Wer im Bergsport sichtbar ist, prägt Vorbilder und Möglichkeiten. Die Summit Scholarship Foundation arbeitet gezielt daran, Frauen im Alpinismus mehr Raum, Ausbildung und Aufmerksamkeit zu verschaffen. Warum das weit über Symbolik hinausgeht, erklären Gründerin Sunny Stroeer und Alpinismus-Legende Gerlinde Kaltenbrunner im Gespräch.
Sichtbarkeit durch Förderprogramme
Die von Sunny Stroeer gegründete Summit Scholarship Foundation vergibt seit 2019 gezielt Stipendien für Bergsteigerinnen, um bestehende Zugangshürden für Frauen im alpinen Bergsport abzubauen. Was mit einem einzelnen Expeditionsstipendium für Island Peak und das Everest Base Camp in Nepal begann, hat sich zu einem umfangreichen Förderprogramm entwickelt. Gefördert werden Expeditionen und Ausbildungsprogramme unter anderem in Chamonix, Glacier Peak, im Red River Gorge, der Cordillera Blanca, am Matterhorn, sowie am Mount Baker. Die Stipendiatinnen erhalten in der Regel die vollständige Finanzierung der Expeditionskosten sowie hochwertige Ausrüstung. Ziel der Summit Scholarship Foundation ist es, Frauen aus unterschiedlichsten Lebensrealitäten den Zugang zum hochalpinen Bergsteigen zu ermöglichen und sie darin zu bestärken, ihre bergsteigerischen Ziele zu verfolgen.


Weibliche Pioniere der Vertikalen
Im DACH-Raum ist der Anteil an Bergführerinnen gering. In Deutschland liegt er derzeit bei lediglich rund vier Prozent (Tendenz steigend, anm. d. Red.), in Österreich sind es nichtmal drei Prozent. Bei Ausbilderinnen (TR C Alpinklettern) wird es schon etwas mehr, hier liegen wir in Deutschland bei etwa 21 Prozent. Dabei herrscht aber laut Mitgliederstatistik des DAV und des ÖAV beinahe Parität under den Geschlechtern.
Frauen haben schon früh begonnen die Geschichte des Alpinismus mitzuschreiben. Von Henriette d’Angeville, die bereits 1838 den Mont Blanc bestieg, über Lucy Walker, die 1871, nur sechs Jahre nach Edward Whympers Team, als erste Frau auf dem Gipfel des Matterhorns stand. Von Pionierinnen wie Gwen Moffat, Catherine Destivelle oder Lynn Hill, bis hin zu zahlreichen weiteren Spitzenalpinistinnen der heutigen Zeit. Trotz dieser Vorbilder und spürbarer Fortschritte bleiben strukturelle Hürden aber teilweise bestehen. Warum der Wandel Zeit braucht und welche Rolle Initiativen wie die Summit Scholarship Foundation dabei spielen können, erklären Sunny Stroeer und Gerlinde Kaltenbrunner im Gespräch.

Gerlinde Kaltenbrunner & Sunny Stroeer im Interview
Lacrux: Was bedeutet Alpinismus für euch – und hat sich diese Bedeutung im Laufe eurer Karriere verändert?
Sunny: Für mich ist Alpinismus vor allem Abenteuer und die Gelegenheit, das Leben voll zu erfahren. Es geht weniger um den reinen Berg oder die Leistung, sondern darum, wie sich das Bergsteigen anfühlt und was es im Leben bewegt. Dieses Mindset musste ich lernen: Es geht nicht darum, möglichst viele Gipfel abzuhaken. In einem Jahr habe ich versucht, zu viele Berge in kurzer Zeit zu besteigen – und bin dauernd umgekehrt. Irgendwann merkte ich: Gipfel sammeln und Bergsteigen sind zwei ganz verschiedene Dinge. Meine besten Tage waren oft die, an denen ich nicht den Gipfel erreicht habe.
Gerlinde: Am Anfang war bei mir nur die pure Freude am Bergsteigen. Erst später kam der Mut, als Profi weiterzugehen. Der Begriff Alpinismus umfasst so viel: Technik, Ausrüstung, Organisation, persönliche Entwicklung. Die Ausrüstung hat sich stark verbessert – Expeditionen zu organisieren ist heute ist viel leichter. Früher haben wir Briefe nach Pakistan geschickt, um Genehmigungen zu bekommen. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie es sich angefühlt hat eine Expedition per Brief zu planen. Eins ist aber definitiv unverändert geblieben: Pioniere und Pionierinnen erweitern unsere Vorstellungskraft. Ein gutes Beispiel sind für mich Reinhold Messner und Peter Habeler, die 1978 den Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen haben. Bis dahin dachte niemand, dass das möglich wäre und danach haben es ihnen viele nachgetan. Das zeigt für mich: Die Einstellung ist der Schlüssel.

