Auf ihrer Stippvisite in den Dolomiten konnte die Schweizer Seilschaft Glatthard-Wahli mit ihrer Onsightbegehung von Weg durch den Fisch, der Drei-Zinnen-Überschreitung oder mit Zauberflöte gleich mehrere grosse Alpin-Klassiker begehen. Im Interview spricht Yannick Glatthard über das Gefühl, ins Unbekannte zu klettern, seine Faszination für Winterbegehungen sowie über Flow und Risikoabwägung.

Die beiden Bergführer und Alpinisten Yannick Glatthard und Simon Wahli kennen sich schon ihr halbes Leben lang. Und auch wenn sie sich nach der gemeinsamen Zeit in der Trainingsgruppe in Interlaken zwischenzeitlich aus den Augen verloren haben, so sind sie in den letzten Jahren wieder zu einer eingespielten Seilschaft zusammengewachsen.

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Ein eingespieltes Duo: Yannick Glatthard und Simon Wahli.

Yannick, ihr habt euren Dolomiten-Trip Mitte Februar mit ein paar ordentlichen Eis- und Mixedlinien eröffnet. Was seid ihr alles geklettert?

Ich hatte ein paar Routen im Kopf, darunter El Diamante, eine M11-Tour von Kurt Astner. Leider waren die Bedingungen dort nicht ganz optimal. Mit Zauberflöte im Langenthal und Via Snowboard am Piz Pordoi konnten wir ein paar wirklich schöne Klassiker machen. Jetzt nichts extrem wildes, aber einfach ein Must, wenn man schon mal dort ist. Im Reintal konnten wir Crazy Diamond klettern, eine weitere Wahnsinnslinie.

Bildergalerie: Eis- und Mixedrouten in den Dolomiten

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Wenig später habt ihr die drei Zinnen an einem Tag überschritten. Warum habt ihr die „unübliche“ Variante von Ost nach West gewählt?

Für dieses Projekt standen wir in engem Kontakt mit Simon Gietl, der die Tour schon dreimal gemacht hatte. Einmal mit Michi Wohlleben, einmal mit Roger Schäli und einmal alleine. Er ging sie immer von West nach Ost und hat sie auch uns so empfohlen. Wir fanden aber, dass es mega cool wäre, dies mal auf anderem Weg zu probieren. Und ich muss sagen: das war ein gewaltiges Erlebnis. Im alpinen Winterbergsteigen sicher ein Highlight für mich.

Video: Simon Wahli erklärt Linienführung der Zinnen-Überschreitung

„Im alpinen Winterbergsteigen ist die Überschreitung der drei Zinnen sicher ein Highlight für mich.“

Yannick Glatthard

Was war das Herausforderndste für dich?

Gewisse Entscheidungen zu treffen und auch die Wegfindung. An der grossen sowie der westlichen Zinne mussten wir aufgrund von zu viel Schnee in der Originalroute ein bisschen improvisieren und sind jeweils vom Sattel diagonal in die Wand hinein gequert. Da es für diese Wandabschnitte keine Topos gibt, musste man die bestmögliche Linienführung finden. Dies war für den Kopf sicherlich anspruchsvoll.

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Yannick Glatthard und Simon Wahli im Aufstieg in der Westlichen Zinne während ihrer Winter-Überschreitung von Ost nach West.

Was für eine Rolle hat die Temperatur gespielt?

Klar, sich bei minus zehn Grad und bei Wind in Kletterfinken zu bewegen, ist herausfordernd. Aber nicht nur für die Füsse. Wenn man sich mit blossen Händen an einem Band mit Schnee darauf festhielt, passiertes es, dass man zwei Griffe weiter kleben blieb, da die Feuchtigkeit gefrieren konnte. Unsere Hosen konnte man regelrecht knicken.

Aber ich muss auch sagen, dass ich mit der Kälte sehr gut umgehen kann. Klar tun mir die Füsse manchmal weh vor lauter Kälte, aber das gehört beim Bergsteigen im Winter einfach dazu. Wenn einem etwas viel bedeutet, dann nimmt man dafür auch einiges in Kauf wenn es sein muss.

„Simon und ich haben eine ähnliche Herangehensweise, treffen oft die gleichen Entscheidungen und verstehen uns einfach gut.“

Yannick Glatthard

Was für eine Rolle spielt für dich auf solchen Touren die Seilschaft?

Eine sehr grosse. Simon und ich haben eine ähnliche Herangehensweise, treffen oft die gleichen Entscheidungen und verstehen uns einfach gut. Ich muss mich bei meinem Seilpartner wohlfühlen und mich auf ihn verlassen können – sonst ist so ein Projekt gar nicht erst möglich

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Yannick Glatthard: „Klar, sich bei Minus zehn Grad und bei Wind in Kletterfinken zu bewegen, ist herausfordernd.“

Wieviel Planung fliesst in ein Projekt wie die Winterüberschreitung der drei Zinnen?

