Bei seinem dritten Anlauf haben Wetter, Bedingungen sowie körperliche und mentale Verfassung perfekt gepasst. Am 21. März erreichte der Profialpinist David Göttler solo und ohne zusätzlichen Sauerstoff den Gipfel des Mount Everest. Ein Gespräch über Risikomanagement, Erwartungen und Begehungsstile.

David Göttler, herzliche Gratulation. Wie fühlt sich der Gipfelerfolg mit etwas zeitlichem und auch geografischen Abstand an?

Vielen Dank. Es war ein ziemlich guter Tag da oben. Ich konnte es bis jetzt gar noch nicht so richtig einordnen oder verarbeiten. Als geht immer alles so schnell. Aber so langsam kommt es an.

Wie war das auf dem Gipfel. Kamen da schon Glücksgefühle auf?

Eher weniger. Einerseits gibt es eine gewisse Erleichterung, dass man nicht mehr weiter nach oben steigen muss. Andererseits war ich gerade am Gipfeltag noch sehr angespannt und unter Strom. Denn ich habe gewusst, dass ich vom Hauptgipfel wieder zum Südsattel kommen muss. Da gibt es ein paar tricky Passagen, glücklicherweise war ich komplett alleine.

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Der halbe Weg ist geschafft: David Göttler auf dem Gipfel des Mount Everest. Bild: David Göttler

Inwiefern tricky?

Da es diesen Frühling relativ wenig Schnee hatte, gab es vor dem Hillary Step eine unangenehme Plattenpassage. Kletterer und Boulderer würden sich jetzt die Zunge lecken und sagen: Hey ist ja ein super Boulderproblem. Aber so auf 8700 Metern Höhe, ohne Sauerstoff und mit Steigeisen ist dies nicht so verlockend.

Entweder geht man über einen wackligen Grat oder etwas unterhalb. Ich hab die untere Variante gewählt, bei der man mit den Steigeisen quasi über die Platte kratzt und sich mit den Händen irgendwie an der oberen Kante festkrallt.

Bei solchen Passagen musst du dich voll konzentrieren und es braucht einfach unglaublich viel Kraft. Nach drei Moves da oben setzt du dich sofort hin und holst erst einmal eine gefühlte Ewigkeit Luft.

„Kletterer und Boulderer würden sich jetzt die Zunge lecken und sagen: Hey ist ja ein super Boulderproblem. Aber so auf 8700 Metern Höhe, ohne Sauerstoff und mit Steigeisen ist dies nicht so verlockend. „

David Göttler

In wie viele Etappen hattest du deinen Aufstieg beim Summit-Push gegliedert?

Ich bin vom Basislager am ersten Tag ins Lager drei aufgestiegen. Dann habe ich mich dort den ganzen Tag erholt und bin am nächsten Tag in der Früh ins Lager vier auf 7900 Metern gegangen. Nach ein paar Stunden Pause bin ich abends um halb zehn Richtung Gipfel losgezogen. Vom letzten Lager am Südsattel habe ich genau zwölf Stunden und 20 Minuten bis zum höchsten Punkt gebraucht.

Ich bin dann am selben Tag wieder bis ins Lager drei abgestiegen. Ich hatte im Lager vier zwar ein Zelt und eine Isomatte, aber keinen Schlafsack. Deshalb wollte ich die Nacht nicht dort verbringen, was nach dem Gipfel auch zu hoch und zu gefährlich gewesen wäre.

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Am Gipfeltag hat alles gepasst: Wetter, Bedingungen sowie die körperliche und geistige Verfassung. Bild David Göttler

Was für eine Rolle hinsichtlich deiner Strategie haben deine Erfahrungen aus den Jahren 2019 und 2021 gespielt?

Eine sehr wichtige. Jeder Versuch, jede Expedition hat irgendwie dazu beigetragen. Beispielsweise habe ich meine Taktik geändert und bin vom Basislager direkt ins Lager drei gegangen, statt wie früher nur ins Lager 2. Denn von dort bis zum Südsattel war es immer ein sehr langer Tag.

Oben am Berg war es ein zweischneidiges Schwert. Man vergleicht natürlich immer mit diesen alten Erfahrungen. Wenn man sich dann mal schlechter fühlt, als bei den früheren Versuchen, kann dies voll auf die Stimmung schlagen. Das muss man dann mental irgendwie abschalten können.

„Wenn man so oft irgendwo hingeht, läuft man einfach Gefahr, dass man seine eigenen Erwartungen immer höher schraubt oder mit älteren Erfahrungen abgleicht.“

David Göttler

Da habe ich mit einer Mentaltrainerin im Vorfeld viel dran gearbeitet. Und es hat echt was genützt. Wenn man so oft irgendwo hingeht, läuft man einfach Gefahr, dass man seine eigenen Erwartungen immer höher schraubt oder mit älteren Erfahrungen abgleicht.

