Das Tiroler Platzertal soll einem Pumpspeicherkraftwerk weichen — dagegen laufen der Österreichische Alpenverein (ÖAV) und der WWF nun gemeinsam Sturm. Die beiden Organisationen fordern gemeinsam ein Moratorium für das Projekt des Landesenergiekonzerns Tiwag. Ihre Begründung: Das Vorhaben sei in der aktuellen Form schlicht nicht genehmigungsfähig.
Lückenhaftes UVP-Verfahren
Im Kern der Kritik stehen gravierende Mängel in den Unterlagen für die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP). Das Kapitel zu Naturgefahren, Geologie und Grundwasser weise massive Lücken auf. Felsstürze, Muren und mögliche Flutwellen durch brechende Gletscherseen habe man entweder gar nicht oder nur auf Basis hoffnungslos veralteter Daten bewertet, denn die verwendeten Gletscherdaten stammen aus dem Jahr 2017. Außerdem zeigt ein Vergleich die Dynamik deutlich: Der Gepatschferner allein ist in der Messperiode 2023/24 um 104 Meter zurückgeschmolzen, zwischen 2018 und 2024 sogar um insgesamt 381,5 Meter. Der Geomorphologe Prof. Dr. Wilfried Haeberli kommt in seiner Analyse der UVP-Unterlagen zu dem Schluss, dass die Dokumente vollständig neu erarbeiten müssen.


Klimawandel vervierfacht Felssturzrisiko
ÖAV-Generalsekretär Clemens Matt und WWF-Expertin Bettina Urbanek zeigen sich alarmiert. Die Risiken im Hochgebirge steigen durch den Klimawandel dramatisch: Gletscher ziehen sich zurück, Starkwetterereignisse nehmen zu. Das Risiko von Felsstürzen habe sich in den vergangenen Jahrzehnten vervierfacht, so Bettina Urbanek. An der Bliggspitze wurden in den letzten Jahren wiederholt Felsstürze beobachtet. Sie liegt in unmittelbarer Nähe des Gepatsch-Speichers. Neue Gletscherseen, die sich oberhalb des Stausees bilden könnten, stellen ein weiteres unkontrolliertes Risiko dar. Urbanek warnt außerdem vor Kaskadeneffekten: Rückgang von Gletschern und Permafrost könnten eine Kette von Ereignissen auslösen, die zu Katastrophen führen.
Die alpine Landschaft ist von den Auswirkungen des Klimawandels eindeutig betroffen, das spüren wir im Alpenverein unmittelbar.
ÖAV-Generalsekretär Clemens Matt

Ein Naturjuwel auf dem Spiel
Neben den Sicherheitsfragen steht auch ein ökologisches Herzstück Tirols auf dem Spiel: Das Platzertal, ein bislang weitgehend unberührtes Hochtal, soll geflutet werden und einem Speichersee für ein Pumpspeicherkraftwerk weichen. Für Bergsportler:innen und Naturfreund:innen ist das ein unumkehrbarer Verlust.

Effizienz statt Expansion
Alpenverein und WWF machen sich nicht grundsätzlich gegen Wasserkraft stark, sie fordern aber naturverträgliche Alternativen ernsthaft zu prüfen. Konkret plädieren sie für die Modernisierung und Effizienzsteigerung bestehender Anlagen. Den Ausbau im Kaunertal sehen sie primär als Profitmaximierung im Stromhandel mit dem Ausland, nicht als sinnvollen Beitrag zur Energiewende.
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Credits: Titelbild: Sebastian Frölich

