Sommertrip mal anders: Jernej Kruder hat mit Silvan Schupbach und Filippo Sala vom 26. bis 28. Juli 2026 eine neue Route in Südgrönland etabliert. Verteilt auf 19 Seillängen und 600 Klettermeter ließ das Trio lediglich einen Bohrhaken zurück.
Was tun, wenn Hochsommer ist aber der Körper noch nicht bereit ist für harte Alpinkletterei? Das fragte sich Ende Juli der slowenische Profikletterer Jernej Kruder, dem im vergangenen Jahr verschiedene schwere Erstbegehungen und Wiederholungen in Chile, Kanada und Norwegen gelungen waren.
Relativ spontan zog es Kruder daraufhin nach Grönland – ein ungewöhnlicher und bislang kaum erschlossener Kletterspot. Dabei reiste er gemeinsam mit den beiden Schweizer Profikletterern Silvan Schupbach und Filippo Sala sowie dem Fotografen Hugo Vincent. Das Ziel der von Schupbach geleiteten Expedition: die Erstbegehung einer Mehrseillängenroute in der Gletscher- und Fjordlandschaft im Süden des Landes.
Ich wollte diesen Sommer etwas weniger anspruchsvolles, aber dafür abenteuerliches klettern.
Jernej Kruder



Abenteuer Grönland | Bilder: Hugo Vincent
Grönland extrem: „Das Wetter war nicht auf unserer Seite“
Wie es ist, in der Natur Grönlands eine neue Route zu begehen, spürte das Trio schnell. Das Wetter war mit Dauerregen nicht auf der Seite von Kruder, Schupbach und Sala, die ihren Start mehrfach nach hinten verschieben und schließlich in Anbetracht der verbleibenden Zeit sogar das Projekt wechseln mussten.
Die 600 Meter lange Route, die die drei später „Sila“ taufen sollten, liegt ziemlich isoliert in einem der Fjorde im Süden Grönlands an der Baroness Wall. Am 26. Juli schließlich ließen die Bedingungen einen Begehungsversuch zu.

Nur ein Bohrhaken auf 600 Metern
Über die drei folgenden Tage hinweg kletterten Kruder, Schupbach und Sala die 600 Meter lange Linie nahezu vollständig frei. Dabei etablierten sie 19 Seillängen mit einem maximalen Schwierigkeitsgrad von 7c. Lediglich eine Seillänge musste im technischen Klettern (A2+) bewältigt werden. Ganz im Sinne der unberührten Natur hinterließen die drei Kletterer dabei so wenig Material wie möglich – nur einen einzigen Bohrhaken.
Am 28. Juli erreichte das Trio um 19:30 Uhr den Gipfel und seilte sich nach einer kurzen Snackpause erneut zum Basislager ab. Mit einer großen Feier wurde es dennoch nichts: Denn am frühen Morgen stand pünktlich zur Gezeitenwende die Schiffsreise zurück in die Zivilisation an. Für Kruder, der früher abreiste als seine Kollegen aus der Schweiz, bedeutete der Rückflug nach Slowenien außerdem eine Begrüßung durch die derzeitige Hitzewelle.

„Sila“: eins mit den Kräften der Natur
Der Name „Sila“, den die drei der Route gaben, hat gleich zwei Bedeutungen: Im Grönländischen beschreibt er die Vorstellung, dass Mensch, Natur und Universum untrennbar miteinander verbunden sind. Im Slowenischen heißt der Name so viel wie „Kraft“. Darin sieht Kruder auch die gemeinsamen Anstrengungen des Trios unter widrigen Bedingungen gespiegelt: „Ich bin stolz auf mein verantwortungsvolles Team bei diesem Trip und dankbar, dass sie mich die meisten Seillängen vorsteigen ließen“, so der Slowene.
„Sila“ bedeutet auch: Das Wetter ist nicht nur ein physisches Phänomen, sondern ein Spiegel der lebendigen Welt, deren Teil wir Menschen sind.
Jernej Kruder



Bilder: Jernej Kruder/Hugo Vincent
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Credits Titelbild: Hugo Vincent

