Sean Villanueva O’Driscoll verkündet eine schier unvorstellbare Begehung: Im Alleingang gelingt dem Belgier die Überschreitung der Fitz Roy Traverse in Patagonien. Er überschritt die zahlreichen Gipfel zwischen dem 5. und 10 Februar 2021 und nennt die Überschreitung The Moonwalk Traverse.

Heutige Profialpinisten und -kletterer berichten ihren Followern – gefühlt – im Stundentakt von ihren Abenteuern. Ist die Begehung einmal gelungen, so ist die Überraschung gar nicht mehr so gross. Ganz anders tickt Belgier Sean Villanueva O’Driscoll. Seit Ausbruch der Coronakrise sitzt er mehr oder weniger in Patagonien fest.

Der gute Mann hatte allen Grund, im Süden Argentiniens zu bleiben. Er hätte nämlich Grosses vor – behielt das Geheimnis aber für sich und schrieb an seinem Geburtstag lediglich folgende Nachricht auf seine Facebook-Pinnwand:

Danke vielmals für all eure Geburtstagswünsche. Ich bin die glücklichste Person auf Erden, habe so viele geniale Leute getroffen. Zu meinem Geburtstag habe ich mir sieben Kuchen, einige mit Glasur, einige mit besonderen Beilagen gegönnt.

Sean Villanueva

Seine Nachricht ist eine Anspielung auf die historische bedeutsame Begehung, die ihm gelang.

Fitz Roy Traverse im Alleingang in umgekehrter Reihenfolge

Seine Begehung verkündete Sean bis jetzt nicht selbst auf seinen Social-Media-Kanälen. Als erstes veröffentlichte die Bekleidungsfirma Patagonia, Sponsor von Sean, die unglaubliche Leistung des 40-Jährigen.

Um einzuordnen, welche Leistung Sean Villanueva O’Driscoll vollbracht hat, müssen wir etwas ausholen. Patagonien ist bekannt für harsche klimatische Bedingungen. Oft warten Alpinisten wochenlang, um ein geeignetes Wetterfenster zu erwischen und eine der berühmten Granitspitzen im Süden Argentiniens zu besteigen. Die einzelnen Gipfel sind an sich schon herausfordernde Ziele. Das Nonplusultra Patagoniens ist jedoch die Fitz Roy Traverse.

Mutter aller Traversen – Fitz Roy Traverse

Die Fitz Roy Traverse wird oft als „Mutter aller Traversen“ genannt. Die Gesamtüberschreitung erstreckt sich über neun Gipfel, weist einen Höhenunterschied von 4’000 Metern und Kletterschwierigkeiten bis 7a auf. Diese alpinistisch äusserst herausfordernde Traverse wurde bisher erst einmal geklettert – von Alex Honnold und Tommy Caldwell. Schon damals ging ein Raunen durch die Kletterszene, ob der starken Leistung der beiden.

Doch jetzt, jetzt legt Sean Villanueva einen drauf und begeht die komplette Überschreitung im Alleingang. Im Gegensatz zu Alex Honnold und Tommy Caldwell kletterte Sean die Traverse in umgekehrter Reihenfolge und gibt der Überschreitung den Namen The Moonwalk Traverse. Als Bewertung gibt er 6c, 50˚ an.

Es gibt absolut keine Zweifel, dass das die eindrücklichste Solo-Begehung Patagoniens aller Zeiten ist. Und ich frage mich, ob es ganz generell die eindrücklichste Begehung Patagoniens ist. Als jemand, der all diese Gipfel solo geklettert hat (separat) und als jemand, der dieses Terrain sehr gut kennt, ist es schwer vorstellbar, dieses Terrain im Alleingang zu begehen. Als jemand, der viele stolze Begehungen in Patagonien auf dem Buckel hat, laufe ich Gefahr, eifersüchtig zu sein. Doch ich bin einfach nur überglücklich für Sean. Herzliche Gratulation Sean, für diese unglaubliche Leistung. Ich versuche es immer noch zu verstehen, was du gerade geleistet hast.

Colin Haley, Profialpinist und Patagonia-Kenner
Topo der von Sean Villanueva im Alleingang absolvierten Gesamtüberschreitung mit dem Namen The Moonwalk Traverse. (Bild Patagonia Vertical)
Topo der von Sean Villanueva im Alleingang absolvierten Gesamtüberschreitung mit dem Namen The Moonwalk Traverse. (Bild Patagonia Vertical)

Denkbar schlechter Start

Die Begehung begann Sean am 5. Februar 2021 von Südwesten her. Am Rande des Gletschers übernachtete er in einer Höhle. Seine Ausrüstung bestand aus einem kleinen Haulbag, einem Rucksack, Esswaren für 10 Tage, ein kleines Zelt, einem leichten Schlafsack und der Flöte, für die Sean Villanueva bekannt ist.

Für die Kletterei benutzte Sean ein 60-Meter-Seil sowie eine dünne Haul Line. Bereits an der Aguja de l’S wurde sein Seil durch Steinschlag arg in Mitleidenschaft gezogen. Die drei Kerben am Seil flickte Sean behelfsmässig mit Tape. Am zweiten Tag, während der Traverse zur Aguja Rafael Juárez, riss der Anseilring seines Klettergurtes und er verlor einige Camalots. Doch auch davon liess sich Sean nicht beirren und zog weiter.


Sean Villanueva flickt nicht nur Kletterseile, sondern auch Flip Flops


Der für ihn unangenehmste Moment war aber gemäss Angaben von Rolando Garibotti (Patagonia Vertical) das Gipfeleisfeld, dass Sean in seinen Zustiegsschuhen und Aluminium-Steigeisen beging. Auf dem Weg hinunter zu Piedra Del Fraile entschloss sich Sean für einen Halt an bei Piedra Blanca, um zu Verarbeiten, was er soeben erlebt und geschafft hat, bevor er zurück in die Zivilisation kehrte. Die Gesamtüberschreitung schloss Sean am 10. Februar 2021 ab.

Sean Villanueva kurz vor der Ankunft in El Chalten

Mentale Stärke als Schlüsselfaktor

Für die erfolgreiche Begehung Fitz Roy Traverse ist neben einer soliden Klettererfahrung sicherlich auch eine ordentliche Portion Gelassenheit und mentale Stärke von Nöten. Diese Elemente ergänzt der Belgier Sean Villanueva mit einer zusätzlichen Portion Humor. In Anlehnung an Trainingsvideos von Alexander Megos und Adam Ondra, veröffentlichte er vor Kurzem ein Video, das zeigt, wie er in Patagonien trainiert.

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Credits: Bildmaterial Sean Villanueva

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