Profibergsport und Klimaschutz: ein (immer noch) unbequemer Zusammenhang

Der Ausnahmebergsteiger Kilian Jornet veröffentlicht jährlich seinen »Carbon Footprint«. Mit seiner Transparenz ist in der Profiszene ziemlich allein. Warum fällt es noch immer so schwer, über Klimabilanz im professionellen Bergsport zu sprechen?

Ein Meinungsbeitrag aus der LACRUX-Redaktion

Seit einigen Jahren teilt der spanische Alpinist und Ultraläufer Kilian Jornet nun schon seinen CO₂-Fußabdruck detailliert auf Instagram. Wenig überraschend entfiel dabei auch 2025 der Mammutanteil auf seine Reisen als Bergsportprofi. Vergangenes Jahr flog der 38-Jährige für seine Projekte zweimal in die USA und bestieg dort unter anderem alle 72 Viertausender des Landes. »Damit bin ich Teil des Problems«, sagt er.

Mein Lebensstil als Athlet ist nicht immer nachhaltig.

Kilian Jornet

Dieses Jahr taucht Jornet noch etwas tiefer in seinen »Carbon Footprint« ein. In seinem Post legt er offen, wie er seinen Fußabdruck außerhalb seines Athletendaseins kompensieren will: bei Ernährung, Konsum oder Investments. Und er teilt sein schlechtes Gewissen: »Ich habe Angst, dass meine Kinder die Berge einmal nicht so erleben können wie ich«, sagt Jornet, der 2025 zum dritten Mal Vater wurde. Damit legt er den Finger in die Wunde des Profibergsports, der immer noch mit dem Thema Nachhaltigkeit hadert.

Das Dilemma mit dem Klima und dem Profibergsport

Mit seiner jährlichen Offenlegung geht Kilian Jornet als einer von nur wenigen Bergsportprofis transparent mit dem eigenen ökologischen Fußabdruck um. Auch er unterliegt dabei dem Dilemma aller hauptberuflichen Kletter*innen, Alpinist*innen & Co.: Wer seinen Sport professionell betreibt, muss zu Wettkämpfen reisen, ferne Gipfel besteigen und die schwersten Linien der Welt klettern. Umweltschutz lässt sich mit der CO₂-Bilanz dieses Berufs nur schwer vereinbaren – und auch schwer argumentieren.

Wenn sich professionelle Bergsportler*innen zur Klimakrise äußern, geraten sie in die nächste Zwickmühle. Denn selbst gutgemeinte Statements oder Tipps verlieren spätestens dann an Authentizität, wenn deren Urheber regelmäßig um die halbe Welt fliegt. Dass dieser Widerspruch nur schwer auszuhalten ist, zeigte schon die lebhafte Diskussion um die Flugreisen von »Fridays for Future«-Aktivistin Luisa Neubauer vor einigen Jahren. Gleichzeitig bleibt damit die Hürde für Profikletter*innen und -bergsteiger*innen hoch, sich öffentlich für das Thema einzusetzen.

Warum die Vorbildfunktion kein ausgelutschtes Argument ist

Natürlich sind Profisportler*innen weder Klimaaktivist*innen, noch ist es ihre Aufgabe, die Klimakrise eigenhändig zu lösen. Trotzdem ist belegt, dass sportliche Vorbilder dieses Thema als wichtige Kommunikatoren auf die Agenda der Szene setzen können. Gerade im Bergsport liegt die Vermutung eigentlich nahe, dass hier angesichts schmelzender Gletscher ein überdurchschnittliches Bewusstsein für die Klimaproblematik existiert.

Österreichs größter Gletscher, die Pasterze (fotografiert 2018), hat sich 2025 um weitere 203,5 Meter zurückgezogen – laut Alpenverein ein »Warnsignal an die Klimapolitik« (Bild: Adobe Stock Standardlizenz/Ingo Bartussek)

Das Problem mit der Vorbildsein beginnt bei Profis übrigens wie bei Privatpersonen in der Regel da, wo Abstriche gemacht werden wollen. Es ließe sich genauso gut argumentieren, dass gerade professionelle Athlet*innen sich aufgrund ihrer Karriere diesbezüglich mehr leisten können sollten als Hobbysportler*innen.

Dass dem Klima unsere Argumente und persönlichen Befindlichkeiten egal sind, zeigt der Global Tipping Points Report für 2025. Der Bericht warnt jährlich vor irreversiblen Veränderungen im Erdsystem – vergangenes Jahr wurde der erste klimabedingte Kipppunkt überschritten.

