Patagonia Free Wall Kit im Test: Vier Teile für die Mehrseillänge

Patagonia bringt 2026 mit dem Free Wall Kit eine komplett neue Kollektion für ambitionierte Mehrseillängenfans auf den Markt. Wir haben vier Teile davon an den Kalkwänden von Arco auf Herz und Nieren geprüft.

Arco ist Kult. Das kleine Städtchen am nördlichen Gardasee ist seit Jahrzehnten einer der beliebtesten Kletterorte Europas. Auf engstem Raum bietet das Sarcatal eine Dichte an Klettergebieten, die ihresgleichen sucht. In Massone reihen sich steile Sinterlinien aneinander, an denen sich Kletterinnen und Kletterer aus aller Welt die Finger langziehen. In Nago warten griffige Wände mit Blick auf den Gardasee, in Belvedere klettert man schattig und plattig über dem Tal und in Massone macht man Pause zwischen unzähligen Olivenbäumen. Vor allem für Fans von Mehrseillängen ist die Region um Arco ein Place-To-Be. Man findet im Sarcatal Routen mit im Schnitt 5 bis 10 Seillängen. Dazu mildes Klima, kurze Zustiege und danach Pizza in der Altstadt.

Mit Blick auf den Gardasee: Klettern in Belvedere | Bild: Lacrux

Im europäischen Pressecamp haben wir das neue Free Wall Kit, gemeinsam mit Athletinnen und Athleten genau dort getestet wo es hingehört: An langen Kalksteinrouten rund um das Klettermekka in Trentino. Das Kit wurde zusammen mit den Profi-Alpinisten Josh Wharton und Dörte Pietron entwickelt. Letztere war mit uns vor Ort. Es besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Schichten, von dünnem Fleece bis zu robuster Daunenjacke.

Das Pressecamp-Team im Free Wall Kit auf dem Weg nach Belvedere zum Aufwärmen | Bild: Matteo Pavana

»Rest, Move, Protect«: die Idee hinter dem Free Wall Kit

Die Grundidee des Free Wall Kit lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Rest, Move, Protect. Wie Dörte Pietron uns vor Ort erklärte, entstand die Idee aus den winterlichen Projekten von ihr und Josh Wharton an der schwarzen Wand in Deutschland und der Rainbowwall in den USA. Nicht die Schwierigkeit der Züge war hierbei die Herausforderung, sondern die Bedingungen drumherum: Wenn zwischen den Versuchen lange Pausen nötig sind, wird die Bekleidung zum entscheidenden Faktor. Vor allem, da man sich am Stand nicht wirklich durch Bewegung warm halten kann. Wenn man wieder einsteigt will man aber natürlich genauso wenig überhitzen. Gefragt ist also etwas, das am Stand wärmt, in der Route atmet und volle Bewegungsfreiheit lässt.

Dörte Pietron im von ihr mitentwickelten Free Wall Kit | Bild: Lacrux

Dazu kommt der Schutz vor den Elementen: Nässe, Nieselregen, kalter Wind. An langen Klettertagen kann das jederzeit aufziehen. Das Kit soll also auch davor schützen, ohne dass man am Stand einen kompletten Schichtwechsel durchführen muss. Aus diesen Anforderungen ist nach einigen Tests an der Wand schließlich das Free Wall Kit geworden, bei dem jedes Teil eine klare Aufgabe im System hat. Das Ergebnis ist eine Kollektion, die komplett neue Designs mit überarbeiteten Patagonia-Klassikern kombiniert, abgestimmt auf lange Tage in der Wand.

Im Zustieg am ersten Test-Tag | Bild: Lacrux

R1 Ultralight Hoody – der Allrounder fürs ganze Jahr

Der R1 Ultralight Hoody ist das leichteste Fleece in Patagonias R1-Serie und gleichzeitig das vielseitigste Teil im Free Wall Kit. Anders als die bisherigen R1-Modelle mit ihrer charakteristischen Gitterstruktur auf der Innenseite setzt der Ultralight auf ein glattes, geschmeidiges Material, das sich direkt auf der Haut tragen lässt. In Arco haben wir den Hoody teilweise als einzige Oberkörperschicht getragen, bei Temperaturen zwischen 12 und 20 Grad. In der Route war die Atmungsaktivität hervorragend, am Stand lieferte das Fleece auch gegen späten Nachmittag noch gerade genug Wärme, um nicht auszukühlen. Der tiefe Frontreissverschluss erlaubt schnelles Belüften vor harten Seillängen und der Schnitt ist schlank und gurtkompatibel. Die Kapuze passt über einen Helm. Mit seiner glatten Außenseite dürfte der Hoody auch leichten Nieselregen abperlen lassen, das konnten wir bei durchgehend trockenem Wetter allerdings nicht testen.

Ein Minuspunkt: Ohne die Gitterstruktur der anderen R1-Modelle trocknet der Ultralight Hoody bei starkem Schwitzen etwas langsamer. Wer in steilen, kraftraubenden Seillängen schnell ins Schwitzen kommt, wird den Unterschied merken.

