Im Februar 2020 reisten die beiden Profikletterer Roger Schäli und Jonas Schild nach Patagonien. Während ihres Aufenthaltes begingen sich vier Gipfel. Nachfolgend berichtet Roger Schäli vom erfolgreichen Patagonien-Trip.

Ein Erlebnisbericht von Jonas Schild

Sage und schreibe zum achten mal reiste ich Ende Januar zusammen mit Jonas Schild nach El Chalten in Patagonien. Die Gegend mit ihrem stürmischem Wetter, ihren majestätischen Granitgipfeln Fitz Roy und Cerro Torre, zählt für mich zu den schönsten Orten der Welt und zieht mich immer wieder magisch in ihren Bann.

Im Oktober 2002 bekam ich als Jüngling, dank Stephan Siegrist, das erste mal die Gelegenheit in Patagonien zu klettern. Das Ziel war mit einer Begehung der Maestri / Egger am Cerro Torre hoch gesteckt. Trotz unserem kompetenten und vielseitigen Viererteam unter andrem mit Ralf Weber und Alex Huber, gelang uns schlussendlich „nur„ eine Besteigung des Cerro Standhardt.

Durfte bei den beiden Schweizern nicht fehlen: Eine Packung Fondue!

Erste Chance kurz nach Ankunft in Patagonien

Jonas und ich hatten ebenfalls klare Ziele im Kopf, wussten aber auch von den schwierigen Wetterbedingungen im Süden Argentiniens. So kam es, dass bis zu unserer Ankunft Ende Januar praktisch nur schlechtes Wetter herrschte und keine grösseren Touren gemacht werden konnten.

Direkt nach unserer Ankunft in El Chalten, bekamen wir jedoch ein erstes Eintageswetterfenster geschenkt. Noch etwas müde aber voller Motivation starteten wir unser erstes gemeinsames Abenteuer. Wir wussten, dass die Bedingungen sicher nicht gut sein werden nach so viel Niederschlag. Während dem Marsch zur Laguna Sucia wurden wir bereits zum ersten Mal verregnet und wir biwakierten weiter unten als geplant.

Optionen aufgrund der Bedingungen beschränkt

Nach einer kurzen Nacht machten wir uns auf in Richtung Campo Suiza an der Ostseite der Aguja de l’S. Zuerst wollten wir die Bedingungen aus der Nähe prüfen, bevor wir uns für eine Route entschieden. Der angeklebte Schnee der Vortage und die relativ warmen Temperaturen, liessen wenig Spielraum. Schlussendlich kletterten wir die Austriaca auf die Aguja de l’S. Ein Tag nach Ankunft standen wir so bereits auf dem ersten Gipfel. Einer der kleinen Berge in Patagonien, bei diesen Bedingungen, sicher nicht zu unterschätzen.

Zurück im Tal konnten wir uns etwas einrichten und uns an den Chalten-Lifestyle gewöhnen. Freunde treffen, Kaffee trinken, Assados essen, gute Gespräche führen, bouldern und ganz wichtig: Wettercheck. All diese schönen Sachen machten den Schlechtwetter-Alltag relativ erträglich.

Hoffnung erfüllt: Langes Schönwetterfenster

Schon vor unserem Abflug zeigten einige Wettermodelle eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für längeres Hochdruckwetter anfangs Februar. Zu unserem Glück bestätigte sich dies. Kurz nach unserer ersten Tour waren wir bereits wieder unterwegs mit der Aussicht auf vier bis fünf Tage gutes Wetter. Eine Ausnahme für Patagonien. Gleichzeitig wussten wir vom vielen Schnee der Vortage, deshalb warteten wir einen Tag ab.

Am ersten Tag ging`s die 20 km rein ins Campo Polacos vis-à-vis der Torre-Gruppe. An den folgenden drei Tagen überschritten wir die drei Gipfel Aguja de l’S, Aguja Saint-Exupéry und Aguja Rafael. An der Saint-Exupéry mussten wir auf die Nordwestwand ausweichen, da es immer noch zu viel Neuschnee auf der Schattenseite hatte und sehr kalt war. Es waren drei unglaubliche Tage mit super Kletterei, schönen Biwaks und wilden Abseilaktionen. Leider war es sehr kalt und der viele Schnee machte ein schnelles Vorankommen in dieser Exposition teilweise unmöglich. Dies war auch der Grund, weshalb wir uns entschieden bei diesen Bedingungen nicht mehr in die gewaltige Südwand der Poincenot einzusteigen.

Verdiente Pause in El Chalten

Nach fünf Tagen in den Bergen waren wir in Chalten froh über eine warme Dusche, gutes Essen und einige Tage schlechtes Wetter zum Erholen. Nach einem solch aussergewöhnlichen Wetterfenster waren wir nicht sicher, ob wir nochmals eine Chance auf ein weiteres Schönwetterfenster kriegen. Doch wir hatten Glück und eine weitere Hochdrucklage wurde prognostiziert. Das hiess; nochmals planen und hoffen, die richtige Tour in der richtigen Exposition und Höhe auszuwählen. Im vergleich zum letzten Mal, waren wärmere Temperaturen angesagt, jedoch gab es in den Tagen zuvor wieder super viel Schnee in der Höhe.

