Der US-amerikanische Alpinist Colin Haley hat in Patagonien Geschichte geschrieben: Ihm gelang als erstem Bergsteiger eine Solo-Winterbesteigung über die Ragni-Route des legendären Cerro Torre. Für den 41-jährigen Amerikaner war es die 10. Besteigung der 3.128 Meter hohen Felsnadel. Am 7. September um kurz vor 22 Uhr erreichte er den Gipfel und somit auch ein Ziel, welches er sich schon vor Jahren in den Kopf gesetzt hatte.
Zu sagen, dass die Sterne richtig standen, wäre bildlich gesprochen, aber zu sagen, dass Sonne, Erde und Mond richtig standen ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen.
Colin Haley
Die »Ferrari-Route«
Haleys Solo-Begehung erfolgte über die Ragni-Route in der Westwand des Pfeilers, auch bekannt als »Ferrari-Route« oder »Via dei Ragni«. Diese Westwand-Route wurde 1974 erstmals von einem italienischen Team aus Lecco* erfolgreich begangen. Die Seilschaft bestand aus Daniele Chiappa, Mario Conti, Casimiro Ferrari, und Pino Negri. Die Route führt in kombinierter Kletterei durch steile Schneeflanken, knackige Mixed- und anspruchsvolle Eispassagen.
Es ist eine absolut fantastische Linie und eine der einzigartigsten Eiskletterrouten der Welt mit erstaunlichen Eis- und Raureifformationen, die von den patagonischen Winden geformt wurden.
Colin Haley
Frühere Begehungen des Granitbergs
2007 bestieg Haley zum ersten Mal den Cerro Torre. Für ihn der spektakulärste Berg der Erde. Gemeinsam mit Kelly Cordes gelang ihm damals die erste und bis heute einzige vollständige Besteigung der Los Tiempos Perdidos, einer 800-Meter langen Linie auf der Südseite des Cerro Torre, die dann bis zum Gipfel in die Ragni-Route übergeht. Nur ein Jahr später – Haley campte allein auf dem Cerro Torre, da sein Kletterpartner ihm spontan abgesagt hatte – kam ihm die Idee den Berg über die Ragni-Route Solo zu besteigen.
2008 erzählte er dem Schweizer Alpinisten Walter Hungerbühler von seiner Idee. Nur wenige Tage später vermeldete dieser die erste Solo-Begehung des Cerro Torre über die Ragni-Route. Im selben Jahr erlangte diese immer mehr Popularität und mehr und mehr Teams erreichten den Gipfel.
Für Colin Haley wurde dadurch klar: Wenn er auf dieser Linie ein echtes Solo-Erlebnis haben wollte, dann musste er die beliebten, guten Wetterfenster im Sommer meiden und sich mit dem Gedanken anfreunden, den Cerro Torre im Winter zu besteigen.
Ich denke, der kreative Aspekt, sich etwas neues und anderes vorzustellen, ist ein cooler Teil der Kunst des alpinen Kletterns.
Colin Haley
Eine Winter-Begehung der Ragni-Route
Haley bestieg den Cerro Torre nach 2007 noch einige Male und jede Begehung gehört für ihn zu den bedeutendsten seines Lebens. Der erträumte Solo-Trip blieb ihm jedoch immer im Hinterkopf. Im August 2013 reiste er das erste mal im Winter nach El Chaltén, jedoch gelang ihm sein Vorhaben damals noch nicht. Trotzdem erlangte er wertvolles Wissen um seinen Plan später durchzusetzen: Die immer wieder als »Westwand« bezeichnete Ragni-Route ist größtenteils nach Süden ausgerichtet. So bekommt sie im Winter fast keine Sonne ab und das Eis wird extrem brüchig, was die Route deutlich gefährlicher macht.
Für eine Winterbegehung musste also ein neuer Plan her, da alle Klettertechniken und Taktiken die Haley im Sommer problemlos anwenden konnte – wie zum Beispiel der Plan den Großteil der Route Free-Solo zu klettern – im Winter beinahe unmöglich waren. Mit dem Wissen, dass er einige Selbstsicherungstechniken anwenden müsste, pausierte er sein Projekt daraufhin für ganze 10 Jahre.
Last Minute nach El Chaltén
Nach einer gescheiterten Winterbegehung 2023 und einer erfolglosen Expedition im Karakorum im August diesen Jahres, traf Colin Haley eine spontane Entscheidung: als sich ein Wetterfenster am Cerro Torre auftat, reiste er direkt nach seiner Rückkehr aus dem Karakorum kurzerhand nach El Chaltén um seinem Solo-Go eine weitere Chance zu geben. Er traf am 13. August ein und startete gleich am nächsten Morgen in die Berge.