Lacrux: Gerlinde, hattest du dieses Mindset von Anfang an?
Gerlinde: Nein, am Anfang war das noch nicht da. Ich wusste gar nicht so recht worauf ich mich da einlasse. Mein Mentor, der Pfarrer Dr. Erich Tischler, der hat mich an die Hand genommen zu ersten Eiskletterversuchen, Hochtouren, Klettertouren, da war ich 13 Jahre alt. Und dann wollte ich kontinuierlich mehr. Höher, weiter, schwieriger. Ich habe mich erst nach meinem fünften Achttausender dazu entschieden, dass ich mich als Profibergsteigerin selbstständig machen möchte. Bis dahin hatte ich keine Sponsoren und habe immer mein ganzes Geld gespart um mir meine nächste Expedition leisten zu können. Als ich die Karriere als Profi anstreben wollte habe ich viel Kritik bekommen, wie etwa »Du kannst vom Bergsteigen nicht leben – als Frau schon gar nicht.« Aber das hat mich nicht aufgehalten. Ich wollte es einfach versuchen. Wenn ich es nicht versuche, dann wird es ja nie etwas. Also galt es den Mut zu fassen und den ersten Schritt zu machen. Dabei muss man sich aber auch die Möglichkeit einräumen, dass es eventuell nicht funktioniert.
Den Gipfel nicht zu erreichen war für mich nie ein Scheitern, sondern immer eine ganz intensive Erfahrung.
Gerlinde Kaltenbrunner
Lacrux: Sunny, wie kam es dazu, dass du Frauen unbedingt eine Plattform geben wolltest?
Sunny: Die persönlichen Projekte zu machen, das ist natürlich toll. Aber irgendwann geht es nicht mehr nur ums Bergsteigen. Irgendwann kommt diese Frage auf: Wofür mache ich das eigentlich? Ich habe den Anspruch an mich, dass ich Wirksamkeit haben möchte. Dass ich etwas weitergeben und meine Erlebnisse mit anderen teilen will. Als meine Erfolge begonnen und Medien angefangen haben über mich zu berichten, da ist mir aufgefallen, dass über mich anders berichtet worden ist als über Männer. Denn bei mir habe ich in den Medienberichten ganz schnell eine gewisse Leistungsschmälerung wahrgenommen, so nach dem Motto: »Das hat der auch schon gemacht, das ist nicht so wichtig.«*1 Und es kam mir vor wie eine systematische Barriere *2. Inzwischen weiß ich durch Zahlen und Belege: Genau das ist es auch. Genau das wollte ich verändern. Ich weiß wie wirksam das Bergsteigen für mich als Frau war und ich würde gerne mehr Frauen in diesem Raum sehen, weil es so lebensbewegend ist, sich in den Bergen auszuleben.
Lacrux: Warum ist die Sichtbarkeit von Frauen im Alpinismus aus eurer Sicht entscheidend?
Gerlinde: Meine eigene Sichtbarkeit ist eher zufällig entstanden, etwa im Zusammenhang mit dem 50-Jahre-Jubiläum der Nanga Parbat Erstbegehung, und nicht, weil ich bewusst Öffentlichkeit gesucht habe. Dabei ist mir immer wichtig gewesen, authentisch zu bleiben und nichts nur deshalb zu tun, um medienwirksam zu sein. Die Sichtbarkeit von Frauen im Alpinismus ist für mich entscheidend, weil sie inspiriert, Identifikation schafft und junge Frauen motiviert, ihren eigenen Weg zu gehen.
Sunny: Für mich zeigt Sichtbarkeit vor allem eines: Es ist möglich. Viele Frauen erleben am Berg etwas, dass ich gerne als »Death by a thousand cuts« bezeichne – unzählige kleine Abwertungen und Zweifel, die sich summieren und das Selbstvertrauen untergraben. Wenn Frauen jedoch sichtbar werden und ihre Leistungen anerkannt sind, erweitert das den Raum des Denkbaren. Das hat man zum Beispiel bei Margo Hayes gesehen: Nachdem sie in die höchsten Klettergrade vorgestoßen ist, ist die Zahl der Frauen in diesen Bereichen schnell angestiegen – nicht, weil sich plötzlich alle Fähigkeiten verändert haben, sondern weil sichtbar wurde, dass dieser Weg überhaupt offen steht und Margo den Raum des Möglichen erweiterte.
Wenn Frauen sichtbar werden und ihre Leistungen anerkannt sind, erweitert das den Raum des Denkbaren.
Sunny Stroeer
Sunny: Ein Beispiel, welches keine Seltenheit ist: Ich war mit einer Gruppe Frauen von meinem Expeditionsunternehmen AWExpeditions unterwegs und wir sind auf eine Gruppe Bergsteiger gestoßen. Die haben uns dann gefragt wo wir hin wollen – bestimmt ja wohl nicht zum Gipfel! Zusätzlich geht es auch um ganz banale Dinge wie zum Beispiel was passiert, wenn eine Frau sich erleichtern will und da als Teil einer gemischten Seilschaft Hemmungen hat. Viele trinken deshalb bewusst zu wenig Wasser, andere treten aus der Seilschaft aus und setzen sich heftigen Risiken aus. Und aus diesen Gedanken heraus gehen viele gar nicht erst in die Berge. Und das sollten keine Hinderungsgründe sein. Frauen sollten nicht darüber nachdenken und zu dem Schluss kommen: »Das ist viel zu kompliziert und viel zu peinlich, ich mache das gar nicht erst.«

