Krieg und Klettern: Eine ukrainische Geschichte – Licht im Schatten

Wenn in Kiew das Licht ausgeht, klettern die Menschen weiter – im Schein ihrer Handytaschenlampen, bis der Generator anspringt. Für diese Reportage ist Fotojournalist und Kletterer Wilson Vieira nach Kiew gereist und hat dort Veteranen, Organisationsleitende und Hallenmitarbeitende begleitet. Im zweiten Teil rückt das Kletterzentrum SPACE selbst ins Zentrum: ein Ort, der trotz Stromausfällen, Luftalarm und eisiger Kälte geöffnet bleibt.

Der Winter 2026 markiert das fünfte Jahr seit dem Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine. Tägliche Luftangriffe auf Energieinfrastruktur und zivile Einrichtungen machen das Leben unberechenbar und gefährlich. Zu dieser ständigen Bedrohung kommt der härteste Winter der vergangenen zehn Jahre, mit Temperaturen, die oft unter –22 °C fallen. Trotz dieser Prüfungen – oder gerade wegen ihnen – hat sich die Klettergemeinschaft in Kiew über die Dunkelheit und das Eis erhoben, um in einem Land im Krieg einen Raum für Selbstverwirklichung, Unterstützung, Selbstbestimmung und Widerstand zu schaffen. Dies ist die Geschichte davon, wie die Kletterkultur der Ukraine wie eine Kerze dazu beiträgt, die dunkelste Nacht in Schach zu halten.

Diese dreiteilige Reportage ist das Ergebnis zahlreicher Gespräche und Interviews mit Mitgliedern der Klettergemeinschaft in Kiew (Profi- und Hobbykletternde, Kriegsveteranen sowie Mitarbeitende in Kletterhallen). Trotz des Krieges und der Herausforderungen, denen sie täglich gegenüberstehen, begegneten sie mir mit Freundlichkeit, Geduld und der Bereitschaft, ihre Geschichten und ihre Kletterorte mit mir zu teilen. Ihnen bin ich zutiefst dankbar.

Wenn das Leben stärker ist als der Krieg

Ich unterhalte mich mit Alina Bieliakova (33), Routenbauerin und Klettertrainerin im Kletterzentrum SPACE, vor einem großen Fenster. Sie erzählt mir von den Herausforderungen, denen sie und die Gemeinschaft während des aktuellen Krieges gegenüberstehen, und davon, wie wichtig Kletterzentren für die Menschen sind: »Wir halten das Zentrum offen, weil die Menschen eine Flucht vor ihren Sorgen brauchen. Manchmal kommen sie müde vom Tag her, und wollen trotzdem klettern, weil es für sie wichtig ist.« Plötzlich geht das Licht aus. Der Benzingenerator springt nicht sofort an, und die Kletterhalle wird von Dunkelheit verschlungen. Sie schaut sich kurz überrascht um, bemerkt aber dasselbe wie ich: Alle klettern weiter und unterhalten sich. Alle arbeiten weiter und nutzen die Taschenlampe ihres Handys, wenn sie für eine bestimmte Aufgabe Licht brauchen. Sie dreht sich mit einem Lächeln zu mir um: »Alles gut, das Licht kommt bald wieder.« Momente wie diese gehören zum Alltag der Menschen in Kiew und in der gesamten Ukraine. Russlands Angriffe auf die Energieinfrastruktur haben die Energieversorgung instabil gemacht oder dazu geführt, dass sie den Bedarf der Bevölkerung nicht mehr decken kann.

Routenbauerin und Klettertrainerin Alina Bieliakova. | Bild: Wilson Vieira

Wir halten das Zentrum offen, weil die Menschen eine Flucht vor ihren Sorgen brauchen. Manchmal kommen sie müde vom Tag her, und wollen trotzdem klettern, weil es für sie wichtig ist.

Alina Bieliakova Routenbauerin und Klettertrainerin im Kletterzentrum SPACE

Diese täglichen Stromausfälle bedeuten, dass viele Gebäude keinen Zugang zu Strom, Heizung und oft auch zu Wasser haben, was insbesondere im Winter zu katastrophalen Lebensbedingungen führt. Die Regierung, aber auch die Bürger:innen in der ganzen Stadt nahmen die Sache selbst in die Hand, um sicherzustellen, dass das Leben irgendwie seinen natürlichen Lauf nehmen und stärker sein konnte als der Krieg. Campingkocher, Generatoren und provisorische Notunterkünfte sind einige der Lichter, die in der ukrainischen Nacht leuchten. Zu diesen Lichtern gehört auch die lokale Klettergemeinschaft, die in Kriegszeiten zu einem unerwarteten Leuchtfeuer wurde.