Welche Risiken birgt dein Begehungsstil am Everest, sprich solo und ohne zusätzlichen Sauerstoff unterwegs zu sein und wie gehst du damit um?

Klar ist es ein erhöhtes Risiko. Auf der anderen Seite – und das hat man ja auch die Jahre zuvor gesehen – drehe ich halt auch viel eher um. Ich bin mir des Risikos schon bewusst. Nur schon dadurch, dass ich das ja schon sehr lange mache und viel Erfahrungen sammeln konnte.

Manchmal sehe ich Leute, die das erste Mal an einem Achttausender sind und gleich ohne Sauerstoff und ohne Sherpas gehen wollen. Die gehen teilweise Risiken ein, dass es mir die Nackenhaare aufstellt. Ich glaube schon, dass ich da in einem anderen Bereich unterwegs bin. Man muss einfach umdrehen können und kann halt einfach nicht so weit pushen.

„Wenn du beispielsweise einen Sherpa dabei hast, der dir deinen Notsauerstoff trägt, dann kannst du, auch wenn du es ohne probierst, pushen bis du aus den Schuhen kippst. Denn wenn er dir dann Sauerstoff gibt, bist du plötzlich Superman.“

David Göttler

Und genau darum sind auch diese Stilnuancen so entscheidend. Wenn du beispielsweise einen Sherpa dabei hast, der dir deinen Notsauerstoff trägt, dann kannst du, auch wenn du es ohne probierst, pushen bis du aus den Schuhen kippst. Denn wenn er dir dann Sauerstoff gibt, bist du plötzlich Superman.

Und das habe ich halt nicht. Bei jeder Passage habe ich mir überlegt und ich mich reinzuhören versucht, ob ich das auf dem Rückweg noch drauf habe, ob meine Kraft noch reicht. Wäre das Wetter ein bisschen weniger perfekt gewesen, wäre es wieder ein ganz anderes Spiel gewesen. Diese Jahr fühlte ich mich geistig sehr fit. All diese Faktoren muss man die ganze Zeit abwägen und das ist das schwierige.

„Bei jeder Passage habe ich mir überlegt und ich mich reinzuhören versucht, ob ich das auf dem Rückweg noch drauf habe, ob meine Kraft noch reicht.“

David Göttler

Ich würde mich jetzt nicht als Hasardeur oder risikofreudiger Mensch bezeichnen. Ich glaube, das sieht man auch von meiner Historie her, wie oft wir umgedreht sind. Der Everest war jetzt nach 2013 meine letzte wirklich erfolgreiche Achttausender-Expedition, bei der ich wirklich am Gipfel war. Am Shishapangma zum Beispiel sind wir 20 Meter unter dem Gipfel umgekehrt, weil uns die letzte Passage zu Lawinengefährlich war.

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Glücksmomente während der Akklimatisation: David Göttler erlebt ein Halo. Bild: David Göttler

In einem Insta-Post hast du im Bezug auf den Everest kürzlich über Stolz und Ego gesprochen. Was treibt dich in deinem Inneren an?

Tief drinnen ist es schon die Neugierde. Wie funktioniere ich auf diesen letzten 100 Metern? Wie fühlt sich das an? Und dann auch der sportliche Aspekt, den höchsten Punkt der Erde in diesem für mich fairen Stil zu erreichen. Das ist die Motivation.

Aber gerade wenn man solche Ziele hat, wo man immer wieder hinkommt und die einem so viel abverlangen, hat man dieses Risiko, dass man sich verliert. Man fragt sich, ob das der eigene Schicksalsberg wird und man selber zum Sisyphus. Das gehört dazu, auch wenn es nicht das ist, was man sich wünscht, dass es passiert.

„Im Moment bin ich mit manchen Gefühlen noch ein wenig hin und her gerissen. Aber am Ende ist es ein Gefühl für die Ewigkeit.“

David Göttler

Was nimmst du von deiner jüngsten Besteigung mit?

Das ist schwierig zu beschreiben. Es ist so eine Erfülltheit und Zufriedenheit, die sich dann irgendwann mal einstellt. Im Moment bin ich mit manchen Gefühlen noch ein wenig hin und her gerissen. Aber am Ende ist es ein Gefühl für die Ewigkeit.

Ich kenn das von anderen Achttausendern her, die ich bestieg. Oder auch von anderen Zielen, auf die ich so lange hingearbeitet und in die ich so viel investiert habe an Energie, Kraft, Ausdauer und geistiger Energie. Das trägt mich unglaublich lange und motiviert mich über Jahre hinweg.

