann wieder in Betrieb genommen werden sollen, weiß die unermüdliche Betreiberin auch schon: ein durch die Pandemie nicht genutztes Ausstellungszentrum nur zehn Minuten von der Innenstadt entfernt, soll die zusammengeflickte Halle für ein bis zwei Jahre beherbergen. So lange, bis das Geschäft wieder läuft und genug Geld einbringt, um das alte FLYP wieder auferstehen zu lassen. 

Wir wollen schnell wieder öffnen, wir wollen den Kletterspirit aufrecht erhalten und wir wollen die Nachricht verbreiten, das wir überdauern und das wir hierbleiben, komme was wolle! Wir werden hier für immer klettern.

Diala Sammakieh

Noch vor dem Wintereinbruch möchte sie die „Übergangshalle” eröffnen, um den Sportlern eine Trainingsstätte für die kalten Monate bieten zu können. 

FLYP, ein Treffpunkt für internationale Kletterer und lokale Neueinsteiger

FLYP war ein urbaner Erholungsort, wo Kinder, Jugendliche und Erwachsene in den Genuss vieler verschiedener Trendsportarten komme konnten. Sie beherbergte eine Trampolinhalle, Freiflächen und Hindernisse für Parcouristen und Freerunner und zudem Boulder-, Toprope- und Vorstiegswände. Auf 2000 Quadratmetern konnten sich Jung und Alt austoben.

Die Kletterszene Libanons wuchs in den vergangenen Jahren kontinuierlich. Viele neue Felsgebiete werden erschlossen und diese locken auch bekannte Gesichter in den Nahen Osten. So wie zum Beispiel David Lama, der 2015 die Route Avataara (9a) in der Baatara-Schlucht erstbegehen konnte, oder Nina Caprez, die es regelmäßig in den Libanon zieht.

Aber nicht nur die Berühmtheiten sorgen für den Zuwachs, auch das FLYP-Team ist ein wesentlicher Grund dafür. Zum Zeitpunkt der Eröffnung vor zwei Jahren bot die Halle ein zweites Zuhause für 20 Kletterinnen und Kletterer. Kurz vor dem Lockdown ist diese Community auf rund 150 Mitglieder angewachsen. 

Ich kann stolz behaupten, dass die meisten unserer Kletterer den Sport durch uns entdeckt haben. Und die meisten Kunden waren umgehend genau so besessen wie ich es war. Damals kletterten sie 5a und jetzt, zwei Jahre später, 7b’s und 7c’s. Außerdem haben wir 50 Kinder, die regelmäßig hier trainiert haben, denen das jetzt fehlt.

Diala Sammakieh

Crowdfunding-Projekt der Kletterhalle FLYP unterstützen

Unterstütze jetzt das Crowdfunding-Projekt von Diala Sammakieh und helfe mit, dass die Halle an einem neuen Standort und zumindest in in kleinerer Form möglichst schnell aufgebaut werden kann.

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Credits: Titelbild George Emile