Tödliche Lawinenunglücke in den Alpen: »äußerste Vorsicht geboten«

Bei verschiedenen Lawinenunglücken in Österreich, Frankreich und der Schweiz sind in der vergangenen Woche mehrere Personen ums Leben gekommen. Behörden warnen derzeit vor ungleich verteilten, großen Schneemassen in den Alpen. Im freien Gelände sei extreme Vorsicht geboten – auch für erfahrene Wintersportler*innen.

Viele Tote bei Lawinenabgängen in den Alpen

In der vergangenen Woche sind im Alpenraum insgesamt 17 Personen durch Lawinenabgänge tödlich verunglückt und weitere Menschen schwer verletzt worden. Der Großteil der Todesopfer entfällt auf mehrere Lawinen in Österreich. Am Samstag, den 17. Januar erfasste eine Lawine im Pongau (Salzburg) zunächst eine österreichische Skitourengeherin abseits der Pisten, die trotz Wiederbelebungsversuchen durch die Bergrettung verstarb. Nur eineinhalb Stunden später kam es zu einem weiteren Lawinenabgang im Bereich Finsterkopf im Großarltal, bei dem vier der sieben mitgerissenen Personen tödlich verunglückten.

Am selben Tag kam es im auch im Murtal (Steiermark) zu einem tödlichen Lawinenabgang am Schönfeldspitz, bei dem sieben Skitourengänger*innen aus Tschechien unter Schneemassen begraben wurden. Drei von ihnen kamen dabei ums Leben. Zu den weiteren Todesopfern der vergangenen Tage zählen außerdem ein 13-jähriger Tscheche in Bad Gastein und eine 58-jährige Frau in Weerberg (Österreich) sowie ein Deutscher am Piz Badus (Schweiz). An verschiedenen Orten der französischen Alpen kam es zu sechs weiteren Todesfällen durch Lawinenabgänge.

Hektische Suche nach Verschütteten: Lawinenübung im Kaunertal. Foto: Alpenverein/Monika Melcher
Lawinenübung des ÖAV im Kaunertal. (Bild: Alpenverein/Monika Melcher)

Lawine traf auch Ausbildungsgruppe des ÖAV

Der Österreichische Alpenverein (ÖAV) hat inzwischen bestätigt, dass es sich bei den Betroffenen des Lawinenabgangs im Großarltal im Land Salzburg um Teilnehmende einer geführten Kursgruppe handelt. Laut Angaben des Alpenvereins hatte die ca. 150 Meter breite Schneebrettlawine die siebenköpfige Gruppe im Aufstieg Richtung Throneck (2.214m) im untersten Abschnitt des Gipfelhangs erfasst. Für vier Personen endete das Unglück tödlich. ÖAV-Präsident Wolfgang Schnabl zeigte sich bestürzt und sprach den Angehörigen der Opfer sein »tiefes Mitgefühl« aus.

Selbst wenn alle Sicherheitsaspekte beachtet werden, bleibt ein Restrisiko, das sich nicht kontrollieren lässt. Dafür Menschen zu verlieren, die wie wir die Berge geliebt haben, schmerzt unsagbar. 

Alpenvereinspräsident Wolfgang Schnabl

Im Zuge des Lawinenabgangs wurden alle Kursteilnehmenden vollständig verschüttet. Eine unverletzte Person konnte sich daraufhin selbständig aus den Schneemassen befreien und umgehend die Rettungskette in Gang setzen. In einem der größten Rettungseinsätze des bisherigen Winters wurden die sieben Verschütteten geborgen. Zum Zeitpunkt des Unglücks herrschte im Bereich der Unfallstelle Lawinenwarnstufe 2, also mäßige Lawinengefahr. Alle Beteiligten trugen Lawinenverschüttetensuchgeräte (LVS).

Die Bergführerin und Kursleiterin überlebte das Unglück leicht verletzt. Gegen sie ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung – ein Sachverständiger soll bei der Ermittlung der Unfallursache unterstützen. »Das ist ein Standardablauf«, erklärt Jörg Randl, Leiter der Abteilung Bergsport im Alpenverein. »Wir möchten dafür plädieren, das Ergebnis der Ermittlungen abzuwarten und von voreiligen Beurteilungen oder Kritiken abzusehen.«

Hohes Lawinenrisiko durch Neuschnee

Als Grund für die derzeit erhöhte Lawinengefahr in den Alpen nennen Expert*innen den starken Neuschnee, der sich nur schlecht mit dem darunter liegenden Altschnee verbinde. In den österreichischen Alpen gab es zuletzt nach mehreren Wochen ohne Schneefall ortsweise bis zu 50 Zentimeter Neuschnee. 

