Bohrhaken, Fixseile, künstlicher Sauerstoff: Wie viel Technik darf beim Bergsteigen helfen? Schon vor mehr als 100 Jahren stritt Paul Preuß darüber – und stellte das eigene Können über jede künstliche Unterstützung. Ein Blick auf Preuß Geschichte zu seinem 140. Geburtstag.
11 Tage dauerte es, bis seine Leiche gefunden wurde – begraben unter einem Meter Neuschnee am Wandfuß des Nördlichen Mandlkogels im Dachsteingebirge. Bei bestem Wetter war er alleine in die bis dato unbegangene Nordkante eingestiegen und seitdem verschollen. Paul Preuß, der Herr des Abgrunds, wurde gerade einmal 27 Jahre alt.
Dabei sah es anfangs nicht danach aus, als würde aus dem 1886 in Altaussee am Fuße des Toten Gebirges geborenen Paul Preuß einmal ein Spitzenkletterer werden. Mit sechs Jahren erkrankte er so schwer, dass er monatelang im Rollstuhl saß. Nach seiner Genesung nahm sein Vater den körperlich noch geschwächten Jungen auf erste Wanderungen mit.
Nach dem frühen Tod des Vaters zog es Preuß immer häufiger in die Berge. Zunächst waren es leichte Touren, die er nun mit Geschwistern und Schulfreunden ging, doch bald zog er auch zunehmend allein los. Schritt für Schritt wagte er sich in steileres und schwierigeres Gelände. Der Bergsteiger und Schriftsteller Kurt Maix beschrieb diese frühe Phase später treffend: Preuß sei zunächst „herumgestiegen und gekraxelt, wie es eben die Einheimischen tun“. Aus diesem spielerischen Erkunden entwickelte sich innerhalb weniger Jahre ein außergewöhnliches Können.
Ein junger Kletterer wird zum „Herrn des Abgrunds“
Seine erste bedeutende Klettertour, die Nordwand der Planspitze im Gesäuse, gelang Preuß im Juli 1908. Vor allem ab 1910 wurden seine Unternehmungen zunehmend anspruchsvoller. In nur wenigen Jahren gelangen ihm rund 1.200 Besteigungen, darunter zahlreiche Erstbegehungen. Berühmt wurde der 250 Meter lange Preuß-Riss an der Kleinsten Zinne, den er im September 1911 gemeinsam mit Paul Relly erstbeging. Noch spektakulärer war wenige Wochen zuvor seine ungesicherte Alleinbegehung der Totenkirchl-Westwand im Wilden Kaiser. Tita Piaz, einer ihrer Erstbegeher, soll von der Leistung so beeindruckt gewesen sein, dass er Preuß den Beinamen „Herr des Abgrunds“ gab.

Preuß trainierte systematisch, auch bei schlechtem Wetter, und machte das Bergsteigen zunehmend zu seinem Beruf. Ab 1910 war er ein gefragter Vortragsredner. Mit seinen Honoraren konnte er sich weitgehend dem Klettern widmen und gehörte damit zu den ersten Alpinisten, die ihren Lebensunterhalt mit dem Bergsteigen verdienten.
Der Mauerhakenstreit
Ebenfalls im Sommer 1911 veröffentlichte Preuß in der Deutschen Alpenzeitung seinen Aufsatz „Künstliche Hilfsmittel auf Hochtouren“. Darin stellte er eine Praxis infrage, die sich gerade zu etablieren begann: die Verwendung von Mauerhaken zur Fortbewegung. Seine Position war eindeutig: Wer eine Passage nicht aus eigener Kraft klettern konnte, sollte sie auch nicht mit künstlicher Hilfe bewältigen. Ein Haken sollte allenfalls der Sicherung dienen. Auch beim Abstieg wollte Preuß auf technische Hilfen verzichten. „Aus eigener Kraft Schwierigkeiten überwinden, im Aufstieg wie im Abstieg – das ist das Postulat einer ehrlichen, sportlichen Überzeugung“, schrieb er.
In der Kletterszene sorgten seine Thesen für heftige Reaktionen. Insbesondere sein früherer Bewunderer Tita Piaz wie auch der als „Kaiserpapst“ bekannte Kletterer und Führerautor Franz Nieberl widersprachen scharf. Sie warfen Preuß vor, nicht ausreichend zwischen sinnvollem Einsatz und Missbrauch von Haken zu unterscheiden. Ein Sicherungsmittel könne eine Route nicht nur technisch leichter machen, sondern im entscheidenden Moment auch Leben retten.

