In Klettergebieten des Tessins werden offenbar regelmässig Griffe und Tritte in Routen gechippt. Und dies nicht etwa von Besucherinnen und Besuchern der jeweiligen Gebiete, sondern von den Erschliessern selbst. Nun melden sich mehrere lokale Tessiner Klettergruppierungen zu Wort.

Ein Gastbeitrag der Tessiner Klettervereine Gruppo Scoiattoli dei Denti della Vecchia | Gruppo Picalciot | Gruppo Giovani della SEV

Bevor wir zum Kern dieses Artikels kommen, möchten wir kurz historisch ausholen. In den 80er- und 90er-Jahren erlebte das Sportklettern im Tessin, wie auch im übrigen Europa, ein wahres goldenes Zeitalter. Felsen von bescheidener Höhe sah man nicht mehr nur als Vorbereitung auf die grossen alpinen Wände, sondern als eigenständiges Ziel. In diesen Jahren entstanden in der Riviera (Ticino) einige der Gebiete, die noch heute zu den Schönsten des Tessins gehören.

Pioniere mit strenger Ethik

Anders als in anderen Teilen Europas, vertraten unsere Pioniere damals eine Ethik, die ihrer Zeit voraus war: Sie betrachteten das Chippen von Griffen und Tritten, also das künstliche Schlagen/Bohren von neuen oder das Verbessern von bestehenden Griffen und Tritten, als inakzeptabel.

Erschliesser im Tessin hatten verstanden, dass eine Route, auch wenn sie scheinbar unmöglich ist, natürlich bleiben muss.

Während Erschliesser im französischen Buoux die unglaubliche Verschneidung La rose et le vampire von Grund auf „schufen“ und im italienischen Bardonecchia neue Routen mit Löchern, Felsblöcken und Zement für die allerersten Sportkletter-Wettkämpfe kreierten, hatten Erschliesser im Tessin bereits verstanden, dass eine Route, auch wenn sie scheinbar unmöglich ist, natürlich bleiben muss. Dies, weil neue Generationen von stärkeren Kletterern kommen und es schaffen werden, sie zu klettern, oder einfach, weil sie mit grossem Engagement und einer guten Portion Kreativität eine Methode finden werden, sie zu bewältigen.

Herausforderungen für Nachwelt bewahren

Sportklettern ist das Streben nach Herausforderungen, die unmöglich erscheinen mögen. Griffe zu schlagen und den nächsten Generationen Projekte vorzuenthalten, die vielleicht einmal kletterbar sein werden, widerspricht daher dem Wesen unseres Sports.

Sportklettern ist das Streben nach Herausforderungen, die unmöglich erscheinen mögen.

In den 80er- und 90er-Jahren war dieses Prinzip bereits bekannt. So musste Deus Irae (8c+) in Claro zum Beispiel mehr als zehn Jahre darauf warten, um vom extrem starken Dave Graham erstbegangen zu werden. Und um Scoobie Doo pensaci tu (8a) in Osogna klettern zu können, musste eine ausgeklügelte Methode gefunden werden, um jene Passage zu überwinden, die bis dahin einfach unmöglich schien.

Bevor die richtige Methode gefunden wurde, um diese Passage zu überwinden, liess man ein Seil am Haken hängen, das sofort entfernt wurde, sobald die Lösung gefunden war. Diese und andere Routen hätten verbessert werden können, aber nur dank dieser unmöglichen Herausforderungen hat sich unser Sport weiterentwickelt.

Chippen zunehmend verpönt

Die Weitsichtigkeit unserer Erschliesser wird dadurch bestätigt, dass im übrigen Europa nach und nach die gleiche Ethik übernommen wurde und das Chippen zunehmend als verpönt galt. Eines der bedeutendsten Beispiele ist das von Maurizio Zanolla aka Manolo, der Jahrzehnte später beschloss, die in einer seiner Seillängen geschlagenen Griffe zu schliessen, um der Linie ihre natürliche Form zurückzugeben. Es gelang ihm in der Folge, die Route ohne die künstlichen Griffe erneut frei zu klettern.

