Stauseen, Zufahrtsstraßen, Liftanlagen, Beschneiungsanlagen: Der Nutzungsdruck auf die alpinen Landschaften wächst stetig. Im Kühtai (Tirol) haben sich Mitte Juni die Alpenvereine aus Österreich, Deutschland und Südtirol mit zehn weiteren Naturschutzorganisationen – darunter WWF und BirdLife – zu einer breiten Allianz zusammengetan. Ihre gemeinsame Botschaft: Die Alpen sind keine unbegrenzte Ressource.
Ein Ort als Symbol
Der Schauplatz war bewusst gewählt. »Nicht weil es darum geht, eine Region an den Pranger zu stellen«, erklärt Wolfgang Schnabl, Präsident des Österreichischen Alpenvereins, »sondern weil hier sichtbar wird, was viele alpine Landschaften zunehmend prägt.« Skipisten, Lifte, Zufahrtsstraßen, Energieinfrastruktur und mittendrin eine Großbaustelle: Mit Muldenkippern, Bulldozern und Baggern wird gerade am 113 Meter hohen Staudamm für einen weiteren Speichersee im Längental gearbeitet.
Schnabl stellt klar, dass die Allianz weder gegen die Energiewende noch gegen einen verantwortungsvollen Tourismus auftritt. Beides aber dürfe »kein Freibrief für Eingriffe in sensible Hochgebirgslandschaften sein«. Je größer der Nutzungsdruck, desto dringender brauche es klare Leitplanken zum Schutz der letzten unberührten Ökosysteme.
Roland Stierle, Präsident des Deutschen Alpenvereins, der mit der Dortmunder Hütte seit den 1930er-Jahren in Kühtai präsent ist, formuliert die Lage folgendermaßen: Gerade weil man selbst Infrastruktur betreibe, rede man nicht leichtfertig über Grenzen der Erschließung. »Die entscheidende Frage lautet: Wann ist es genug?«
Die Zerstörungswut in den Bergen muss aufhören, denn die Zukunft der Alpen liegt in Nachhaltigkeit und nicht in Größenwahn.
Alberto Ghedina, Club Arc Alpin
Das Platzertal als nächster Brennpunkt
Was in Kühtai längst Realität ist, droht laut den Organisationen schon bald im Tiroler Platzertal: Dort soll trotz vieler offener Risiken ein Stausee entstehen, und zwar mitten in einem der größten noch weitgehend unberührten hochalpinen Moor- und Feuchtgebiete Österreichs. Marlis Knapp vom WWF nennt das widersinnig: Solche Naturräume speichern Wasser, binden CO₂ und bieten seltenen Arten Rückzugsraum. Während europaweit Millionen in die Wiederherstellung von Mooren fließen, soll ausgerechnet das Platzertal zerstört werden.
Wir müssen endlich aufhören, Energiewende und Naturschutz gegeneinander auszuspielen. Wer Klimaneutralität bis 2040 ernsthaft erreichen will, braucht beides.
Christina Stahl, Protect Our Winters Österreich

Auch eine demokratiepolitische Frage
Für Georg Simeoni, Präsident des Alpenvereins Südtirol, ist die Erschließung längst kein rein österreichisches Phänomen. In Italien wie in Deutschland und Österreich werde es für Naturschutzorganisationen zunehmend schwieriger, an Entscheidungsprozessen mitzuwirken und Perspektiven einzubringen. Eine Entwicklung, die er nicht nur ökologisch, sondern auch demokratiepolitisch für bedenklich hält.

Vier Forderungen an die Öffentlichkeit
Gemeinsam wenden sich die Alpenvereine und Naturschutzorganisationen mit vier Forderungen an die Öffentlichkeit:
Platzertal erhalten. Der größte hochalpine Moor- und Feuchtgebietskomplex ist durch ein Kraftwerksprojekt bedroht – ein ökologisch nicht vertretbarer Verlust.
Alternativen ernsthaft prüfen. Bestehende technische Räume sollen zuerst effizienter genutzt werden, bevor naturnahe Hochtäler verbaut werden. Großprojekte im Hochgebirge dürften nicht isoliert, sondern nur in ihrer Gesamtwirkung beurteilt werden.
Beteiligungsrechte sichern. Werden Umweltorganisationen und unabhängigen Instanzen Rechte genommen, schwäche das den Naturschutz und die demokratische Kontrolle gleichermaßen.
Klare Leitplanken zugunsten des Naturschutzes. Die Energiewende sei notwendig – aber beschleunigte Verfahren, vereinfachte Genehmigungen und gelockerte Schutzbestimmungen dürften die Grenzen nicht immer weiter zulasten der Natur verschieben.
Die Energiewende braucht keine neuen Megaprojekte im Hochgebirge. Denn was einmal verbaut ist, wächst nicht nach.
Florian Trojer, Heimatpflegeverband Südtirol
Hinter dem Appell stehen neben den drei Alpenvereinen unter anderem die Naturfreunde, CAI, Club Arc Alpin, BirdLife, WET (Wildwasser erhalten Tirol), Protect Our Winters, der Heimatpflegeverband Südtirol und der VAVÖ. Ihr gemeinsamer Nenner, in den Worten der Allianz: Was einmal verbaut ist, wächst nicht nach. Wer Bergnatur auch für kommende Generationen erhalten will, muss heute klare Grenzen ziehen.
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