In Kiew hilft Klettern Kriegsveteranen mit Amputationen, Sehverlust, PTBS und anderen Kriegsverletzungen dabei, ihr Leben wieder aufzubauen. Der freie Fotojournalist und Kletterer Wilson Vieira hat dort Veteranen, Trainer:innen und Stiftungen begleitet. Sein dreiteiliger Bericht zeigt, wie aus Trümmern und Stromausfällen ein Raum für Selbstbestimmung entsteht und die Wand zum Neuanfang wird.
Der Winter 2026 markiert das fünfte Jahr seit dem Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine. Tägliche Luftangriffe auf Energieinfrastruktur und zivile Einrichtungen machen das Leben unberechenbar und gefährlich. Zu dieser ständigen Bedrohung kommt der härteste Winter der vergangenen zehn Jahre, mit Temperaturen, die oft unter –22 °C fallen. Trotz dieser Prüfungen – oder gerade wegen ihnen – hat sich die Klettergemeinschaft in Kiew über die Dunkelheit und das Eis erhoben, um in einem Land im Krieg einen Raum für Selbstverwirklichung, Unterstützung, Selbstbestimmung und Widerstand zu schaffen. Dies ist die Geschichte davon, wie die Kletterkultur der Ukraine wie eine Kerze dazu beiträgt, die dunkelste Nacht in Schach zu halten.
Diese dreiteilige Reportage ist das Ergebnis zahlreicher Gespräche und Interviews mit Mitgliedern der Klettergemeinschaft in Kiew (Profi- und Hobbykletternde, Kriegsveteranen sowie Mitarbeitende in Kletterhallen). Trotz des Krieges und der Herausforderungen, denen sie täglich gegenüberstehen, begegneten sie mir mit Freundlichkeit, Geduld und der Bereitschaft, ihre Geschichten und ihre Kletterorte mit mir zu teilen. Ihnen bin ich zutiefst dankbar.
Teil 1 – Jenseits der Kriegsverletzungen
Die Geschichte eines tausend Soldaten
Ich kletterte schon seit einigen Stunden, als ich Yurii traf. Zwischen Gesprächen und Bouldern wartete ich darauf, dass die Kriegsveteranen zu ihrer zweiwöchentlichen Klettersession erschienen, und fragte mich, warum ich an diesem Tag so stark der Schwerkraft ausgeliefert war. Yurii ist ein großer und schlanker 24-jähriger Kriegsveteran, der ursprünglich aus der Region Saporischschja im Südosten der Ukraine stammt, einem Gebiet, das derzeit teilweise von der russischen Invasionsarmee besetzt ist. »Wenn ich an der Wand bin, ist mein ganzer Körper vollkommen konzentriert. Ich habe ein Ziel, das ich erreichen muss, und ich höre auf, daran zu denken, dass ich keine Beine habe. Allerdings tragen meine Arme einen Großteil der Last, und ich muss meine Füße auch mit den Augen kontrollieren, weil ich den Kontakt zur Wand nicht spüren kann. Ich muss sicherstellen, dass der Prothesenfuß richtig platziert ist, was mehr Zeit und Mühe kostet.« Trotz dieser Herausforderungen sehe ich, wie er selbstbewusst die Kletterwand hinaufsteigt, den Blick zwischen den Tritten, auf denen er seine Prothese platzieren wird, und den Griffen hin und her schweifen lässt, wie ein erfahrener Kletterer, und die Schwerkraft scheint weniger schwer zu wiegen.
Wenn ich an der Wand bin, ist mein ganzer Körper vollkommen konzentriert. Ich habe ein Ziel, das ich erreichen muss, und höre auf, darauf zu achten, dass ich keine Beine habe.
Yurii, Kriegsveteran

Zu Beginn der groß angelegten Invasion Russlands im Jahr 2022 schloss sich Yurii der Spezialeinheit »Azow« in Kiew an. Später im selben Jahr diente er in der 3. Sturmkompanie des 1. Sturm-Bataillons, Teil der renommierten 3. Sturm-Brigade, welche für intensive Kämpfe an der Front bekannt ist. Zu dieser Zeit wurde Yurii in die Regionen Luhansk und Charkiw entsandt und nahm an Kämpfen während der Offensive um Bachmut teil, die von einigen Analysten als die blutigste Schlacht seit dem Zweiten Weltkrieg angesehen wird. Im Frühjahr 2023 erlitt er an der Front bei Bachmut schwere Verletzungen und musste evakuiert werden. Die Verletzungen und die lange Rehabilitation hielten ihn jedoch nicht davon ab, zurückzukehren. Im Sommer 2024 wurde er bei der Abwehr eines feindlichen Angriffs erneut verwundet – dieses Mal so schwer, dass beide Beine amputiert werden mussten.