Free Wall Pants – Komfort und Robustheit für lange Routen

Die Free Wall Pants waren die größte positive Überraschung im Test. Das Material aus 92 % recyceltem Nylon und 8 % Spandex bietet eine beeindruckende Kombination aus Stretch, Robustheit und Komfort.
Was sofort auffällt: Die Hose hat keinen Reißverschluss am Bund. Das reduziert den Materialaufbau unter dem Klettergurt erheblich. Der Pull-on-Bund sitzt flach und bequem, auch nach stundenlangem Tragen im Gurt. Die konisch zulaufenden Beine ermöglichen eine klare Sicht auf die Füsse, was bei technischen Passagen an Platten von Vorteil war.
Ein klasse Merkmal der Hose sind die zwei Oberschenkeltaschen mit Reissverschluss, die ein gutes Stück unter den Beinschlaufen liegen. So bieten sie Platz und schnellen Zugriff für z.B Handy und Riegel, ohne unter dem Gurt zu stören.

Die Free Wall Pants im Einsatz in Belvedere. | Bild: Lacrux

Durable Down Parka – die Standplatzjacke, die was aushält

Risse und Löcher in Daunenjacken kennen die meisten sicher zur genüge. Mit dem Durable Down Parka will Patagonia eine Jacke schaffen, die viel Wärme spendet und auch was aushält. Allerdings muss man ehrlich sagen: In Arco war es zumindest tagsüber einfach zu warm, um die Parka am Stand wirklich auf die Probe zu stellen. Den eigentlichen Test hat das Teil des Kits im November und Dezember bei kalten Temperaturen im Frankenjura bestanden. Während unseren Klettertrips an sonnigen aber beißend kalten Tagen in Franken hat die Jacke ihre Stärken voll ausgespielt: Beim Sichern sind wir nicht ausgekühlt und konnten mit dem R1 Ultralight Hoody und einer Fleeceschicht darüber gut in unsere Projekte einsteigen, ohne uns erst wieder lange warm machen zu müssen.
Was uns besonders überzeugt hat: der Zwei-Wege-Frontreissverschluss. Dadurch kann man bequem sichern, ohne dass eine bauchige Schicht über dem Sicherungsgerät entsteht oder die Jacke offen bleiben muss. Die Kapuze ist helmkompatibel, bei Mehrseillängen ein Muss, und die grosszügigen Innentaschen bieten genug Platz, um Kletterschuhe warm zu halten oder andere Dinge zu verstauen.

Connor von Patagonia erläutert uns am Fels die Gedanken, die in das Kit geflossen sind. | Bild: Matteo Pavana

Die Jacke ist zugegebenermassen kein Leichtgewicht, aber als Standplatz- und Biwakjacke für anspruchsvolle Mehrseillängentouren ist die Robustheit ein fairer Tausch. Allerdings hat die Robustheit ihren Preis und zwar nicht nur finanziell. Der Parka ist deutlich schwerer und sperriger als andere Daunenjacken. Wer ohnehin schon viel Material am Gurt hat und einen leichten Rucksack bevorzugt, wird das Packvolumen kritisch sehen. Für kurze Mehrseillängen ist sie damit fast schon überdimensioniert.

Houdini Rock Jacket – leichter Wind- und Wetterschutz

Die Houdini Rock Jacket ist die kletterspezifische Weiterentwicklung des Patagonia-Klassikers für Trailrunning. Die Anorak-Konstruktion mit halbem Reissverschluss sorgt für einen langen, schlanken Schnitt, der sauber unter dem Gurt sitzt. Die Schulterpartie ist grosszügig geschnitten für uneingeschränkte Armbewegungen. Die helmkompatible Kapuze lässt sich zweifach verstellen, und die gesamte Jacke lässt sich in die Brusttasche stopfen, was das Verstauen am Gurt oder im Rucksack erleichtert. Die Jacke wiegt rund 120 g, Packmaß und Gewicht sind also minimal. Als reine Windschutzschicht gedacht, schützt die Houdini Rock zuverlässig vor Wind und leichtem Regen – mehr sollte man aber nicht erwarten. Für Mehrseillängentouren ist sie ein idealer Begleiter, der in jedem Rucksack Platz findet.

Die Houdini Rock Jacket im Einsatz, bei leichtem Wind in Nago. | Bild: Matteo Pavana

Ein durchdachtes System für die Mehrseillänge

Nach zwei Tagen an Arcos hohen Wänden ist klar: Das Free Wall Kit überzeugt vor allem als Gesamtkonzept. Jede Schicht ist auf die spezifischen Anforderungen für lange Tage in der Wand abgestimmt. Vom Klettern, übers Sichern, bis zu Pausen am Stand. Die Details sind durchdacht: gurtkompatible Schnitte, strategisch platzierte Taschen, helmkompatible Kapuzen und robuste Materialien. Die Preise liegen auf Patagonia-üblichem Niveau und das gesamte Kit ist eine Investition. Wer regelmäßig an langen Routen unterwegs ist, bekommt hier aber ein stimmiges System und natürlich eignen sich die Teile auch einzeln für diverse Klettertouren. Besonders hervor zu heben ist für uns der Durable Down Parka, der sich als eine wirklich robuste und vor allem warme Jacke für kalte Tage draußen gezeigt hat.

Zwei Tage, vier Produkte, ein Fazit: Das Kit funktioniert als System. | Bild: Lacrux

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Credits: Titelbild: Matteo Pavana

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