Absturz, Blockierung, Gewitter: Was das ÖAV-Sommer-Update über Bergunfälle im Sommer zeigt

Der Österreichische Alpenverein hat sein bewährtes Winter Update erstmals auf die warme Jahreszeit übertragen. Beim Sommer Update analysieren ein Bergsportexperte, ein Vertreter der Alpinpolizei und eine Meteorologin reale Unfälle und leiten daraus Take-Home-Points ab. Im Fokus stehen drei Muster, welche die Zahlen dominieren: Absturz, Blockierung und Gewitter. Der komplette Vortrag ist online abrufbar.

Vom Winterupdate in den Sommer

Wer im Winter Skitouren geht, kennt das Prinzip: Beim Winter Update – lange als „Lawinenupdate“ bekannt – zerlegen Fachleute auf der Bühne echte Unfälle und arbeiten heraus, welche Entscheidungen den Ausgang bestimmt haben. Genau dieses Format gibt es seit diesem Jahr auch für die Sommerdisziplinen. Die Premiere fand am 22. Mai 2026 im Haus der Musik in Innsbruck statt.

Auf der Bühne stehen Jörg Randl (Berg- und Skiführer, Alpinsachverständiger und Leiter der ÖAV-Abteilung Bergsport), Gerhard Mössmer (Berg- und Skiführer, Alpinsachverständiger), Meteorologin Susanne Lentner von GeoSphere Austria sowie Stefan Jungmann (Groundmanager der Flugpolizei und Polizei- wie Zivilbergführer, Diplomskiführer). Die Mischung ist der Punkt: dieselbe Situation, betrachtet aus der Perspektive von Ausbildung, Rettung und Wetterprognose.

Wann passieren die meisten Unfälle?

Es wird unterschieden in Sommer und Winter Diszplinen. In den Sommer fallen Wandern, Bergsteigen, Klettertouren und Klettersteige, sowie Hochtouren und Mountainbiken. Die Unfallzahlen sind im Winter tatsächlich höher, leider gibt es jedoch im Sommer mehr alpine Unfälle, die tödlich enden. Dabei sagen Statstiken, dass die meisten tödlichen Unglücke beim Wandern oder Bergsteigen passieren. Die häufigste Ursache sind Herz-Kreislauf Störungen.

Abschüssige Gratpassagen sind keine Touren für Anfänger:innen – hier zum Beispiel der Jubiläumsgrat an der Zugspitze | Bild: Adobe Stock

Blockierung: der Notruf ohne Verletzung

Blockierung heißt: nicht mehr weiter, nicht mehr zurück. Feststecken im Gelände, Probleme am Klettersteig, Verirren oder Versteigen, Erschöpfung, Materialverlust. Betroffene sind sehr oft unverletzt und genau deshalb wird diese Kategorie unterschätzt.

Der Trend ist eindeutig und in Österreich wie in der Schweiz sichtbar: Die Zahl der Einsätze, bei denen unverletzte Personen geborgen werden, steigt seit Jahren. Bei Hochtouren und beim Klettern ist Blockierung beziehungsweise Erschöpfung inzwischen der häufigste Grund, warum die Bergrettung alarmiert wird.

Hinter fast jeder Blockierung steckt eine Fehleinschätzung im Vorfeld: der Zeitbedarf, die eigene Kondition, die Verhältnisse, die Rückzugsmöglichkeiten. In Tirol sind Blockierungsfälle überdurchschnittlich oft in z.B Ehrwald verzeichnet: Thema Stopselzieher Klettersteig, an der Zugspitze. Stefan Jungmann erzählt, dass viele die Touren auf Social Media sehen und diese Touren schnellstmöglich nachsteigen wollen. Das beschert der Flugpolizei einige Einsätze in der Region Tirol.

Im Bereich Ehrwald fliegen wir sicher wöchentlich zwei Mal. Der Stopselzieher hat uns viele Einsätze bereitet.

