War Fred Rouhling ein Lügner oder ein Missverstandener? Dieser äusserst interessante Text wurde erstmals 2005 unter dem Titel «The other side of Fred Rouhling» im Climbing Magazine veröffentlicht. Angesichts der aktuell ersten Wiederholungen der Route «Akira», welche Anstoss der Kontroverse um Fred Rouhlings Person war, haben wir den Text ins Deutsche übersetzt.

Ein Artikel von Pete Ward und Tim Kemple – Aus dem Englischen übersetzt von Dominik Osswald

Betrug! Lügner! 

Im Laufe der Jahre sind viele Kletterer zu Objekten des Spottes geworden, weil sie behaupteten Leistungen erbracht zu haben und die Szene, angesichts fehlender Beweise, ihnen nicht glaubte. Wenn die negative Publicity erst einmal ins Rollen gekommen ist, scheint sie nicht mehr zu bremsen zu sein. 

In der Welt des Sportkletterns hat vor der Jahrtausendwende vermutlich kein Mann so viel schlechte Presse erhalten wie Fred Rouhling, ein Franzose, der Mitte der 1990er Jahre in die Nachrichten kam. Im Jahr 1995 erreichte seine Berühmtheit internationale Ausmasse, als er für eine seiner Routen den Grad 9b vorschlug – zu einer Zeit, als noch nicht einmal den Grad 9a+ offiziell gab. Andere harte Erstbegehungen von Rouhling waren ähnlich umstritten. Im Jahr 2004 schickte Climbing Magazine mit Pete Ward und Tim Kemple zwei amerikanische Kletterer und Journalisten nach Frankreich. Sie sollten den Gerüchten nachgehen, Fred Rouhling aufsuchen und sehen, was sie finden: einen Lügner? Oder ist doch alles ganz anders? Entstanden ist die folgende Reportage verfasst von Pete Ward.

Fred Rouhling in der futuristischen Route L'autre Côté du Ciel. (Bild Tim Kemple)
Fred Rouhling in der futuristischen Route L’Autre Côté du Ciel. (Bild Tim Kemple)

Ich glaube, ich habe Fred Rouhling endlich bei einer Lüge ertappt. 

«Akira» scheint einen gechippten Griff zu haben! Fred sagt über seine Erstbegehung, er hätte keine Griffe geschlagen. Ich rufe ihn herbei. Ich bitte ihn, die Sequenz der Route zu klettern, wo sich der künstliche Griff befindet. Er nimmt sich einen Moment Zeit, schaut sich den Abschnitt an und untersucht die Chalkspuren. Offenbar hat ein Unbekannter die Route kürzlich versucht. Fred zeichnet einige Bewegungsabfolgen in die Luft und setzt sich hin, um seine Schuhe anzuziehen. Tim spannte einen neuen Film in seine Kamera, während ich ein paar Crashpads bewege. 

Wie würde ich mich wohl fühlen, wenn ich Fred tatsächlich bei einer Lüge ertappt habe? 

Ich entscheide, dass das sein Problem ist, und warte ab, ob er den künstlichen Griff benötigt. Oder ob er das Ding überhaupt klettern kann. Rouhling steht auf, chalkt seine Hände und beginnt zu klettern.

Es ist Winter 2004. Fast zehn Jahre ist es her, dass Fred verlauten liess, er hätte diese unübliche Route in der Nähe des kleinen Dorfes Vilhonneur, Westfrankreich, geklettert. Die Linie geht durch ein ausladendes Dach, ähnlich einem langen Boulder, stets in Bodennähe, und zum Schluss durch eine senkrechte Wand. Man könnte sie als ein langes, hartes Boulderproblem in Verbindung mit einer kurzen, harten Wandkletterei beschreiben.

Rouhlings Bewertungsvorschlag war beispiellos: 9b. Er schien seiner Zeit voraus zu sein. Im Jahr seiner Begehung (1995) war der Grad 9a noch kaum etabliert. Die Kletterszene reagierte mit Verachtung auf die Behauptung des Franzosen, den niemand auf dem Radar hatte. Die meisten Amerikaner lehnten die Route sofort ab. 1995 waren die amerikanischen Top-Kletterer gerade dabei, in den Grad 5.14b (8c) vorzustossen und obwohl wir wussten, dass die europäischen Kletterer stärker sind, konnten wir den Gedanken nicht ertragen, dass uns ein unbekannter Euro so weit übertreffen würde. Auch Jibé Tribout und Ben Moon, die weltbesten Sportkletterer jener Zeit, waren von der 9b-Nachricht nicht gerade begeistert – und sagten dies auch. Rouhling machte sich keine Freunde. Er sah sich auf einen Schlag praktisch mit der ganzen Szene zerstritten.

Die Kletterszene reagierte mit Verachtung auf die Behauptung des Franzosen, den niemand auf dem Radar hatte. Die meisten Amerikaner lehnten die Route sofort ab.

