Dem Berner Kletterer Dimitri Vogt gelang Ende April die Rotpunktbegehung der 9a-Route Coup de Grâce im Val Bavona. LACRUX hat mit dem 22-Jährigen über die Begehung gesprochen.

Die Route Coup de Grâce wurde 2005 durch den Amerikaner Dave Graham erstbegangen und gilt seither als eine der schönsten Gneiss-Routen der Welt. Entsprechend beliebt ist sie bei starken Kletterern. Im März diesen Jahres sicherte sich der Italiener Marco Zanone die Begehung der Route. Einen Monat später war es der Amerikaner Sean Bailey, der vor dem Weltcup in Meiringen halt im Tessin machte und die Route punktete. Ebenfalls im April gelang nun auch dem Schweizer Dimitri Vogt der Durchstieg von Coup de Grâce. Im folgenden Interview schwärmt er von der Schönheit der Route und dem Val-Bavona-Tal und warum er aus dem Olympia-Pool der Schweizer Nati ausgestiegen ist.

Wann hast du Coup de Grâce (CdG) ins Auge gefasst?
Die Route ist mir schon sehr lange bekannt. Vor einigen Jahren habe ich sie einmal probiert, aber noch für zu schwer empfunden. Seither war mir klar, dass ich diese Route einmal klettern möchte. Letzten Herbst habe ich dann angefangen die Route zu projektieren.

Dimitri-Vogt-beim-Auschecken-der-Route-Coup-de-Grace
Dimitri Vogt beim Auschecken der Route Coup de Grâce.

Wie viel Zeit hast du in die Begehung investiert?
Ungefähr 10 Tage. Nachdem ich letzten Herbst ganz knapp am Schluss gefallen bin musste ich noch viermal wiederkommen, dreimal davon war die Route nass.

Warum gerade CdG?
Weil es eine der besten Gneis-Routen der Welt ist. Ausserdem liebe ich das Val Bavona, wo sich die Route befindet. Es ist total abgelegen und die Dörfer dort sehen so aus, als wäre die Zeit vor ein paar hundert Jahren stehen geblieben.

Kannst du CdG kurz charakterisieren?
Man kann die Route ziemlich gut in drei Teile unterteilen. Der erste Teil ist ein Boulder und beinhaltet die schwersten Einzelzüge der Route. Starke Schultern und gute Spannung sind hier von Vorteil.

Der zweite Teil ist etwas flacher und technischer. Hier sollte man schnell und präzise sein. Einen Ägypter und Links-Rechts-Compression charakterisieren diesen Teil. Danach kommt eine ziemlich gute Rastposition am Anfang des Daches. Hier ist es von Vorteil, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht zu viel Gedanken über den möglichen Ausgang des Versuches zu machen.

Im letzten Teil klettert man circa 15 Züge durch ein fast horizontales Dach. Es ist ein Sprint gegen das Laktat, welches sich spätestens an der Dachkante deutlich bemerkbar macht. Meine Spezialität, Hooken und Toehooken, konnte ich in diesem Teil voll ausspielen. Das Dach finde ich auch den schönsten Teil der ganzen Route. Würde er als Boulder irgendwo in Cresciano herumliegen wäre das ganz bestimmt ein Fünf-Sterne-Klassiker.

Der besagte Ägypter-Move in der Route Coup de Grâce.

Du bist einer der besten Athleten der Schweiz und aus dem Olympia-Pool der Schweizer Nati ausgestiegen. Warum?
Ich habe in letzter Zeit sehr viel nachgedacht und ich habe viele Dinge hinterfragt. Themen wie inter- und intragenerationelle Gerechtigkeit, Umwelt und soziale Grenzen und ihr Zusammenhang mit dem menschgemachten Klimawandel und dem Verhalten der Industrieländer haben mich stark aufgewühlt und beschäftigen mich sehr.

Um ein Grundwissen zu erlangen habe ich an der Universität Kurse besucht, welche sich mit diesen Themen auseinandersetzen. Ich bin an einen Punkt gelangt, an dem ich Fakten und Prognosen nicht mehr ignorieren kann und möchte. Ich habe mich deshalb entschlossen gewisse Änderungen an meiner Lebensweise vorzunehmen. Unter anderem kann ich es nicht mehr vertreten, mit dem Flugzeug zu reisen und an Wettkämpfe zu fliegen.

Ich muss auch sagen, dass ich von Anfang an nie ganz mit Leib und Seele hinter dem Ziel Olympia stehen konnte und eine Olympiateilnahme nie wirklich ein grosser Traum von mir geworden ist. Am Olympiapool gefielen mir vor allem die Trainings und der Teamspirit, wovon ich viel profitieren konnte. In reduzierter Form werde ich aber weiterhin an Wettkämpfen in der Nähe der Schweiz teilnehmen.

Herzlichen Dank für das Interview.


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Credits: Bild Anna Vogt

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