Ende Januar klettern die Niederländerin Line van den Berg und die Britin Fay Manners in 31 Stunden in einem Push durch Phantom Direct. Mit dieser Unternehmung sichern sie sich nicht nur die erste reine Frauenbegehung der auch als ‚Via in memoria di Gianni Comino‘ bekannten Route. Vermutlich sind sie erst die fünfte Seilschaft insgesamt, die diese Route aus dem Jahr 1985 erfolgreich wiederholt hat.

Was Line van den Berg vor ihrem Aufbruch ins Unbekannte liest, flösst ihr Angst ein und weckt gleichzeitig ihre Entdeckerlust: 1600 Höhenmeter, längste Eisroute des Mont-Blanc-Massiv, zweite Begehung erst 35 Jahre nach Eröffnung. „Ich verspürte den Wunsch, es zu versuchen, es selbst zu sehen, zu lernen, zu scheitern“, schreibt sie auf ihrem Blog.

„Ich verspürte den Wunsch, es zu versuchen, es selbst zu sehen, zu lernen, zu scheitern.“

Line van den Berg
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Die Motivation ist gross, die Morgensonne befeuert das Frauenduo zusätzlich.

Zäher Start

Um ein Uhr in der Nacht brechen sie im Schein ihrer Stirnlampen auf. Drei Stunden später stehen sie vor der ersten Herausforderung der Tour, dem Bergschrund. Ein massiver, überhängender Serac aus uneinheitlichem Schnee, der auf einer strukturlosen Platte liegt. Fay Manners versucht es als erste und wird zweimal unsanft abgewiesen. Sie beschliessen zu wechseln. Nun ist Line van den Berg am scharfen Ende des Seils. Sie versucht, sich von den Stürzen ihrer Seilpartnerin nicht entmutigen zu lassen. Mit Erfolg: nach bangen Minuten völliger Konzentration steht sie oberhalb des Bergschrunds und sichert nach.

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Fay Manners in der Bergschrund-Seillänge.

Der Bergschrund hat mehr Zeit gekostet als erwartet. Die Motivation der beiden ist trotzdem ungebrochen: „Auf geht’s“, meint Fay Manners, bevor sie in das über ihnen liegende Rinnensystem einsteigen. Das Eis ist dünn, die Kletterei filigran, die Absicherungsmöglichkeiten spärlich. Nach etwa 200 Metern gelangen sie zu den vermeintlich schwierigen Seillängen.

„Im Vergleich zu den Fotos, die wir im Internet vom 2020er-Anstieg gesehen haben, gibt es so wenig Eis, dass ich die Seillänge zunächst gar nicht erkannte“, erinnert sich die Niederländerin. Nichtsdestotrotz hakt sich ihre Seilpartnerin Fay Manners in die kleinen Risse ein und bahnt sich ihren Weg nach oben.

„Im Vergleich zu den Fotos, die wir im Internet vom 2020er-Anstieg gesehen haben, gibt es so wenig Eis, dass ich die Seillänge zunächst gar nicht erkannte.“

Line van den Berg

Schattenseiten einer Südwand

Weiter oben wird den beiden Alpinistinnen bewusst, warum diese Wand im Sommer nie geklettert wird: Von oben fällt immer wieder Fels oder Eis aus der erwärmten Wand und zischt ihnen um die Ohren. Um 13.45 Uhr treffen sie am Point of no Return an. Eigentlich wollten sie bereits zur Mittagszeit dort sein. Sie nehmen sich einen Moment, um ihre Strategie neu zu beurteilen.

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Im Verschneidungssystem in der erste Hälfte der Route.

„Ich schaue Fay in die Augen, und bevor ich mein Plädoyer fürs Weitermachen halten kann – ich bin aufgeregt und fühle mich mit dem Schlafsack und dem Kocher in unseren Taschen sicher, dass wir im Falle einer Katastrophe nicht erfrieren werden – kann ich sagen, dass sie genauso denkt. Wir sind für das Abenteuer dabei.“

„Ich schaue Fay in die Augen, und bevor ich mein Plädoyer fürs Weitermachen halte, kann ich sagen, dass sie genauso denkt. Wir sind für das Abenteuer dabei.“

Line van den Berg

Es ist noch ein langer Weg bis zum Gipfel. Um die Zeit bis zum Ausstieg zu verkürzen, klettern sie simultan. Im Gefühl von Line van den Berg vergeht die Zeit schnell und langsam zugleich. Je höher sie kommen, desto mehr nimmt der Wind zu. Und auch die Müdigkeit macht sich bemerkbar und verlangsamt ihren Fortschritt. „Kurz vor Mitternacht, nachdem wir über unwegsames Gelände geklettert sind und den gefühlt ewigen Hirondelles-Grat mit dem Wind, der durch unsere Kleider und Felle bläst, mühsam überquert haben, stehen wir auf dem Gipfel.“

Volle Konzentration bis zum Schluss

Die beiden Alpinistinnen verbringen sieben Stunden mit dem Abstieg vom Gipfel zum Refugio Boccalette. Schritt für Schritt gehen sie den gefrorenen, nassen Schnee hinunter. „Es ist einfach furchtbar. Steil, dunkel, kalt“, erinnert sich Line van den Berg. Nach bereits 24+ Stunden Aufstieg, ist die Aufmerksamkeit der grosse Knackpunkt.

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Insgesamt sieben Stunden nimmt der Abstieg in völliger Dunkelheit, bei Wind und in eisiger Kälte in Anspruch.

Was sie in den 31 Stunden am Berg geschafft haben, realisieren Line van den Berg und Fay Manners erst später, als sie in der Pizzeria in Courmayeur sitzen: Die erste reine Frauenbegehung von Phantom Direct und die vermutlich erst fünfte Wiederholung der äusserst anspruchsvollen Tour aus dem Jahr 1985 in einem einzigen Push vom Tal aus. „Es fühlt sich einfach massiv an“, schwärmt Line van den Berg.

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Die erfolgreiche erste Frauenbegehung der ‚italienischen‘ Linie feiern Line van den Berg und Fay Manners mit einem italienischen Essen.

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Credit: Titelbild und Bilder im Artikel: Line van den Berg. Text: Blog von Line van den Berg

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