Hannes Huch wirft dem Profikletterer Said Belhaj vor, sich mit Routen zu rühmen, die er nicht geklettert hat (LACRUX berichtete). Im Zentrum steht seine Begehung der Route Action Directe (9a) im Frankenjura. Wir haben mit Said über die Vorwürfe gesprochen.

In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag behauptet Hannes Huch, der schwedische Profikletterer Said Belhaj kommuniziere Begehungen, die ihm nie gelangen. Insbesondere geht es um die Begehung der Route Action Directe im Frankenjura. Die Vorwürfe an die Adresse von Said Belhaj sind happig, insbesondere für einen Profikletterer, der von Sponsoren unterstützt und für diese eine Botschafterrolle innehat.

So begründet Hannes Huch seine Vorwürfe

Einen handfesten Beweis für die “Nicht-Begehung” von Action Directe durch Said Belhaj gibt es nicht. Hannes Huch untermauert seine Vorwürfe mit Aussagen von Personen, die Said im Vorfeld der Begehung in der Route gesichert haben. Unter anderem wird der Fotograf Ray Demski zitiert, der gegenüber Hannes bestätigt, Said Belhaj habe den berühmten Sprung von Action Directe bei der Fotosession nie gemacht. Hannes selbst hat Said auch gesichert und schreibt in seinem Beitrag, der schwedische Profikletterer hätte nicht einmal die einzelnen Züge in der Route klettern können.

Ein schiefes Licht auf die Geschichte wirft die Tatsache, dass Said Belhaj keinen Kontakt mehr zur Person herstellen kann, die ihn beim Durchstieg gesichert hat.

Als noch alles in Ordnung war: Hannes Huch (links) und Said Belhaj. (Bild Hannes Huch)

Die andere Seite der Geschichte

LACRUX hat mit Said Belhaj Kontakt aufgenommen und ausführlich über die Vorwürfe von Hannes Huch gesprochen. Said ist schockiert über die Vorwürfe, legt seine Version der Geschichte dar und zeigt sich irritiert über das Verhalten von Hannes Huch.

LACRUX: Hannes Huch wirft dir vor, du hättest Action Directe – und weitere Routen – gar nie geklettert. Die Vorwürfe machte er in einem kürzlich publizierten Blogbeitrag öffentlich. Was sagst du dazu?

Said: Die Geschichte rund um Action Directe hat eine lange Vorgeschichte. Das gesamte Vorgehen von Hannes Huch ist meiner Meinung nach unfair.

Im Mai 2018 war ich während einer Woche im Frankenjura und projektierte die Route Action Directe. Ich war in guter Form nach mehreren Monaten des Boulderns.

Während des Aufenthaltes arbeitete ich an den einzelnen Zügen und konnte sie auch alle machen, auch wenn ich noch keine optimale Lösung hatte. Dass ich nicht von Bolt zu Bolt klettern konnte, wie Hannes Huch behauptet, stimmt nicht. Aber der Sprung war hart und tricky, ich konnte ihn nur einmal während des Aufenthaltes im Mai.

Ich wollte einen Film über die Geschichte der Route machen und Hannes Huch, der damals noch für Café Kraft arbeitete, kam ins Spiel.

Im Herbst desselben Jahres kam ich zurück ins Frankenjura und wollte die Route erneut probieren. Es ging mir nicht unbedingt darum, die Route zu punkten, sondern die Route ganz einfach wieder zu probieren und generell im Frankenjura zu klettern. Ich habe nur einen Monat trainiert, bevor ich ins Frankenjura fuhr und das war für mich wohl nicht genug. Zudem waren die Bedingungen denkbar schlecht, es war ungewöhnlich warm, rund 20 bis 25 Grad Celsius. Zu dieser Zeit fühlte ich mich weit von meiner Fitness im Mai entfernt. Wie auch immer, ich hatte eine gute Zeit im Frankenjura, fand eine bessere Lösung und genoss die Kletterei.

“Die Bedingungen im Herbst waren mehr als schlecht.”

Said Belhaj

Da ich die Route Action Directe in dieser Verfassung nicht ernsthaft projektieren konnte, kletterte ich häufig in anderen Routen der Region und stieg sporadisch wieder in Action Directe ein. Ganz generell kletterte ich während dieses Aufenthaltes viel zu viel, um überhaupt eine ernsthafte Chance in der Route zu haben. Aber da nicht 100% im Rotpunktmodus war, spielte das gar keine Rolle. Von der vielen und intensiven Kletterei wurde ich immer wie müder bis der Punkt kam, an dem ich zum Spezialisten Volker Schöffl gehen musste, um meine Finger zu untersuchen und zu prüfen, ob ich an den fürs Frankenjura typischen Fingerlöchern weiterklettern kann.

