Die Kletterelite scheint die Reiselust wiederentdeckt zu haben. Erfolgsmeldungen erreichen uns nicht mehr nur aus den Heimatgebieten der Profis, sondern wieder verteilt aus allen Ecken Europas. Das lief in den letzten sieben Tagen.

David Firnenburg präsentiert ansehnliche Ticklist nach Céüse-Trip

David Firnenburg bei der Rotpunktbegehung von Pornographie in Céüse. (Bild Alexander Martin)
David Firnenburg bei der Rotpunktbegehung von Pornographie in Céüse. (Bild Alexander Martin)

Céüse war definitiv der Hotspot, der am meisten Kletterinnen und Kletterer anzog. Unter ihnen war auch David Firnenburg. Sechs Tage verbrachte er am weltbekannten Felsriegel in der Nähe der französischen Stadt Gap, wobei er einen guten Start hinlegte. Am ersten Tag gelang ihm nach wenigen Versuchen die Begehung der 8c-Route Chronique de la haine ordinaire. Doch so schnell wie die Begehung gelang, kehrte sich das Blatt. Wenig später stürzte Firnenburg kopfüber, griff dabei ins Seil und verbrannte sich dabei übelst die Hand.

“Zum Glück konnte ich unter Zuhilfenahme von Klettertape trotzdem weiterklettern.”

David Firnenburg

Ganz offensichtlich behinderte ihn die Verbrennung an der linken Hand nicht, denn an den Tagen drei und vier punktete er La part du diable (8c/c+) sowie Mr. Hyde (8c+). Letztere konnte Firnenburg im ersten richtigen Versuch klettern, nachdem er vorher zweimal die Sequenzen der Route ausboulderte. Das Tüpfelchen auf dem i war aber die Rotpunktbegehung der Route Pornographie (9a), erstbegangen von Alexander Megos.


Moritz Welt flasht 8c-Route und punktet 9a+ in Flatanger

Moritz Welt bei der Flashbegehung von Nordic Flower (8c) in Flatanger. (Bild Franz Kaiser)
Moritz Welt bei der Flashbegehung von Nordic Flower (8c) in Flatanger. (Bild Franz Kaiser)

Eine etwas weitere Reise auf sich nahm David Firnenburgs Landsmann Moritz Welt. Er reiste in den hohen Norden und kletterte in Flatanger. Zwei Wochen lang begnügte sich Moritz Welt mit für ihn leichteren Routen, um die nötige Ausdauer für seine wahren Projekte zu gewinnen. Eines dieser Projekte war die Flashbegehung der Route Nordic Flower, bewertet mit 8c. Als Rotpunktbegehungsprojekt hat sich Welt ein zweites Ausdauer-Testpiece in der Hanshelleren Cave ausgesucht: Thor’s Hammer (9a+).

Wie gesagt liess sich Moritz genügend Zeit, um die notwendige Ausdauer aufzubauen. Das ist auch nötig, ist doch die Route rund 60 Meter lang.

“Ich habe mir sämtliche Videos von Nordic Flower angeschaut, Miro Enzenberger beim Klettern der ersten Seillänge zugeschaut und fühlte mich dann parat.”

Moritz Welt

Trotz der minutiösen Vorbereitung und des Routenstudiums war die Flashbegehung kein Geschenk. Moritz Welt kämpfte sich Zug um Zug hoch und kam komplett erschöpft am Umlenker der Route Nordic Flower an, nach 60 intensiven Klettermetern: Flashbegehung – check!

Weniger schnell klappte es mit seinem zweiten Ziel des Norwegen-Trips, der Route Thor’s Hammer. Während drei Wochen biss sich Welt die Zähne an den ersten zehn Metern aus. Kein gutes Zeichen, wenn man bedenkt, dass auch diese Route 60 Meter lang ist.

“Die Route Thor’s Hammer hat sich als grösster Kampf meiner Karriere herausgestellt – mental als auch physisch.”