Die Kletterhalle SPACE als Licht im Dunklen für viele Menschen in der Ukraine. | Bild: Wilson Vieira

Von Freiwilligenorganisationen, die gemeinsam mit Kletterhallen angepasste Kletterkurse für Kriegsveteranen anbieten, bis hin zu Zivilisten, die an der Kletterwand einen Moment der Zuflucht suchen – Kletterhallen in Kiew sind heutzutage Orte, die in Kriegszeiten für die körperliche und geistige Gesundheit ihrer Besucher sorgen. Doch eine Kletterhalle ist nicht nur ein physischer Ort. Sie besteht aus Routenbauer:innen, Trainer:innen, Sportler:innen, Thekenpersonal, Techniker:innen und vor allem aus Kletternden, die die Eckpfeiler der Gemeinschaft bilden und Sicherheit und Hoffnung ermöglichen.

Kletterhallen in Kiew sind heutzutage Orte, die in Kriegszeiten für die körperliche und geistige Gesundheit ihrer Besucher sorgen.

Die fantastische Welt der »farbigen Plastikgriffe«

Einer dieser Kletterer ist Adrian Danylenko (20). Er ist Student am Polytechnischen Institut Kiew und absolviert eine Ausbildung zum Ingenieur für akustische und elektronische Systeme. Wie viele Menschen, die ich in der Ukraine kennengelernt habe, ist er vielseitig und teilt seine Zeit zwischen seiner Tätigkeit als Kletterlehrer in den »Climbing SPACE«-Hallen und der Mitorganisation von Veranstaltungen auf, die von Filmvorführungen bis hin zu Schulungen in taktischer Medizin an seiner Universität reichen. »Klettern heilt und gibt mir neue Kraft. Zum einen gibt es diese unglaubliche Gemeinschaft, in der ich mich wohlfühle. Zum anderen hilft mir die körperliche Aktivität dieses Sports, meine psychische Gesundheit zu bewahren. Manchmal möchte man einfach der Realität entfliehen und in eine Welt aus bunten Plastikgriffen eintauchen«, sinniert er. »Dann, im Juli 2024, wurde mir klar, dass ich meine Leidenschaft nutzen könnte, um das Leben anderer ein wenig besser zu machen, also schloss ich mich unserem wunderbaren Team an. Ich trainiere alle: Kinder ab vier Jahren, Erwachsene, Veteranen und Menschen mit Autismus.« 

Eines Abends beobachte ich, wie er die Tochter eines Kriegsveteranen trainiert, der gerade selbst eine Trainingseinheit mit einem anderen Trainer absolviert. Adrian ist freundlich und fröhlich im Umgang mit seiner Schülerin, einem Mädchen, das vielleicht sieben Jahre alt ist und das genauso viel Freude daran hat, am Sicherheitsseil zu schwingen, wie am Klettern selbst. Mittlerweile überrascht mich das nicht mehr, aber ich bin immer noch voller Bewunderung für die Stärke der lokalen Gemeinschaft. Diese lebt, wie in Adrians Fall, in Stadtvierteln, die ständig Ziel von Luftangriffen sind. Ihr Leben wird durch den Krieg schwer beeinträchtigt, erzählt er mir.

Adrian Danilenko (20) (links stehend) und Andreii (rechts stehend) während einer Trainingseinheit mit einem ukrainischen Kriegsveteranen und dessen Tochter. | Bild: Wilson Vieira

»Ich habe gelernt, bei Explosionen zu schlafen, während Drohnenangriffen zu lesen und für Prüfungen zu lernen, während nicht weit von der Universität entfernt Raketen einschlagen«, vertraut er mir an, doch sein Lachen und seine Leichtigkeit der Bewegungen verbergen diese Realität, während er in der Halle arbeitet. Wahrscheinlich aufgrund eines tiefen Gefühls der Berufung und Dankbarkeit, das er zum Ausdruck bringt, als er über seine Arbeit mit Kriegsveteranen spricht: »Es ist mir eine Ehre, mit Menschen zu arbeiten, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um meines zu schützen. Ich unterstütze sie von ganzem Herzen, und gemeinsam erzielen wir Fortschritte im Sport. Bei Soldaten entwickelt sich oft eine gewisse ‚Adrenalinabhängigkeit‘, und das normale Leben kann ihnen langweilig erscheinen. Wir versuchen, wieder Farbe in ihr Leben zu bringen.« Doch während manche Aktivitäten der Mitglieder der Kletterhalle mit bloßem Auge sichtbar sind, finden andere hinter den Kulissen statt und sind ebenso wichtig, um das Klettern überhaupt erst zu ermöglichen.