Aufgrund des erhöhten Risikos gilt derzeit für Teile Österreichs (Salzburg, Tirol, Vorarlberg) sowie für die Südschweiz und die französische Alpenregion die Lawinengefahrenstufe 3 von 5. Diese ist für Wintersportler*innen besonders gefährlich, weil Lawinen an Steilhängen bestimmter Expositionen und Höhenlagen leicht ausgelöst werden können. Auch spontane Lawinenabgänge und Fernauslösungen sind möglich. Rund die Hälfte aller tödlichen Lawinenunglücke jedes Jahr werden der Lawinengefahrenstufe 3 zugeordnet.

Für Skitourengeher wie hier am Jochgrupenkopf ist im freien Gelände äußerste Vorsicht geboten (Foto: Alpenverein/Schöpf)

Behörden mahnen zu Vorsicht & Ausrüstungs-Check

In dieser Wintersaison kam es bereits mehrfach zu starken Lawinenabgängen in den Alpen. Ende November 2025 löste eine große Lawine am Stubaier Gletscher einen Großrettungseinsatz aus – alle acht Verschütteten konnten dabei gerettet werden. Der Österreichische Alpenverein warnte daraufhin, dass gerade an den ersten Schönwettertagen nach Neuschnee besondere Vorsicht geboten sei. Die Kombination aus Neuschnee und heiklen Altschneeschichten schaffe insbesondere für Skitourenfans und Variantenfahrende eine gefährliche Ausgangslage. Angesichts der jüngsten Unglücke mahnen die Behörden auch jetzt Wintersportler*innen zu äußerster Vorsicht im freien Gelände.

Jörg Randl vom Österreichischen Alpenverein (ÖAV), betont, dass jeder im freien Gelände zwingend eine vollständige Notfallausrüstung mitführen muss. Außerdem empfiehlt der ÖAV einen Lawinen-Airbag und einen Skihelm, besonders wegen der heiklen Übergangsbereiche mit möglichem Steinkontakt. Eine weitere risikomindernde Maßnahme ist die Routenplanung anhand tagesaktueller Gefahrenmeldungen und Lawinenvorhersagen.

Nur mit vollständiger Ausrüstung kann im Notfall eine effiziente Rettungskette funktionieren.

Jörg Randl, Abteilungsleiter Bergsport (ÖAV)

Checkliste für Notfallausrüstung

  • funktionsfähiges 3-Antennen-LVS-Gerät
  • Sonde
  • stabile Lawinenschaufel aus Aluminium
  • Mobiltelefon
  • Erste-Hilfe-Set
  • Rettungsdecke
  • Biwaksack
Eine vollständige Notfallausrüstung inklusive LVS-Gerät kann im Ernstfall Leben retten (Bild: Archiv LACRUX.com)

Nicht nur Unerfahrene sind gefährdet

Aufgrund der erhöhten Lawinengefahr empfehlen die zuständigen Behörden unerfahrenen Skitourengänger*innen, ausschließlich auf geöffneten Abfahren und Routen zu bleiben. Teilweise können sich Lawinenabgänge nur unweit von ausgewiesenen Pisten ereignen und tödlich enden – wie im Fall der ersten Lawine vom 17. Januar im Pongau.

Aber auch erfahrene Wintersportler*innen können durch ihre Routine Gefahren übersehen. Der Bergführer Michael Larcher, Randls Vorgänger beim ÖAV, nennt das die »Expertenfalle«: Durch laufend erfolgreiche Erfahrungen könne bei Profis ein Gefühl der Kontrolle oder Unverwundbarkeit entstehen, die es im Zusammenhang mit Lawinengefahr nicht gebe.

Immer mehr kann sich dann das Gefühl etablieren, man hätte die Kontrolle über Gefahren am Berg. Gerade im Zusammenhang mit Lawinengefahr ist das jedoch von Grund auf falsch.

Michael Larcher, ehem. Abteilungsleiter Bergsport ÖAV

Hohe Belastung für Einsatzkräfte

Für die ehrenamtlichen Einsatzkräfte der betroffenen Regionen war die vergangene Woche extrem belastend. Gegenüber dem ORF sagte Gerhard Kremser, Bezirkstellenleiter der Pongauer Bergrettung, dass trotz des tragischen Ausgangs des Einsatzes in Großarl die Alarmierungs- und Rettungskette gut verlaufen sei: »Es hat im Grunde keine Zeitverzögerung gegeben.« 

Gleichzeitig waren die Einsätze für alle Retter*innen »belastend und schwierig«, so Kremser. Innerhalb von nur sieben Tagen hätte man in der Region sieben Todbergungen durchgeführt, eine Retterin habe sechs davon begleitet. Vertreter*innen der Politik sprachen allen freiwilligen Rettungskräften ihren Dank aus.

Die Bergrettung Pongau bei einer Einsatzübung mit Lawinenhund (Bild: Bergrettung Salzburg)

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Credits Titelbild: Marion Hetzenauer

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