Die erste Zeit in Patagonien nutzte er für einige Trägermissionen. Ziel war es, möglichst frühzeitig all seine Ausrüstung und Verpflegung an den Fuß der Ragni-Route zu bringen, um bestmöglich auf ein passendes Wetterfenster vorbereitet zu sein. Um Kraft zu sparen, engagierte er einen Träger, der einen Teil seiner Ausrüstung bis La Playita brachte. Den restlichen Zustieg bis zum Gipfel des Filo Rosso und seinem Biwakplatz bewältigte Haley selbst.
Allein auf dem Gipfel
Am 4. September erreichte Haley den Eingang des Circo de los Altares am Fuß des Filo Rosso und biwakierte dort, ehe er am nächsten Morgen mit dem Aufstieg begann und um 10:45 Uhr auf dem Gipfel des Filo Rosso stand. Dort blieb er aufgrund starken Winds für diesen Tag. In die Ragni-Route stieh er am 6. September ein und startete somit seinen Solo-Versuch: Die ersten Seillängen kletterte er frei im Alleingang, bevor er oberhalb des Col de la Esperanza mit Selbstsicherungen weitermachte. Gegen 16:15 Uhr erreichte er den Gipfel des Elmo, entschied sich jedoch, trotz Erschöpfung weiterzugehen. Keine leichte Entscheidung, da es zwischen dem Elmo-Gipfel und dem Gipfel der Headwall keine Biwak-Möglichkeit mehr gibt. Gegen 21:30, also bereits im Dunkeln, begann er mit dem Aufstieg zur Headwall. So war sein Plan aber aufgegangen: Er biwakierte nur noch 3 Seillängen unter dem Gipfel.
Am 7. September setzte er den Aufstieg, nach fünf Stunden Schlaf, gegen 11 Uhr fort. Raureifkletterei. Eine Herausforderung, die Haley von früheren Begehungen zur Genüge kannte. Was ihn dieses Mal jedoch überraschte: Ein großer Teil vom Gipfelpilz war abgebrochen. Das schmälerte die Erfolgsaussichten beträchtlich. Colin Haley gab nicht auf – er kämpfte sich durch eine Gletscherspalte im Eis des Gipfelpilzes und vollendete auch das letzte Stück bis zu seinem Ziel. Kurz vor 22 Uhr erreichte er den Gipfel – bei Vollmond und absoluter Windstille – den Cerro Torre solo im Winter!
Ich mag es, wenn ein Kletterziel gut zu meinen persönlichen Fähigkeiten passt, und ich denke, das war bei dieser Tour definitiv der Fall. Sie erforderte Fähigkeiten im Eisklettern, Mixed-Klettern, Felsklettern, Schneeklettern, Bigwall-Fähigkeiten und ein hohes Maß an körperlicher Ausdauer.
Colin Haley
Ein Traum wird wahr
Den Moment beschreibt er als wunderschön und gleichzeitig beklemmend. Er fühlte sich allein, erschöpft und sehr weit entfernt von Sicherheit. Nach kurzer Pause begann er mit dem Abstieg, der nicht weniger abenteuerlich war, als der Weg zum Gipfel. Fast genau 48 Stunden nach seinem Aufbruch vom Gipfel des Filo Rosso stand Haley wieder an seiner ersten Biwak-Stelle. Nach eigenen Angaben »Völlig erschöpft und mit geschwollenen Gliedmaßen«.
Diesen fordernden, temperamentvollen Berg im Winter allein zu besteigen ist eine unglaubliche Leistung, die einiges an Zeit und Vorbereitung in Anspruch genommen hat. Wer die ganze Geschichte von Colins Solo-Tour lesen möchte, findet seinen Bericht hier.
Dies war meine zehnte Besteigung des Cerro Torre. Obwohl einige meiner früheren Besteigungen des Cerro Torre bereits zu den bedeutendsten Besteigungen meines Lebens zählen, war diese vielleicht die bedeutendste.
Colin Haley
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Credits: Titelbild: Adobe Stock
*Hier hatte sich ein kleiner Fehler eingeschlichen: Das Team aus Lecco nannte sich »Ragni«, Mehrzahl von »Ragno« ital. für »Spinnen«.


Ragni ital. Spinne, so nannten sich die Kleterrer aus Lecco. Also kein Ort Ragni die Lecco. Die KI haluziniert mal wieder.
Aber sonst tolle Begehung!