«It goes, boys» | 10 Frauenbegehungen, die Geschichte geschrieben haben

Selbst als der Klettersport noch in den Kinderschuhen steckte, ging es darum, die Grenzen des Menschenmöglichen immer wieder zu erweitern – und das nicht nur von Männern. Wir haben zehn Frauenbegehungen gesammelt, die Klettergeschichte geschrieben haben.

Ob beim Bouldern, Rotpunktklettern oder im Alpin- und Trad-Bereich: Seit jeher haben viele starke Kletterinnen die Geschichte des Klettersports mitgeschrieben. Trotzdem stehen noch heute meist Männer in der ersten Reihe, wenn es um schwierige und bedeutsame Begehungen geht. Höchste Zeit also, zehn (Erst-)Begehungen von Frauen* in den Mittelpunkt zu stellen, die die Klettergeschichte dahingehend maßgeblich geprägt haben.

* Wir hatten in diesem Artikel die schwierige Aufgabe, aus den unzähligen beeindruckenden Frauenbegehungen zehn besondere Leistungen auszuwählen, die insbesondere den Schwierigkeitsgrad weiblicher Begehungen nach oben verschoben haben. Die untenstehende Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und schon gar nicht darauf, die Leistungen nichtgenannter Kletterinnen zu schmälern.

Lynn Hill – The Nose (8b+), 1993

«It goes, boys» – dieses Zitat von Legende Lynn Hill steht sinnbildlich für den größten Kletter-Meilenstein in der Karriere der US-Amerikanerin. 1993 befreite Hill als erster Mensch der Welt die berühmte Route The Nose am El Capitan in Yosemite. Ein Jahr später übertraf sie ihre eigene Leistung sogar noch einmal, als sie die gesamte Linie an einem einzigen Tag bezwang.

Besonders beeindruckend: Eine weitere freie Begehung der Nose blieb fünf Jahre lang aus – trotz zahlreicher Versuche einiger der besten Bigwall-Kletterer. Erst 1998 gelang Scott Burke die zweite Begehung.

Beth Rodden – Meltdown (8c+), 2008

Eine Generation später als Lynn Hill war sie eine treibende Kraft des Sportkletterns der 90er und 2000er Jahre: Beth Rodden rückte 1998 auf die internationale Bildfläche, als ihr mit nur drei Jahren Klettererfahrung und als jüngste Frau aller Zeiten eine 8b+ gelang. Daraufhin lud Lynn Hill sie ein, 1999 gemeinsam die erste reine Frauenbegehung des Tsaranoro-Massivs in Madagaskar durchzuführen. In ihrer weiteren Karriere widmete sich Rodden immer mehr dem traditionellen Klettern. Dort schloss sie 2008 mit ihrer Erstbegehung von Meltdown (8c+) in Sachen Schwierigkeitsgrad endgültig zu den stärksten männlichen Trad-Kletterern auf. Die Risslinie in Yosemite wurde erst elf Jahre später wiederholt und gilt noch heute als echter Benchmark.

Beth Rodden ist außerdem die erste Frau, die zwei Routen am El Capitan frei geklettert ist: Lurking Fear (2000) und The Nose (2005).

Josune Bereziartu – Bain de Sang (9a), 2002

Auf der Liste der Frauen, die die Grenzen des Sportkletterns immer wieder verschoben haben, darf sie nicht fehlen: Josune Bereziartu kletterte als erste Frau Routen in den Schwierigkeitsgraden 8c+, 9a und 9a/+. Nur zwei Jahre nachdem Isabelle Patissier mit Masse Critique den Grad 8c befreit hatte, gelang Bereziartu erstmals eine 8c+: Honky Tonky in Oñate. Zehn Jahre später drang die Kletterin aus dem Baskenland mit ihrer Begehung von Fred Nicoles Linie Bain de Sang (9a) schließlich in den 9. Franzosengrad vor – in einer Zeit, als die Skala bei 9a+ endete. Bereziartus Durchstieg einer der damals schwersten Touren der Welt markierte einen Wendepunkt für Frauen im Klettersport, die damit im selben Grad kletterten wie männliche Elite-Athleten.

Josune Bereziartu kletterte später weitere Routen im 9. Grad, darunter Bimbaluna (9a/+) und Logical Progression (9a+), deren Grad allerdings bis heute diskutiert wird.

Ashima Shirashi – Horizon (8C), 2016

Wenn es um schwere weibliche Boulder-Begehungen geht, hat ihr Name Legendenstatus: 2016 sorgte die 14-jährige US-Amerikanerin Ashima Shirashi weltweit für hochgezogene Augenbrauen, als ihr Dai Koyamadas Horizon (8C) in Japan gelang. Ihre Begehung des rund 30 Züge langen Volldach-Boulders am Mount Hiei machte Shirashi schlagartig in der Szene berühmt – und gleichzeitig zur ersten weiblichen und jüngsten 8C-Boulderin aller Zeiten.

Schon in früher Kindheit hatte Ashima Shirashi mit besonders jungen Begehungen auf sich aufmerksam gemacht – unter anderem mit einer 8B im Alter von zehn Jahren. Eine reine Boulderspezialistin ist Shirashi trotzdem nicht: Am Seil hielt sie von 2012 bis 2020 den Rekord für die jüngste Begehung einer 8c+.

Margo Hayes – La Rambla (9a+), 2017

Zurück ans Seil und ins Jahr 2017: Eine junge US-Amerikanerin schreibt im spanischen Siurana Klettergeschichte. Die damals 19-jährige Margo Hayes punktete nach sieben Tagen die Route La Rambla (9a+) – und drang damit als erste Frau in diesen Schwierigkeitsgrad vor. 15 Jahre nach der ersten 9a-Frauenbegehung durch Josune Bereziartu verschob Hayes die Obergrenze im weiblichen Sportklettern erneut nach oben.