Natürlich fährt man nicht einfach mal planlos in die Dolomiten und schaut, was einem da so gefallen könnte. Zuhause überlegten wir uns ein paar Touren, die wir gerne in Angriff nehmen würden. Wir sprachen während der Anfahrt darüber, dass es cool wäre, wenn das mit den Zinnen funktionieren würde. Ob eine Tour dann schlussendlich durchgeführt werden kann, weiss man erst, wenn man vor Ort ist und sich einen Überblick über die Verhältnisse verschaffen kann.

Da beim Bergsteigen immer mehrere Faktoren für eine Begehung zusammenspielen müssen, finde ich es wichtig, dass man nicht nur ein Projekt einplant, sondern ein Bisschen spontan ist und diejenigen Projekte realisiert, die machbar sind. Beim Weg durch den Fisch war das auch so. Wir redeten darüber, aber konkret wurde das Projekt erst, als wir einen Einblick in die Route hatten.

Gutes Stichwort, diesen alpinen Klassiker habt ihr Onsight in neun Stunden geklettert.

Die Route wurde schon 1992 onsight geklettert und auch schon solo begangen. Mit 9 Stunden waren wir sicherlich nicht extrem schnell, aber viel mehr zählt das Erlebnis: Wir sind im Winter hochgelaufen, es hatte Schnee, es war kalt, die Tage sind deutlich kürzer und man muss das Ganze gut timen. Ich klettere einfach gerne im Winter.

„2020 an den Engelhörnern haben Simon und ich die Schönheit des Winterkletterns für uns entdeckt.“

Yannick Glatthard

Woher kommt diese Vorliebe?

Simon und ich waren 2020 im Januar an den Engelhörnern. Da haben wir die Schönheit des Winterkletterns für uns entdeckt: Mit Skiern zum Einstieg, überall hat es Schnee und man klettert in einer Südwand und ist für sich. Das ganze Tal gehört dir. Ich fand das so cool, da es kompletter ist. Bei der Marmolada ging es ähnlich.

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Der Weg durch den Fisch galt bei seiner Eröffnung 1981 als schwerste Dolomitentour. Yannick Glatthard in 7a-Gelände oberhalb der für den Routennamen verantwortlichen Felsnische.

Aber so ganz ohne ist der Weg durch den Fisch nun auch wieder nicht, oder?

Der Weg durch den Fisch ist eine Route, die man geklettert haben muss, wenn man sich in diesem Grad wohlfühlt. Es ist schon so, dass nicht allzu viel Material in der Route vorhanden ist, die Stände sind in der Regel alle gut. Man sollte die vorhandenen Schlaghaken sicherlich immer überprüfen, da nicht mehr alle wirklich gut sind. Das gleiche gilt auch für die Sanduhrschlingen – die scharfen Kanten und das Wetter setzen den Schlingen zu. Friends kann man in der Route oft sehr gut einsetzen und das ist ein Muss. 

Bei den 4er-, 5er-, 6er-Seillängen bewegt man sich in anspruchsvollem Gelände – da darf man nicht stürzen. Die einfacheren Seillängen sind wir zum Teil auch simultan geklettert. Auf diese Art kommt man schnell vorwärts, darf aber nicht die Placements vernachlässigen. 

„Im Kopf muss man schon bereit sein für die Schlüsselstelle – es ist aber nicht so, dass dieser Zug voll Risiko gewesen wäre.“

Yannick Glatthard

Wie hast du die Schlüssellänge erlebt?

Es steckt ein alter Tricam mit einer Schlinge. Ich weiss auch nicht, was ich dazu sagen soll – ist so halb gut und man steht trotzdem vier Meter darüber. Aber es ist ein einzelner Zug, bei dem es etwas Committment braucht – dann ist es auch schon wieder gelaufen.

Im Kopf muss man schon bereit sein für solche Sachen – ist aber nicht so, dass dieser Zug voll Risiko gewesen wäre. In solchen Situationen nimmt man sich einfach noch mehr zusammen, weil man auf keinen Fall einen Abflug provozieren möchte.

Musstest du auf der Tour auch mal an Hansjörg Auer denken, der diese 950 Meter hohe Wand free solo durchstieg?

Ich habe versucht, mich einzufühlen, wie das für ihn gewesen sein muss. Und ich muss sagen: das ist gewaltig. Auf diese Länge – es sind immerhin 1200 Klettermeter – die Spannung aufrecht zu halten, das ist schon beeindruckend. Dazu kommen neben der Schlüsselstelle externe Faktoren wie Steinschlag, die eine viel grössere Ungewissheit bringen, als beispielsweise bei einer Tour im Granit. Dort hat man Risse, definierte Leisten und das ist es. Und wenn etwas ausbricht, dann ist es so gross, dass sowieso nichts mehr zu wollen ist.

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Der Weg durch den Fisch wartet frei geklettert mit Schwierigkeiten bis 7b+ auf.