Manche Kritiker sagten, «Akira» könne unmöglich die mit Abstand härteste Route der Welt sein. Andere sagten, es spiele sowieso keine Rolle, denn Rouhling habe sie gar nicht geklettert. «Akira» wurde im Kleingedruckten begraben. Und Rouhling wurde zum Sinnbild eines Egozentrikers, der mit zweifelhaften Leistungen Sponsoren auf sich aufmerksam machen wollte. Fast alle Kletterer, denen Betrug nachgesagt wird, verschwinden schnell von der Bildfläche.

Nicht so Fred Rouhling. Auch Jahre nach dem Rummel um «Akira» kletterte er noch immer auf hohem Niveau. Im Jahr 2002 gelang ihm Fred Nicoles Superplatte «Bain de Sang» (9a). Die meiste Zeit des Jahres 2003 war er der drittplatzierte Boulderer der Welt auf der Website 8a.nu, nachdem er einmal 8b+ und achtmal 8b geklettert hatte. Ihm gelang die zweite Begehung des Boulderds «Eau Profond» (8b+) in der Schweiz – innerhalb von fünfzehn Minuten. All diese Begehungen wurden beobachtet und als glaubwürdig genug angesehen, um in den internationalen Medien berichtet zu werden.

Die meiste Zeit des Jahres 2003 war er der drittplatzierte Boulderer der Welt auf der Website 8a.nu, nachdem er einmal 8b+ und achtmal 8b geklettert hatte.

Ich war fasziniert. Wenn Fred Rouhling für den härtesten jemals gekletterten Felsabschnitt verantwortlich war, warum hört man dann nicht mehr von ihm? Warum konnte er nicht mehr Begehungen vorweisen, die Massstäbe setzen? Wenn er unehrlich war, warum klettert er dann weiterhin so öffentlich, angesichts solch harter Kritik? Und das Wichtigste: «Akira» – hat er, oder hat er nicht? Nach einigen Monaten und unzähligen E-Mails verabredeten Tim Kemple und ich, Pete Ward, uns für einen Besuch bei Rouhling in Frankreich. Wir wollten die Wahrheit herausfinden.

Soeben hatten wir eine Woche lang in verschiedenen europäischen Klettergebieten herumgetollt. Das Klettern war grossartig, aber es schien, als ob das Hauptaugenmerk unserer Reise auf Klatsch und Tratsch lag. Jeder wollte über Fred Rouhling sprechen. Und wir sind sehr daran interessiert, zuzuhören. Mindestens die Hälfte der Leute, mit denen wir sprechen, sind überzeugt, dass Fred ein zwielichtiger Charakter ist und/oder dass er seine Routen nicht geklettert hat.

Mindestens die Hälfte der Leute, mit denen wir sprechen, sind überzeugt, dass Fred ein zwielichtiger Charakter ist und/oder dass er seine Routen nicht geklettert hat.

Wir hören, dass Rouhling 2 Meter gross ist, mit einer riesigen Spannweite. «Plus-sechs oder -sieben Affenindex», sagt ein Typ, der Rouhling angeblich von früher kennt. Ein anderer Kletterer sagt, dass seine Routen nur ein Haufen weiter, gechippter Moves sind, die er nur machen konnte, weil er so gross ist. Wir hören, dass Rouhling «Akira» geklettert und dann Griffe ausgefüllt habe, damit es für Wiederholer schwieriger wird. Vom amerikanischen Kletterer Dave Graham hören wir, dass Rouhling die 7a+ Sequenz am Anfang von «Biographie» (9a) in Ceüse nicht hinbekam. Wir haben genug gehört, um das Gefühl zu haben, dass das beste Szenario für Rouhling darin bestünde, dass er seine Routen zwar geklettert hat – aber dass es sich dabei um ein verrücktes gymnastisches Kunststück handelt, das nur für grosse Kletterer mit riesiger Spannweite möglich ist.

Fred Rouhling unterhalb des Bauches der Route L'Autre Côté du Ciel. (Bild Tim Kemple)
Fred Rouhling unterhalb des Bauches der Route L’Autre Côté du Ciel. (Bild Tim Kemple)

Als wir auf den Parkplatz einfahren, an dem wir uns verabredet haben, sieht es für Fred Rouhling nicht gut aus. Ich steige aus unserem Mietwagen aus, gerade als Rouhling mit seinem VW-Wohnwagen auf der anderen Strassenseite anhält. Französische Polizisten mit seltsamen Hüten fahren in ihrem winzigen Streifenwagen vorbei. Sie starren die eigenartig aussehenden Menschen an, die sich spät in der Nacht auf dem Parkplatz unterhalten, und fahren fast über eine rote Ampel.

Wir winken Fred zu, er winkt zurück. Als er über die Strasse zu uns rüber joggt, stimmt jedoch etwas nicht. Zuerst kann ich es nicht genau sagen, also lächle ich, während wir Höflichkeiten austauschen. Als er uns den Weg zu seinem Elternhaus zeigt, wird mir die Unstimmigkeit klar: Er ist zu klein. Später messen wir seine Grösse und Reichweite. Er ist 180 Zentimeter hoch, mit einem Affenindex von +1.5. Der Mythos beginnt sich zu entwirren.

