Mentorin im Steileis: unterwegs mit Ines Papert | »Havanna« (WI4)

Ein gefrorener Wasserfall hoch über dem Pitztal. Das Wetter: ideal. Nicht zu warm, nicht zu kalt, die Sonne lässt sich ab und zu mal blicken. Gemeinsam mit Profiathletin Ines Papert geht es für Gwen von LACRUX in eine Mehrseillänge im Eis. Bei dieser einmaligen Gelegenheit konnte sie einiges lernen – von Tourenplanung über Lawinenkunde bis hin zu präzisen Schlägen ins weiche Eis. Auch mit dabei: die C.A.M.P. X-Dreams Eisgeräte und Alpinist Tech Steigeisen im Praxistest.

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Tourenplanung

Ich treffe Ines auf dem Festival Gelände des »Eis Total« im Pitztal. Sie hat offensichtlich genauso viel Vorfreude auf die Tour wie ich. Voller Motivation – Ines Papert eben. Zuerst gehen wir das Material an. Was braucht man alles für eine Mehrseillänge im Eis? Es ist gar nicht so viel mehr als am Fels. Die wichtigsten Begleiter, die wir fürs Klettern im gefrorenen Wasser brauchen, habe ich aber nicht so oft mit dabei: Eisgeräte und Steigeisen. Martin von C.A.M.P. legt mir die X-Dreams Eisgeräte und die Alpinist Tech Steigeisen nahe. Außerdem packen wir neun Eisschrauben, einen Tuber pro Kopf, zwei Halbseile, Eis-Clipper, einen Eissanduhrfädler, ausreichend Exen, Schlingen und Schraubkarabiner, ein Messer und einiges an Reepschnur ein. Die Vorfreude ist groß – von der mehrfachen Weltmeisterin im Eisklettern werde ich sicher jede Menge lernen. Ines kennt sich bestens im Pitztal rund um St. Leonhard aus. Hier gibt es unzählige Linien, und wir beschließen, einfach loszufahren und zu sehen, was uns anlacht.
Gleich zu Beginn erklärt sie mir, dass wir uns am besten eine Route auf der linken Talseite aussuchen. Da wir frühmorgens klettern, liegt die Linie noch vollständig im Schatten. Das Eis ist kompakt, kalt und gut tragend. Also liefert es genau die Bedingungen, die man sich für eine längere Eistour wünscht. Linien, die bereits am Vormittag Sonne abbekommen, werden schnell weich, was sowohl die Eisqualität als auch die Sicherheit deutlich beeinflusst.

Links sieht man die Havanna Linie, die wir uns ausgesucht haben.

👉 Links und rechts werden IMMER in Fließrichtung des Tals bewertet, also
vom Talschluss hinaus in Richtung Talausgang.
Das Pitztal verläuft grob von Süden (Talende/Gletscher) nach Norden (Imst/Inntal). Die Fließrichtung der Pitze ist also nach Norden.

Unser Material für die Klettertour.

Welche Linie wird’s?

Eine Tour beginnt lange vor dem ersten Schlag ins Eis. Sich mit der Umgebung und den aktuellen Gegebenheiten vertraut zu machen, ist entscheidend für Sicherheit und Routenwahl. Auf der Seite von Alpine Adventure zum Beispiel, finden sich unter den News regelmäßig Informationen zu Eisverhältnissen im Pitztal sowie Hinweise auf sensible Bereiche mit Wildbestand. Diese Problemzonen zu kennen und entsprechend rücksichtsvoll zu handeln, gehört zu einer verantwortungsvollen Planung dazu, weshalb man sich die Zeit nehmen sollte, Infos über die Region suchen, in der man klettern möchte.

Der Zustieg ist nicht kurz. Es geht über die Pitze und dann ca. eine Stunde bergauf.

Wir entscheiden uns für die »Havanna«-Linie, eine freistehende Eissäule bei Neurur im mittleren Pitztal. Sie ist eine der beliebtesten Routen der Gegend. Havanna beginnt mit einem steilen Vorhang im Grad WI4, danach folgt erstmal gnädigeres, flacheres Gelände im Bereich WI2-3. Die steile Säule am Ende mit der Schwierigkeit WI6 sieht super beeindruckend aus.