Während dieser Zeit kam Hannes einmal ins Gebiet um zu filmen. Es war mein vierter Klettertag in Folge, aber wir konnten keinen anderen Tag finden, der Hannes passte. Auch mit Ray Demski machten wir an einem Tag ein Fotoshooting. Bei diesem Trip konnte ich Action Directe im besten “Versuch” mit einem “Hänger” nach dem Sprung klettern.

Said Belhaj in der Route Action Directe. (Bild Ray Demski)

Nach diesem einmonatigen Aufenthalt flog ich nach Katalonien, um einen Kletterkurs zu geben. Das war eine gute Gelegenheit, mich von der intensiven Kletterei im Frankenjura zu erholen. Nach dieser Pause flog ich gut erholt zurück ins Frankenjura. In der Zwischenzeit sind die Temperaturen stark gesunken, es rund acht Grad Celsius, womit die Bedingungen für einen Rotpunktversuch gegeben waren. Wie auch immer, ich hätte nie gedacht, dass ich die Route an dem Tag klettern würde. Aber ich punktete Action Directe.

Mehrere Wochen später kam ich erneut ins Frankenjura, nach einem Griechenlandaufenthalt. Dort kletterte ich mehrheitlich lange und pumpige Tufa-Routen. Der Winter ist im Frankenjura eingezogen, doch wir gingen trotzdem ins Gebiet um erneut zu filmen. Wir hatten nicht viel Zeit, weil Hannes Jerry Moffatt zum Flughafen bringen musste. Ich stieg also in Action Directe ein, ohne mich aufzuwärmen. Es war bitterkalt und ich hatte noch mit einer Fingerverletzung von der Rotpunktbegehung zu kämpfen, weshalb ich, vor allem an den Einfingerlöchern, nicht 100% Gas geben wollte. Diese beiden Tage waren die einzigen, an denen Hannes dabei war. Ich hatte nie den Eindruck, er wäre “Allzeit bereit”, um zu filmen (vielleicht liege ich hier falsch), aber ich freute mich, dass es zumindest Filmaufnahmen gab, auch wenn sie nicht von meinen besten Tagen in der Route waren.

LACRUX: Hannes kritsiert, dass du nicht sagen kannst, wer dich bei der Rotpunktbegehung gesichert hat. Was sagst du dazu?

Said: Nun, als Profikletterer hat man sehr viel Zeit zum Klettern und ist sehr oft am Fels. Nicht immer findet man aber Freunde, die mal kurz vier Wochen ins Frankenjura fahren können. Man ist also häufig alleine unterwegs und klettert mit jedem, den man findet. Jedes Jahr klettere ich mit hunderten Personen. Einige sind Freunde fürs Leben, mit anderen wärmst du nur auf oder kletterst während eines Tages und siehst sie nicht wieder. Das war auch der Fall, als ich im Herbst 2018 ins Frankenjura zurückkehrte.

“Als Profikletterer wird man oft kontaktiert, wenn man zum Beispiel auf instagram schreibt, wo man ist oder hingeht.”

Said Belhaj

Während meines Aufenthaltes wurde ich von einem Kletterer auf instagram kontaktiert, der mir anbot, zusammen mit mir Action Directe zu klettern. So was ist nichts Aussergewöhnliches. Als Profikletterer werde ich oft kontaktiert, wenn ich auf instagram schreibe, wo ich bin oder hingehe.

Als ich nach der Pause in Spanien zurück im Frankenjura war, konnte ich niemanden finden, der mit mir kletterte und so kontaktierte ich den Kletterer auf instagram. Sein Name war Michael (oder Mike). Er war Deutscher und wie ich verstanden habe, war er aus der Region. Er war es denn auch, der mich während der Rotpunktbegehung sicherte. Leider sind sein Userprofil und die Konversation auf instagram verschwunden, als ich sechs Monate später danach suchte und mit ihm Kontakt aufnehmen wollte. Das mag komisch klingen, aber was kann ich machen?

Ich hoffe ich werde ihn wieder einmal treffen. Aber nicht als Beweis, sondern um mit ihm zu klettern. Nach der Rotpunktbegehung kletterten wir nur noch ein weiteres Mal zusammen, wenn auch wenig, denn es regnete und wir fanden kaum trockene Routen.

Während der gesamten Projektierungszeit in Action Directe hatte ich über fünf Sicherungspartner.