Rouhling wuchs in dem winzigen Bauerndorf Le Panissaud, etwa 100 Kilometer nordöstlich von Bordeaux, auf. Im Nachbardorf Vilhonneur befindet sich ein Kalksteinbruch, der, wie die Einheimischen mit grossem Stolz sagen, die Blöcke am Fusse der Freiheitsstatue lieferte. Zwanzig Minuten entfernt liegt die Stadt Angoulême, wo graue Kalksteinwulste viele der Strassen überragen und ein ruhiges, kleines Klettergebiet mit mehreren Dutzend Felsen bilden: «Les Eaux Claires». Wörtlich übersetzt bedeutet das «Die klaren Wasser». Es ist ein Traum von einem Klettergebiet. Der längste Anfahrtsweg beträgt hundert Meter und führt zu Kalksteinschwellen, die fünfzehn bis zwanzig Meter hoch aufragen und oft mehr überhängend als hoch sind. Und der Stil? Keine Spur der stereotypen, französischen Dropknees und ähnliches; wenn man in «Les Eaux Claires» erfolgreich sein will, braucht man zwei stahlstarke Finger an jeder Hand und Schultern, die dazu passen. Weite Züge zwischen kleinen Löchern und Taschen sind hier angesagt – darin ist Rouhling ein Meister.

Wenn man in «Les Eaux Claires» erfolgreich sein will, braucht man zwei stahlstarke Finger an jeder Hand und Schultern, die dazu passen.

Er arbeitete sich schon als Teenager durch die Grade und eröffnete seine erste 8b im Alter von neunzehn Jahren. In den frühen 1990er Jahren besuchte er das Gymnasium in Südfrankreich, jener Region, die weltweit die Nummer-1 Adresse für hartes Sportklettern war. Dort eröffnete Rouhling zwei frühe 8c-Routen: «UFO» in den Calanques bei Marseille und «Les Spécialistes» in der Verdon-Schlucht.

Als Rouhling 1993 vom Gymnasium zurückkehrte, hatte er genug vom technischen Ausdauerstil, der das französische Sportklettern berühmt gemacht hatte. Er war es leid, seine Füsse zu benutzen und suchte – oder schuf – Routen in «Les Eaux Claires», die einen anderen Stil erforderten. Die erste war «Hugh», eine überhängende 18-Meter-Ausbuchtung (an deren Basis das Graffito «HUG» in grossen Buchstaben gemalt ist).

Er bewertete «Hugh» mit 9a zu einer Zeit, als es erst zwei oder drei andere 9a’s auf der Welt gab.

Nach seiner Erstbegehung hatte er das Gefühl, dass er die Route zu leicht gemacht hatte. Also füllte er einige Griffe mit einer Zementmischung, machte andere schlechter und kletterte die Route dann erneut – was zum einen seine gröbste «Fertigungsarbeit» an einem Felsen wurde und zum anderen zu unglaublich dynamischen Bewegungen führte. Er bewertete «Hugh» mit 9a zu einer Zeit, als es erst zwei oder drei andere 9a’s auf der Welt gab. Die nächste Rouhling-Route war «Akira». Das riesige Dach war weniger als einen Kilometer vom Haus seiner Eltern und nur 200 Meter vom Rand des örtlichen Steinbruchs entfernt. In einer etwas anderen Welt könnte «Akira» die Freiheitsstatue hochhalten.

Er war es leid, seine Füsse zu benutzen und suchte – oder schuf – Routen in «Les Eaux Claires», die einen anderen Stil erforderten. Die erste war «Hugh», eine überhängende 18-Meter-Ausbuchtung

Die Linie verläuft von der tiefsten Ecke einer Höhle quer durch das Dach. Sie ist 19 Meter lang und erhebt sich zunächst nur etwa 3 Meter über den Boden. Man kann jeden Punkt auf den ersten 13 Metern der Kletterstrecke mit einer Leiter erreichen, was Rouhling 1995 auch tat. Drei Monate in Folge arbeitete er die unerbittlichen, dynamischen Boulderbewegungen aus. Pinches, Sloper, Crimps und Löcher leiten an einen Henkel in der Nähe der Dachkante, wo Rouhling sich vom Rast aus in ein Seil einbinden liess, um die letzten 5 Meter senkrecht hochzuklettern.  Er bewertete «Akira» mit 9b; die härteste Linie, die jemals von einem Menschen geklettert wurde? Und Rouhling behauptete, dass sämtliche Griffe natürlich seien. Anders als bei «Hugh» habe er in «Akira» nicht zum Hammer gegriffen.

Der Überhang umfasst eine Reihe von Campus-Bewegungen an Löchern, die schier nicht gedacht sind für einen menschlichen Körper.