Lawinenkunde: Eis ist nie nur Eis

Bereits im Zustieg lenkt Ines meinen Blick auf einen steilen Gully auf der gegenüberliegenden Talseite. Hier, erklärt sie, lösen sich Lawinen häufig nicht flächig, sondern kanalisiert über Rinnen und Geländemulden. Was von oben weit entfernt wirkt, kann im Zustieg gefährlich werden: Lawinen, die über solche Gullis abgehen, nehmen Geschwindigkeit auf und können Kletternde selbst auf vermeintlich sicheren Spuren mitreißen. Gerade im Winter verlangt Eisklettern deshalb alpines Denken – auch oder eben gerade dort, wo man sich noch nicht am Seil befindet. Ines rät, den Zustieg genauso kritisch zu beurteilen wie die Route selbst und konsequent mit LVS-Gerät, Schaufel und Sonde unterwegs zu sein. Erfahrung hilft bei der Einschätzung, doch entscheidend bleibt, Gefahren früh zu erkennen und entsprechend zu handeln.

Lawinenausrüstung beim Zustieg
Auch wenn der Fokus auf der Eislinie liegt: Der Zustieg ist oft der lawinenrelevanteste Teil der Tour, da man ungesichert aufsteigt. Gerade Rinnen, Gullis und steile Hänge – also die Orte, in denen die Linien nach oben laufen – können zur Gefahr werden.

Unverzichtbar im Rucksack:
LVS-Gerät
Lawinenschaufel
Lawinensonde

Anhand der gut sichtbaren Rinne klärt Ines mich über Lawinen beim Eisklettern auf.

Einstieg in die Linie

Der Einstieg führt eine Eissäule steil nach oben. Das Eis ist gut aufgebaut, leicht weich und dadurch dankbar zu schlagen. Jeder Schlag mit den X-Dreams sitzt satt und gibt unmittelbare Rückmeldung. Unter den Füßen erleichtern mir die Alpinist Tech das Steigen spürbar – selbst mit nicht idealen Schuhen (Bergschuhe der Kategorie C) finde ich zuverlässig Halt. Entscheidend ist, die Steigeisen möglichst gerade ins Eis zu setzen; saubere Frontzackenarbeit bringt Stabilität und Vertrauen, daran wird mich Ines heute noch einige Male erinnern. 
Von oben motiviert sie mich und gibt mir gute Tipps, sobald wir Sichtkontakt haben. Sie zeigt mir, wo sich gute Positionen für die Eisgeräte ergeben und wie ich mit kleinen Korrekturen ruhiger stehe. Die X-Dreams liegen ausgewogen in der Hand, die Balance passt, das Einschlagverhalten ist präzise. Trotzdem sind meine Unterarme nach der ersten Seillänge gepumpt. Es fällt mir im Eis noch recht schwer, meinen Füßen zu vertrauen und habe ganz schön Bammel ein Eisgerät fallen zu lassen. Deshalb mache ich hier einen Fehler, den ich aus meiner Anfangszeit am Fels kenne: Ich klammere mich mit den Händen viel zu sehr fest. Auch hier hat Ines einen Tipp: Geräte sauber platzieren, dann loslassen, Arme ausschütteln.

Nachstieg im Steileis: Gut gesetzte Eisgeräte erlauben es, die Arme mal auszuschütteln.

