Erstbegehungen in Grönland: Alpinistinnen des SAC segeln an die Bigwalls

Das SAC Frauen Expeditionsteam hat in Grönland mehrere Erstbegehungen realisiert. Die abgelegenen Granitwände wurden im Bigwall-Stil erkundet – «by fair means» also ohne Flugzeug, dafür mit ÖV, Fähre und Segelboot.

By Fair Means nach Grönland

Als nach vier Tagen auf See die ersten Eisberge auftauchen und sich hinter ihnen die Granittürme aus dem Nebel schieben, wird klar: Das Ziel von zwei intensiven Ausbildungsjahren ist erreicht. Vor der Küste Grönlands liegen die Wände, von denen so lange geträumt, geplant und gesprochen wurde.

Das Expeditionsteam ist Teil der Nachwuchsförderung des Schweizer Alpen-Clubs (SAC). Ziel der Ausbildung ist es, jungen Alpinistinnen und Alpinisten sämtliche Bereiche des Bergsteigens zu vermitteln und abschliessend eine Expedition selbst zu planen und durchzuführen. Im Expeditionsjahr bestand das Team aus Naomie Bürki, Lea Schneider, Melanie Tenorio, Pauline Laubscher und Gianna Müller, begleitet durch die Bergführerinnen Caro North und Ramona Volken. Die Expedition diente nicht nur der Erweiterung alpiner Kompetenz, sondern setzte auch ein Zeichen für Frauen in einem traditionell männlich geprägten Umfeld.

Das Frauen-Expeditionsteam des SAC | Bild: Ramona Waldner
Das Frauen-Expeditionsteam des SAC | Bild: Ramona Waldner

Die Wahl fiel auf Grönland, weil seine hohen Granitwände mit meist guter Felsqualität und die Vielzahl möglicher Linien ideale Bedingungen für neue Routen bieten. Zudem lässt sich die Region ohne Flugzeug erreichen, was dem nachhaltigen Expeditionsstil entspricht.

Weshalb Bahn, Bus, Fähre und Segelboot?

In diesem Sinne wurde der Weg von der Schweiz nach Grönland mit Zug, Bus, Auto, Fähre und Segelboot, statt mit dem Flugzeug bewältigt. Damit zeigen die Alpinistinnen: modernes Expeditionsbergsteigen ist auch flugfrei möglich. Am 20. Juli begann die Reise in Basel, begleitet von rund 360 kg Material. Nach einer durchwachten Nacht in Sitzabteilen und beinahe gescheiterten Transportversuchen in Hamburg wurde Dänemark erreicht. Von dort folgte eine 50-stündige Fähre nach Island. Um die Insel zu durchqueren, mieteten die Frauen zwei Autos und beluden sie bis zum Rand.

Voll bepackt - Die Reise startet mit dem Zug von Basel nach Hamburg | Bild: Exped. Team
Voll bepackt – Die Reise startet mit dem Zug von Basel nach Hamburg | Bild: Exped. Team

Besonders das Umsteigen mit dem ganzen Gepäck war eine Herausforderung. Sobald wir dann im Transportmittel saßen, genossen wir das langsame Reisen und die Vorfreude auf unser Ziel baute sich immer weiter auf.

Melanie Tenorio

In Reykjavik traf das Team auf ihren Skipper Vicente Castro und bezog sein Segelboot, welches ihnen für die kommenden fünf Wochen als Basecamp dienen sollte. Unter wechselhaften Bedingungen – von tosenden Wellen bis zu friedlicher Mitternachtssonne – wurde der Atlantik überquert. Grindwale begleiteten die letzten Seemeilen, ehe die ersten Eisberge und Granittürme auftauchten.

  • Busstation Hamburg, als nächstes geht es mit dem Gepäck im Flixbus nach Dänemark | Bild: Exped. Team
  • Los gehts: erster Zug von Basel nach Grönland
  • Gepäck und Proviant für 5 Wochen auf dem Segelboot verstauen
  • Ramona Pauline und Naomie erblicken weit entfernt Umrisse Grönlands | Bild: Ramona Waldner
  • Naomie hält Ausschau nach Kletterbaren Felsen | Bild: Ramona Waldner

Graah Fjord – Beginn der Kletterphase

Die ersten zwei Wochen in Grönland wurden im Graah Fjord verbracht. Dort zeigten sich sanfte Strandszenerien, klare Bäche und Gletscherzungen, eingerahmt von hohen Granitwänden, die in den folgenden Tagen zum Spielplatz der Alpinistinnen wurden. Pauline, Gianna, Melanie und Caro realisierten ihre erste Tour in zwei Tagen: Am ersten Tag fixierten sie Seile, am zweiten erreichten sie den Gipfel und nannten ihre Route «Ilumorpooq» (6a, 670 m).

Auf dem Gipfel unserer ersten Tour erlebte ich eine Mischung aus Freude über unseren Teamerfolg, Demut und Bewunderung für die Weitsicht auf Meer und Inlandeis – und Vorfreude auf das, was noch vor uns lag.