Die letzte harte Erstbegehung Rouhlings folgt einem vorstehenden Wulst, direkt neben «Hugh»: «L’autre Côté du Ciel» (Die andere Seite des Himmels). Der Überhang umfasst eine Reihe von Campus-Bewegungen an Löchern, die schier nicht gedacht sind für einen menschlichen Körper. Die Schlusssequenz ist etwas zum Anschauen: Weite Züge an Löchern führen zu einem 1.5 Meter weiten Kreuzzug, wobei sich der Kletterer mit dem Rücken zur Wand dreht – eine beeindruckendere Version von Tom Cruises denkwürdiger Bewegung in Mission Impossible. Rouhling kletterte «L’autre Côté du Ciel» 1996 und empfindet sie mit dem Grad 9a als seine zweitschwerste Route. «Natürlich ist sie natürlich.» Das Funkeln in Rouhlings Augen verrät die Pointe, bevor er sie sagt. «Natürlich gebohrt.» Er fügt ein Achselzucken an.

Fred Rouhling bohrte und schlug in einigen seiner harten Routen künstliche Griffe, aber seine Taktik war typisch für diese Ära in Frankreich.

Fred Rouhling bohrte und schlug in einigen seiner harten Routen künstliche Griffe, aber seine Taktik war typisch für diese Ära in Frankreich. Viele der berühmten, französischen Routen, darunter «La Rose et la Vampire», «Bronx» und «Super Plafond», sind bis zu einem gewissen Grad gechippt und/oder geklebt, und einige sind vollständig künstlich geschaffen. Selbst in den USA finden sich in vielen harten, klassische Routen künstliche Griffe – «The Phoenix» in Yosemite, «Just Do It» am Smith Rock und «Hasta la Vista» am Mount Charleston zum Beispiel. Mitte der 1990er Jahre war Rouhling wohl kaum der einzige, der Routen mit gechippten Griffen erstbeging. Doch kaum beanspruchte er den Grad 9b für «Akira», wurde seine Methodik einer beispiellosen Prüfung unterzogen, und er wurde zum Prügelknaben für die zwielichtigen Praktiken einer ganzen Klettergeneration.

Fred Rouhling. (Bild Tim Kemple)
Fred Rouhling. (Bild Tim Kemple)

Rouhling ist inzwischen der Meinung, dass das Chippen ein Fehler war. Die Generation Kletterer, in der er gross wurde, tat es mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Nachdem er aber viel herumkam in den Klettergebieten dieser Welt, hat er seine Sicht der Dinge erweitert. Der letzte Griff, den er gechippt hat, war in «L’autre Côté du Ciel». Er ist nicht stolz darauf. Wenn er «Hugh» beschreibt, bezeichnet er die Linie stets als dirty. Seine Meinung über das Chippen hat er geändert, ungebrochen ist die Freude an seiner Kletterei. Man sieht es sofort, wenn er seine alten Routen noch einmal Revue passieren lässt. Seine Augen leuchten auf und er hüpft buchstäblich von Griff zu Griff, die Füsse schwingen heraus und scheinen sich genau zu erinnern, wo sie hingehören. 

Derselbe Klatsch, wonach Rouhling ein 2-Meter-Riese sei, besagt auch, er sei ein Einsiedler. Also erwarte ich, dass er uns seine Routen nur ungern zeigt. Aber als wir uns zum Abendessen hinsetzen, fragt er als Erstes: «Wollt ihr morgen früh zu Akira fahren?»

Derselbe Klatsch, wonach Rouhling ein 2-Meter-Riese sei, besagt auch, er sei ein Einsiedler. Also erwarte ich, dass er uns seine Routen nur ungern zeigt. Aber als wir uns zum Abendessen hinsetzen, fragt er als Erstes: «Wollt ihr morgen früh zu Akira fahren?» In den nächsten vier Tagen erlebe ich Fred Rouhling als den offensten und zugänglichsten Menschen, den ich je getroffen habe. Man kann ihn alles fragen, und er wird sein Bestes tun, um eine vollständige Antwort zu geben. 

Wir wiederholen die Anschuldigungen berühmter Kletterer, wir stellen ihm harte Fragen und wir wiederholen sie in der Erwartung von Diskrepanzen in seinen Antworten. Es gibt keine.

Also tun wir genau das. Weniger als eine Stunde, nachdem wir ihn mit seinen Eltern am Esstisch getroffen haben, befragen wir ihn zu seinen Routen, seinem Chipping und seinen Verleumdern. Wir wiederholen die Anschuldigungen berühmter Kletterer, wir stellen ihm harte Fragen und wir wiederholen sie in der Erwartung von Diskrepanzen in seinen Antworten. Es gibt keine.

«Wenn Leute sagen, dass ich in meinem Stil harte Routen mache, kann ich nichts entgegnen», sagt er. «Sie sind alle in meinem Stil, und sie sind hier, nicht in Südfrankreich, wo es für jeden einfach ist, sie zu sehen.»

Rouhling weigert sich rundheraus, irgendetwas Negatives über irgendjemanden zu sagen. Und soweit ich das beurteilen kann, ist es nicht so, dass er den Mund hält; er hegt einfach keine Feindseligkeiten. Dass jemand, der so heftig kritisiert worden ist, keinen Groll hegen würde, ist mir unbegreiflich. 

Tim und ich brechen für die Nacht auf, vollgestopft mit feinem französischem Essen, faszinierter denn je. Wir freuen uns darauf, «Akira» gleich morgen früh zu sehen.

