Die Debatte um Kneepads beim Klettern wird schon seit längerer Zeit geführt. In jüngster Vergangenheit äussern sich immer mehr Profis zum Thema, darunter Alexander Megos, Adam Ondra sowie Edu Marin. Verändern Kneepads den Schwierigkeitsgrad? Muss eine spezielle Bewertung eingeführt werden? Wir fassen zusammen.

Kneepads sind gummierte Polsterungen, die im Bereich des Oberschenkels/Knies mittels Gurten befestigt werden. Lange war der amerikanische Hersteller 5.10 mit seinen Kneepads der absolute Platzhirsch. Seit dem Verkauf der Marke an Adidas werden keine Kneepads von 5.10 mehr hergestellt, den Platz im Kneepad-Markt dominiert seither die Marke Send Climbing aus Hueca, USA.

Keine Randerscheinung mehr

In den 90er-Jahren tauchten die ersten Kneepads in den Vereinigten Staaten auf, waren aber eine Randerscheinung und meist “Marke Eigenfabrikat”. Dies änderte sich mit den Kneepads von Marken wie 5.10 und Send Climbing. In den 30 Jahren Klettergeschehen hat sich vieles verändert und so sind immer mehr Profisportler beim Bouldern und Routenklettern mit Kneepads zu sehen.

Knieklemmer: Alte Technik künstlich verbessert

Die Klettertechnik, für die Kneepads verwendet werden, sind Knieklemmer. Dabei verklemmt man quasi das Knie und den Fuss zwischen zwei Felsstrukturen. Mit kurzen Hosen oder Hosen mit dünnem Stoff kann ein Knieklemmer ganz schön unangenehm oder gar schmerzhaft sein. Und hier kommen die Kneepads ins Spiel. Kneepads machen Knieklemmer angenehmer und durch die Gummierung hält ein Knieklemmer auch besser.

Diese Weiterentwicklung im Klettersport, vergleichbar mit der Entwicklung von Risshandschuhen, ist an sich nichts Schlechtes. Es stellt sich jedoch die Frage: Verändern Kneepads den Schwierigkeitsgrad einer Route oder eines Boulders? Braucht es eine gesonderte Bewertung im Falle einer Begehung mit einem Kneepad?

Adam Ondra im Knieklemmer der Route Beginning in Arco (Bild Giampaolo Calza)
Adam Ondra im Knieklemmer der Route Beginning in Arco (Bild Giampaolo Calza)

Das sagen Edu Marin, Alex Megos und Adam Ondra

Der spanische Profikletterer Edu Marin hat sich bereits vor einem Jahr explizit zu diesem Thema geäussert.

Wenn ich eine Route mit einem Kneepad klettere, dann mache ich eine andere Route, weil die Bewegungen anders sind und es mögliche Ruhepunkte gibt, die ohne Kneepad nicht möglich sind.

Edu Marin

Im Jahr 2020 hat sich Edu Marin zum Ziel gesetzt, eine 9b-Route rotpunkt klettern zu können. Als 9b-Projekt hat sich Edu die Route Stoking the Fire vorgenommen, die Chris Sharma 2013 erstbegangen hat – ohne Kneepad.

Edu Marin rastet in einem Knieklemmer. (Boild Esteban Lahoz)
Edu Marin rastet in einem Knieklemmer. (Boild Esteban Lahoz)

Wenn wir Kneepads in einer Route verwenden, die ohne Kneepad erstbegangen wurde, so ist es sehr wahrscheinlich, dass neue Ruhepunkte gefunden werden oder Kletterzüge einfacher werden.

Edu Marin

Für Edu Marin ist klar: Beim Sportklettern geht es unter anderem darum, einen gewissen Schwierigkeitsgrad zu meistern. Und für ihn sind Kneepads klare “Game-Changer”. Wer also eine Route mit Kneepad klettert, muss diese, falls die Route einfacher wird, auch so bewerten und darf nicht denselben Schwierigkeitsgrad für sich beanspruchen. Edu Marin geht sogar so weit, dass er eine gesonderte Bewertung vorschlägt. Seiner Meinung nach sollten Routen mit beispielsweise “9a+ KP” respektive “9b without KP” bewertet werden.

Alexander Megos: Das “wie” ist von zentraler Bedeutung

In die ähnliche Richtung geht auch die Meinung von Alexander Megos. Er hat sich im Dezember 2020 im Zusammenhang mit dem Boulder The Story of two Worlds zum Thema Kletterethik geäussert. Der Boulder wurde ursprünglich ohne Kneepads begangen – heute meist jedoch mit Kneepads, mit entsprechend anderen Bewegungen.

Ich habe den Eindruck, die Klettercommunity mache keinen Unterschied, wie eine Linie geklettert wurde. Beim Klettern – besonders beim Bouldern – ist das “wie” jedoch von zentraler Bedeutung.

