Der „Pillewizer“ verliert seinen Namen: Alpenverein Salzburg beendet Ehrung von Gletscherforscher mit NS-Vergangenheit

Fast 40 Jahre lang trug besagter Gratsporn in der Venedigergruppe der zentralen Ostalpen den Namen des Kartographen und Glaziologen Wolfgang Pillewizer. Dessen Vergangenheit als NSDAP- und SA-Mitglied arbeitet der Alpenverein Salzburg jetzt auf. Das Gipfelschild wurde entfernt, der Berg soll künftig namenlos bleiben.

Am 28. August 2026 hat der ehemalige „Pillewizer“ (2.999 m) über dem Obersulzbachtal sein Gipfelschild und seinen Personennamen verloren. Der Alpenverein Salzburg beendete in einer offiziellen Veranstaltung die Ehrung des österreichischen Kartografen und Hochgebirgsforschers Wolfgang Pillewizer (1911–1999). Grund dafür ist Pillewizers Eintritt in die NSDAP und SA ab 1932 – dieser wurde vom Komitee, das dem Gipfel 1988 seinen Namen vergab, nicht thematisiert.

Der Alpenvereinssektion Salzburg distanziert sich mit der Entscheidung bewusst von einer personenbezogenen Ehrung, die „nicht mit unserer Haltung für eine offene, inklusive Gesellschaft übereinstimmt„, betont Sektionsvorsitzender Gerd Frühwirth.

Gerd Frühwirth (links) und Roland Kals entfernen das Gipfelschild am „Pillewizer“, der somit wieder namenlos wird. | Bild: Alpenverein Salzburg

Ehrung von Pillewizer schon 1988 umstritten

Der ehemalige Pillewizer liegt zwei Kilometer nördlich des Großvenedigers in den Hohen Tauern. Lange trug der knapp unter 3.000 Meter hohe Gipfel gar keinen Namen – bis er 1988 nach dem Gletscherforscher benannt wurde. Nach Recherchen von Nicole Slupetzky, Historikerin und Vizepräsidentin des Österreichischen Alpenvereins, sorgte die Benennung schon damals für Diskussionen. Die Salzburger Ortsnamenkommission, in der auch der Alpenverein vertreten war, äußerte sich zwar kritisch, ließ die Benennung aber zu.

Wolfgang Pillewizer war dem Alpenverein zu Lebzeiten eng verbunden. In seiner Studienzeit wurde er Mitglied der Sektion Graz, ab 1936 arbeitete er in der Alpenvereinskartographie mit. Seine wissenschaftliche Beschäftigung mit Hochgebirgskartographie und Gletscherforschung führte ihn auch in die Venedigergruppe, wo er Vermessungsarbeiten durchführte.

Während der NSDAP-Diktatur machte Pillewizer Karriere – heute wird er von Historikerinnen wie Slupetzky als klarer Profiteur des NS-Regimes eingestuft. Die Ehrung seiner Person erlebte er 1988 im Alter von 77 Jahren mit. Seine NS-Vergangenheit trat dabei in der Öffentlichkeit hinter seine berufliche Bedeutung zurück, so der Alpenverein-

Wer so früh der NSDAP beigetreten ist, den kann man nicht als Mitläufer bezeichnen.

Nicole Slupetzky, Historikerin und Vizepräsidentin des Österreichischen Alpenvereins
Nicole Slupetzky, Historikerin und Vizepräsidentin des Österreichischen Alpenvereins | Bild: APA/Ludwig Schedl

Gipfel wieder ohne Namen und mit tatsächlicher Höhe

Künftig soll der Gipfel wie schon bis 1988 ohne Namen verbleiben. Die Kürsinger-Hütte, die höchstgelegene Schutzhütte des Alpenverein Salzburg, führt den Grat nun wieder als namenloses Tourenziel an. Auch seine tatsächliche Höhe ist nun berichtigt. Um die 3.000-Meter-Marke zu knacken, stapelten Besucher anlässlich der Benennung 1988 extra Steine auf dem Gipfel. Mit der Demontage des Schildes wurde nun auch die offizielle Höhe in den Karten wieder auf die tatsächlichen 2.999 Meter korrigiert.