Neue Tour am Torre Egger ins Visir genommen

Somit entschieden wir uns eine neue Linie an der Ostwand des Torre Eggers zu versuchen, welche viel Sonne kriegt und auch vom Wind etwas geschützter ist. Doch als wir am ersten Tag unter der Wand standen mussten wir akzeptieren, dass die Ostseite deutlich mehr Schnee bekommen hat als das letzte Mal und unser eigentliches Vorhaben nicht möglich ist. Kurzfristig war die Stimmung schlecht. Beim Abstieg sahen wir, dass die Westseite der Fitz Roy Gruppe diesmal deutlich trockener aussah. Bei warmen Temperaturen ist das Klettern im Schatten sicher auch angenehmer. So entschieden wir uns doch noch bei der letztmals angefangenen Überschreitung weiter zu fahren.

Durst löschen mit Schmelzwasser.

Fortsetzung der Überschreitung als Plan B

Am nächsten Morgen stiegen wir beim ersten Tageslicht in die 900 Meter lange Fonrouge Rosasco in der Südwand der Poincenot ein. Bereits nach den ersten 100 Metern kamen wir an eine Verschneidung, an der ein Wasserfall runterlief. Grossartige Morgendusche! Mit kühlem Kopf ging`s in unübersichtlichem Gelände weiter. Teils durch klassische Kamine, teils perfekte Splitter. Die steilste Wandstelle im oberen Teil hatte viel Schnee in den Verschneidungen, welche wir in unangenehmer Kletterei in brüchigem Felsen umgehen mussten, was das ganze deutlich anspruchsvoller und langsamer machte. Der obere Teil führte in moderater Kletterei in die klassische Whillans-Cochrane Route, über welche wir in zwei simultan gekletterten Längen den Gipfel erreichten.

Hunger stillen mit deftigen Essen und einem kühlen Bier!

Bis zur Hüfte im durchnässten Schnee

Was für ein Gefühl auf dieser Nadel den Sonnenuntergang geniessen zu können, mit Blick auf das Innlandeis, die Torre-Gruppe, den Fitzroy und El Chalten. Das Abseilen in der Nacht, über die Whillans Rampe ging ziemlich flott. Der Abstieg über den Gletscher runter zur Languna de los Tres war dann alles andere als angenehm; Ständig sanken wir bis zur Hüfte im durchnässten Schnee ein. Zum Schluss war noch ein 10 Kilometer langer Marsch nach Chalten angesagt, wo wir genau 24 Stunden nach dem Ein- stieg ein feines Schnitzel genossen. Nicht selbstverständlich um 7 Uhr morgens.

“Ich freue mich riesig, dass ich mittlerweile auf allen Gipfel des Fitz Roy und den drei Torre-Gipfeln stehen durfte!”

Roger Schäli

Alles in allem hatten wir eine geniale Zeit in El Chalten. Die Bedingungen liessen leider nicht das zu, was wir eigentlich vor hatten, doch aus unserer Sicht haben wir das Beste draus gemacht und sind super vorbereitet, um nächstes Jahr zurückzukehren. Dank den vier Gipfeln, welche Jonas ich diese Saison bestiegen, durfte ich über all meine Reisen gezählt, inzwischen auf allen acht Fitz Roy und den drei Torre Gipfeln stehen, (Cerro Torre sogar zwei mal), was mich sehr freut. Jedoch habe ich realisiert, dass die grossen Patagonien-Gipfel über die klassischen Routen zum Teil leichter zu besteigen sind, als die „kleineren“ Gipfel wie Aguja Saint-Exupéry und Aguja Rafael, welche Jonas und ich dieses Jahr bestiegen haben. Oder auch dass es nach einigen erfolgen über klassische Routen auch deutlich anspruchsvoller wird, in Patagonien neue und sehr komplexe Träume zu verwirklichen.

“Ich habe die kleinen Gipfel unterschätzt.”

Jonas Schild

Ehrlich gesagt habe ich diese „kleinen“ Gipfel etwas unterschätzt und es war in unserem Fall sogar so, dass Jonas mit deutlich weniger „Patagonien – Erfahrung“, dank seiner respektvollen und super vorbereiteten Tourenplanung einen wesentlichen Teil zu unserem Erfolg beitragen hat. Also ein grosses Kompliment dem jungen Bergsteiger und Freund!

Auch nebst dem Klettern und Bergsteigen war es eine wunderbare Reise. Wir durften viele neue Freundschaften schliessen, alte Freunde wieder treffen. Wir genossen die Zeit in diesem motivierenden und starken Umfeld. Im Speziellen möchten wir Rolando Garibotti danken, der uns mit wichtigen Infos und dem Wetterbericht unglaublich unterstützt hat. Auch nebst dem Klettern war es enorm bereichernd mit ihm, wie auch mit vielen anderen, Gespräche über Gott und die Welt zu führen, was für mich ebenso wertvolle Erinnerungen sind, wie die Erlebnisse am Berg.

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Credits: Bild und Text Jonas Schild / Roger Schäli

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