Unser erster Versuch, die Route zu sehen, scheitert einigermassen. Der Betrunkene aus der Nachbarschaft hat sich auf dem Hauptweg niedergelassen, und er regt sich in heftiger Wut über unsere Anwesenheit dort auf. Schliesslich fängt er an zu schreien, er werde eine Waffe holen. Wir tun so, als würden wir verschwinden, schleichen uns aber durch ein Gebüsch zu den Felsen. Unser französischer Freund Philippe steht am Eingang der Höhle und bewegt sich nervös von einem Fuss auf den anderen. Jedes Geräusch lässt ihn zucken. 

Rouhling zeigt uns Sequenzen und weist auf Stellen hin, an denen er die Landung ausgeglichen hat. Er sagt, dass er bei den Zügen sehr ängstlich war, weil er keine Crashpads hatte und der Kalkstein nicht nur von bester Qualität ist. Er weist auf die vielen Griffe hin, die er geklebt hat. An einigen Stellen ist es etwas hässlich. Aber obwohl der Kleber reichlich vorhanden ist, scheint es keine künstlich geschlagenen Griffe zu geben. Nach unserer kurzen Inspektion entscheiden wir, dass es wohl besser ist, an einem anderen Tag wiederzukommen. Und dem Betrunkenen eine Flasche Wein mitzubringen.

In den nächsten Tagen wiederholt Rouhling grosse Teile der Routen viele Male, um sicherzustellen, dass Tim die gewünschten Fotos bekommt.

In den nächsten Tagen fotografieren wir Rouhling in seinen Routen, darunter «Hugh» und «L’autre Côté du Ciel». Er wiederholt grosse Teile der Routen viele Male, um sicherzustellen, dass Tim die gewünschten Fotos bekommt. Zu Beginn des ersten Shootings reisst Rouhling ein riesiges Loch in seinen Mittelfinger, während er an Einfingerlöchern Campus-Züge abfeuert. Das Blut spritzt, ich mache mir Sorgen, dass unsere Ermittlungen ein jähes Ende finden werden. Stattdessen stopft Rouhling das Loch mit Chalk voll, bis die Blutung aufhört, und fragt Tim, ob er noch einen anderen Winkel zum Fotografieren braucht.

Später an diesem Tag klettert Rouhling bei seinem ersten Versuch die Hälfte von «Hugh». Seine Kletterei erinnert mich an jene von Chris Sharma: Er spielt mit seinen Füssen und scheint unsicher zu sein, wo er sie hinsetzen soll, bis er des Versuchens überdrüssig zu werden scheint, und einfach zu riesigen Campuszügen übergeht. Als ob das die einfachste Möglichkeit wäre.

In «L’autre Côté du Ciel» macht Rouhling seine Tom-Cruise-Imitation immer und immer wieder, bis Tim den Schuss hat, den er will. Rouhling ist verbraucht (er macht die Route ohne Aufwärmen am dritten Klettertag in Folge). Er bittet darum, herunterzukommen. Ich sage ihm, dass ich mir den Abschnitt noch einmal ansehen muss. Fred lächelt und chalkt.

Nach einer Reihe von weiten Zügen greift er mit der linken Hand vollkommen ausgestreckt in ein Einfingerloch. Er lässt die Füsse kommen und legt seine rechte Hand flach an die Dachkante über seinem Kopf. Dort gibt es keine Griffe, aber die Bewegung kontrolliert seinen Schwung. Dann führt er den monströsen Rechts-über-Links-Kreuzzug aus und rollt sich in die Mission Impossible, das Gesicht vom Fels abgewandt. Diesmal ist der sich um 180 Grad drehende Campusmove aus dem Zweifingerloch zu viel für ihn. Er trifft zwar den nächsten Sloper, kann ihn aber nicht halten. Sein Körper knallt wieder nach unten, er hängt nur noch an zwei Fingern seiner rechten Hand und scheint sich im Wind zu drehen. Er hält diese Position einige Sekunden lang, scheint über einen weiteren, einarmigen Klimmzug nachzudenken, während Tim und ich ihn auffordern, loszulassen. Für mich ist längst klar, dass diese Routen im Rahmen von Rouhlings Fähigkeiten liegt.

Für mich ist längst klar, dass diese Routen im Rahmen von Rouhlings Fähigkeiten liegt. 

In Angoulême hat sich herumgesprochen, dass Fred Rouhling nach Hause gekommen ist. Während er klettert, parken Autos auf der Strasse unten und die Leute sitzen auf einer 

Brücke, von der aus sie eine gute Aussicht haben. Als Rouhling herunterkommt, gehen mehrere Leute auf ihn zu. Einige sind alte Freunde aus seiner Kindheit, froh, ihn zu sehen, und ein bisschen sauer, dass er seinen Besuch nicht angekündigt hat. Als er «Hugh» und «Akira» erstbeging, wusste niemand, wer er war, und es gab keine Menschenmassen. Erst bei «L’autre Côté du ciel» kamen die Leute, um zuzuschauen. Er sagt, dass dies seine beste Erstbegehung ist. Für ihn sei das Klettern auf diese Weise besser, mit mehr Transparenz. Wenn er etwas an seinen früheren Klettereien ändern könne, dann wäre es, dass er sie öffentlicher machen würde. 