Lacrux: Sunny, du hast die Summit Scholarship Foundation gegründet. Warum Stipendien für Bergsteigerinnen?
Sunny: Ich habe AWExpeditions gegründet, weil ich einen Raum schaffen wollte, in dem es im Bergsteigen um mehr geht als nur den Gipfel: um Zugehörigkeit, Kompetenzaufbau und Gemeinschaft, ohne dass Frauen erst beweisen müssen, dass sie dazugehören. Erfolg bedeutet, mit neuen Freundschaften, Selbstvertrauen und mehr Selbstständigkeit in den Bergen nach Hause zu gehen. Aus dieser Haltung heraus ist auch die Summit Scholarship Foundation entstanden: Ich sehe, wie groß der Wunsch von vielen Frauen ist, sich in den Bergen zu verwirklichen. Schon der Bewerbungsprozess selbst hat eine Wirkung, die weit über die Vergabe eines einzelnen Stipendiums hinausgeht: Die Essays regen zur Reflexion an, machen Ziele sichtbar und stärken Selbstbewusstsein. In diesen Texten schildern viele Frauen finanzielle Hürden, das Fehlen einer unterstützenden Community und den Druck kultureller Erwartungen, die sie ausbremsen. Selbst wenn sie keinen Stipendiumsplatz bekommen verändert diese Reflexion oft etwas in ihnen selbst. Insgesamt möchte ich einfach den Raum des Möglichen für Frauen in den Bergen nachhaltig erweitern.
Gerlinde: Stipendien schaffen für mich vor allem Bewusstsein: Sie zwingen dazu, innezuhalten und sich zu fragen, was will ich eigentlich? Die eigentliche Wirksamkeit entsteht dabei in den Frauen selbst, nicht nur durch die finanzielle Unterstützung. Ähnlich erlebe ich es mit meiner eigenen Sichtbarkeit, die ich bewusst nutze, um etwas weiterzugeben – zum Beispiel beim Aufbau von Schulen in Nepal. In beiden Fällen geht es darum, Möglichkeiten zu eröffnen und Wirkung entstehen zu lassen, die weit über den einzelnen Moment oder das einzelne Projekt hinausreicht.

Lacrux: Sunny, du sprichst von einer »Beteiligungslücke« – was genau ist das und warum ist sie relevant?
Sunny: Für mich beschreibt die Beteiligungslücke die Tatsache, dass Frauen im Hochgebirge nach wie vor deutlich unterrepräsentiert sind – und das hat viele Ebenen. Statistisch sehen wir weniger Frauen, aber dahinter stehen strukturelle Gründe: begrenzter Zugang zu Geld, Ausrüstung und Mentoring, stärkere innere Hemmschwellen wie das Gefühl »ich kann das nicht«, sowie gesellschaftliche Erwartungen, die Leistungen von Frauen oft relativieren. Dazu kommen ganz praktische Hürden am Berg – fehlende Privatsphäre oder Scham in stark männlich geprägten Gruppenstrukturen, in denen sich viele Frauen nicht sicher fühlen. Diese Lücke ist relevant, weil sie nicht nur Chancen verhindert, sondern auch Perspektiven: Frauen kommunizieren oft anders, treffen tendenziell vorsichtigere Entscheidungen und haben nachweislich weniger schwere Unfälle. *3
Wenn Frauen fehlen, fehlt dem Alpinismus ein wichtiger Teil an Kompetenz, Sicherheit und Vielfalt.
Sunny Stroeer
Gerlinde: Es geht doch darum, dass wir alle voneinander lernen und uns gegenseitig wertschätzen.
Mein Ziel ist, dass es irgendwann ganz normal ist, Frauen in den Bergen zu sehen – ohne Erklärung. Für mich ist der entscheidende Punkt nach wie vor das Mindset: Da findet Entwicklung statt, wenn man sieht, dass das Unmögliche möglich ist.