Moritz Welt

Immer wieder tüftelte Welt an neuen Lösungen, bis er zu seiner eigenen Überraschung die erste Sequenz klettern konnte, sogar die zweite und dritte Schlüsselstelle mit Bravour meisterte – und die letzten Meter der Route erreichte. Fünf Kletterzüge im Schwierigkeitsgrad 7a standen auf dem Programm, nichts im Vergleich zu dem, was Moritz Welt bis zu diesem Punkt kletterte. Doch der Pump in den Unterarmen und der mentale Druck liessen ihn scheitern.

“Ich war mir nicht sicher, ob ich die erste Sequenz und all diese Schlüsselstellen noch einmal klettern kann, denn mir blieben nur noch zwei Klettertage.”

Moritz Welt

Mit diesem späten Abgang kurz vor dem Umlenker am Tag zuvor war der mentale Druck gross. Beim ersten Versuch war schon nach der ersten Schlüsselstelle Schluss. Doch Welt gab nicht auf. Wieder stieg er in die Route ein und kämpfte sich Meter für Meter bis zum Umlenker von Thor’s Hammer (9a+).


Jernej Kruder klettert Tessiner Mehrseillängenroute Profumo di Putanone

Jernej Kruder bei der Begehung der Mehrseillängenroute Profume di putanone
Jernej Kruder bei der Begehung der Mehrseillängenroute Profume di putanone im Val Bavona.

Er liebe die Schweiz, hat Jernej Kruder uns bei einem Treffen im Tessin einmal gesagt. Die Liebe scheint so gross zu sein, dass der Slowene sogar zu einer Jahreszeit ins Tessin zum klettern kam, in der die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen in Céüse oder in Norwegen klettern. Die hohen Temperaturen schienen Kruder nicht aufzuhalten. Er fuhr ins Val Bavona und machte kurzen Prozess mit der Mehrseillängenroute Profumo di putanone (8a+): Sämtliche Seillängen kletterte Kruder onsight, sprich im ersten Versuch. Chapeau!

Irgendwie war es ihm wohl dann im Tessin doch zu warm, denn die nächste Erfolgsmeldung erreichte uns aus einer Nordwand, genauer der Titlis Nordwand. Dort gelang Jernej Kruder die freie Begehung der Mehrseillängenroute Piz dal Nas (8b, 500m), erstmals frei geklettert durch Matthias Trottmann im Jahr 2010.


Katherine Choong erfolgreich in Pic St-Loup: Helix (8c+) geklettert

Katherine Choong bei der Begehung von Helix. (Bild Laurie Matthews)
Katherine Choong bei der Begehung von Helix. (Bild Laurie Matthews)

Ganz offensichtlich waren wir hier in der Redaktion nicht die einzigen, die mit den meteorologischen Kapriolen dieses Sommers zu kämpfen hatten. Auch Katherine Choong hatte irgendwann genug vom inexistenten Sommer in der Schweiz und fuhr nach Pic St-Loup. Cédric Lachat empfahl ihr die Route Helix zu probieren, die durch den zentralen Teil der Höhle verläuft. Während ihres ersten Aufenthaltes kam Katherine der Rotpunktbegehung zum greifen nah, doch beim letzten schwierigen Zug war Endstation.

Und was macht man, wenn man in einem Projekt so knapp scheitert? Einen weiteren Trip planen! Richtig. Und so kehrte Choong im August zurück nach Pic St-Loup, wo sie mit Temperaturen um die 30 Grad begrüsst wurde. Aber klagen konnte sie nicht, denn sie hatte ja genug vom Regen und der Kälte in der Schweiz. Ohne Ausreden stieg sie wieder in die Route ein, musste sich aber bis zum letzten Tag des Trips gedulden, bis ihr die Rotpunktbegehung dieser 8c+ Route gelang. Ob es die leichte Brise war, die bei der Begehung aufkam?

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Credits: Titelbild Franz Kaiser