Im Rahmen der Debatte um die Begehung der Route Action Directe durch den schwedischen Profikletterers Said Belhaj wurden Stimmen laut, die einen Videobeweis für Kletterprofis forderten. Wir haben verschiedene Marken und Profis um ihre Meinung gebeten.

Anfang Dezember 2019 äussert der deutsche Hannes Huch in einem Blogbeitrag grosse Zweifel an der Begehung der Route Action Directe durch den schwedischen Profikletterer Said Belhaj. Im gleichen Artikel schreibt Hannes: “Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir ernsthaft über das Thema Videobeweis diskutieren müssen.” Rund um die Diskussion der (Nicht-)Begehung von Action Directe durch Said Belhaj meldeten sich auch die beiden Kletterprofis Daniel Woods und Carlo Traversi zu Wort. Beide sind der Meinung, dass Profis besondere Begehungen belegen sollten. Daniel Woods sagt sogar: “Ungeschnitten oder ungültig”.

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Nach der Publikation der Vorwürfe durch Hannes Huch sprach LACRUX mit Said Belhaj und veröffentlichte ein exklusives Statement. Alle Artikel zum Thema findest du unter folgendem Link.

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Das sagen die Marken und Profis

Der Klettersport hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Im laufenden Jahr wird der Sport sogar olympisch. Es gibt immer mehr Kletterinnen und Kletterer, die von Marken wie Black Diamond, Patagonia, Petzl usw. finanziell unterstützt werden. Der Sport hat sich professionalisiert. Nach der Said-Debatte hat LACRUX damit begonnen, weitere Stimmen aus der Kletterszene einzufangen, die sich zum Thema Videobeweis äussern. Wir haben Fred Nicole, Adam Ondra, Black Diamond und Patagonia befragt und deren Meinung zum Thema in Form von Interviews oder Statements aufbereitet.

Boulderlegende Fred Nicole

Fred Nicole. (Bild Climbskin)

Bist du der Meinung, dass Profikletterinnen und -kletterer wichtige Begehungen mittels Video dokumentieren sollten? Warum ja, warum nein?
Ich gehöre noch zu der Generation, die das Klettern angefangen hat, als es noch “Free climbing” genannt wurde, nicht Sportklettern. Wie der Name es schon sagt, gehört das Wort “Freiheit” dazu. Es ist ein Freiraum, wo man sich entfalten und ausdrücken kann. Es scheint für einige ganz normal zu sein sich ständig zu filmen, für andere weniger. Man sollte beides respektieren. 

Wo siehst du Probleme und Hürden beim Aufnehmen wichtiger Begehungen?
Wie gesagt, wenn man es machen will, dann kann man es sicher machen. Da sehe ich kein Problem. Aber man sollte nicht jedermann dazu zwingen.

Würde die Umsetzung des Videobeweises die Magie des Klettern und des Zusammenseins am Fels rauben?
Vielleicht ist das in der jetzigen Generation gängig. Ich würde mich nicht wohl fühlen, jeden Versuch aufzunehmen. Es ist einfach nicht natürlich für mich. Ich selbst habe mich nie gefilmt oder ein Selfie gemacht, es ist nicht Teil meiner Kultur.

Sonstige Gedanken zum Thema Videobeweis?
Ich würde es wirklich schade finden, wenn das Klettern und Bouldern in der Natur zukünftig Richter und Schiedsrichter bräuchte. Für mich würde es den Reichtum des Kletterns und Boulderns auf eine sportliche Tätigkeit mindern. Vielleicht ist es naiv von mir, aber ich hoffe die meisten Kletterer und Boulderer machen eine Begehung in erster Linie für sich selbst.


Bergsportausrüster Black Diamond

Kolin Powick von Black Diamond hat sich pauschal auf die Fragen von LACRUX geäussert.

