»South African in a Day«: Siebe Vanhee & Tommy Caldwell schreiben Klettergeschichte in Patagonien

Mit der ersten Ein-Tages-Begehung der »South African Route« haben Vanhee und Caldwell ein Stück Alpinklettergeschichte in Patagonien geschrieben. Es ist erst das dritte Mal, dass die legendäre Linie aus den 1970ern frei geklettert wurde.

Wenn sich Siebe Vanhee und Tommy Caldwell zusammentun, sind Rekord-Begehungen vorprogrammiert. Bereits 2024 unterstützte Caldwell den Belgier bei seinem 21-Stunden-Durchstieg einer der schwierigsten Routen in der Eiger Nordwand, »Odyssee« (1.400 m, 8a+). Diesen Februar zog es die beiden in Chiles Nationalpark Torres del Paine. Dort gelang ihnen die erste freie, eintägige Begehung der »South African Route« (1.200 m, 7c) – ein Meilenstein in Patagoniens Alpingeschichte.

Die erst dritte freie Begehung überhaupt

Vanhee und Caldwell sind erst die dritte Seilschaft, der eine freie Begehung der Route gelungen ist. Um die 1.200 Klettermeter und 28 Seillängen jeweils im Vorstieg zu bewältigen, investierten sie drei Versuche innerhalb von drei Wochen. In den frühen Morgenstunden des 14. Februar stand das Duo nach exakt 24 Stunden im Seil auf dem Gipfel des Central Towers – mehr als 50 Jahre nach der Erstbegehung der Linie.

Bei weitem eine meiner bisher krassesten Erfahrungen in den Bergen.

Siebe Vanhee
Tommy Caldwell und Siebe Vanhee vor dem Central Tower, an dem die Route verläuft (Bild: Felipe Nordenflyght / Matthew Tangerman)

Eine irrwitzige Herausforderung

Dass die »South African Route« vorher nur zweimal frei geklettert wurde, liegt weniger an ihrer Schwierigkeitsgrad oder Länge, sondern an den harschen Gegebenheiten in Patagonien. Im Kletter-Mekka Südamerikas sind spontane Wetterumschwünge keine Seltenheit – Stürme, Eis und Wind haben hier schon manchen versierten Kletterer kurzfristig umkehren lassen.

Das weiß auch Siebe Vanhee, der sich 2018 bereits erfolglos mit Landsmann Sean Villanueva an der Route versucht hatte: »In einem Moment ist der Fels trocken, eine Stunde später kann er nass oder vereist sein«.

Allein die 28 Seillängen starke »South African Route« frei zu klettern ist eine logistische Herausforderung, bei der alle Bedingungen stimmen müssen. Sie innerhalb von nur 24 Stunden ground-up und ohne Portaledges oder Fixseile zu meistern, grenzt beinahe an Glücksspiel. »Die Erfolgschancen für das Projekt waren unglaublich gering«, gibt Vanhee zu. Hinzu kommt, dass eine Ein-Tages-Aktion in dieser Wand kaum Umkehrmöglichkeiten zulässt – hängt man einmal im Seil, heißt es durchbeißen.

Ein Ein-Tages-Push ist ein ernsthaftes Commitment. Wenn ein Sturm aufzieht, gibt es keinen Schutz oder einen schnellen Rückzug.

Siebe Vanhee
Vanhee und Caldwell in der »South African Route« (Bild: Felipe Nordenflyght / Matthew Tangerman)

Über die »South African Route«

Die »South African Route« zieht sich über 1.200 Klettermeter mit markanten Verschneidungen, Rissen und technischen Platten durch die Ostwand des Central Tower. Dort gibt es noch weitere Mehrseillängentouren – aber keine Linie ist so spektakulär und offensichtlich wie diese.

Bei der Erstbegehung der »South African Route« 1973/74 schlug die namensgebenden Seilschaft aus Südafrika den Schwierigkeitsgrad A4/5.10 vor. 2009 verbrachten Sean Villanueva, Nico Favresse und Ben Ditto 13 Tage in der Wand, um die Route erstmals frei zu klettern. Das Team bewertete die Linie mit 7c auf der französischen Skala. Seitdem (und vor Caldwell und Vanhee) hat nur eine weitere Seilschaft die Route frei geklettert.

Fakten zur Linie

  • Länge: 1.200 m, 28 Seillängen
  • Erstbegehung : 1973–74 durch ein Südafrikanisches Team
  • 1. freie Begehung: 2009 durch Nico Favresse, Sean Villanueva O’Driscoll, Ben Ditto in 13 Tagen
  • 2. freie Begehung: 2023 durch Tyler Karow, Cedar Christensen, Imanol Amundarian
  • 3. freie Begehung & 1. Ein-Tages-Begehung: 2026 durch Tommy Caldwell, Siebe Vanhee
Routenverlauf auf einen Blick (Bild: Felipe Nordenflyght / Matthew Tangerman)

Durchstieg im dritten Anlauf

Drei Grundvoraussetzungen für den erfolgreichen Tagesdurchstieg waren von Anfang an klar: 1.) Vanhee und Caldwell mussten die Route extrem gut kennen, 2.) die Wetterbedingungen auf ihrer Seite haben und 3.) die nötige Ausdauer und Nervenstärke für mögliche Komplikationen beweisen. Zweimal wagte das Duo den Versuch – zweimal wies die Wand sie vor dem Gipfel ab.