Adrian Danilenko (20) während einer Kletterstunde mit ukrainischen Kriegsveteranen. Seit 2024 verbindet er seine Leidenschaft für das Klettern mit seinen Fähigkeiten als Trainer, um Kinder, Erwachsene, Kriegsveteranen und Menschen mit Autismus zu unterrichten. | Bild: Wilson Vieira

Es ist mir eine Ehre, mit Menschen zu arbeiten, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um meines zu schützen.

Adrian Danylenko

Wenn Griffe den Felsen nachahmen…

An einem der Tage, an denen ich in der Kletterhalle war, betrat ich sie durch eine Hintertür, die mir eine weitere Facette des Engagements der Kletterer in Kiew offenbarte. Sie führte in einen weißen, geschäftigen Raum voller Werkzeuge, Maschinen und Farbe. Ich nehme den stechenden Geruch von Polyurethan in der Luft wahr, während ich Mykyta Myronenko (23) durch den Raum folge. Er bleibt neben einem Tisch stehen und reicht mir einen großen Klettergriff, der jedoch anders aussieht als das, was ich gewohnt bin. »Dieser hier soll Granit sein«, erklärt er mir, »und diese beiden sind Kalkstein und Sandstein.«

Bilder oben: Diverse Griffe an denen Mykyta Myronenko arbeitet ; unten: Mykyta Myronenko bei gießen seiner Griffe | Bild: Wilson Vieira

Dieser versteckte Raum ist die Fabrik von »5Fingers«, einer ukrainischen Marke, die von Kletter:innen der SPACE-Kletterhallen in Kiew gegründet wurde. Sie widmen sich der eigenständigen Herstellung von typischen Klettergriffen sowie, dieser besonderen, naturgetreuen Griffe, die echten Fels nachahmen. Mykyta ist ein extrem starker Kletterer. Jemand, den wir, Sterbliche mit Träumen von Klettergrößen, als Profi bezeichnen würden. Sein Debüt bei Wettkämpfen der International Federation of Sport Climbing (IFSC, jetzt World Climbing) gab er 2021 bei der Jugend-Kletter-Weltmeisterschaft, wo er den 10. Platz belegte. Trotz der im folgenden Jahr beginnenden groß angelegten Invasion gelang es ihm, sich zu qualifizieren und an zahlreichen Wettkämpfen teilzunehmen, darunter die Weltmeisterschaft in Innsbruck und der Europacup in Toulouse-Tournefeuille, beide im Jahr 2025.

Engagement für seinen Sport: Mykyta arbeitet unermüdlich an seinen Klettergriffen. | Bild: Wilson Vieira

»Es ist heutzutage schwierig geworden, hart zu trainieren, und als Mann ist es eine große Herausforderung, das Land für Wettkämpfe zu verlassen.« Aufgrund seines Status als Sportler wird Mykyta nicht zum Militär eingezogen, doch die bürokratischen Schwierigkeiten, auch wenn sie nur vorübergehend sind, stellen für jeden, der einen Krieg durchlebt, eine zusätzliche Belastung dar. Trotzdem strahlen seine Liebe und sein Engagement für den Sport über die Kletterwand hinaus.

… Und das Klettern ist wie das Leben

Um uns herum stapeln sich unzählige Kisten. Sie sind mit Klettergriffen in allen Formen und Farben gefüllt. Einige wurden im 3D-Druckverfahren hergestellt, andere aus heißem Polyurethan gegossen. Mykyta bereitet auf dem Tisch einige Gussformen vor und führt mich durch den Prozess. Ich beobachte, wie er die Vorbereitungen trifft (die Polyurethanmischung anrührt, die Schrauben anbringt, die die Griffe an der Wand befestigen, die klebrige Mischung in die Gussformen gießt) – wie ein Zen-Meister, wobei jede Bewegung eine Meditation über Achtsamkeit und Sorgfalt ist.