Gerade aus heutiger Sicht darf dabei allerdings ein wichtiger Punkt nicht übersehen werden: Die Sicherungskette war damals alles andere als solide. Ein Sturz endete deshalb auch mit Seil und Haken nicht selten tödlich. Wie realistisch ein Kletterer die eigenen Grenzen kannte, war für Preuß daher immer auch eine Frage der Sicherheit.
Auf die zunehmende Kritik reagierte er mit sechs Grundsätzen. Im Kern ging es um ein Prinzip: Die Schwierigkeit einer Route sollte durch das Können des Kletterers bewältigt werden, nicht durch technische Hilfsmittel. „Das Können ist des Dürfens Maß“ – so brachte Preuß es in einem seiner bekanntesten Sätze auf den Punkt. Damit war der Streit mehr als eine Auseinandersetzung über ein Stück Eisen im Fels. Es ging um die Frage, was eine bergsteigerische Leistung überhaupt ausmacht – denn entscheidend war für Preuß nicht, dass man auf einen Berg hinaufkam, sondern vor allem wie.
Der Tod – und was danach kam
Zwei Jahre später sollte sich zeigen, wie konsequent Preuß seine Prinzipien auch im entscheidenden Moment verfolgte. Was genau Anfang Oktober 1913 am Nördlichen Mandlkogel geschah, ließ sich nie mit Sicherheit rekonstruieren. Möglicherweise stürzte er beim Versuch ab, unter den gelben Überhängen im oberen Wandteil in leichteres Gelände zu queren. Unter Umständen wurde ihm aber auch eine Unachtsamkeit während einer Rast zum Verhängnis: Zehn Jahre nach seinem Absturz wurden am Wandfuß sein Rucksack sowie sein aufgeklapptes Taschenmesser gefunden.
Naheliegend scheint nach seinem Tod die Frage: War Preuß an seinen eigenen Grundsätzen gescheitert? Hätte ein Seilpartner seinen Sturz verhindern können? Hätte ein Haken ihn gehalten? Doch die zeitgenössische Reaktion war keineswegs von diesem Vorwurf geprägt – Betroffenheit und Bewunderung für den jungen Ausnahmekletterer standen im Vordergrund.
Im Anschluss geriet Preuß‘ Vorstellung vom „reinen“ Bergsteigen weitgehend in Vergessenheit – nicht zuletzt, weil Preuß jüdischer Herkunft war und völkisch-antisemitische Funktionäre der Alpenvereine das Andenken an jüdische Kletternde gezielt kleinhielten. Erst ab den 1960er-Jahren rückte er wieder stärker ins Bewusstsein der Kletterszene. Einen entscheidenden Anteil daran hatte Reinhold Messner, der Preuß‘ Schriften neu herausgab, seine Gedanken einem modernen Publikum zugänglich machte und ihn als geistigen Vater des modernen Freikletterns würdigte.
Mehr als 100 Jahre nach dem Mauerhakenstreit: Die Frage bleibt aktuell
Was Preuß 1911 formulierte, war mehr als eine Ablehnung von Haken. Seine sechs Grundsätze beschreiben eine Vorstellung vom Bergsteigen, bei der der Mensch den Schwierigkeiten gewachsen sein sollte. Genau darin liegt die heutige Relevanz. Die Ausrüstung hat sich seit 1911 gewaltig verändert, die grundlegende Frage ist aber geblieben: Wie viel Unterstützung ist am Berg erlaubt? Sie stellt sich beim Bohrhakenabstand und der Sanierung alter Klassiker ebenso wie bei der Besteigung von Achttausendern mit Fixseilen und Flaschensauerstoff.
Eine Antwort darauf liefert Preuß‘ eigener Werdegang. Er begann mit leichten Touren, sammelte Erfahrung und bewegte sich Schritt für Schritt in anspruchsvolleres Gelände. Gerade diese Lernkurve gerät im modernen Bergsport leicht aus dem Blick, wenn Fotos und Videos im Internet den Eindruck erwecken, große Ziele seien ohne lange Vorbereitung erreichbar. Doch sein Tod zeigt ebenso: Ein Restrisiko bleibt am Berg immer, wie hoch das Können auch sein mag.
Dass Preuß‘ Gedanken bis heute weiterleben, zeigt auch die Internationale Paul-Preuss-Gesellschaft. Sie zeichnet mit ihrem Paul-Preuss-Preis Kletterinnen und Kletterer aus, deren gesamtes Lebenswerk für herausragende alpine Leistungen „by fair means“ steht – also für ein Bergsteigen ohne übermäßige technische Hilfsmittel, wie es bereits Preuß‘ sechs Grundsätze forderten. Zu den bisherigen Preisträgerinnen und Preisträgern gehören Reinhold Messner, Alexander Huber und Barbara Zangerl.

Preuß‘ Vermächtnis ist deshalb nicht die Forderung, auf Haken, Seile oder andere Hilfsmittel zu verzichten. Es liegt vielmehr in der Frage, ob wir sie einsetzen, um eine Schwierigkeit zu bewältigen, der wir eigentlich noch nicht gewachsen sind. Moderne Ausrüstung kann Risiken verringern. Die Verantwortung, die eigenen Fähigkeiten richtig einzuschätzen, nimmt sie uns nicht ab.
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Credits: Titelbild: Wikimedia Commons

