Im März 2026 erschließen Fay Manners, Marco Malcangi und Max Kilcoyne an der zentralen Wandfläche des Roc Noir oberhalb von Arolla eine der spannendsten neuen Mixedrouten der Schweiz. »Nostalgie Alpine« – 325 Meter, neun Seillängen, M8 A0, ist ein Statement für explorativen Alpinismus in einem Tal, das längst vergessen schien.
I would love this story to inspire more women to step into the mountains and to see themselves in the world of first ascents. There are still so few female voices opening new winter mixed routes, and representation matters — it shows what is possible.
Fay Manners
Weibliche Erstbegeherinnen im Mixedklettern sind bis heute noch eher selten. Nur rund sieben Prozent der für den Piolets d’Or nominierten Alpinist:innen sind Frauen. Dabei gibt es sie, die Frauen, die konsequent neue Winterrouten erschließen: Ines Papert, die als erste Frau überhaupt den Mixedgrad M11 kletterte und seither weltweit Erstbegehungen im Eis- und Mixedgelände sammelt. Anja Petek und Patricija Verdev, die 2024 die Erstbegehung von Lalung I im indischen Himalaya schafften – fünf Tage, im alpinen Stil, M6+ AI5+. Oder Masha Gordon, die mit dem Grit & Rock Expedition Award gezielt Erstbegehungen durch Frauen fördert. Fay Manners fügt sich in diese Reihe ein und erzählt uns von ihrer neuen Linie am Roc Noir.

Unberührte Wandmitte – fünf Jahre nach dem gescheiterten Versuch
Zwei moderate Linien existieren bereits am linken und rechten Rand des Felsriegels am Roc Noir. Die zentrale Wandfläche bleibt lange unberührt. Ein früherer Versuch eines Teams vor fünf Jahren endet mit dem Rückzug, weil die Route zu gefährlich und die Absicherung zu lückenhaft ist. Als sich Anfang März ein stabiles Hochdrucksystem über den Alpen etabliert, erkennt Fay Manners ihre Chance. Die britische Alpinistin hat den Winter bereits mit den Linien »Sans Broncher« in Sembrancher und »Elles Aussi« an der Tête aux Chamois begonnen. Nun steht ein deutlich größeres Projekt auf dem Programm. Am 3. März trifft das Team in Arolla ein und studiert die Wand mit Fernglas: Wo liegen die Schwachstellen? Wo findet eine direkte Linie ihren Weg?

Neun Seillängen am Limit
Am 4. und 5. März richten Manners, Malcangi und Kilcoyne die ersten fünf Seillängen ein. Die erhoffte hängende Eissäule im ersten Aufschwung fehlt – die Bedingungen sind zu trocken. Stattdessen wartet technisches Mixed-Gelände: Fels, Schnee, dünne gefrorene Strukturen. Das gefrorene Moos auf großen Wandteilen fordert präzise Fußarbeit und delikate Bewegungen. Weil natürliche Sicherungsmöglichkeiten rar sind – Risse für Friends oder Haken kaum vorhanden – bohren die drei im Vorstieg. Als die Materialvorräte zur Neige gehen, legt das Team am 6. März eine Pause ein, stockt Bohrhaken nach und kehrt am 9. März zurück. Am 10. und 11. März komplettieren sie die restlichen Seillängen. Zwei Stellen bleiben jedoch A0: der Crux-Move in der sechsten Seillänge mit schlechten Griffen und komplizierten Positionen für die Eisgeräte, sowie die erste Bewegungssequenz im finalen Dach-Pitch, die bei allen drei Kletterern die freie Begehung verhindert. Manners führte dabei die schwersten Seillängen der Begehung, einschließlich der beiden komplizierten A0-Passagen.

Sicherheit für Nachfolger – Umweltbewusst bolten, alpine Atmosphäre bewahren
Nach der Erstbegehung räumt das Team am Abend des 11. März alle Fixseile ab, zieht Bohrhaken nach und entfernt loses Gestein. Die Route ist für Wiederholungsbegehungen vorbereitet – aber kein Wandspaziergang. Manners und ihr Team installieren Abseilpunkte an jeder Seillänge, um einen Rückzug bei schlechtem Wetter jederzeit möglich zu machen. Wo Eis in guten Wintern für Sanduhrschlingen taugen würde, setzen sie Bohrhaken, damit die Linie auch in wärmeren Jahreszeiten kletterbar ist. An den wenigen soliden Rissen bleibt die traditionelle Absicherung erhalten, um den alpinen Charakter der Route zu wahren. Eine Begehung in einem Tag ist möglich, erfordert aber einen Abstieg im Dunkeln.

»Nostalgie Alpine« – Eine Einladung
Den Namen wählt das Team nicht zufällig. Arolla strahlt noch immer die Atmosphäre des frühen Alpinismus aus: kein Lifterschluss, wilde Gipfel direkt über dem Tal, kaum moderne Abenteuerinfrastruktur. Während der Erschließungsphase logiert das Team im historischen »Grand Hôtel Kurhaus«, das 1896 von Honorine Gaspo eröffnet wurde und in der Belle Époque Ausgangspunkt für britische und Schweizer Erstbegeher war. Mehr als ein Jahrhundert später eröffnen Manners, Malcangi und Kilcoyne oberhalb desselben Tals nun eine neue Route. »Nostalgie Alpine« steht, laut Manners, als logischer Abschluss einer starken Mixedsaison und als Einladung: Arolla hat noch Linien zu bieten, für alle, die Lust auf ein echtes Alpenabenteuer haben.
Fakten zur Route:
- Route: Nostalgie Alpine
- Berg: Roc Noir, Arolla (Schweiz)
- Grad: M8 A0 Länge: 325m / 9 Seillängen
- Erstbegehung: März 2026
- Team: Fay Manners, Marco Malcangi, Max Kilcoyne

Wer ist Fay Manners?
Fay Manners, geboren 1987 in Bedford, ist britische Alpinistin und Skibergsteigerin. Sie wechselte aus einer Karriere in der Technologiebranche in den Profisport. Ihr Einstieg ins Klettern beginnt eher zufällig: An einer Boulderwand in New York, gefolgt von ersten Bergtouren in Wales. 2015 zieht sie nach Chamonix. Was folgt, ist eine bemerkenswerte Karriere im modernen Alpinismus: In den vergangenen Jahren eröffnet sie über zwanzig Erstbegehungen. Darunter die Mixedroute »Waa Shakil« (6b/M5) auf dem 6.327 Meter hohen Trango II in Pakistan sowie Bigwall-Routen in Grönland und Patagonien bis 7b+. Dazu kommen Steilski-Erstbefahrungen in den Alpen und 2022 die erste rein weibliche Begehung der »Phantom Direct« an den Grandes Jorasses – einer der längsten Eisrouten im Mont-Blanc-Massif. Manners selbst fasst ihren Antrieb so zusammen: Sie wolle Geschichten erzählen, die Frauen zeigen, was möglich ist und dass es nie zu spät ist, neu anzufangen. Im Outdoorsport ist Platz für mutige, kreative weibliche Stimmen.

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Credits: Titelbild: Fay Manners

