Der deutsche Profi-Alpinist Michael Wohlleben reiste zusammen mit Walter Hungerbühler für rund einen Monat in das Paradies eines jeden Alpinisten: Patagonien, Argentinien. In einem zweiteiligen Bericht erzählt euch Michi von seiner Begegnung mit kiffenden Alpinisten, fetten Beats in der Wand, langen Touren und wohlverdienten Ruhetagen. Den ersten Teil des Berichts findet ihr hier: Teil 1 des Erlebnisberichtes

Ein Erlebnisbericht von Michi Wohlleben – Teil 2

Nach sechs Tagen Ausschlafen und Bouldern öffnete sich langsam ein Wetterfenster. Wir entschieden uns für die „Supercanaletta“ am Fitz Roy. Mich faszinierte dieser Koloss. Wir schätzten die Verhältnisse im Fels zu schlecht ein, um eine schwierigere Route realistisch versuchen zu können. Erneut aus Faulheit, unser  Camping Equipment bis ins Camp am Einstieg zu tragen, entschieden wir uns von Piedra del Freile zu starten und dadurch etwa fünf Stunden mehr an Zustieg in Kauf zu nehmen

Musik und Zigarettenrauch in der Wand

Gegen 1.30 Uhr machten wir uns Richtung Fitz auf. Keine 10 Minuten nachdem wir uns am Gletscher anseilten, öffnete derselbe sein Maul und wollte mich verschlucken! Nach 5 Stunden standen wir dann am Biwakplatz unter der Canaletta. Dort sahen wir zahlreiche Stirnlampen am Ende des Couloirs, also ca. 1000m über uns. Später stellte sich heraus, dass vier Seilschaften gegen 1 Uhr am Einstieg starteten. Zu unserem Glück, konnten wir diese schon nach drei Stunden einholen und auch gut in den Seillängen um den „Bloque Empotrato“ überholen. Sie nahmen es etwas gemütlicher – die Kombination aus Zigarettenrauch und der Menschenmenge erinnerte mich eher an einen Club als eine große Route am Fitz Roy. Die hatten nicht nur Marihuana, sondern auch eine Beatbox dabei!

Schwierige Wegfindung

Bei Wält und mir lief alles wie geschmiert. Wir wechselten uns blockweise ab, jeder führte immer 100-200 Meter am Stück. Das Gelände war nicht besonders schwierig. Dean Potter bezeichnete den oberen Teil der „Super“ mal als Aneinanderreihung von Bouldern. Womit er recht hat: Es ist immer wieder recht flach und dann kommt eine schwierige Passage von 5 bis 30 Meter. Die oberen Passagen waren mit viel „Rime“ überdeckt, was die Wegfindung nicht einfach machte, da man nicht einsehen konnte, wo die Risse waren. Natürlich machte es die Kletterei obendrein ein bisschen würziger. Immerhin hatten wir auf den letzten 8 Seillängen Beatbox Sound von unten. Die letzte Seillänge auf den Grat war, anstatt einer 20m IV+, eine senkrechte „Rime“ Wand.

Abseilen an Schlaghaken, einzelnen Klemmkeilen  und Blockschlingen

Gegen 17.30 Uhr erreichten wir den Gipfel und überlegten lange, wo wir abseilen sollten. „Franco-Argentina“ mit weniger Stein und Eisschlag, dafür schneebedeckte Stände? Colin Haley sagte einmal, dass das Bergsteigen in Patagonien eine „master class in rappeling“ ist. Es gibt nahezu keinen Gipfel mit einfachen Abstiegen, geschweige denn mit vielen gebohrten Standplätzen. Man findet sich auf einem Gipfel und muss die ganze Strecke, die man geklettert ist, an Schlaghaken, Blockschlingen, einzelnen Klemmkeilen oder Abalakovs abseilen. Durch das zackige Gelände ist die Gefahr von Seilverhängern recht groß.

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(Bild Michi Wohlleben)

Die Route verwandelte sich in eine Dusche

Nach Wält’s Bitte, ob ich den Abstieg führen könnte, fand ich mich für sechs Stunden – davon vier nachts – in diesem Modus: ca. 45 Mal abseilen, immer suchend und hoffend den nächsten Standplatz zu erreichen. Dieses Mal lief es besser als an der Aguja de la S. Wir hatten glücklicherweise keinen einzigen Seilverhänger und opferten lediglich zwei Klemmkeile, zwei Bandschlingen und zwei Karabiner. Eine gute Bilanz. Als wir endlich das Eiscouloir erreichten, mussten wir feststellen, dass sich durch die hohen Temperaturen die ganze Route in eine einzige Dusche verwandelt hatte. Jeder Schritt im Schnee war ein Schritt in einem 60 – 70 ° steilen Sumpf aus Matsch und Wasser. Nass wie Waschbären waren wir! Gegen 1.30 Uhr erreichten wir unsere Stöcke und den Gaskocher. Nach einer Mahlzeit ging’s weiter Richtung Piedra del Freile.

Bier und Pizza zum Frühstück

Auf dem Rückweg liefen uns zwei Stirnlampenlichter entgegen. Eine Stimme mit amerikanischem Slang rief: „Walter, Michi?“ Colin und Austin, waren auf dem Weg zur Affanasiev. Im Glauben, dass wir umgekehrt waren, versuchte uns Colin zu trösten, bis er realisierte, dass wir immer noch unterwegs waren! Wer springt morgens um 4 oder 5 Uhr über den Gletscher? Normalerweise nur Bergsteiger, die umdrehen. Oder eben solche, die zu faul sind das Camping Equipment fünf Stunden durch die Gegend zu tragen.

Was es um 9 Uhr zum Frühstück gab? Bier und Pizza! Ein Hochgenuss!


ERSTER TEIL: Mitte Woche publizierten wir den ersten Teil des Berichtes von Michi Wohlleben über seine Erlebnisse in Patagonien. Hier gehts zum ersten Teil des Berichtes.


 

Credits: Bild und Text Michi Wohlleben

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