Wenn er etwas an seinen früheren Klettereien ändern könne, dann wäre es, dass er sie öffentlicher machen würde.

Nach dem Fotoshooting ziehen wir uns wieder in Freds Elternhaus zum Abendessen zurück. Seine Kinder, Hugo (drei Jahre alt), Chloé (fünf Jahre alt), und seine Frau Céline sind die wichtigsten Menschen in seinem Leben. 1995 erlitt Céline bei einem Sturz während einer Solokletterei eine schwere Rückenmarkverletzung. Das Paar blieb drei Monate lang im Haus von Freds Eltern, während Céline sich von einer Notfalloperation erholte. Obschon Fred sich um Céline kümmerte, huschte er jeden Tag für ein paar Stunden aus dem Haus, um an «Akira» zu arbeiten. Wenn er über den Prozess in der Route spricht, kann man sehen, wie er sich entspannt und sich daran erinnert, was ihm die Route gab: Momente des Ausbrechens in einer Zeit voller Sorgen um seine Frau. Als es ihr gut genug ging, kam Céline mit, um Fred bei der Erstbegehung von «Akira» zu sichern.

1996 kletterte Rouhling «L’autre Côté du Ciel», doch in den Jahren darauf wurde es zusehends schwierig, Zeit zum Klettern zu finden.

1996 kletterte Rouhling «L’autre Côté du Ciel», doch in den Jahren darauf wurde es zusehends schwierig, Zeit zum Klettern zu finden. Zuerst kamen die Kinder, und dann wurde Céline wegen einer Krankheit, die nichts mit ihrem Sturz zu tun hatte, zu einer Gehirnoperation gezwungen. Inzwischen ist sie gesund, aber die Erfahrung hat Rouhlings Prioritäten neu sortiert: Familie kommt an erster Stelle.

Tim und ich gewöhnen uns langsam daran, mit Freds Eltern abzuhängen. Wir trinken bis spät in die Nacht Cognac und Wein und plappern in unserem gebrochenen Französisch. Wenn wir allein sind, schütteln wir ungläubig den Kopf. Es scheint, dass fast nichts, was wir über Rouhling gehört oder gelesen haben, sich als richtig herausstellt. Er weist skrupellos auf seine Fehler hin, und in vier aufeinander folgenden Klettertagen entschuldigt Rouhling keinen einzigen Fehler. Es ist eine erfrischende, druckfreie Art zu klettern. Erfolg und Misserfolg fühlen sich weniger wichtig an, und der Prozess des Versuchens scheint ihm Spass zu machen. Tim und ich spekulieren darüber, wie es zu einer so grossen Diskrepanz zwischen dem Rouhling-Klatsch und unserer Erfahrung der Rouhling-Realität kommen konnte. Wir beschliessen, dass es daran liegt, dass Rouhling nicht der Typ ist, der das Spiel spielt. Er versucht nicht, die öffentliche Meinung über sich selbst zu ändern. Er vertritt die ausgesprochen unamerikanische Ansicht, dass die Routen selbst wichtiger sind als derjenige, der sie klettert. Und ihm scheint zu gefallen, dass der Sport es den Menschen erlaubt, ein hohes Niveau zu erreichen, ohne zu einer öffentlichen Persönlichkeit zu werden.

Es scheint, dass fast nichts, was wir über Rouhling gehört oder gelesen haben, sich als richtig herausstellt.

«Klettern ist gut, weil es nicht wie Tennis ist», sagt Rouhling. «Wenn ich für das nächste Jahr Tennis trainiere, spielt es keine Rolle, wie gut ich werde. Die Chance, dass ich gegen die besten Tennisspieler wie Pete Sampras spielen kann, ist minim. Aber Klettern ist anders. Morgen kann ich nach Céüse gehen und Biographie versuchen, wenn ich will. Die schwierigsten Routen sind immer da, und jeder kann sie nach Belieben ausprobieren. Wenn die Leute also Dinge über mich sagen, ist das in Ordnung. Denn egal, was sie über mich sagen, die Routen sind immer noch da. Und wenn sie wollen, können sie hingehen und sie ausprobieren.»

Wenn die Leute also Dinge über mich sagen, ist das in Ordnung. Denn egal, was sie über mich sagen, die Routen sind immer noch da. Und wenn sie wollen, können sie hingehen und sie ausprobieren.

Fred Rouhling

Am letzten Tag unseres Besuchs fahren wir zurück zu «Akira». Zum Glück ist der Betrunkene nirgends in Sicht. Überall auf der Route sind Tickmarks und Chalk zu sehen. Jemand war hier, also sind die Gerüchte vielleicht wahr, dass das spanische Ass Dani Andrada hier geklettert ist.