Beim dritten Anlauf stürzte Caldwell überraschend in der Crux-Seillänge 14, bewertet mit 7c. Trotzdem erholten sich beide schnell von diesem ersten Schreck und arbeiteten sich den imposanten 60-Meter-Offwidth von Seillänge 18 hoch. Fast 19 Stunden nach dem Aufbruch wechselten Vanhee und Caldwell schließlich in ihre mitgeschleppten Bergstiefel, um über weitere 250 Meter Alpingelände in die Dunkelheit zu klettern.

Übersicht der Versuche von Caldwell & Vanhee

  • Versuch 1: 28. – 29. Januar, abgebrochen in 13. Seillänge
  • Versuch 2: 2. – 4. Februar, abgebrochen 21. Seillänge
  • Versuch 3: 13. – 14. Februar, Durchstieg & Topout
60 Meter Offwidth – Traum oder Albtraum für viele Kletterer (Bild: Felipe Nordenflyght / Matthew Tangerman)

Summit kurz vor dem Sturm

Mit einer ordentlichen Portion Überwindung wagten sich Vanhee und Caldwell schließlich weit nach Mitternacht an den letzten Abschnitt. In völliger Dunkelheit querten sie über den Grat zum Gipfel, wo sie um 3:20 Uhr mit Schneefall und ersten Böen empfangen wurden.

Vorbei war es nach dem erfolgreichen Summit und einem schnellen Gipfel-Selfie noch lange nicht. Auf die beiden wartete eine acht Stunden lange Abseil-Aktion zurück ins Tal – inklusive allen Equipments. »Ich weiß noch, dass ich mehr als einmal eingeschlafen bin«, erinnert sich Vanhee. Der rettende Sonnenaufgang brachte schließlich ein Fünkchen Energie und die Gewissheit: Das ist gerade wirklich passiert.

Ich habe jeden Tag gezweifelt. So viele Faktoren mussten passen, aber irgendwie haben wir es doch geschafft.

Siebe Vanhee
Die Uhr tickt: Vanhee & Caldwell kletterten die letzten Seillängen nach Sonnenuntergang (Bild: Felipe Nordenflyght / Matthew Tangerman)

Historische Begehung für Patagoniens Alpinszene

Mit ihrer »SAIAD« (South African in a Day) haben Siebe Vanhee und Tommy Caldwell die Grenzen dessen erweitert, was im patagonischen Alpinklettern als möglich gilt. Die Abkürzung ist eine Anlehnung an den Klassiker aus Yosemite, die »NIAD« (Nose in a Day).

Laut Siebe Vanhee, der selbst viele schwere Bigwall-Routen im Valley geklettert ist, wäre es trotzdem »ignorant«, den Central Tower und den El Capitan miteinander zu vergleichen. »Die Bedingungen sind der zentrale Unterschied«, so der Belgier. »Gutes Wetter zu haben ist die eine Sache, aber die richtigen Bedingungen für diese Wand zu bekommen ist eine völlig andere.«

Der markante Central Tower im Nationalpark Torres del Paine (Bild: Felipe Nordenflyght / Matthew Tangerman)

Zwei Extremkletterer unter sich

Dass sich mit Vanhee und Caldwell ein echtes Power-Duo gefunden hat, ist eigentlich keine große Überraschung. Siebe Vanhee gehört mit seinen 35 Jahren bereits zu den versiertesten Alpin- und Bigwall-Kletterern der Welt. Auch abseits vom Yosemite Valley hat sich der Belgier mit anspruchsvollen Erstbegehungen in alpinem Terrain einen Namen gemacht. 2024 verbrachte er für die erste freie Begehung von »Riders on the Storm« am Torre Central gemeinsam mit Sean Villanueva O’Driscoll und Nico Favresse 18 Tage in der Wand.

Tommy Caldwell bedarf in der Kletterszene kaum einer Vorstellung – und auch sein Erfahrungsschatz an schweren Mehrseillängenrouten ist wohl nur schwer zu überbieten. Der 47-jährige US-Amerikaner bezeichnet die »SAIAD« als »vermutlich komplexer als andere Routen«, die er bisher in Patagonien geklettert sei. Vor allem die gute Partnerschaft mit dem 13 Jahre jüngeren Vanhee habe das Projekt am Ende zum Erfolg geführt.

Auch Vanhee hat nur Lob für seinen Seilpartner und Mentor übrig: »Tommy hat so oft bewiesen, was er aushalten und durchziehen kann – weil er es wirklich will.«

Ich bin dankbar einen Partner gefunden zu haben, der meine Freude am Leiden teilt. Diese Erfahrung werde ich so schnell nicht vergessen.

Tommy Caldwell
Siebe Vanhee und Tommy Caldwell schreiben ein Stück Klettergeschichte in Patagonien (Bild: Felipe Nordenflyght / Matthew Tangerman)

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Credits Titelbild: Felipe Nordenflyght / Matthew Tangerman

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