LACRUX: Warum denkst du wirft dir Hannes vor, du hättest die Route nicht gepunktet?

Said: Das ist eine gute Frage. Ich weiss es beim besten Willen nicht. Ich hatte eine super Zeit mit Hannes, wir haben den Film gedreht, den er für Café Kraft mache. Alles ganz normal. Als ihm Café Kraft gekündigt hat, suchte er nach Sponsoren für den Film und kontaktierte meinen Sponsor Patagonia. So weit ich weiss, kam nicht wirklich ein Deal zwischen ihm und Patagonia zustande. Rund sechs Monate nach meiner Begehung kontaktierte mich Hannes und fragte nach Videomaterial von der Rotpunktbegehung. Ich sagte ihm, ich hätte leider keine Aufnahmen und könne Mike nicht kontaktieren. Dann entwickelte sich plötzlich eine unschöne Dynamik.

“Hannes begann Leute aus meinem Umfeld zu kontaktieren.”

Said Belhaj

Hannes begann Leute aus meinem Umfeld zu kontaktieren, aber nicht mich. Er streute Gerüchte und hinterfragte meine Begehung von Action Directe. Ich versuchte ihn anzurufen, um mit ihm über die Vorwürfe zu sprechen. Er war mein Freund, warum also nicht miteinander sprechen und die Sache klären? Aber er wollte nicht sprechen.

Irgendwann schrieb er mir eine, sagen wir einmal – “nicht sehr positive” E-Mail, die ich beantwortete. Ich wollte transparent sein und leitete meine Antwort, die ich Hannes schickte, an die übrigen involvierten Personen weiter. Ich dachte, die Sache sei damit abgeschlossen, weil es nichts mehr dazu zu sagen gab und er nicht mit mir sprechen wollte.

Wenig später begann er auch meine Sponsoren zu kontaktieren und damit überschritt er die Linie. Meine Freunde und meine Sponsoren stehen hinter mir. Es ist nicht in Ordnung, dass er mich systematisch versucht zu diskreditieren. Nach schwedischem Recht handelt es sich um Verleumdung, ein ziemlich ernsthaftes Delikt. Niemand kann einfach solche Vorwürfe machen ohne Beweise. Das verletzt die Reputation einer Person. Ja wir haben freie Meinungsäusserung, aber das ist etwas anderes.

“Ich habe den Eindruck, er will einfach nur meine Reputation zerstören.”

Said Belhaj über Hannes Huch

Wie würdet ihr euch fühlen, wenn jemand euch solche Vorwürfe machen würde? Wie auch immer. Ich hoffe eines Tages mit Hannes als Freund zusammensitzen zu können und den Film fertig zu stellen. Der historische Teil dieses Films ist zu gut, als dass er unveröffentlicht bleiben sollte. Ich war nie interessiert, mich und meine Begehung im Zentrum des Films zu sehen. Es gibt genügend Videos von Begehungen der Route Action Directe. Aber die Geschichte der Route zu erzählen, würde die Leute sicherlich interessieren.

LACRUX: Die Situation mit Action Directe ist verworren und es ist unglücklich, dass du den Kontakt zu der Person, die dich gesichert hat, nicht hast. Hannes Huch hat gegenüber LACRUX gesagt, Leute aus deinem engeren Kreise würden auch die Begehungen von Trip Tik Tonik und Papichulo hinterfragen. Kannst du in diesen Fällen die Personen nennen, die dich bei der Rotpunktbegehung gesichert haben?

Ja klar. ((Anmerkung der Redaktion: LACRUX liegen die Namen und Kontaktdaten der beiden Personen vor. Im Falle von Trip Tik Tonik existiert eine Bestätigung der sichernden Person. Im Falle von Papichulo gab es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch keine Antwort)).

Said Belhaj nach der Begehung von Trip Tik Tonik

Profiathleten wie Carlo Traversi und Daniel Woods haben sich öffentlich zum Fall geäussert. Sie stehen hinter der Idee von Hannes Huch, dass Profikletterer, die von Sponsorengeldern abhängig sind, für ihre Begehungen einen Videobeweis vorlegen sollten. Was sagst du dazu?

So etwas kann man machen. Ich bin nicht der Typ, der ständig mit dem Handy Stories auf instagram publiziert und mehr Zeit auf Social Media verbringt, als am Fels. Das scheint die jüngere Generation öfter zu tun? Abgesehen davon ist es beim Bouldern generell einfacher ständig zu filmen.