Der Grossteil der Route befindet sich etwa drei Meter über dem Boden und ist völlig horizontal. Nach den ersten drei Metern geht es die nächsten sechs Meter im Zickzack durch die schwierigsten Züge der Route. Fred sagt, dass er der Meinung ist, dass dieser Abschnitt, verglichen mit den Boulderproblemen, die er gemacht hat, Fb 8c sein könnte. Nach dem anfänglichen Boulderproblem feuert die Route direkt aus der Mitte der Höhle. Rouhling sagt, er habe gehört, dass Andrada eine bessere Beta gefunden habe und dieser Abschnitt daher vielleicht nur 8a anstatt 8b+ sei. (Rouhling wechselt zwischen Bouldergraden und Routengraden, um zwischen der Schwierigkeit einer kürzeren Sequenz und der Schwierigkeit eines ganzen Routenabschnitts zu unterscheiden. Deshalb sagt er, dass man «Akira» Fb 8c nennen könnte, bestehend aus einem Teil von 8b+ und einem Teil von 8a+ – oder einfach 9b).

Wie üblich, wärmt er sich auf, indem er gleich beim ersten Versuch einen beachtlichen Teil der Route klettert.

Ich frage, ob «Akira» ein Boulderproblem oder eine Route ist. Rouhling meint, wenn er die Route jetzt versuchen würde, würde er nach der Höhle am Henkel enden und den Seilpart nicht mehr anhängen. Wie üblich, wärmt er sich auf, indem er gleich beim ersten Versuch einen beachtlichen Teil der Route klettert. Ich möchte jeden Griff dieser Route selbst spüren, deshalb beginne ich am hinteren Ende der Höhle und arbeite mich nach aussen vor, versuche Bewegungen, die möglich aussehen, suche aber vor allem nach Anzeichen von geschlagenen Griffen. Die Kletterei ist genauso beeindruckend, wie es der Schwierigkeitsgrad erwarten lässt. Aber 9b? Wer weiss das schon? Es ist kontinuierlich, dynamisch und sehr cool. Schliesslich finde ich beim letzten Zug vor dem Abschnitt, in dem Rouhling sich ins Seil einbinden liess, einen Griff, der künstlich geschlagen aussieht.

Die Kletterei ist genauso beeindruckend, wie es der Schwierigkeitsgrad erwarten lässt. Aber 9b? Wer weiss das schon? Es ist kontinuierlich, dynamisch und sehr cool.

Rouhling inspiziert den Griff. Es ist schwer zu sagen, ob er tatsächlich geschlagen ist, oder nur so aussieht. Es hat viel Chalk drauf. Rouhling sagt, er glaube nicht, dass der Griff schon da war, als er die Route geklettert 1995 ist. An diesem Punkt habe ich das zynische Verlangen verloren, Rouhling beim Lügen zu erwischen. Aber um sicher zu gehen, bitte ich ihn, diesen Abschnitt der Route zu klettern. Und zwar ohne den verdächtigen Griff.

Aber um sicher zu gehen, bitte ich ihn, diesen Abschnitt der Route zu klettern. Und zwar ohne den verdächtigen Griff. 

Als Rouhling seine Schuhe anzieht, tauschen Tim und ich einen Blick aus. Wir werden gleich herausfinden, was Sache ist. Rouhling steigt ein. Ohne auch nur ein Grunzen oder einen tiefen Atemzug zu machen, feuert er die letzten fünf Meter des Daches ab, ohne den ominösen Griff zu benutzen. Und ohne einen der getickten Tritte zu benutzen. Er baumelt in der Horizontalen, wir stapeln die Crashpads, und er springt hinunter.

Das war die letzte Frage, die ich an Rouhling hatte. Mir fallen keine weiteren Möglichkeiten ein, ihn zu testen. Tim und ich sind davon überzeugt, dass Rouhling in seinem Fitnesszustand «Akira», so wie sie jetzt ist, klettern könnte. Als ich ihn frage, warum er in den acht Jahren seit seiner Erstbegehung nicht in der Lage war, eine ähnlich schwierige Route zu klettern, hält er drei Finger hoch.

Tim und ich sind davon überzeugt, dass Rouhling in seinem Fitnesszustand «Akira», so wie sie jetzt ist, klettern könnte.

«Drei Dinge», sagt er. «Route, Stil und Zeit. Es ist sehr schwer, eine Route zu finden, die genau am Limit liegt und genau deinem Stil entspricht. Die Zeit ist begrenzt. Ich habe nie eine andere gefunden.»

Zwei Tage, nachdem wir Angoulême verlassen haben, sitzen Tim und ich Alexander Huber am Tisch gegenüber. Wir diskutieren über die Bewertung von Erstbegehungen. Hubers Worte haben Gewicht. Wir landen bei der umstrittenen Erstbegehung von «Chilam Balam» durch Bernabé Fernandez. Huber sagt, dass es sehr unwahrscheinlich sei, dass Fernandez die mit 9b+ vorgeschlagene Route in Spanien tatsächlich geklettert hat. Dann frage ich Huber, was er von Fred Rouhling hält. Huber hebt den Blick und schaut mir direkt in die Augen. Sein Blick ist so intensiv, dass ich sofort verstehe, wie er die harten, beängstigenden Routen klettern kann, für die er berühmt ist.