„Ich habe versucht, mich einzufühlen, wie das für Hansjörg Auer gewesen sein muss. Und ich muss sagen: das ist gewaltig.“

Yannick Glatthard

Wie schnell kommst du auf grossen Touren wie dieser in einen Flow?

Ich fühle mich in grossen Wänden und während Touren wie an den Zinnen zuhause. Es braucht eine oder vielleicht zwei Längen und dann bin ich im Flow. Dies bedeutet aber nicht, dass ich nur noch funktioniere und nichts mehr um mich herum wahrnehme, im Gegenteil. Wenn ich im Flow bin, bin ich locker drauf und mein Kletterstyle wird etwas verspielter. Ich bin einfach glücklich und zufrieden wenn ich klettere.

„Wenn ich im Flow bin, bin ich locker drauf und mein Kletterstyle wird etwas verspielter. Ich bin einfach glücklich und zufrieden wenn ich klettere.“

Yannick Glatthard

War diese Gelassenheit am scharfen Ende des Seils schon immer da?

Nein, ich kann mich noch sehr gut an die Zeiten in bei der JO erinnern. Als Kind war es jeden Frühling wieder ein neues Theater, bis ich draussen im Klettergarten wieder vorsteigen konnte. Ich hatte auch extrem mühe, mich in eine Bandschlinge zu setzen.

Zudem haben mir auch diverse Unfälle von Freunden und Bekannten einen Dämpfer gegeben. Ich habe realisiert: Hey das hätte auch mir passieren können. Wenn ich mich aber wirklich in Fels und Route integrieren kann, dann kann ich das auch wirklich gut ausblenden.

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Luftige Traverse in der letzten Seillänge vor dem zweiten Band der Route Weg durch den Fisch.

Wie sieht dein Risiko-Management beim Klettern aus?

Ich probiere das Risiko über die Menge zu dosieren, denn die Menge macht das Gift. Ich klettere gerne Routen wie den Weg durch den Fisch und bin gerne auch simultan unterwegs, weil man einfach besser und schneller vorwärts kommt.

Gleichzeitig ist dies aber der Grund, warum wir schon wieder von den Dolomiten zurück sind. Wir konnten während den drei Wochen so viele coole Touren machen und alles lief immer reibungslos ab. Ich denke, es ist wichtig zu merken, wenn es mal Zeit wird nach Hause zu fahren und sich zu erholen.

Wenn man einfach immer weitermacht, verlieren diese Touren auch ein bisschen an Wert für mich. Plötzlich sind sie nur noch eine Nummer. Ich bin nicht bereit, über längere Zeit eine Tour nach der anderen zu machen, ohne dankbar dafür zu sein, dass alles gut geht.

„Ich bin nicht bereit, über längere Zeit eine Tour nach der anderen zu machen, ohne dankbar dafür zu sein, dass alles gut geht.“

Yannick Glatthard

Was bedeutet dir die Onsight-Begehung vom Weg durch den Fisch?

Wenn man ein Projekt durchsteigen kann, ist es immer ein unglaubliches Gefühl. Andrea Milani, ein befreundeter Bergführer-Aspiranten aus den Dolomiten, brachte uns die Ski sowie Tee und Schokolade auf den Gipfel – das war einfach genial. Wir sind anschliessend gemeinsam von der Marmolada abgefahren, haben eine leckere Pizza gegessen und ein paar Bier getrunken. Einen schöneren Abschluss kann ich mir für einen Dolomitenaufenthalt gar nicht vorstellen!

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Euphorie auf dem Dach der Marmolada: Simon Wahli, der gute Freund und Supporter dieses Projektes Andrea Milani und Yannick Glatthard.

Wie gehst du damit um, wenns mal nicht läuft, wie geplant?

Die Wettkampferfahrung hilft mir sehr beim Verarbeiten von Niederlagen. Während eines Wettkampfes muss die monatelange Vorbereitung innert weniger Minuten abgeliefert werden. Man steht unter Druck, denn wenn du nicht deine beste Performance zeigst, war alles umsonst. Wobei, umsonst ist es ja nie, denn aus einer Niederlage lernt man auch immer neu dazu: Sometimes you win, sometimes you learn. 

„Klar, Niederlagen wird es geben, aber die Berge laufen nicht davon.“

Yannick Glatthard

Beim Bergsteigen kommen viele andere Faktoren hinzu wie die Verhältnisse, das Wetter oder natürlich das Team. Und im Vergleich zum Wettkampfklettern kann man halt selber entscheiden, wann man geht. Klar, Niederlagen wird es geben, aber die Berge laufen nicht davon. Und solange man einfach sicher daheim ist, hat man eh gewonnen. Das ist einfach absolut das Wichtigste, das darf man als Bergsteiger auch so kommunizieren und sagen.

Die Ticklist von Yannick Glatthard und Simon Wahli

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Credit: Titelbild Yannick Glatthard

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