Der deutsche Profi-Alpinist Michael Wohlleben reiste zusammen mit Walter Hungerbühler für rund einen Monat in das Paradies eines jeden Alpinisten: Patagonien, Argentinien. Wir haben Michi gefragt, ob er uns ein paar Zeilen über seine Erlebnisse aus El Chalten schicken kann. Das hat er getan. Und nicht nur ein paar wenige Zeilen. In zwei Teilen erzählt euch Michi von seiner Begegnung mit kiffenden Alpinisten, fetten Beats in der Wand, langen Touren und wohlverdienten Ruhetagen.

Ein Erlebnisbericht von Michi Wohlleben – Teil 1

Am ersten Tag nach unserer Ankunft wollten wir gleich zum „Piedra del Freile“ aufbrechen, um an der Aguja Guillamet die „Brenner“ Route zu klettern. Daraus wurde allerdings nichts, da unser Gepäck nicht ankam. Selbst eine nächtliche zweistündige Radtour durch El Chalten auf der Suche nach dem kleinen weißen Bus von „Las Lengas“ half nichts. Also schliefen wir am nächsten Morgen unfreiwillig aus.

12 Meter Runout durch Offwidth-Riss

Wir verschoben unsere Idee um 24 Stunden mit dem Wissen, dass wir nun nur einen halben Tag gutes Wetter haben, was aber trotzdem gut funktionierte: Statt von „Piedra del Freile“ starteten wir um 2 Uhr nachts mit dem Taxi nach El Pillar, stiegen in etwa 5 Stunden bis zum Passo Guillamet auf und machten uns ans Klettern. Schöne Seillängen führten uns zum „bekannten“ Brenner-Riss, der allerdings vereist war. Daher blieb uns nur rechts der breite Offwidth. Wält als erfahrener Indian Creek Kletterer war zwar nicht sonderlich scharf auf den Vorstieg, zierte sich aber nicht und zauberte sich mit einer mir bisher unbekannten Technik nach oben. Der 12 Meter Runout ohne den passenden Camelot machte sich durch einen kurzen, fragenden, sehr zweifelnden Blick nach unten bemerkbar.

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(Bild Michi Wohlleben)

Schmetterlinge im Bauch?

Als ich am Offwidth ankam, rief mir Wält zu: „Michi, hast du schon mal Butterflys gemacht?“ Ich dachte etwas sarkastisch an so etwas wie Schmetterlinge im Bauch … hatte ich letztmalig vor 8 Jahren. Nach kurzem Erklären verstand ich, worum es ging. Nämlich aus zwei Handklemmern einen großen Klemmer im Riss zu machen, um sich so irgendwie den Riss hochzuwürgen. Zügig kletterten wir weiter und erreichten schnell den Gipfel, auf dem sich Patagonien dann endlich von seiner windigeren Seite zeigte. Keine zwei Stunden später standen wir wieder im Passo Guillamet. Der Wind peitschte derart heftig über die Grate, dass wir die sagenumwobenen Knallgeräusche erstmals mit unseren eigenen Ohren hören konnten: Wie wenn ein Düsenjet die Schallmauer durchbricht! Zu meiner Belustigung warf der Wind im Abstieg den kleinen, alten (53) Schweizer Wält, der es übrigens faustdick hinter den Ohren hat, gleich zweimal um. Einige Stunden „jumpeln“ (Schweizerdeutsch: Sinnloses Wandern, Hatschen) wir durch die Patagonischen Berge, ehe wir wieder in El Pillar an der Hauptstrasse ankamen.

Schweiz – Frankreich 1:0

16 Stunden auf den Beinen reichte uns: Also Autostopp! Allerdings gab es Konkurrenz: Zwei hübsche Trekkerinnen aus Frankreich standen ebenso an der Straße. Wir hatten Glück. Zwei Minuten später – 1:0 Equipo Suiza, Vater und Sohn wie machen sagten – hielt ein Wagen,  ab ging’s nach Chalten, wo uns Bife de Chorizo und ein kühles Bier erwarteten. Es folgt ein verdienter Ruhetag, an dem wir mit Luca Schiera von den Ragni di Lecco zum Bouldern gingen. Ich war überrascht von den wirklich tollen Linien in Chalten und erfreute mich an zwei, drei Projekten, die ich mir für kommende Schlechtwettertage aufsparte. Fünf Tage vergingen wie im Flug.