Ich hoffe auch nicht, dass es so weit kommen wird, dass Profikletterer jede einzelne Begehung mit Video beweisen müssen. Zumindest nicht bei Begehungen einer Route im Schwierigkeitsgrad 9a. Wir sprechen hier nicht von einer historisch bedeutsamen Begehung.

Am Tag als ich Action Directe punktete kamen Wanderer vorbei. Ich glaube sie haben von unten gefilmt und/oder Fotos gemacht. Von ihnen das Material zu bekommen war das Letzte, was mich nach der erfolgreichen Rotpunktbegehung in den Sinn kam. Doch Hannes fragte nach solchen Aufnahmen.

“Es bricht mir das Herz, dass Hannes in Frage stellt, wer ich bin und für was ich stehe.”

Said Belhaj über die Vorwürfe von Hannes Huch

Wie auch immer. Vor mir wurde Action Directe schon von unzähligen Personen geklettert. Junge Kletterer wärmen sich heutzutage in solchen Routen auf! Es ist keine 9c-Route und kein 9a+ Boulder!

Im Falle einer historisch wichtigen (Erst-)Begehung könnte man vielleicht darüber streiten, ob man einen Beweis vorlegen sollte. Aber nicht bei einer 9a. Die Begehung einer 9a ist nichts weltbewegendes mehr. Und die Begehung war für mich auch für die “Vermarktung” nicht relevant, weil es “nur” eine 9a war.

Daniel Woods äussert öffentlich die Idee, warum du Action Directe nicht noch einmal kletterst, um es allen zu beweisen?

Das ist eine nette Idee und die Route ist genial. Für mich ist es aber die komplett falsche Motivation, um eine Route zu klettern. Es ist ja nicht so, dass ich die Route mal kurz an einem beliebigen Tag klettern kann, wie Alex Megos. Jetzt noch einmal so viel Zeit in die Route zu investieren, um etwas zu beweisen, was ich mir schon bewiesen habe, werde ich nicht tun. Es gibt andere Routen, die ich noch klettern möchte. Nur weil Hannes Huch mir vorwirft, die Route nicht begangen zu haben, muss ich der Welt nicht das Gegenteil beweisen. Ich klettere für mich selbst und wenn man mir das nicht glauben will, dann kann ich nichts dagegen tun. Und nochmal: Wenn jemand denkt, Action Directe zu klettern, bringe Ruhm und Geld, dann kann ich nur sagen, dass das nicht der Fall ist. Ich möchte auch hinzufügen, dass ich ziemlich sicher bin, dass kein Kletterer, egal ob Profi oder nicht, jede einzelne Begehung beweisen kann.

LACRUX: Was bedeutet Klettern für dich?

Für mich ist Klettern Freiheit und Vertrauen. Klettern ist für mich nicht ein Sport mit Videobeweis und Hexenjagd. Wenn mir ein Freund sagt, er hätte eine Route gepunktet, dann freue ich mich für ihn und hinterfrage die Begehung keine Sekunde lang. Warum sollte ich?

Wenn jemand nicht die Wahrheit über eine Begehung sagt, ist es ihre Problem, nicht das Problem der Anderen.

Für mich geht es beim Klettern nicht um Politik, nicht darum, einander gegenseitig zu kritisieren, sondern um die Kreativität, die gute Zeit zusammen am Fels, draussen in der Natur. Es geht für mich darum, sich gegenseitig zu inspirieren.

LACRUX: Danke Said für das Gespräch und deine Sicht der Dinge.

In Ergänzung zum Interview hat Said Belhaj um die Möglichkeit gebeten, ein kurzes Statement zu veröffentlichen, welches wir hier in Englisch publizieren.

So, I went rock climbing one day. Sorry but I can’t prove it but you can take my word for it. This is the last thing I will say on this topic. It feels unworthy to answer more for who I am and what I’ve done in my 30 years of climbing. I want everyone to respect this fact as there is not more to say or do. Normally I’m all about discussion and dialog, preferably in real life. But as this situation was never any of these things I’m very much done with the whole thing. And besides, there are 99 other real problems out there, this isn’t one.

I will now move on, focusing on travel, culture, music and climbing as usual. And taking a break from social media, these platforms are in the end not where its happing in life, especially when (ab)used in this way.

I hope to see you all out there. Hopefully wild-at-heart Mike who seems happily unaware of what is going on in climbing’s social media right now. And hopefully all the rest of you, old and new friends around the world.

Rock climbing is not a crime but one of the most beautiful things and strongest expressions of freedom I know. Free to climb with whoever we want, when and wherever we want.

I will always keep it that way – no matter what.

One love/SB

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Credits: Titelbild Martin Argus