Einschränkungen kommen auf uns alle zu

»Wenn wir unseren Bergsport nicht aufgeben wollen, aber dennoch ökologisch nachhaltig leben möchten, müssen wir unseren CO2-Fußabdruck verringern«, sagt auch die Kletterin und Ökologin Lena Müller. Gemeinsam mit Profiathletin Sofie Paulus hat sie den Begriff des »Ecopointing« geprägt, bei dem es um eine emissionsarme Anreise zum Klettern geht.

Mit dem Fahrrad an den Fels. (Bild Ecopoint Frankenjura)
Klimaschutz im Kleinen: Die Initiative Ecopoint will die Anfahrt zum Klettern neu und nachhaltig denken (Bild: Ecopoint Frankenjura)

Bergsport zu betreiben ohne sich der Klimakrise und ihren verheerenden Folgen für unseren Planeten bewusst zu sein ist unvereinbar mit dem Grundgedanken des Sports selbst. Denn anders als im Fußball sind wir auf den Fortbestand natürlicher Ökosysteme angewiesen.

Es ist nachvollziehbar, dass sich niemand gerne bei dem einschränkt, was man am liebsten tut. Trotzdem fallen manche Entscheidungen früher oder später von selbst, wenn bestimmte Naturräume nicht mehr für den Sport nutzbar werden. Pointiert formuliert: Veränderungen im Bergsport aufgrund der Klimakrise sind eine Frage der Zeit. Wenn es unter Profis zur Norm, bestimmte Verhaltensweisen zu hinterfragen und bewusst klimafreundlicher zu handeln, kommt das vielleicht auch mehr im Breitensport an. Gefragt sind wir aber letztlich alle.

Mehr Ehrlichkeit als Chance für Veränderung

Der Sportwissenschaftler und Bergführer Max Bolland argumentierte vor einigen Jahren im Panorama des DAV: »Das Kernproblem bei der Bewältigung der Klimakrise: Es ist allzu verlockend, auf andere zu zeigen«.

Ums Fingerzeigen geht es weder Kilian Jornet noch hier bei der Berichterstattung. Gleichzeitig erkennt auch Jornet an, dass Profibergsportler*innen Vorbilder und ein wichtiges Sprachrohr in der Szene sind. Langfristig ist ihr Beruf auf den Erhalt alpiner Ökosysteme angewiesen.

Professionelle Bergsportler*innen können und sollten beim Thema Klimaschutz mehr Verantwortung zeigen. Nicht als perfekte, aber doch authentische Vorbilder, die sich bewusst mit den negativen Auswirkungen ihres Berufs auseinandersetzen. Und als Anstoßgeber für den Austausch mit Sponsoren und anderen Organisationen, die mehr für echte Nachhaltigkeit im Bergsport tun können (und sollten) als Einzelpersonen.

Wer dabei mit gutem Beispiel vorangehen will, muss nicht auf jeden einzelnen Klettertrip verzichten. Offen mit dem eigenen ökologischen Fußabdruck umzugehen und nach besseren Lösungen zu suchen ist ein guter Anfang. Wie Kilian Jornet schreibt: »Ich bin nicht perfekt, aber ich glaube an Transparenz. Wenn wir über Nachhaltigkeit in unserem Sport sprechen, müssen wir ehrlich sein – über Kompromisse, Widersprüche und das, was wir wirklich machen. Alles andere ist Marketing.«

Lacrux TV: unsere Sendung zum Thema

Auch wir bei Lacrux TV haben dieses komplexe Thema bereits auf unserem YouTube-Kanal behandelt. Dafür haben wir mit Profiathlet*innen wie Alex Megos, Sofie Paulus, Siebe Vanhee oder Sébastien Berthe gesprochen. Die ganze Sendung könnt ihr hier noch einmal nachschauen.

Was denkt ihr?

Ist es die Verantwortung von Bergsportler*innen, Klimaschutz bei ihrem Sport mitzudenken – und haben Profis dabei eine besondere Vorbildfunktion? Oder muss am Ende jeder für sich entscheiden, welche Einschränkungen er oder sie für das Klima in Kauf nimmt?

Wir freuen uns auf eure Einschätzungen in den Kommentaren. Bitte bleibt dabei wie immer respektvoll und konstruktiv.

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Credits Titelbild: Adobe Stock/Standardlizenz, Nr. 316814543/Ingo Bartussek

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