Nein. Wir fordern keine ungeschnittenen Videos oder ähnliche Dinge zu Beweisgründen. Klettern basiert auf Ehrlichkeit und Integrität – Punkt. So einfach ist das. Klettern ist – global betrachtet – eine unbedeutende Aktivität. Wer keine Ehrlichkeit und Integrität hat, hat nichts. Jeder und Jede kann für sich entscheiden, was er oder sie für “nötig” hält, eine Begehung zu beweisen. Aber bei Black Diamond stellen wir keine Bedingungen an unsere Athleten, was den Beweis ihrer Begehungen anbelangt.

Bei Black Diamond schätzen wir ehrliche Menschen mehr, als Begehungen. Begehungen sind flüchtig und unbedeutend – ein guter und ehrlicher Mensch zu sein ist jedoch unvergänglich und ehrwürdig.

Ergänzt sein Kollege Tyler Willcut

Kletterprofi Adam Ondra

Bist du der Meinung, dass Profikletterer wichtige Begehungen mittels Video dokumentieren sollten? Warum ja, warum nein?
Grundsätzlich finde ich es nicht nötig, ein Video als Beweis für eine Begehung zu machen. Wenn du jedoch häufig in Gebieten kletterst, in denen wenig Leute sind und es um deine wichtigsten Begehungen geht, dann macht es sicherlich Sinn, von Zeit zu Zeit ein Video zu machen. Heutzutage ist es technisch einfach, ein Video aufzunehmen. Insbesondere beim Bouldern und bei kurzen Sportkletterrouten ist es mühelos zu bewerkstelligen.

Was sind die Schwierigkeiten beim Aufnehmen von Videos wichtiger Begehung?
Eine Mehrseillängenroute aufzunehmen ist natürlich ziemlich komplex. Doch im Falle von Boulderproblemen oder Sportkletterrouten sehe ich keine Schwierigkeiten. Vor allem wenn es sich um eine der wichtigsten Begehungen deiner Karriere handelt, dann ist es besser, die Begehung auf Video festzuhalten, als darauf zu verzichten.

Würde die Umsetzung des Videobeweises die Magie des Klettern und des Zusammenseins am Fels rauben?
Beim Bouldern und kurzen Sportkletterrouten sicherlich nicht. Man montiert das Smartphone auf ein Stativ und fertig ist die Videoinstallation. Das zerstört die Magie des Kletterns meines Erachtens nicht. Im Falle von Mehrseillängen- oder Big-Wall-Touren sieht die Situation anders aus. Filmaufnahmen haben einen grossen Einfluss und können die “Magie der Begehung” ruinieren.


Patagonia – Sponsor von Said Belhaj

Auskunft gab Norbert Sandner von Patagonia.

Fordert ihr von euren Athleten Beweise in irgendeiner Form für deren Begehung. Warum ja, warum nein?
Eigentlich heißt das Klettern draussen für uns – frei sein, ohne irgendwelche Zwänge! Das heisst wir vertrauen den Aussagen unserer Botschafter und Freunde.

Habt ihr euch seit der Geschichte rund um Said/Action Directe Gedanken darüber gemacht, zukünftig einen Videobeweis einzufordern?
Wir werden auch zukünftig keinen Videobeweis von unseren Athletinnen und Athleten fordern. Und wir hoffen immer noch, dass sich alles positiv für Said aufklärt. Viele seiner Kumpels bestätigen, dass er 9a klettern kann – und auch schon geklettert ist (Aussagen von sehr vertrauenswürdigen Top-Kletterern).

Würde die Umsetzung des Videobeweises die Magie des Klettern und des Zusammenseins am Fels rauben?
Ja. Wie gesagt, Klettern heisst für uns frei sein – losgelöst von Zwängen.

Wo würdet ihr das Limit (Schwierigkeitsgrada o.ä.) bei der Forderung nach einem Videobeweis setzen?
Ein Video-Mitschnitt oder Film einer Route am persönlichen Limit würde natürlich absolut keine Spekulationen von irgendwelchen Neidern oder Kritikern aufkommen lassen. Aber ich würde das nicht als verpflichtend erachten.

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Credits: Titelbild Pavel Blazek

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