Yuriis Geschichte ähnelt der von Tausenden anderer ukrainischer Soldaten, die im andauernden Krieg verwundet wurden. Sie haben mit ihrer psychischen und körperlichen Gesundheit dafür bezahlt, die Freiheit und Unabhängigkeit ihres Landes zu verteidigen, und kehren nun von den Schrecken der Front über lange Rehabilitations- und Wiedereingliederungsprozesse ins zivile Leben zurück. »Eines Tages schlugen mir meine Freunde vor, das Klettern auszuprobieren und meine Fähigkeiten zu testen«, erzählt mir Yurii. »Zuerst war ich nicht sehr interessiert, weil mir noch das Selbstvertrauen fehlte. Aber mit der Zeit entschied ich mich, es doch mal zu probieren.« In den letzten Jahren hat das Klettern eine unerwartete Rolle dabei gespielt, ukrainischen Kriegsveteranen zu helfen, mit der neuen Realität des Lebens und mit den Wunden des Krieges umzugehen. Eine Bewegung, die begann, als Russland seine Offensiven gegen die Ukraine startete.
Gütige Engel und günstige Winde
Kommandantin Olena Tolkachova trat 2014 dem Azow-Regiment (jetzt 3. Armeekorps) bei und gründete den Hilfsdienst »Angels«, eine einzigartige medizinische und ehrenamtliche Einheit (die erste ihrer Art), die verwundete Soldaten und die Familien der Gefallenen unterstützt. »Zu Beginn des Krieges im Jahr 2014 sah ich viele verwundete Veteranen nach Hause zurückkehren«, sagt sie, »und überlegte, wie ich ihnen helfen könnte. Deshalb habe ich den Patronatsdienst ins Leben gerufen.« Seit 2022 hat »Angels« den Status einer gemeinnützigen Stiftung erlangt und hilft bei der Bereitstellung von Behandlungen, Prothesen, Bestattungen und familiärer Unterstützung für die Kämpferinnen und Kämpfer der Azow-Brigade und anderer Einheiten. Zu den Maßnahmen, die zur Unterstützung von Kriegsveteranen ergriffen wurden, gehört das Klettern. »Sport ist sehr gut für die körperliche und geistige Rehabilitation. Klettern ist wie ein Spiel und macht mehr Spaß als nur traditionelle Physiotherapie«, erzählt mir Olena mit diesem Lächeln, das nur diejenigen haben, die eine Mission im Herzen tragen.

Ich beobachte, wie Yehor Trapeznikov, Freiwilliger bei den »Angels« und selbst Kletterer, eine Sportkletterroute mit nur einer Hand im Selbstsicherungsautomaten erklimmt. Als er meinen faszinierten Gesichtsausdruck bemerkt, erklärt er mir: »Ich teste, welche Routen sich auf diese Weise klettern lassen. Es gibt Soldaten, die ihre Beine verloren haben, aber auch einige, denen ein Arm fehlt. Wir versuchen, das Klettern so inklusiv wie möglich zu gestalten.« Er ist Student am Polytechnischen Institut Kiew, freiberuflicher Videoregisseur und Tontechniker und trainiert zudem Veteranen und Militärangehörige des 3. Armeekorps. Ein Freund aus derselben Brigade machte ihn einst mit dem »Angels«-Patronatsdienst bekannt, und er beschloss, sich anzuschließen. Da kam ihm die Idee, das Klettern einzusetzen. »Klettern hilft einem, vieles zu bewältigen, weil es einen zwingt, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Das hilft bei der Bewältigung von Angstzuständen, Depressionen und PTBS oder steigert einfach den Dopaminspiegel«, erklärt er. »Das Feedback der Veteranen ist, dass es ihr Selbstvertrauen stärkt und ihnen zum ersten Mal seit ihren Verletzungen das Gefühl gibt, ihr körperliches Potenzial wieder voll ausschöpfen zu können. Wenn ich das höre, bin ich dankbar und inspiriert.«
Klettern hilft, vieles zu bewältigen, weil es einen zwingt, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Das hilft bei Angstzuständen, Depressionen und PTBS.
Yehor Trapeznikov
Neben seinen vielfältigen Aufgaben widmet Yehor seine Zeit auch der Entwicklung multimodaler Hilfssteuerungsgeräte, die Veteranen mit vierfacher Amputation dabei helfen, elektronische Geräte zu bedienen. Noch immer in der Selbstsicherung, erklärt er mir seine Zukunftspläne, mit dem 3D-Druck von Prothesen zu beginnen und diese für Kriegsveteranen und Zivilisten gleichermaßen erschwinglicher zu machen. Auch ich war von seinem Engagement und dem der »Angels« inspiriert, und ihre Taten haben wahrscheinlich dazu beigetragen, dass in den letzten Jahren weitere Organisationen entstanden sind, die Kriegsveteranen unterstützen.