Lacrux: Was hindert Frauen heute noch daran, sichtbar zu werden?
Sunny: Frauen stoßen heute noch auf viele strukturelle Hürden, die ihre Sichtbarkeit im Bergsport begrenzen. Dazu gehören hohe finanzielle Einstiegshürden für Ausrüstung, Reisen und Ausbildung ebenso wie der Mangel an weiblichen Guides und Vorbildern, die Orientierung und Vertrauen schaffen könnten. Stereotype Medienbilder verstärken zusätzlich die Vorstellung, wer »dazugehört«, während Sicherheitsbedenken in stark männerdominierten Gruppen viele Frauen davon abhalten, sich überhaupt in diese Räume zu begeben. Hinzu kommt, dass Frauen nach wie vor deutlich weniger Sponsorings erhalten, was nicht nur Ressourcen entzieht, sondern ihre Leistungen auch seltener öffentlich sichtbar macht.
Lacrux: Sunny, hast du auch mal negative Reaktionen auf deinen Einsatz für die Gleichstellung bekommen?
Sunny: Es ist mir so wichtig zu sagen: Das alles ist kein Männerhass! Ich bin total gerne mit Männern unterwegs und Männer sind unfassbar wichtige Mentoren. Es geht nicht darum, dass wir 50/50 am Berg unterwegs sind. Es ist einfach ein menschliches Bedürfnis, schöne Sachen zu machen und ich weiß, dass es so viele Frauen gibt, die den Weg in die Berge noch nicht sehen. Es geht einfach darum Frauen mitzufördern.
Am Berg haben wir alle gemeinsam Platz.
Gerlinde Kaltenbrunner
Lacrux: Welche Botschaft möchtet ihr jungen Frauen mitgeben, die zum ersten Mal von Alpinismus träumen – vielleicht von einem großen Berg oder von einer ersten Tour?
Gerlinde: Habt Mut, den ersten Schritt zu gehen, und orientiert euch nicht nur am Gipfel, sondern an der ganzen Erfahrung. Hört auf euch selbst und euren Körper, vermeidet Vergleiche mit anderen und entwickelt euer eigenes Mindset. Und vor allem: Wenn ihr es wirklich wollt, aus tiefstem Herzen, dann könnt ihr es schaffen! Traut euch.

Bewerbungsprozesse und Matterhorn Expedition 2026
Die Bewerbungsphase für die Stipendien für 2026 ist seit dem 15. Dezember geöffnet und läuft noch bis zum 31.01.2026. Für die Förderprogramme können sich Frauen weltweit bewerben. Sollte ein Stipendium Ausnahmen enthalten, sind diese jeweils bei der entsprechenden Ausschreibung klar ausgewiesen. Eine obere Altersgrenze besteht nicht.
Neu in diesem Jahr ist die von LOWA unterstützte Matterhorn Expedition, die mit zwei Stipendienplätzen ausgeschrieben ist. Sie ist als fünftägiges alpines Projekt im Herzen der Schweizer Alpen konzipiert und richtet sich an ambitionierte Bergsteigerinnen, die sich einer ernsthaften, technisch fordernden Besteigung des Matterhorns stellen möchten. Als Mentorinnen der Expedition stehen den Stipendiatinnen die renommierten Alpinistinnen Gerlinde Kaltenbrunner, Alix von Melle und Ines Papert zur Seite. Letztere wird die beiden Stipendiatinnen auch am Berg begleiten. Neben der Matterhorn Expedition bietet die Summit Scolarship Foundation 2026 noch weitere spannende Stipendien an. Weitere Infos findet ihr auf der Website.
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Credits: Titelbild: Lacrux
Quellen:
*1
Studie: Genderblance in der Sportberichterstattung
*2
Geschlechterstatistik DAV
Anteil der Bergführerinnen in Österreich
Everest by the Numbers
*3
Studie: Risk taking in avalanche terrain: a study of the human factor contribution
Medienmitteilung des ÖAV
Studie: Gender Differences in Risk Assessment: Why do Women Take Fewer Risks than Men?