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Atemberaubende Aussicht garantiert (Bild Michi Wohlleben)

Auf der Suche nach dem Durchschlupf

Als sich das nächste, kurze Wetterfenster ankündigte, wollten wir ins Torre Valley. Ziel: Irgendetwas Feines an der St. Exupery, Mocho, Medialuna oder De la S zu klettern. Da wir  – ehrlich gestanden – zu faul waren das ganze Camping Equipment bis ins Niponino zu tragen, nächtigten wir gemütlich im Angostini Camp.

Aufstehen um 2 Uhr morgens und Richtung Torre Gletscher jumpeln.

Bald erreichten wir die Moräne. Ohne Info liefen wir den Weg, den wir aus vergangenen Jahren kannten, weiter und standen nach 30 Minuten unten am See, blickten in stockdunkler Nacht auf eine 70° steile Moräne, die im Wasser endete. „Hier geh’ ich nicht durch!“ Alle weiteren Versuche, die Moräne tief zu queren, endeten in steilem Gelände. Es wäre Harakiri gewesen. Also wieder den ganzen Weg retour nach oben und einen Durchschlupf über die Moräne suchen. Es wurde langsam hell als wir endlichen einen Weg durch dieses Labyrinth fanden.

Patagonien wehrte sich mit Händen und Füssen

Die Motivation war im Keller als wir nach drei bis vier Stunden endlich die Füße auf den Torre Gletscher setzten. Wält’s Kommentar: „Patagonien wehrt sich mal wieder mit Händen und Füßen.“ Als wir nach sechs Stunden endlich im Niponino ankamen, regnete es. Außerdem war’s richtig windig. Neue Entscheidung: an den Mocho gehen! Aber das Wetter war gegen uns: Sprühregen durchnässte unsere Hosen. Kurzum: es war ekelhaft. Hinsetzen. Nachdenken.

Planänderung: Talseite wechseln. Zwei Stunden später saßen wir im Campo Polacos. Als sich die Sonne zeigte, entschieden wir, Richtung Aguja de la S aufzubrechen. Ohne ordentliche Steigeisen und Pickel wussten wir natürlich nicht, wie weit wir überhaupt kommen würden und nahmen daher auch nur ein 50m Einfachseil mit.

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(Bild Michi Wohlleben)

Vom Pech verfolgt: Drei Verhänger in drei Seillängen

Die lange Traverse unter der Aguja St. Exupery war sehr schön. Wir hatten eine super Sicht auf die Torre Gruppe und mussten erneut feststellen, dass das Wetter am Cerro Torre einfach immer schlechter ist als am Fitz Roy. Wir kletterten zügig in „Die Brecha de los Austriacos“. Diese Aktion erinnerte mich stark an eine Besteigung des Mönch Nollens mit meinem Freund Ueli Steck: in Turnschuhen und Eispickel, ohne Seil, in Laufhosen, ohne Daunenjacke … der Sturm, der uns im Gipfelbereich unerwartet erwischte, hätte auch böse enden können. Ich weiß längst, wie schnell die Situation kippen kann. Aber hier und jetzt sollte keine Situation kippen. Wir hatten super Wetter und kletterten auf die Aguja de la S. Beim Abseilen war das 50m Seil schon unpraktisch. Drei Verhänger in den ersten drei Seillängen sind keine gute Bilanz, aber so ist das wohl manchmal.

Wir kletterten und seilten das Couloir ab und jumpelten zum Niponino zurück, wo wir gegen 17.30 Uhr Freunde trafen, die uns freundlicher Weise ein paar Riegel schenkten. Im Anschluss ging’s etwa 4,5 Stunden zurück zu unserem Zelt. Am Folgemorgen waren die Berge wieder tief in Wolken verhangen und so machten wir uns zurück zu unserem Chalten.

Nach Aktionen dieser Art freue ich mich immer auf Ruhetage und will vom Gebirge erstmal nichts wissen.

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Was für ein Wetter – In Patagonien geht’s auch anders (Bild Michi Wohlleben)

Das Dorf El Chalten – Basis vieler Alpinisten in Patagonien


FORTSETZUNG: Den zweiten Teil des Erlebnisberichtes findet ihr hier.


 

Credits: Bild und Text Michi Wohlleben

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