Alina Bieliakova ist Grafikdesignerin, Routenbauerin und Trainerin in der Kletterhalle SPACE. Zusätzlich arbeitet sie mit der Stiftung »Second Wind« zusammen, einer weiteren Organisation, die geistige und körperliche Gesundheit von Kriegsveteranen durch Behindertensport, einen aktiven Lebensstil und gemeinschaftliche Unterstützung wiederherstellt. Ich frage sie nach den Herausforderungen, Veteranen zu trainieren und eine Kletterhalle in Kriegszeiten zu betreiben. »Ich liebe das Klettern und ich liebe es, diese Leidenschaft mit anderen zu teilen. Klettern gibt dem Geist eine Auszeit von den alltäglichen Problemen. Wir sind oft müde und frieren wegen der Luftangriffe und des Energiemangels. Aber dann trainieren wir umso härter, um uns warm zu halten.«
Wir sind oft müde und frieren wegen der Luftangriffe und des Energiemangels. Aber dann trainieren wir umso härter, um uns warm zu halten.
Alina Bieliakova, Trainerin Kletterhalle SPACE



Oben: Trainerin Alina Bieliakova arbeitet in der Halle SPACE regelmäßig mit Kriegsveteranen. Unten: Andrey (35) verlor im Krieg sein linkes Bein – seine Liebe zum Sport nicht. | Bilder: Wilson Vieira
Hinter dieser Hartnäckigkeit verbirgt sich jedoch eine sanfte Seele. Ich beobachte eine ihrer Trainingseinheiten mit zwei Veteranen, die an der Front verletzt wurden: Andrey (35), der ein Bein verloren hat, und Jenya (23), der sehbehindert ist. Mit Geduld, Sorgfalt und Ermutigung führt sie beide durch eine Vielzahl von Routen, die immer schwieriger werden. Andrey, der auch Fußball spielt, vertraut mir seine Herausforderungen an: »Ich teste gerne meinen Körper und möchte sehen, wozu er fähig ist. Aber ich mag keine kleinen Tritte und habe Probleme mit der Fußarbeit«, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln und blickt dabei auf seine Beinprothese. Dieselbe Entschlossenheit zeigt sich bei Jenya, der das Extreme liebt und einmal 1.500 Burpees gemacht hat, um seinen Körper auf die Probe zu stellen. Inzwischen klettert er Sportkletterrouten mit derselben Zuversicht und Begeisterung für die Herausforderung. »Nach unserem gemeinsamen Training sehe ich das Feuer in ihren Augen«, sagt Alina, »einige von ihnen sind in kurzer Zeit sehr gut geworden. Mein Wunsch ist es, dass wir einige Veteranen trainieren und sie bald an Para-Kletterwettkämpfen teilnehmen können.«



Oben: Jenya (23) erblindete an der Front. Heute klettert er unter Alinas Anleitung Sportkletterrouten. Unten: Jenya und Andrey während einer gemeinsamen Trainingseinheit. | Bilder: Wilson Vieira
»Der Mut, Dinge zu tun, die ich lieber meiden wollte.«
Unter den vielen Veteranen, die ich getroffen habe und die das Klettern zur Grundlage ihres neuen Lebens gemacht haben, bleibt mir Yurii besonders in Erinnerung – das erste Mal, als ich ihn klettern sah, und der Einfluss, den dieser Sport auf sein Leben hat. »Schon beim ersten Kontakt – in dem Moment, als mein Fuß die Wand berührte – wurde mir klar, dass ich es schaffen konnte. Ich glaubte an mich selbst und gewann Selbstvertrauen. Nichts hat mir jemals so viel innere Freude bereitet wie das Toppen eines Boulders. Mein Ziel ist erreicht.« Für Yurii und viele andere Soldaten, die verletzt von der Front zurückkehrten, ist das Klettern ein Mittel zur Selbstbestimmung und dazu, die Kriegsverletzungen hinter sich zu lassen und in ein neues Leben zu starten. »Die Fähigkeiten, die ich durch das Training in der Kletterhalle entwickelt habe, gaben mir den Mut, Dinge zu tun, die ich sonst gemieden habe. Das Klettern hat mir mein Selbstvertrauen zurückgegeben, und das hat einen starken Einfluss auf meinen Alltag.«
Das Klettern hat mir mein Selbstvertrauen zurückgegeben, und das hat einen starken Einfluss auf meinen Alltag.
Yurii, Kriegsveteran

Über den Autoren: Wilson Vieira

Wilson Vieira ist freiberuflicher Fotojournalist, Autor und Bergsteiger und lebt in Leipzig. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf langfristigen dokumentarischen Reportagen an der Schnittstelle zwischen Klimawandel, indigenen Lebensweisen und den Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt. Seine aktuellen Langzeitprojekte erstrecken sich über das Kongobecken, die Ukraine sowie Bergregionen in Afrika und Europa.
Seine Arbeiten findet ihr unter: wilson-vieira.com | @wilsonvieiraphoto
Das könnte dich interessieren
- «Es wird einen nie zuvor gesehenen Fokus auf unsere Sportart geben»
- »Das ist immer noch Leistungssport« | Interview mit Para Kletterer Sebastian Depke
+++
Credits Titelbild: Wilson Vieira

