Über das korrekte Sichern beim Seilklettern wurde im deutschen Sprachraum viel geschrieben und ausgiebig diskutiert. Trotzdem fordert Walter Britschgi ein Umdenken. Wir haben ihn in der Kletterhalle St. Gallen getroffen, um mehr über sein Sicherungskonzept zu erfahren. Basierend auf seinen umfangreichen Beobachtungen und Erkenntnissen aus Unfalluntersuchungen liefert der Sicherheitsbeauftragte des Kletterzentrums Gaswerk ein neuartiges Bedienungskonzept für Sicherungsgeräte und stellt dieses im heutigen Gastbeitrag vor: Der Zweihandsensor.

Ein Gastbeitrag von Walter Britschgi – Sicherheitsexperte des Kletterzentrums Gaswerk

Im Verlauf der letzten Jahre ereigneten sich Stürze auf den Hallenboden trotz voller Aufmerksamkeit, bei Einhaltung des Bremshandprinzips und korrekter Handposition. Das ist doch ein bemerkenswerter Sachverhalt. Nicht nur für Halle und Klettergarten, sondern auch im Gebirge will man sicher Sichern. Sichern will jeder richtig und jeder glaubt richtig zu Sichern. Doch die Handhabung befindet sich in einer Art Nebelzone der Wahrnehmung. Im Rahmen meiner 20jährigen Tätigkeit als Unfalluntersucher zeigte sich eine hohe Signifikanz bei der Ursachenbestimmung. Die Hauptursache von Bodenstürzen ist nämlich eine unwissentliche, gewohnheitsbedingte Fehlhandhabung von Seil und Gerät. Dies kann aber keiner bestimmten Zielgruppe angelastet werden. Alle sind davon betroffen – Alle, vom Anfänger bis zum Experten. Oft ist es nur ein fehlerhaftes Detail, welches bei fast jeder Sicherungsbewegung wiederkehrt. Aussenstehende, die genau hinschauen, erkennen den Fehler meistens sofort. Manchmal ist er jedoch kaum zu erkennen.

Die Nebelzone der menschlichen Wahrnehmung. (Bild Walter Britschgi)

Worauf es beim Sichern ankommt

Beginnen wir an der Basis. Es steht ausser Frage, dass ein Sturz nur durch den rechtzeitigen Zugriff der Bremshand gehalten werden kann. Dieses Zupacken muss aber auch dann gewährleistet sein, …

  • wenn der Sichernde gerade mal nicht hochschaut
  • wenn der Kletternde ausser Sichtweite ist
  • wenn die Bremshand tunnelt
  • wenn die Sensorhand tunnelt
  • wenn der Sichernde mit den Gedanken woanders ist o wenn der Sichernde total abgelenkt ist
  • wenn der Sichernde mit dem Nachbar im Gespräch steht, wobei Letzteres nicht als Freibrief zu verstehen ist

Gesucht ist also ein Konzept, welches eine höhere Zuverlässigkeit aufweisen soll als die bisherigen Attribute: volle Aufmerksamkeit, Bremshandprinzip und korrekte Handposition.

Das Bedienungskonzept des Zweihandsensor

Den Zweihandsensor sehe ich als das neue Bedienungskonzept im Bereich der Seil- und Gerätebedienung. Es ist die Basis für eine höhere Zuverlässigkeit; jedenfalls höher als dies mit den bisher favorisierten Faktoren möglich war.

Grundhaltung und Funktion des Zweihandsensor

Beide Hände klemmen leicht das Seil, wenn sie gerade nichts zu tun haben. Sobald die eine Hand tunneln muss – egal welche – bleibt die andere in der Klemmhaltung. So einfach ist das. Beim Zweihandsensor handelt es sich um eine wechselseitige Bereitschaftshaltung der Bremshand und (!) Sensorhand. Während die Bremshand tunnelt, muss die Sensorhand das Seil sensitiv und mit leichtem Klemmdruck festhalten; sozusagen auf der Lauer liegend. Nur damit kann auf verlässliche Weise eine Sturzbelastung als solche erkannt und gleichzeitig von einem schnellen Seilclippversuch unterschieden werden. Tunnelt die Sensorhand, muss die Bremshand “aufmerksam sein“. Eine der beiden Hände ist immer aufmerksam und bietet dadurch eine permanente Verbindung mit dem Kletternden. Eine Dauerbereitschaft die funktioniert, trotz Ablenkungen durch visuelle und akustische Umweltreize. Einfach deshalb, weil der Tastsinn, der an sich blind und gehörlos ist, nicht abgelenkt werden kann. Deshalb passt der Begriff – Die Aufmerksamkeit in die Hände nehmen – so gut.

Die Bereitschaftshaltung einnehmen

Die im folgenden vorgestellte Bereitschaftshaltung funktioniert, indem ein Knick im Verlauf des Seils eingenommen wird. Die Sensorhand befindet sich dabei nur wenig seitlich des Körpers. Sie hält das Seil auf Fühlung entsprechend den Aktionen des Vorsteigers. Sie liegt damit stetig auf der Lauer. Die Angewöhnung dieser Haltung gestaltet sich durchaus etwas schwierig, weil sie nach jeder Seilausgabe immer wieder erneut eingenommen werden sollte. Es wird etwas dauern, bis es zur Gewohnheit werden wird. Hinweis: Kein Schlappseil!

Die Bereitschaftshaltung gemäss des Zweihandprinzips. (Bild Walter Britschgi)

Die schnelle Seilausgabe

Die schnelle Seilausgabe ist der schwierigste Teilbereich des Sicherns. Das gilt für alle Geräte. Es darf jeweils nur eine Hand tunneln – die andere klemmt das Seil. Das ist leichter gesagt als getan. Je mehr es eilt, desto schwieriger gestaltet sich die Umsetzung dieser Anforderung. Ausbildner sind besonders gefordert, bei ihren Schützlingen auf die Bewegungen der Hände zu achten, weil sich eben diese Hände in der Nebelzone der Wahrnehmung befinden. Eine exakte Ausführung ist aber zwingend notwendig, denn Vorsicht, selbst eine kurze Teilstrecke Tunnelns – mit beiden Händen gleichzeitig – kann zu einem Unfall führen, wie eine von mir durchgeführte Unfallanalyse zutage brachte.


Über den Gastautor Walter Britschgi

Walter Britschgi ist ein Schweizer Sportkletterer, Bergsteiger, Vordenker und Tüftler mit praxis- und lösungsorienterter Vorgehensweise im Klettersport. Als Bergsteiger kletterte er durch viele klassische Fels- und Eiswände der Alpen. Seine Erstbegehungen im Fels sind sehr gut mit Bohrhaken gesichert. 
Seit zwei Jahrzehnten ist er im Kletterzentrum Gaswerk als Sicherheitsbeauftragter tätig. Dort wird die Weiterentwicklung der Sicherheit stark beeinflusst durch ein Kernteam von Experten aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen der Firma. Die Geschäftsleitung ermöglicht diese aufwändige Zusammenarbeit, die letztendlich weit über dem sonst bei Kletterhallen gewohnten Masse hinausgeht.

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