«Ihr solltet Dani Andrada über Fred Rouhling befragen», antwortet er. 

Ich frage ihn, warum wir mit Dani Andrada sprechen sollten. 

«Dani sagt, dass die Route jetzt schwieriger ist als damals, als Fred sie kletterte. Er sagt, dass jetzt gewisse Griffe mit Sika gefüllt sind. Nein? Er sagt, dass Fred es so gemacht hat.»

Diese Beschreibung entsprach dem, was ich online gefunden hatte. Ich erwidere, dass ich das Gleiche gehört hatte, aber dass Tim und ich erst vor zwei Tagen gesehen haben, wie Rouhling grosse Sequenzen von «Akira» kletterte, so dass wir überzeugt sind, dass er die Route in ihrer jetzigen Form geklettert hat.

Huber zuckt mit den Schultern und nippt an seinem Bier. Es sieht so aus, als hätte ich sein Vertrauen verloren. Doch Tims Blick – selber ein starker Kletterer, der auch einiges an wilden Touren hinter sich hat ­– verrät mir, dass ich mich nicht verrannt habe. 

Huber fährt fort und meint, wenn jemand am oberen Ende der Schwierigkeitsskala geklettert ist, dann muss es auch eine gewisse Erfolgsbilanz schwieriger Begehungen geben, welche die Leistung nachvollziehbar machen. Er gestikuliert mit der Hand: 

«Wenn Rouhlings Niveau hier ist», sagt er und hält seine Hand auf Brusthöhe, «und mit Akira ist es hier» – er hält seine Hand an die Stirn – «dann müsste es hier noch viele andere Routen geben». 

Die Hand ist auf Höhe seiner Nase. 

«Wo sind sie?» fragt Huber. 

Die Hand bewegt sich zur Seite des Kopfes, Handfläche nach oben. 

«Warum hat er seit Akira nicht schon viele andere harte Routen gemacht?»

Tim beugt sich in den Tisch und sagt: «Weil er fast zwei Jahre lang nicht klettern konnte.»

«Warum?» fragt Huber.

«Weil er zwei Kinder hatte und seine Frau eine Gehirnoperation hatte und fast gestorben wäre.»

«Trotzdem», sagt Huber, «es sollte andere Routen geben.» 

Auf der Rückfahrt nach Spanien denken Tim und ich über die Ereignisse der letzten vier Tage nach. Der Grad von «Akira» legt nahe, die Route mit Chris Sharmas Begehung von «Biographie» (9a+) zu vergleichen. Aber das ist das Letzte, was einem in den Sinn kommt, wenn man sich die Route ansieht. Rouhling selbst ist über den Vergleich verblüfft. Er sagt, dass es auf höchstem Niveau unmöglich ist, zwei Routen mit so dramatisch unterschiedlichen Stilen zu vergleichen. «Biographie» sei für ihn die beeindruckendste Route der Welt, sagt er. Er wünschte, er könnte sie klettern. Doch er habe sie einmal versucht und sei kalt geduscht worden. (Tatsächlich ist seine Schilderung des Versuchs fast wortwörtlich die gleiche, wie wir sie von Dave Graham gehört hatten).

Der Grad von «Akira» legt nahe, die Route mit Chris Sharmas Begehung von «Biographie» (9a+) zu vergleichen. Rouhling selbst ist über den Vergleich verblüfft. Er sagt, dass es auf höchstem Niveau unmöglich ist, zwei Routen mit so dramatisch unterschiedlichen Stilen zu vergleichen.

Tim schlägt vor, «Akira» nicht als die erste 9b-Route der Welt zu bezeichnen, sondern vielleicht besser als das erste 8c oder 8c+ Boulderproblem der Welt. Rouhling hat gezeigt, dass er powerige 8b+ Routen und 8c-Traversen mit wenig Mühe bewältigen kann. Ein Vergleich von «Akira» mit diesen Begehungen könnte helfen, Rouhlings fehlende Erfolgsbilanz zu erklären.

Fred Rouhling ist jetzt dreiunddreissig Jahre alt (zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses Textes. Heute, 2020, ist er 50, Anm. die Red.). Er lebt mit seiner Familie in einem Haus, das sie in den französischen Alpen gekauft haben. Es liegt unweit seiner neuen Lieblingsbouldergebiete, den Granitblöcken der Schweiz. Er möchte Fred Nicole’s «Dreamtime» wiederholen; am berüchtigten 8b+ Boulder in Cresciano war er 2003 knapp gescheitert. Ausserdem träumt er davon, die wohl berühmteste aller harten Routen zu klettern: «Action Directe» (9a), eine Powerroute an Löchern. Ganz im Stile Rouhlings.

Selbst wenn Rouhling eine der beiden Routen klettert, wird das die Meinung seiner Kritiker wahrscheinlich nicht ändern. Aber Rouhling hört auf seine Kinder, nicht auf seine Kritiker. Natürlich haben die Kinder keine Ahnung, was 9b bedeutet, aber sie halten Fred Rouhling für den besten Kletterer der Welt.

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Credits: Bildmaterial Tim Kemple, Erstmals veröffentlich im Climbing Magazine