Das italienisch-slowenische Duo hat in Chiles Cochamó-Tal eine neue Bigwall-Route eröffnet: »TAROCK«. Die 750 Meter lange Granitlinie am Cerro Walwalün zieht sich über 18 Seillängen bis in den Schwierigkeitsgrad 7c – mitten in einer der spektakulärsten Kletterlandschaften Südamerikas.
Der slowenische Ex-Wettkampfboulderer Jernej Kruder widmet sich seit seinem Karriereende den ganz großen Wänden dieser Welt. Sein jüngstes Projekt führte ihn Anfang 2026 gemeinsam mit dem italienischen Alpinisten Mirco Grasso ins abgelegene Cochamó-Tal in Chile, das nicht umsonst als »Yosemite Südamerikas« gilt. Der Schweizer Fotograf Vladek Zumr dokumentierte das Abenteuer.
Cochamó war für mich als angehender Alpinkletterer der beste Ort, um etwas Neues zu probieren.
Jernej Kruder
Das Tal zählt zu den legendärsten und zugleich forderndsten Kletter- und Trekkingzielen des Kontinents. Kaum Topos, wenig Orientierung, schwierige Zustiege und riesige Granitwände erzeugen hier eine Mischung aus Wildnis und Ungewissheit, die Cochamó zum idealen Terrain für Kruders Vision macht: eine Linie zu finden, die bislang noch niemand geklettert ist.
Auf der Suche nach der perfekten Linie
Die ersten Tage im Tal verbrachte das Team damit, sich vom Camp in La Junta aus einzuklettern. Auf dem Programm standen Klassiker wie »Dona Devora Dedos« und »Entre Cristales e Condores«. Gleichzeitig hielten Kruder und Grasso laufend Ausschau nach potenziell unberührten Linien.
Ein erster Fund im Anfiteatro Valley ließ die Hoffnungen steigen: Eine markante Rissspur zog sich vielversprechend durch die Wand. Die Euphorie hielt allerdings einige Seillängen an. »Da ist ein Bohrhaken – hier war schon jemand«, hallte es enttäuscht von der Wand. Der Traum von der Neutour musste noch warten.
Das Projekt: »TAROCK«
Fündig wurden die beiden schließlich an der Nordostwand des Cerro Walwalün, dem wohl eindrucksvollsten Gipfel im Anfiteatro-Sektor. Mehrere Regentage verzögerten den Start, dann setzte das Duo die ersten Bohrhaken in der (nun wirklich) unberührten Linie.
In drei intensiven Erschließungstagen brachten Kruder und Grasso insgesamt 29 Bohrhaken an, ergänzt durch mobile Sicherungen in den Riss- und Verschneidungsstrukturen. Vom 12. bis 15. Februar gelang es dem Duo, alle einzelnen Seillängen frei zu klettern – teils unter nassen, anspruchsvollen Bedingungen.
Wir wussten nicht, ob der obere Teil der Route jemals geklettert wurde. Jede Seillänge war eine Entdeckung.
Jernej Kruder
Die ersten Seillängen von »TAROCK« fordern mit technischer Plattenkletterei und teils langen Runouts Mut und Präzision. Danach geht die Route in eine zweite Sektion mit Verschneidungen und markanten Rissen auf kompaktem Granit über. Die 18 Seillängen starke Linie verläuft mittig zwischen »Perdidos en el Mundo« (2013, italienische Erstbegehung) und »100 años de soledad« (2001, französische Erstbegehung). »TAROCK« kreuzt die beiden etablierten Routen nur auf wenigen Metern.
Zwischen Regen und Tarock-Runden
Sechs Wochen Cochamó bedeuten für Kruder, Grasso und Zumr auch Wetterextreme, die für die Region Patagonien typisch sind. Tagelanger Regen, plötzliche Wetterstürzen und brütende Hitze wechselten sich ab, immer wieder mussten sie ihre Pläne verschieben.
Die erzwungenen Pausen im Camp überbrückten die drei mit dem Kartenspiel Tarock, das Jernej Kruder seinen Begleitern beibrachte. Am ersten Regentag spielten sie rund 30 Partien – und lieferten damit unfreiwillig den Namen für ihre Route.
Tarock hat uns geholfen, die Regentage rumzukriegen. Am ersten Tag haben wir 30 Runden gespielt.
Jernej Kruder
Rückblickend war die Erstbegehung von »TAROCK« nicht nur sportlich ein Erfolg. Obwohl Kruder und Grasso zuvor nur wenige gemeinsame Touren absolviert hatten, stimmte es zwischen den beiden sofort. »Es hat direkt Klick gemacht«, sagt der 35-jährige Slowene. Und vielleicht war es gar nicht die Route selbst, die die Expedition so besonders machte – »sondern die Momente, in denen man sich einander öffnet«, so Kruder gegenüber Planetmountain. Dass es seine letzte Reise ins Bigwall-Paradies Cochamó gewesen sein soll, ist mehr als unwahrscheinlich.
Die 8b-Variante steht noch aus
Mindestens einen Grund um Zurückzukommen gibt es schon jetzt: Während der Erstbegehung von »TAROCK« wollten Grasso und Kruder eigentlich eine etwa 8b schwere Seillänge im oberen Mittelteil der Route klettern. Weil der Schlüsselabschnitt aber partout nicht trocknen wollte, entschieden sie sich kurzfristig für eine etwas leichtere Variante, um die ganze Route freizuklettern. Kruders Fazit zum Trip nach Chile fällt eindeutig aus: »Danke, Cochamó – wir kommen wieder.«
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Credits Titelbild: Vladek Zumr