Alexander Megos

Auch wenn Alexander Megos selten mit Kneepads klettert, so ist er kein totaler Kneepad-Verweigerer. Wie auch Edu Marin sind Kneepads für Alexander Megos Teil der Weiterentwicklung des Sports.

Alexander Megos kletterte The Story of Two Worlds ohne Kneepad. (Bild
Alexander Megos kletterte The Story of Two Worlds ohne Kneepad. (Bild

Beide sind sind aber der Meinung, dass bei der Begehung einer Route gesagt werden muss, ob sie mit oder ohne Kneepads gepunktet wurde und fordern, dass man mit der Bewertung ehrlich mit sich selbst ist. Zum Fall des Boulders The Story of two Worlds meint Alex Megos:

Ein Kletterer (Dai Koyamada) startete weiter unten als all die anderen und kletterte ohne Kneepad. Trotzdem beanspruchen alle den Grad 8c für sich? Das ist sehr befremdend.

Alexander Megos

Adam Ondra: Haut an Knie mit Schleifpapier vorbereitet

Adam Ondra hat, wie er in einem Artikel auf seiner Website erklärt, während vielen Jahren mit kurzen Hosen geklettert und während den ersten Tagen eines Klettertrips nur vorsichtig Knieklemmer gemacht, damit die Haut in dem Bereich härter wird. In einigen Fällen hat er gar seine Knie und Oberschenkel mit Schleifpapier behandelt, um die Hornhautbildung zu fördern, so wie dies viele Kletterinnen und Kletterer mit den Fingern machen.

In jüngster Vergangenheit hat Adam Ondra jedoch immer häufiger Kneepads beim Klettern eingesetzt. Die erste 9c-Route der Welt, Silence, hat Adam Ondra mit Kneepads geklettert. In einigen Boulderlinien hat es spezifisch an Knieklemmer-Positionen getüftelt, um länger zu rasten und hat damit die Linie überhaupt klettern können. Ein Blick auf zahlreiche Begehungen Adams aus dem Jahr 2020 zeigen, dass er Knieklemmer-Technik verfeinert und zunehmend perfektioniert hat.

Hier steht und fällt die Begehung des Boulders mit dem Erfolg eines Knieklemmers

Was sagt denn nun dieser Knieklemmer und Kneepad-Spezialist zur Thematik der Bewertung von Routen und Bouldern?

Mit Kneepads kannst du Knieklemmer an Stellen machen, an denen mit der blanken Haut oder mit Hosen kein Knieklemmer möglich ist. Das kann den Schwierigkeitsgrad von Routen signifikant verändern.

Adam Ondra

Adam Ondra betont, dass er Kneepads als Weiterentwicklung des Sports betrachtet, so wie es die Kletterschuhe oder Magnesium auch waren (sind).

Kletterschuhe haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark weiterentwickelt

Adam sagt aber auch deutlich, dass Kneepads die konsistente Bewertung von Kletterrouten erschwert. So zum Beispiel in Fällen, in denen kleinere Kletterer – aufgrund ihrer kürzeren Beine – keinen Knieklemmer machen können, Grössere jedoch schon.

Klassische und ältere Routen wie beispielsweise Hubble von Ben Moon, zählen meiner Meinung nach nur, wenn sie so geklettert werden, wie bei der Erstbegehung – also ohne Kneepad. Denn im Jahr 1990 war Ben Moon die Technik der Kneepads nicht bekannt.

Adam Ondra

Adam Ondra schliesst sich im Fazit seines Artikels im Grunde genommen dem Votum von Alexander Megos an: Profikletterer sollten heutzutage nicht einfach eine Begehung für sich beanspruchen, sondern auch sagen, wie die Route geklettert wurde. Zudem sollten Profikletterinnen und Profikletterer nicht nur einfach den Schwierigkeitsgrad aus dem Kletterführer übernehmen, sondern Faktoren wie die Verwendung von Kneepads, neue Lösungen in einer Route, etc. in ihre Bewertung einfliessen lassen.

Fazit: Kneepads haben Einfluss und Profis müssen transparent sein

Auch weitere gewichtige Stimmen haben sich zur Thematik der Kneepads bereits geäussert. Auch wenn die Äusserungen in ihrer Deutlichkeit teilweise auseinandergehen, sind sich die meisten in folgenden Punkten einig:

  • Kneepads sind eine Weiterentwicklung des Klettersports
  • Kneepads haben – in vielen Fällen – einen Einfluss auf den Schwierigkeitsgrad
  • Kletterinnen und Kletterer müssen transparent kommunizieren, ob sie eine Route mit oder ohne Kneepad begangen haben
  • Kletterinnen und Kletterer sollen ehrlich mit sich selbst sein und eine Route oder einen Boulder auch mal abwerten, wenn sie durch ein Kneepad einfacher zu klettern ist.

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Credits: Titelbild Esteban Lahoz