Melanie Tenorio

An einer weiteren rund 600 m hohen Wand kletterten Naomie, Lea und Ramona in zwei Tagen eine neue Linie. Die letzte Seillänge vor dem geplanten Biwakplatz entpuppte sich als steile 7a durch ein Rissdach. «Nach zwölf Stunden, fünfzehn Seillängen und ohne einen einzigen möglichen Schlafplatz hing unsere ganze Hoffnung daran, dass sich über dem Rissdach endlich ein Biwakband verstecken würde.» resumierte Lea
Am 4. August gelang den drei Alpinistinnen die clean erstbegangene Route «Imaqa» (7a, C1, 1000 m).

Naomie in einer Traverse
Naomie in einer Traverse

An der 600 m hohen Ostwand der «Tre Cime» eröffneten Pauline, Gianna, Melanie und Caro während zwei Tagen die Route «Naammassineqanngitsut» (6c, 757 m) bis zu einem Vorgipfel. Die vier teilten sich zwei Schlafsäcke und zwei Isomatten – ein Setup, das funktionierte, bis mitten in der Nacht der Wind auffrischte und für ungewollte Abkühlung sorgte. Böen bis 50 km/h und zunehmender Zeitdruck führten am zweiten Tag zur Umkehr. «Wir waren froh, die Entscheidung zum Abbruch gemeinsam und ziemlich im Konsens getroffen zu haben. So konnten wir unsere restliche Energie ins sichere Runterkommen stecken – wir nannten unsere Route nun ‚die Unvollendete‘ auf Inuit», erzählt Pauline Laubscher in Gedanken an den Klettertag.

Naomie am erstbegehen in einer Vescheidung
Naomie am erstbegehen in einer Vescheidung

Skjoldungen – Neue Ziele

Nach zwei Wochen und mehreren erfolgreichen Erstbegehungen segelte das Team weiter in den Skjoldungen-Fjord. Bereits bei der Einfahrt zog die imposante Nordostwand des Mt Queen Lilliana die Aufmerksamkeit des Teams auf sich. Es wurde ein Advanced Basecamp errichtet, um die 600 m hohe Nordostwand als gemeinsames Bigwall-Projekt anzugehen. Über mehrere Tage kletterten die Frauen in wechselnden Seilschaften und fixierten 460 m Seil. Die Linie erhielt den Namen «Luca» (6c, 460 m). Am fünften Tag wurde das Projekt jedoch aufgrund von Steinschlag abgebrochen.

Zustieg zum letzten Projekt | Bild: Ramona Waldner
Zustieg zum letzten Projekt | Bild: Ramona Waldner

Es war nicht einfach umzukehren, obwohl alle hoch motiviert waren. Gleichzeitig war klar, dass das Risiko für uns zu hoch war und rückblickend war es die absolut richtige Entscheidung.

Naomie Bürki

Zum Ende der Expedition eröffneten die Frauen noch zwei weitere neue Linien an der südexponierten Caval’ou Wall. Eine davon blieb komplett clean: «I’m about to lose control and I think I like it» (6c, C1, 745 m). «Ein Highlight war die komplett cleane Begehung in bombenfestem Fels: Ein feiner Riss zieht im Dach nach links weg, geht in eine luftige Leistenquerung über und mündet in ein weiteres Risssystem, das in einem weiten Bogen wieder nach rechts führt.» erzählt Lea Schneider leidenschaftlich über ihre neue Linie.
Die zweite Route «Geraldine» (6c, A1, 740 m) benötigte minimale Fixpunkte. Stabile Bedingungen, kompakter Fels und eine beeindruckende Aussicht auf dem Gipfel setzten einen stimmigen Schlusspunkt.

Pauline und Caro auf dem Gipfel der “Caval’ou Wall” | Bild: Ramona Waldner
Pauline und Caro auf dem Gipfel der »Caval’ou Wall« | Bild: Ramona Waldner

Fazit – Wie langsames Reisen bereichert

Die Frauen des Expeditionsteams blicken auf eine in vielen Facetten gelungene Expedition zurück. Insgesamt eröffneten sie acht neue Touren, abgesehen von einem gebrochenen Finger gab es keine Unfälle, Wetter und Verhältnisse spielten meist mit, und die Entscheidungsfindung blieb trotz Herausforderungen verantwortungsvoll.

Die Reise zeigte, wie bereichernd langsames Reisen sein kann: Auf dem Hinweg baute sich die Vorfreude Schritt für Schritt auf, auf dem Rückweg bot sich Raum, Eindrücke zu ordnen und den Übergang zurück in den Alltag fliessend zu gestalten.

Der letzte Abend in Grönland wurde unter Nordlichtern verbracht: ein stiller, leuchtender Abschluss intensiver Wochen. Am 26. August begann die zehntägige Rückreise, begleitet von starken Erinnerungen, gewachsenen Freundschaften und unzähligen Erlebnissen.

  • Das Team im Segelboot, am besprechen der weiteren Ziele | Bild: Ramona Waldner
  • Einige aus dem Team am Bouldern am letzten Tag vor der Rückfahrt | Bild: Ramona Waldner
  • Gianna beim Yoga am letzten Tag vor der Rückfahrt | Bild: Ramona Waldner
  • Gianna beim dehnen im Graahfjord | Bild: Ramona Waldner
  • Das Team an einem Resting day im Graahfjord auf dem Segelschiff
  • Melanie und Ramona beim auskundschaften

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Credits: Text: Melanie Tenorio (SAC) Titelbild: Ramona Waldner

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