„Ein Berg muss weder größer gemacht noch mit einem großen Namen versehen werden, um Bedeutung zu haben“, sagt Nicole Slupetzky. „Sein Wert liegt nicht in einer runden Zahl oder in einer Gedenktafel, sondern in seiner Natur, seiner Geschichte und in unserer Begegnung mit ihm.“

Gerd Frühwirth entfernt Steine, um die 3000-Meter-Marke zu unterschreiten. | Bild: Alpenverein Salzburg

Erinnerungskultur – auch am Berg

Es ist nicht das erste Mal, dass der Österreichische Alpenverein historisch belastete Ehrungen neu bewertet. 2025 hatte der Alpenverein Salzburg einstimmig beschlossen, die Dr.-Heinrich-Hackel-Hütte im Tennengebirge wieder Sölden-Hütte zu nennen. Diesen Namen trug sie bei der Eröffnung 1913, erhielt aber 1944 eine Umbenennung nach Hackl, dem damaligen Vorsitzenden des Alpenvereins Salzburg. Hackl hatte sich als überzeugter Antisemit schon sehr früh for den Ausschluss jüdischer Frauen und Männer am Berg stark gemacht.

Mit der Wieder-Umbenennung in Sölden-Hütte wolle man dafür sorgen, dass Namensgeber „persönliche Untadeligkeit und Kameradschaft sowie Toleranz gegenüber den Menschen innerhalb und außerhalb des Vereins“ vorweisen können, sagte Dr. Roland Kals, 1. Vorsitzender Alpenverein Salzburg.

Der Alpenverein entscheidet nicht allein über die amtliche Führung geografischer Namen. Man arbeite mit den zuständigen Stellen zusammen, um die betroffenen Erhebungen in Karten und geografischen Datenbeständen künftig wieder ohne den Personennamen zu führen. Das gilt auch für veraltete Bezeichnungen in den eigenen Touren- und Informationsangeboten. Während damit alte Namen verschwinden, soll die Erinnerung an die historischen Umstände bleiben.

Nur mit einem kritischen Blick auf die Schattenseiten der eigenen Geschichte kann Ähnliches in Zukunft verhindert werden.

Nicole Slupetzky, Historikerin und Vizepräsidentin des Österreichischen Alpenvereins

Das könnte dich interessieren

+++

Credits Titelbild: Alpenverein Österreich

Aktuell

Jakob Schubert wiederholt „DNA“ – die erste bestätigte 9c der Klettergeschichte

Hunderte Zuschauer sahen zu, als der Tiroler den Umlenker von Seb Bouins "DNA" in der Verdonschlucht klippte. Mit seiner Live-Begehung kreierte Schubert einen Klettermoment, der in die Geschichtsbücher eingehen wird – als erste Wiederholung einer Route im Grad 9c, dem derzeit höchsten im Sportklettern.

Weltcups, WM & Olympia-Qualifikation | World Climbing stellt Saisonkalender 2027 vor

2027 wird ein wichtiges Wettkampf-Jahr – mit der Qualifikation für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2028, einer Weltmeisterschaft in Tschechien und einem vollen Weltcup-Terminkalender im Bouldern, Lead, Speed und Para Climbing.

Hard Sends: Sébastien Bouin bei der Erstbegehung von „Le Chant des Muses“ (9b)

Im April 2026 gelang Bouin die Begehung seines Projekts "Le Chant des Muses" an der Romeyer-Wand in der Drôme. Ein Film von Black Diamond zeigt den französischen Ausnahmekletterer hinter den Kulissen und seinen Weg bis zum Durchstieg.

Silvan Schüpbach: Neue, wilde Kletterroute im Berner Oberland

Silvan Schüpbach und Janluca Kostner haben „Untergang der Titanen" (8a) in der Nordwand des Gross Wellhorns erstmals vollständig frei geklettert. Die 600-Meter-Route in den Berner Alpen bleibt über 20 Seillängen konstant schwer.

Jakob Schubert wiederholt „DNA“ – die erste bestätigte 9c der Klettergeschichte

Hunderte Zuschauer sahen zu, als der Tiroler den Umlenker von Seb Bouins "DNA" in der Verdonschlucht klippte. Mit seiner Live-Begehung kreierte Schubert einen Klettermoment, der in die Geschichtsbücher eingehen wird – als erste Wiederholung einer Route im Grad 9c, dem derzeit höchsten im Sportklettern.

Weltcups, WM & Olympia-Qualifikation | World Climbing stellt Saisonkalender 2027 vor

2027 wird ein wichtiges Wettkampf-Jahr – mit der Qualifikation für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2028, einer Weltmeisterschaft in Tschechien und einem vollen Weltcup-Terminkalender im Bouldern, Lead, Speed und Para Climbing.

Hard Sends: Sébastien Bouin bei der Erstbegehung von „Le Chant des Muses“ (9b)

Im April 2026 gelang Bouin die Begehung seines Projekts "Le Chant des Muses" an der Romeyer-Wand in der Drôme. Ein Film von Black Diamond zeigt den französischen Ausnahmekletterer hinter den Kulissen und seinen Weg bis zum Durchstieg.