Stefan Jungmann
Groundmanager der Flugpolizei, Polizei- und Zivilbergführer, Diplom-Skilehrer

Take Home Points

  • Zauberwort: Tourenplanung
    Passen Schwierigkeit, Distanz und Höhenmeter zu deinem Können und dem deiner Gruppe? ODER gibt es Alternativen?
    Passt die Tour zum Wetterbericht? Kenne ich die aktuellen Verhältnisse? Habe ich die richtige Ausrüstung?
  • Habe ich einen Plan B? Kann ich absteigen?
  • Flucht nach vorne ist keine gute Lösung: Hier passiert es, dass ich mich verirre und versteige.
Orientierung ist Prävention: Verirren und Versteigen zählen zu den häufigsten Gründen für Notrufe im Sommer.| Bild: Österreichischer Alpenverein, Sissi Richter

Sicher zurückkommen ist das eigentliche Ziel, nicht der Gipfel!

Christian Eder
Ausbildungsleiter Bergrettung Tirol

Blitz: Die Lawine des Sommers

Kein Blitz ohne Gewitter: Blitzschlag im Hochgebirge ist ein seltenes, aber wiederkehrendes Ereignis mit hohem Schadenpotenzial – in Österreich waren im Sommer 2025 bei einem einzigen Vorfall gleich drei Personen betroffen. Das eigentliche Risiko im Sommer ist jedoch nicht der Blitz allein, sondern die Kettenreaktion: Temperatursturz, Nässe, plötzlich glitschiger Fels, Steinschlag, schlechte Sicht, keine Flugrettung mehr möglich.

Der Wetterbericht ist wichtig, aber die Wolkenbeobachtung ist unumgänglich. Da hilft auch keine App, kein gar nichts. Muss man wirklich selber machen.

Susanne Lentner von GeoSphere Austria

Wärmegewitter sind planbar. Die Prognose sagt zuverlässig, ab wann die Wahrscheinlichkeit steigt – nur nicht, welchen Grat es genau trifft. Wer den Gipfel um elf Uhr statt um vier Uhr nachmittags erreicht, hat das Problem meist gar nicht erst.

Take Home Points

  • Durch den Klimawandel werden Touren anspruchsvoller
  • Verhältnisse ändern sich schneller
  • Übergangsbereiche werden kritischer

Absturz: selten – aber tödlich

Absturz ist statistisch nicht das häufigste Problem am Berg, aber das folgenreichste. Die österreichischen Auswertungen zeigen es beim Wandern besonders deutlich: Als Unfallursache macht „Absturz“ dort nur einen kleinen Anteil aus, doch die Sterblichkeit ist ungleich höher als bei allen anderen Ursachen. Anders gesagt: Stolpern passiert oft, Abstürzen passiert selten, endet aber dafür überdurchschnittlich häufig tödlich.

Die kritischen Zonen sind selten die schwierigen. Es sind die Übergänge: der weglose Abstieg nach der Route, die letzten Meter über nasses Gras, die Passage nach dem Ausstieg, an der die Sicherung schon abgelegt ist, aber das Gelände noch absturzgefährlich bleibt.

Wenn die Sicht zugeht, wird aus einer Wanderung schnell eine Orientierungsaufgabe. Foto: Adobe Stock

Take Home Points

  • Die Sicherungsmethode muss zum Gelände passen
  • Die Gruppengröße muss zum Gelände passen
  • Trittsicherheit auf schwierigen Bergwegen ist unerlässlich
  • Im Absturzglände ist erhöhte Konzentration erforderlich
  • Stürze in ausgesetztem Gelände haben eine hohe Konzequenz!

Die meisten Unfälle passieren durch mangelnde Tourenplanung, Selbstüberschätzung, Konditionsdefizite, Fehlbeurteilungen und Ausrüstungsmangel.

Stefan Jungmann
Groundmanager der Flugpolizei, Polizei- und Zivilbergführer, Diplom-Skilehrer

Der Vortrag zum Nachschauen

Das komplette Sommer Update 2026 steht kostenlos als Video zur Verfügung. Zwei Stunden, drei Themenblöcke, echte Fälle und deutlich mehr Detail, als ein Artikel es abbilden kann. Eine Empfehlung für alle, die Hochtouren, Klettersteige oder alpine Mehrseillängen planen.

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Credits: Titelbild: Österreichischer Alpenverein – Sommerupdate

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