Knieschmerzen kommen bei Kletterinnen und Kletterern häufig vor. Insbesondere intensive Knee-Hooks beim Bouldern führen zu starken Belastungen im Knie. Klaus Isele, Physiotherapeut und Osteopath, erklärt uns im heutigen Gastbeitrag, was das sogenannte “Hooker-Knie” ist, was man im Falle von Knieschmerzen tun kann und wie es sich von übrigen Knieschmerzen unterscheidet.

Ein Gastbeitrag von Klaus Isele – Leiter der Praxis Therapierbar

Grundsätzlich und überhaupt sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass alles, was ich hier schreibe, meine Meinung reflektiert. Diese ist natürlich geprägt von den Erfahrungen aus der Betreuung des österreichischen Kletter-Nationalteams sowie der Behandlung vieler anderer Patienten, die den Weg in meine Praxis Therapierbar gefunden haben. Meine Maßnahmen kommen ohne Skalpell und Dramatik aus. Ich setze auf Osteopathie, physiotherapeutische Handlungen, Massagen oder spezifisches Training. Wenn das alles nichts hilft, dann bleiben immer noch die Ärzte, die sich des wirklich wilden Zeugs annehmen. Kurz und bündig: Hier geht es um konservative Maßnahmen und was man im Fall der Fälle machen kann. In diesem Fall: Das Hooker-Knie.

Eine typische Hook-Position mit Aussenrotation. (Bild Klaus Isele)

Kletterinnen und Kletterer sind häufig von Knieproblemen betroffen

Diese landen dann bei mir und sagen: „Mir tut das Knie weh.” Meine erste Frage: „Wo genau?” Und: „Wie hat das Ganze begonnen?” Hier ein paar der häufigsten Antworten:

  • Und dann habe ich mein Projekt mit diesem Heel-Hook zum xten Mal versucht, als dann der Schmerz im Knie…
  • Beim dritten Semifinalboulder, der mit dem Hook, habe ich mit dem Knie voll rübergezogen und plötzlich hat es mir einen Stich gegeben. Seither…
  • Irgendwie dachte ich schon seit zwei Monaten, dass ich das Knie etwas spüre. Es hat beim Joggen hinten gezogen und wurde dadurch auch schlimmer.
  • Vor einem Jahr bin ich mit dem Knöchel umgeknickt, nach sechs Wochen Tapeverband war alles wieder in Ordnung, aber dieser Knieschmerz ist seither da und beim Hooken spüre ich das immer.
  • Meine Freundin meint, dass ich, seit ich vor drei Wochen diesen Schmerz im Knie spüre, vollkommen anders mit dem betroffenen Bein gehe.

Keine typische Hook-Position, aber trotzdem schlecht fürs Knie:

Was ist das Hooker-Knie?

Der Schmerz sitzt meist im hinteren Bereich der Kniekehle, zieht oft auch noch im hinteren Oberschenkelbereich in Richtung Gesäß hinauf. Ausgelöst wird ein Hooker-Knie durch: Hooken, komplizierter ausgedrückt durch Aufhocken und „über das Knie schieben”. Es kann also in vielen Positionen, in denen das Knie verdreht wird und gleichzeitig Last aufnimmt, ausgelöst werden. Am häufigsten wird es durch maximale Rotationen, und hier häufiger durch Außenrotation und starkes, wiederholtes Ziehen über einen Hook (Repetitive Strain), ausgelöst. Aber auch ein dynamisches Weiterziehen mit der oberen Extremität, bei gesetztem Hook, und dann ein unbeabsichtigtes Abrutschen
oder nicht Halten vom gewünschten Zielgriff führt bedingt durch eine exzentrische Kraftmaximierung im Kniebereich zur Symptomatik des Hooker-Knies.

Mit Abstand am häufigsten betroffen ist der Musculus biceps femoris. Dieser Muskel unterstützt beziehungsweise führt die Außenrotation des Unterschenkels. Weiters reiht er sich meines Wissens nach in die Riege der drei stärksten Beugemuskeln ein. Und erfüllt somit genau die Funktion, die wir Kletterer beim Heelhooken brauchen. Doch je nachdem, wie die beschwerdeauslösende Bewegung stattgefunden hat, sind weitere Teile der lschiocruralen Muskelgruppe sowie der M. popliteus an der Symptomatik beteiligt. Aus Perspektive der Gelenke sei hier besonders auf das obere Sprunggelenk hingewiesen und hier noch deutlicher auf das Art. Tibiofibulare proximale. Einfach gesagt: Das Knöchelchen des Wadenbeines auf der Außenseite des Kiegelenkes, von welchem der Biceps femoris und somit auch oft der Schmerz seinen Ursprung findet. Die Sätze, die oben genannte wurden, verdeutlichen teilweise schon Folgewirkungen:

  • Veränderung im Gangbild (oft verstärkte Außenrotation einseitig)
  • Dauerhaft entlang des Beins hochstrahlende Schmerzen
  • Durchstrecken des betroffenen Knies ist schmerzhaft
  • Schrittlänge verkürzt sich (Schonverhalten)
  • Schmerzen bei Rotationen/ Rotationen im Knie bei Belastung. Hooken = Aua

Hier folgt ein Hook auf den anderen

Wie grenze ich dieses Problem von noch ernsteren Verletzungen ab?