Hayes, die aus Colorado stammt, kletterte ab ihrem zehnten Lebensjahr im US-Jugendteam und trainierte dort auch unter Robyn Erbesfield-Raboutou. Ihr gelangen später zwei weitere 9a+ Routen, die als Benchmarks für den Grad gelten: Realization/Biographie in Céüse und Papichulo in Oliana.

Angela Eiter – La Planta de Shiva (9b), 2017

Das Jahr 2017 sollte noch einen weiteren Meilenstein für Frauenbegehungen im Sportklettern bereithalten. Erst im Frühjahr hatte Margo Hayes die 9a+ Grenze gesprengt – im Oktober setzte Angela «Angy» Eiter noch einen drauf: Sie kletterte mit La Planta de Shiva in Villanueva del Rosario, Spanien, als erste Frau eine Route im magischen Grad 9b. Die Österreicherin hatte zuvor Routen wie Hades (9a) und Big Hammer (9a) wiederholt. Sie stärkte maßgeblich die Sichtbarkeit von Frauen im Elite-Sportklettern der 2000er und 2010er Jahre – am Fels sowie im Weltcup, wo sie alleine 25 Goldmedaillen gewann.

Im Jahr 2020 legte Angela Eiter mit der Route Madame Ching im Tiroler Oberland ihre erste 9b-Erstbegehung vor, die noch unbestätigt ist.

Michaela Kiersch – Dreamtime (8C), 2024

Sie gehört am Seil und beim Bouldern zu den Namen, die man sich merken muss: Michaela Kiersch ist eine der stärksten Allround-Kletterinnen aller Zeiten. 2024 gelang ihr die erste Frauenbegehung des ikonischen Boulders Dreamtime (8C) in Cresciano, womit sie als siebte Frau überhaupt in den Grad 8C vorstieß. Mit ihrer Wiederholung von Fred Nicoles Ultra-Kingline wurde Kiersch außerdem die erste Frau, die im Boulder-Grad 8C und im Sportkletter-Grad 9a+ unterwegs ist: Die 155 cm große US-Amerikanerin hatte 2023 La Rambla (9a+) und 2024 Víctima Perfect (9a+) geklettert.

Erst diese Woche legte Michaela Kiersch mit der Route Mad Lib (9a) in Vermont die härteste weibliche Erstbegehung seit Beth Roddens Meltdown (8c+) vor.

Katie Lamb – The Dark Side (8C+), 2025

Die US-Amerikanerin Katie Lamb hat nicht nur einmal, sondern gleich zweimal den Grad 8C+ «freigeschaltet». Mit ihrer Wiederholung von Box Therapy (8C+) in den Rocky Mountains bezwang sie erstmals diesen (bis dahin nur Männern vorbehaltenen) Schwierigkeitsgrad. Kurz darauf wertete Brooke Raboutou die Linie auf 8C ab – das wohl schwerste Boulder-Downgrade von Frau zu Frau.

Im Frühjahr 2025 schlug Katie Lamb dann nochmal zu: Die damals 27-Jährige wiederholte im historischen Camp 4 des Yosemite National Parks den Boulder The Dark Side, dessen Grad 8C+ als bestätigt gilt. Lamb darf sich damit nun endgültig als erste 8C+ Boulderin der Welt bezeichnen.

Brooke Raboutou – Excalibur (9b+), 2025

Auch am Seil war das Jahr 2025 bedeutsam für schwere Begehungen durch Frauen. Brooke Raboutou gelang mit Excalibur in Arco erstmals eine Route im Grad 9b+. Die US-Amerikanerin löste damit die Italienerin Laura Rogora ab, die 2021 mit Erebor (9b/+) die bis dato schwierigste Frauenbegehung geschafft hatte. Besonders beeindruckend: Die 24-Jährige hatte zuvor «nur» 8c+ rotpunkt geklettert – und damit die Grade 9a, 9a+ und 9b direkt übersprungen.

Raboutou, auf deren Boulder-Tickliste bereits mehrere 8Cs stehen, ist die einzige Frau von weltweit nur neun Personen, die eine bestätigte 9b+ Route geklettert haben. Auch Excalibur, die schwerste Tour Italiens, hatten vorher nur Stefano Ghisolfi und Will Bosi geschafft.

Babsi Zangerl – Freerider (7c+) Flash, 2025

Mehr als 30 Jahre nach Lynn Hills legendärer Befreiung des El Capitan hat eine Österreicherin an jener geschichtsträchtigen Wand erneut etwas geschafft, das noch kein Mensch zuvor erreicht hat. Babsi Zangerl flashte als erste Person aller Zeiten die 1.000-Meter-Bigwall-Route Freerider (7c+). Mit ihrer sturzfreien Begehung im ersten Anlauf hob Zangerl ihre lange Liste an freien Begehungen im Yosemite Valley auf ein neues Level. In den vergangenen knapp zehn Jahren gelangen ihr die ersten freien weiblichen Begehungen von unter anderem El Niño, Zodiac oder Magic Mushroom.

Babsi Zangerl gilt als beste Allround-Kletterin der Welt. Die Tiroler Profikletterin wiederholte selten begangene Trad-Routen wie Meltdown (8c+) und Magic Line (8c+) in Yosemite und kletterte einige der anspruchsvollsten Mehrseillängenrouten der Alpen wie The Gift oder Seventh Direction. 2025 erhielt sie als zweite Frau den Paul-Preuss-Preis.

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Credits Titelbild: Matty Hong

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