Die Jurassierin wiederholt die 2005 von Matthias Trottmann erstbegangene Route 6.4 Sekunden (170 m, 8b/+) an der Fürenwand. Nachdem sie in der Schlüsselstelle zunächst keinen Stich hatte, fasste sie neuen Mut – und konnte das Ding punkten. In emotionalen Worten hält sie fest, weshalb dies die bislang grösste Kletterleistung ihrer Karriere ist.

Corona-bedingt fanden im Sommer 2020 bekanntlich keine Wettkämpfe statt, Choong erkannte in der Lücke ihre Chance: „Zum ersten mal seit 15 Jahren konnte ich mich nur aufs Felsklettern konzentrieren.“

Schnell war das Ziel gefasst, wieder mehr Mehrseillängen zu klettern. „Was bei dieser Form des Kletterns besonders interessant ist, ist die Beziehung zu deinem Partner. Ich habe das Gefühl, dass du viel mehr mit deinem Partner teilst, es bleiben tolle Erinnerungen. Das Vertrauen muss vollkommen sein, um gemeinsam den Gipfel zu erreichen.“

„Diese Route, die mir in jeder Länge unmöglich schien, die mich viele Male zweifeln und fast aufgeben liess, wird mir für immer als eine meiner besten Leistungen in Erinnerung bleiben.“

Katherine Choong

Ziel sei es gewesen, an die eigenen Grenzen zu gehen: sowohl was die Schwierigkeit angeht, als auch die mentale Herausforderung im Mehrseillängenklettern – eine Disziplin, welche Choong nach eigenen Angaben noch nicht komplett beherrscht.

Beinahe aufgegeben

16 Tage hat Choong gebraucht, um die Route zu klettern – erst nach zwei Wochen habe sie sich langsam wohl gefühlt in der Wand, betont sie. Die Crux-Länge schien ihr auf Anhieb machbar, doch gleich darauf in der dritten Seillänge (8a+) sei sie auf die Welt gekommen. „Da war nix zu machen, um über diese Stelle zu kommen. Enttäuscht und frustriert wollte ich das Projekt aufgeben.“

Katherine Choong in der Fürenwand. Video: Hugo Vincent

Erstbegeher Matthias Trottmann konnte neue Motivation spenden, indem er versicherte, es handle sich um die wohl schwierigste Einzelstelle der ganzen Route. Also seilten Choong und Jim Zimmermann (ihr Seil- und Lebenspartner) mit einem Statikseil direkt von oben ab, um den Rest der Route zu erkunden.

„Die Kletterei ist technisch, die Züge weit. Ich konnte nicht mehr als ein paar Bewegungen aneinanderreihen, ohne Pause zu machen. Ganz zu schweigen von den Runouts in losem Gestein, die mich vor Angst lähmten!“

Es folgte ein schwieriger mentaler Prozess. Zwar konnte Choong immer wieder einige Sequenzen entschlüsseln, verlor dann aber wieder den Mut. Vor allem weil sie in der 8a+-Länge noch immer kein Land sah. Die feuchte Wand und die vom Tal herankriechenden Nebelschwaden hätten ihren Teil beigetragen, schreibt sie. Doch dann kam die Sonne zurück – und mit ihr die Hoffnung.

„Am Ende des 14. Tages kletterte ich endlich eine 7c+ Seillänge und fand in der 8a+ eine neue Methode! Alles scheint wieder möglich!“ Danach ging plötzlich alles ganz schnell.

Ein Rennen gegen die Zeit und den Regen

Am 9. September passte alles zusammen. Choong schreibt:

„Nichts hat auf einen Durchstieg hingedeutet. Der Regen durchnässt uns beim Zustieg komplett und der Fels wirkt feucht. Ich starte mit der 6c-Länge. In der folgenden 8b/+ setze ich mir das Ziel, einfach die Crux zu erreichen: ein dynamischer Zug nach einem langen und ermüdenden Überhang. Völlig überraschend kann ich die Länge gleich durchsteigen. Was für ein Gefühl!

Doch ich weiss: es folgen noch immer die knifflige 8a+, danach 8a, eine 7c+ und eine 7b. Die meisten dieser Seillängen habe ich zuvor nie geschafft. Tatsächlich ist jede der Seillängen ein Kampf. Ich habe das Gefühl, dass ich mit jedem Zug an Kraft verliere. Mein Kopf übernimmt meine Arme, die mich anschreien, loszulassen.

„Mein Kopf übernimmt meine Arme, die mich anschreien, loszulassen.“

Wenn ich eine Chance haben will, muss ich jede Länge im ersten Versuch schaffen – anders reicht die Kraft nicht aus. Es regnet. Je höher wir kommen, desto mehr befällt mich die Angst, die oberen Seillängen könnten zu nass sein. Meter für Meter kommen wir höher, ich würde gerne mehr Pausen machen, doch die Zeit wird auch knapp. Die letzte Seilbahn geht um 18 Uhr abends – auf keinen Fall wollen wir im Regen runtermarschieren. Schliesslich erreiche ich den Gipfel, völlig erschöpft, aber voller Glück, diese grosse Herausforderung gemeistert zu haben.

Diese Route, die mir in jeder Länge unmöglich schien, die mich viele Male zweifeln und fast aufgeben liess, wird mir für immer als eine meiner besten Leistungen in Erinnerung bleiben. Eine Herausforderung, die mich dazu gebracht hat, meine mentalen Barrieren zu überwinden und meine Komfortzone zu verlassen.“

Informationen zur Route:

  • 170 Meter, 8b/+, Engelberg, Fürenwand
  • 7 Seillängen: 6c, 8b/b+, 8a+, 8a, 8a, 7c+, 7b
  • Eröffnet von Matthias Trottmann 2005
  • Erste freie Begehung: Matthias Trottmann 2006
  • Erste Wiederholung: David Firnenburg 2019
  • Zweite Wiederholung : Katherine Choong 2021

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Credits: Titelbild Hugo Vincent

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