Kritisch wird es bei Sensibilitätsverlust, wenn das Knie „versagt” und einknickt. Wenn der Schmerz zu groß ist. Wenn es während der Belastung ein Schnalzen oder ein reißendes Geräusch gegeben hat und es nachher zu starken Schwellungen oder starken Schmerzen kommt. Nicht selten kommt es bei Bewegungen, die auch das Hooker-Knie auslösen, zu einer Verletzung des Meniskus. Ein operatives Vorgehen ist hier zu empfehlen, wenn es durch diese Verletzung zu Blockierungen im Kniegelenk kommt: Eine Streckung oder eine Beugung wird durch einen „einklemmenden Effekt” verhindert. Teile des Meniskus werden bei der Beugung im Kniegelenk eingeklemmt. Oft kann diese Einklemmung durch ein wenig „Rütteln und Schütteln” wieder gelöst werden … Sollten die Beschwerden jedoch wiederkehren oder sich nicht lösen, so ist eine baldige weitere Untersuchung anzuraten. Ebenso kann es zum Total- oder Teilabriss eines Muskels kommen. Hier treten sehr starke Schwellungen und Schmerzen auf. Bei einem Bruch im Gelenksbereich, gut, in diesem Fall ist es kaum möglich, ohne starke Schmerzen das Bein zu belasten. Das weitere Vorgehen liegt auf der Hand: Möglichst schnell zum Arzt.

Was kann ich als betroffener Athlet selber tun?

Die Idee ist, nicht zwingend und um jeden Preis die Schwellung loszuwerden, sollte eine vorhanden sein. Der Funktionserhalt ist langfristig das Wichtigste! Ein Beispiel: Seit ich mir vor drei Jahren am Knie weh getan habe, gehe ich ein bisschen anders. Außerdem verspüre ich etwas Kreuzweh.

Das heißt: Es gilt den „Schonschaden” zu verhindern. Schon- oder Ausweichverhalten zu therapieren, ist in meiner Praxis das wesentlich häufigere Thema als die Behandlung der Akutverletzung. Wenn ihr euch also den Therapeuten und viele Behandlungen sparen wollt: Versucht selbst bei einem bestehenden Hooker-Knie euer Gangbild so wenig wie möglich zu verändern. Denn durch die Schonhaltung treten sekundär oft Probleme beim lliosacralen Gelenk, und damit verbunden auch im Lendenwirbelsäulenbereich, auf. Längerfristig kommt es zu Gangbildveränderungen und dadurch zu einer unausgeglichenen Muskellänge und Kontraktionsfähigkeit. Das Gangbild und die gesamte Funktion der damit einhergehenden Muskulatur kann sich verändern.

Was kann ich akut machen?

In der ersten akuten Phase, also nicht länger als 48 Stunden nach der Verletzung, empfehle ich das Standardvorgehen nach der PECH-Regel: Pause, Eis, Compression, Hochlagern. Zum Kühlen: Wir sind keine Amerikaner. Ihr müsst euer Beinchen nicht drei Wochen auf Eis legen. Ich empfehle Jo-Jo-Kühlen: Einen Eisbeutel oder ein sonstiges Kühlmedium applizieren, dazwischen eine Schicht Textil und sobald das Knie selbst beim Entfernen des Kühlmediums kühl bleibt, aufhören und abwarten. Erst bei spürbarer Erwärmung erneut kühlen. Das Ganze so lange wiederholen, bis das Knie nicht mehr warm wird.

Muss das Bein danach bewegt werden, aus welchen Gründen auch immer (zum Beispiel ein Weltcup-Finale), so soll der Vorgang nach der Belastung wiederholt werden. Eine gewisse Schwellung ist nichts Negatives, da sie unsere Bewegung etwas einschränkt und uns dadurch und mittels des damit einhergehenden Schmerzes vor einer weiteren Ausweitung der Verletzung durch übertriebenes Bewegen schützt. In weiterer Folge empfiehlt sich der Weg zum Therapeuten, mit etwas Glück ist das Knie nach ein bis zwei Behandlungen um einiges besser.

Was kann ich langfristig machen?

  • Ischios dehnen (Ischiocruarale Muskelgruppe)! Aber mit langen Haltezeiten und mehreren Wiederholungen
  • Massieren entlang der schmerzenden Gegend
  • Achtsam auf Ausweichverhalten sein: Selbst, wenn es etwas schmerzt, sollte der Schritt links und rechts gleich lang sein.
  • Wenn Wärme angewendet wird, muss nach der Wärmeanwendung gedehnt und bewegt werden.
  • Schwellungsreduktion (sollte diese nötig sein) durch Lymphdrainage und gerne in Kombination mit Kinesio-Tapes

Über Klaus Isele

Klaus lsele ist Kletterer, Physiotherapeut, Osteopath, staatlich geprüfter Trainer für Sportklettern und hat zehn Jahre lang das österreichische Kletter­nationalteam begleitet. Zudem betreute er zwei Jahre lang Adam Ondra, den er unter anderem dabei unterstützte, die erste 9c zu klettern. Klaus führt die Praxis Therapierbar mit vier Niederlassungen und verfolgt einen klaren Ansatz: Vieles ist therapierbar, man muss nur wissen wie.

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Credits: Titelbild AO Productions / Adam Ligocki

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