Andreii packt seine Ausrüstung zusammen, nachdem er mit der Einrichtung neuer Kletterrouten fertig ist. Er ist Routenbauer und Trainer in der Kletterhalle SPACE. Mitarbeiter wie er sind das Rückgrat der Klettergemeinschaft in Kiew. | Bild: Wilson Vieira

Es ist auch eine Einladung, darüber nachzudenken, dass dies der erste Schritt in einer Kette von Ereignissen ist, die dazu führen wird, dass irgendwann, irgendwo jemand die Chance hat, daran zu klettern. Höchstwahrscheinlich jemand aus Kiew, der nach einer schlaflosen Nacht unter den Luftschutzsirenen in die Kletterhalle gekommen ist. Der nach dem Einchecken feststellte, dass auch seine Freunde in Sicherheit sind und am selben Tag klettern. Der, während er eine Acht in seinen Klettergurt macht, sieht, wie Adrian einen Kriegsveteranen unterrichtet, Mykyta in den Pausen zwischen dem Herstellen von Klettergriffen hart trainiert und Alina an einer anderen Wand eine neue Route baut. Irgendjemand dort in dieser Kletterhalle wird denselben Granit imitierenden Griff berühren, den ich in meinen Händen hielt, wird seine Route suchen und dankbar sein, so wie ich es war, für die Menschen, die in den dunkelsten Zeiten ein Licht leuchten.

Über den Autoren: Wilson Vieira

Wilson Vieira ist freiberuflicher Fotojournalist, Autor und Bergsteiger und lebt in Leipzig. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf langfristigen dokumentarischen Reportagen an der Schnittstelle zwischen Klimawandel, indigenen Lebensweisen und den Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt. Seine aktuellen Langzeitprojekte erstrecken sich über das Kongobecken, die Ukraine sowie Bergregionen in Afrika und Europa.

Seine Arbeiten findet ihr unter: wilson-vieira.com | @wilsonvieiraphoto

Das könnte dich interessieren

+++

Credits Titelbild: Wilson Vieira

Aktuell

„WoGü“ im Rätikon: Zangerl und Larcher jeweils im ersten Versuch

Babsi Zangerl und Jacopo Larcher haben im Rätikon „WoGü" (8c) frei geklettert – an zwei aufeinanderfolgenden Tagen und jeweils im ersten Durchstiegsversuch. Barbara Zangerl verbucht hiermit außerdem die erste Frauenbegehung der Route.

Giovanni Placci: Vier 9a an vier aufeinanderfolgenden Tagen

Der italienische Kletterer Giovanni Placci hat Mitte September an vier aufeinanderfolgenden Tagen vier verschiedene 9a-Routen geklettert: drei im Piemonteser Gebiet La Stazione, eine in Albenga. Einen Flash verpasste er erst im letzten Zug.

European Outdoor Film Tour 2026/27 | Alle Filme & Termine zum Start am 12. Oktober

Die European Outdoor Film Tour kehrt zu ihrem 25. Jubiläum mit einem brandneuen Filmprogramm zurück. Premiere ist am 12. Oktober im Deutschen Theater in München – danach sind wieder viele Stopps in ganz Europa geplant. Alle Filme und Termine im Überblick.

Rückruf bei C.A.M.P.: Betrifft die Schrauben und Muttern an den Eisgeräten X-DREAM, X-DREAM TOTAL DRY und X-ALL MOUNTAIN

C.A.M.P. informiert, dass sich bei den Eisgeräten X-DREAM, X-DREAM TOTAL DRY und X-ALL MOUNTAIN die Schrauben, die Schaft und Axtkopf verbinden, teils gelöst haben; betroffen sind Produkte, die nach Oktober 2024 hergestellt wurden.

„WoGü“ im Rätikon: Zangerl und Larcher jeweils im ersten Versuch

Babsi Zangerl und Jacopo Larcher haben im Rätikon „WoGü" (8c) frei geklettert – an zwei aufeinanderfolgenden Tagen und jeweils im ersten Durchstiegsversuch. Barbara Zangerl verbucht hiermit außerdem die erste Frauenbegehung der Route.

Giovanni Placci: Vier 9a an vier aufeinanderfolgenden Tagen

Der italienische Kletterer Giovanni Placci hat Mitte September an vier aufeinanderfolgenden Tagen vier verschiedene 9a-Routen geklettert: drei im Piemonteser Gebiet La Stazione, eine in Albenga. Einen Flash verpasste er erst im letzten Zug.

European Outdoor Film Tour 2026/27 | Alle Filme & Termine zum Start am 12. Oktober

Die European Outdoor Film Tour kehrt zu ihrem 25. Jubiläum mit einem brandneuen Filmprogramm zurück. Premiere ist am 12. Oktober im Deutschen Theater in München – danach sind wieder viele Stopps in ganz Europa geplant. Alle Filme und Termine im Überblick.