Sicherlich hat die Ethik, die Route in ihrem natürlichen Zustand zu belassen, dazu geführt, dass gewisse Routen im Tessin nicht eingerichtet und geklettert werden können. Denn oft sind die Wände des Tessins äusserst glatt geschliffen und es wechseln sich schwierige Seillängen mit leichten Abschnitten ab, was zu heterogenen Schwierigkeiten führt. Trotzdem gehört das Tessin zu den beliebtesten und schönsten Klettergebieten der Schweiz.

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In sechs bis sieben Tessiner Klettergebieten wurden offenbar Griffe geschlagen oder verbessert.

Beunruhigende Entwicklung in jüngster Vergangenheit

So ehrwürdig der Blick auf die Anfänge des Sportkletterns im Tessin, so nachdenklich stimmt der Blick auf die Gegenwart, respektive jüngste Vergangenheit. Leider halten sich in verschiedenen Gebieten im Kanton nicht mehr alle Einrichter an diese zentrale Ethik. Unseres Wissens gibt es mindestens sechs oder sieben Gebiete, an denen Griffe geschlagen oder verbessert wurden. Und das beunruhigt uns.

Unseres Wissens wurden in mindestens sechs oder sieben Gebieten Griffe geschlagen oder ausgebessert. Und das beunruhigt uns.

Eine wichtige Klarstellung: Wir wollen uns nicht als Kletterpolizei aufspielen oder mit dem Finger auf jemanden zeigen. Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass unsere Tage des vertikalen Vergnügens nur dank der harten Arbeit jener Personen möglich sind, die unzählige Stunden in der Wand verbringen, Hakenmaterial aus eigener Tasche bezahlen, und als Dank dafür noch für einen 20 cm zu weit rechts oder links platzierten Haken kritisiert werden. Unser Dank gilt allen, die sich ehrenamtlich für das Klettern im Tessin engagieren.

Wir verurteilen die Praxis des Chippens. Das darf sich im Tessin nicht systematisch ausbreiten.

Doch eine Kritik ist definitiv angebracht und soll hiermit geäussert werden: Wir verurteilen die Praxis des Chippens und möchten nicht, dass sich das Chippen systematisch im Tessin etabliert. Deshalb möchten wir eine gesunde Diskussion zu diesem Thema in Gang bringen.

Wir möchten vor allem die nachfolgenden Generationen dafür sensibilisieren, die erst mit dem Klettern begonnen haben und sich vielleicht schon bald mit einem Bohrer in der Hand am Fuss einer unberührten Wand wiederfinden. Wir glauben, dass es wichtig ist, die Ethik des Nicht-Chippens weiterzugeben. Nicht nur, um eine Tradition zu bewahren, sondern weil sie das Wesen des Klettersports ausmacht, den Fortschritt fördert und den Respekt vor der Natur und den Herausforderungen, die sie stellt, gewährleistet.

Wir glauben, dass es wichtig ist, die Ethik des Nicht-Chippens weiterzugeben. Nicht nur, um eine Tradition zu bewahren, sondern weil sie das Wesen des Klettersports ausmacht, den Fortschritt fördert und den Respekt vor der Natur und den Herausforderungen, die sie stellt, gewährleistet.

Anmerkung des Vereins Picalciot

Unser Verein Picalciot hat beschlossen, den vorliegenden Aufruf zu unterzeichnen, obwohl einige unserer Mitglieder in der Vergangenheit Routen beim Erschliessen gechippt haben. Die betroffenen Personen haben ihre Meinung dazu mittlerweile revidiert – lange vor dem Verfassen dieses Aufrufes – und sprechen sich gegen das Chippen aus.

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Credits: Titelbild Lacrux

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