Präzision schlägt Kraft – Klettern mit den X-Dreams

Beim Eisklettern kommt es auf Präzision an. Das sehe ich, wenn Ines loslegt. Sie sieht direkt, wo sie das Eisgerät platzieren will, schlägt einmal ins Eis, dann nochmal an dieselbe Stelle, aber mit mehr Wucht. Das Eisgerät sitzt und hält. Das kann ich mir bei ihr abschauen. Tatsächlich finde ich es aber gar nicht so leicht wie es bei ihr aussieht. Die C.A.M.P. X-Dreams liegen mit ihren ergonomisch geformten Griffen auch mit dicken Handschuhen sicher in der Hand. Dabei ist auch der X-Finger-Evo-Einsatz ein klasse Add-On, durch den sich der Griff an unterschiedliche Handgrößen und Handschuhdicken anpasst. Als ich mit Nachsteigen an der Reihe bin, versuche ich mich an Ines‘ Hooks zu orientieren und ihre Bewegungen nachzuahmen. Die zweite Seillänge ist auch nicht mehr reines Steileis, das gibt mir Zeit, mich ganz auf das Setzen der Eisgeräte zu konzentrieren. In der Ice-Konfiguration ergibt sich ein sehr natürlicher Anschlag und die Haue dringt effizient ins Eis ein. Gerade für jemanden wie mich, der noch nicht über die Routine einer Weltmeisterin verfügt, macht das einen großen Unterschied. Kleine Ungenauigkeiten werden verziehen, ohne dass man das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren. Insgesamt sind die Geräte gut ausbalanciert, mit genug Gewicht im Kopf, um sauber und kontrolliert zu schlagen. Die ausgeprägte Ergonomie verlangt allerdings eine kurze Eingewöhnung: Wer von klassischeren Eisgeräten kommt, muss sich erst auf den Griffwinkel einlassen. Hat man das getan, belohnen die X-Dreams mit Präzision und Vertrauen bei jedem Schlag.

Am Stand erklärt Ines nochmal die Besonderheiten der neuen X-Dreams

Sauberes Stehen ist ein Muss – Alpinist Tech Steigeisen

In der nicht mehr so sanften dritten Seillänge merke ich nochmal ganz deutlich, wie wichtig das saubere Steigen ist. Der T-förmige Frontzacken der Alpinist Tech ermöglicht präzises Antreten im steilen Eis. Ein sekundärer Frontzacken vermittelt zusätzlich ein sehr stabiles Standgefühl und Stabilität. Gerade auf kleinen Tritten und in steileren Passagen zahlt sich das aus. Gleichzeitig reagieren die Steigeisen direkt auf jede Bewegung: Sauberes Steigen wird belohnt, Ungenauigkeiten weniger verziehen. Das erfordert Konzentration, sorgt aber für Kontrolle und Vertrauen, sobald man im Rhythmus ist. Wie beim Sportklettern gilt auch im Eis: guter Stand bedeutet Entlastung für die Arme. Zudem ist der Alpinist Tech mit rund 800 Gramm das leichteste Modell im Sortiment der Italiener.

Die vollautomatischen Alpinist Tech Steigeisen im Einsatz. Die Frontzacken fressen sich hier tief ins Eis. Ein idealer Stand.

Abseilen im Schnee

Als wir am Stand vor der WI6-Passage ankommen, entscheiden wir uns zum Umkehren. Der Ausblick von Havanna aus ist ein Traum. Unter uns liegen knapp 200 Meter Eis, über uns geht es steil weiter. Es fängt auch an zu schneien und das macht die ganze Szenerie nochmal schöner. Abseilen im Schneegestöber ist eine spannende Geschichte. Als ich ungefähr auf der Hälfte der Seillänge bin, passiert’s: Der Prusik friert sich unter meinem Tuber fest. Sowas ist mir noch nicht passiert. Neuer Plan: Ines hält das Seil von unten und ich seile mich weiter ab. Ohne Prusik. Durch die Zugkraft von unten kann ich nicht durchrauschen und das Gerät macht zuverlässig zu. Ines entscheidet also quasi darüber, wie schnell ich unten ankomme. So machen wir es auch die nächsten zwei Seillängen, bis wir am Fuß des Wasserfalls ankommen.
Ich bin gut fertig, für Ines war die Tour nicht mal was zum Aufwärmen. Sie ist eine tolle Motivatorin. Ihre Leidenschaft ist ansteckend und sie schafft es schnell, einem ein Gefühl von Souveränität und Sicherheit zu geben. Trotz unterschiedlichen Leveln hatten wir beide richtig viel Spaß in der Tour und ich konnte einiges von ihr als Seilpartnerin und Mentorin im Eis lernen.

Dieser Artikel wird dir von C.A.M.P. präsentiert – stolzer Ausrüster von Ines Papert.

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