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David Göttler: „Solch ein Erlebnis Das trägt mich unglaublich lange und motiviert mich über Jahre hinweg.“ Bild: David Göttler

Du hast all deine bisherigen Achttausender im Alpinstil und ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen. Warum ist dir dies so wichtig?

Es entspricht einfach der Art, wie ich das Bergsteigen gelernt habe. Ich bin in den Alpen aufgewachsen und mit meinem Vater Bergsteigen gegangen. Dann bin ich über das DSV-Kader zum Expeditionsbergsteigen gekommen.

Ich habe gelernt, dass ich unabhängig bin, dass ich niemanden habe, der mir meine Sachen hinterherträgt, der mir mein Zelt aufstellt oder der für mich Wasser kocht. Und dieses Sauerstoff-Thema war Gott sei dank am Anfang noch nicht da. Wir haben mit Sechstausendern angefangen und da hast du keinen Sauerstoff benutzt.

„Für mich ist es auch die Form, die fair gegenüber dem Berg ist. Die Schwierigkeit an einem Achttausender liegt nun mal darin, dass es in dieser Höhe viel weniger Sauerstoff gibt.“

David Göttler

Meinen ersten Achttausender durfte ich in einem sehr erfahrenen Team um Gerlinde Kaltenbrunner, Ralf Dujmovits, Michi Wärthl, Eero Gustafsson und Hirotaka Takeuchi machen. Alle haben die 14 Achttausender in ihren Ländern jeweils mehr oder weniger als Erste gemacht. Und alle haben immer Wert darauf gelegt, dass es ohne Sauerstoff war.

Für mich ist es auch die Form, die fair gegenüber dem Berg ist. Die Schwierigkeit an einem Achttausender liegt nun mal darin, dass es in dieser Höhe viel weniger Sauerstoff gibt. Ob man da Fixseile nimmt oder nicht, kann man damit vergleichen, ob man eine Route mit Bolts oder Trad klettert. Sobald ich aber eine Sauerstoffmaske aufsetze, eliminiere ich diese Schwierigkeit der Natur.

Du hast nach deine Begehung relativ schnell und ziemlich detailliert klargestellt, welche Infrastrukturen du punktuell genutzt hast. Wolltest du damit deinen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen?

Ich wollte einfach einen Stil aufzeigen, wie ich es mir wünschen würde, dass im Himalaya-Bergsteigen kommuniziert wird. Ich möchte nicht darüber urteilen, welcher Stil der Bessere ist oder wie es jemand machen soll. Jeder soll tun, was er will. Wir haben im Bergsteigen den Luxus, dass wir keine Regeln haben.

„Wir haben im Bergsteigen den Luxus, dass wir keine Regeln haben. Aber dies bringt mit sich, dass wir wirklich unglaublich ehrlich sein sollten.“

David Göttler

Aber dies bringt mit sich, dass wir wirklich unglaublich ehrlich sein sollten. Wenn fürs Gipfelfoto alle die Sauerstoffmaske abnehmen, sodass man regelrecht danach suchen muss und sie auch nichts erwähnen, dann frustriert mich das. Ich würde mir wünschen, dass man zuerst einfach mal sagt, wo man sich das Leben leichter gemacht hat.

Meist wird dies erst im zehnten Post erwähnt, aber dann kräht kein Hahn mehr danach. Ich wollte es dieses Mal anders herum machen und jetzt, wo die Medienaufmerksamkeit noch gross ist, sagen, dass ich dieses oder jenes benützt habe.

Wen siehst du in der Pflicht, damit es eine differenziertere öffentliche Wahrnehmung der Achttausender-Begehungen geben könnte?

Eigentlich alle: Die Medien, die Journalisten, die Athleten selber, die noch viel mehr aufklären müssen, sowie auch die Firmen und Sponsoren, die auch unglaublich schlecht damit umgehen und sich auf lange Sicht keinen Gefallen tun.

„Es ist so, wie wenn man einen 9a Trad-Climb mit einer Via Ferrata vergleichen würde.“

David Göttler

Wir müssen damit anfangen zu differenzieren. Wie gesagt, ich habe kein Problem damit, wenn 500 Leute mit Sauerstoff den Everest besteigen, sich hochziehen lassen und vom Lager zwei mit dem Helikopter runterfliegen, was mittlerweile Standard ist.

Für mich ist das einfach generell keine sportlich erwähnenswerte Leistung. Und es hat für mich nichts mit Achttausender-Bergsteigen im eigentlichen Sinne zu tun. Es ist so, wie wenn man einen 9a Trad-Climb mit einer Via Ferrata vergleichen würde.

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Credits: Titelbild David Göttler

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