Die Ringbänder (Ligamenti anularia) sind stark belastete, passive Strukturen, vor allem, wenn wir die Finger beim Klettern aufstellen. Entsprechend oft kommt es bei Kletterinnen und Kletterern zu Verletzungen der Ringbänder. Klaus Isele erklärt im heutigen Beitrag, welches die Symptome und Gründe sind und wie du Verletzungen vorbeugen kannst.

Ein Beitrag von Klaus Isele – Physiotherapeut, Osteopath und Klettertrainer – mit Unterstützung von Black Diamond

Die Ligamenti anularia (Ringbänder) sind stark belastete, passive Strukturen, vor allem, wenn wir die Finger beim Klettern aufstellen. Das Beugen der Finger erfolgt über zwei grosse Muskeln, deren kontraktile Teile etwa am Ellenbogen beginnen. Über lange Sehnen erfolgt dann die Kraftübertragung auf die Fingergelenke. Meine Erfahrung durch die langjährige Tätigkeit als Physiotherapeut zeigt mir, dass bei kletterindizierten Fingerbeschwerden nur in rund einem Drittel der Fälle auch wirklich die Ringbänder betroffen sind.

Nach einem Ringbandriss liegt die Sehne (grün) nicht mehr nah am Knochen. (Bild Daniel Zimmermann)

Wann kommt es zu einer Ringbandverletzung?

Am häufigsten passiert ein Ringbandriss dann, wenn auf einen voll aufgestellten Langfinger (beispielsweise Ringfinger) unter maximaler Belastung eine exzentrische Krafteinwirkung hinzukommt.

Hier ein Beispiel:

Du hängst mit voll aufgestellten Fingern der rechten Hand an einer kleinen Leiste. Während du dich nun mit dem rechten Fuss und der rechten Hand hochziehen möchtest, bricht plötzlich der kleine Tritt aus. Dadurch kommt es zu einer exzentrischen Überladung eines bereits voll belasteten Ringbandes und infolgedessen zur Ringbandruptur.

Zweithäufigstes Risiko ist die konzentrische Überlastung. Simpel erklärt: Du crimpst, was das Zeug hält und versuchst dynamisch hochzuziehen. Dabei kommt es zum typischen Schnalzer und das Ringband ist ab.

Symptome für eine Ringbandverletzung

Akute Ruptur

  • Schmerz im betroffenen Gebiet
  • Schwellung im betroffenen Gebiet
  • Sound

Wenn ein Ringband reißt, ertönt oftmals ein lauter „Schnalzer“, ein meist weit hörbares „Plopp-Geräusch“ oder ein Laut, als ob etwas bricht. Manchmal kommt es zu einem knirschenden, kratzigen Geräusch. In so einem Fall betrifft es häufig auch andere Strukturen, es kann sich um Teilrupturen handeln.

  • Bowstringing

Durch den Verlust eines oder mehrerer Ligamenti anularia kommt es zum „Bowstringing-Phänomen“. Dieses „Sehnen-Abheben“ ist das typische Leitsymptom einer Ringbandruptur.

Dieses Phänomen lässt sich durch ein Abtasten, durchgeführt von einem erfahrenen Physiotherapeuten, feststellen. Auch möglich ist es, den Abstand zwischen der Sehne und dem Knochen mittels Ultraschall oder mit einer Schiebelehre im Links-rechts-Vergleich zu messen.

Typisches Bowstringing am Mittelfinger aufgrund einer der Ringbänder A2 und A3. (Bild: semanticscholar.org)

Vorzeichen einer Ringbandverletzung

Eine Vorgeschichte, die ich schon des Öfteren in meiner Praxis gehört habe: „Es war die letzte Chance, ich war so knapp davor mein Projekt zu punkten und darum habe ich die beiden Rasttage gestrichen, um am allerletzten Urlaubstag alles zu geben.“ Als Kletterer verstehe ich das vollkommen, aber als Osteopath muss ich sagen, dass es hier zu den grössten Risiken kommt. Vor allem in Kombination mit Gruppendynamik übersehen wir schnell die ersten Anzeichen, die bereits ein paar Mal aufgetaucht sind, wie z.B.:

  • Leichter Fingerschmerz nach dem Klettern/Bouldern
  • Ansatzbereiche von Muskelgruppen der Arme schmerzen etwas
  • Koordinative Ermüdung (das gibt es ja nicht, diesen einfachen Sprung vom Aufwärmboulder schaffe ich sonst immer gleich)
  • Länger als üblich andauernde Schwellung der Finger nach den Einheiten 

Die meisten Patienten mit Fingerbeschwerden können sich retrospektiv logisch erklären, warum es dazu kam.

Beispiele:

  • Das war die zweite intensive Session des Tages
  • Eigentlich hatte ich eine leichte Erkältung
  • Ich war schon fertig mit meiner Einheit, als mich ein Freund noch angetrieben hat
  • Ich hatte einen Ringbandriss und durfte vom Arzt aus lange nicht klettern, aber jetzt darf ich und habe plötzlich zu viel gemacht

So beugst du einer Ringbandverletzung vor

Sei schlau und wisse, wann es genug ist. Gruppendynamik ist super, um zu trainieren, kann aber auch gefährlich sein. Zudem ist auch ein individuell angepasstes Aufwärmprogramm essentiell, genauso wie ein gutes Abwärmen nach der Sporteinheit.

  1. Aufwärmen: Finde dein persönliches Aufwärmprogramm. Welcher Typ bist du? Brauchst du besonders lange, um warm zu wärmen? Dann nimm dir die Zeit! Wirst du nach 50 Minuten schon müde, lässt dein Fokus und deine Koordination nach? Dann wähle dein Zeitfenster anders.
  2. Abwärmen: Reduziere die Last, die du im Training aufgebaut hast schrittweise. Ich empfehle im Anschluss noch etwas zu dehnen und nach dem Training eine Kleinigkeit zu essen. Nütze dazu das Glykogenfenster. Ein Joghurtdrink und eine Banane als „Post-Klettersnack“ bieten sich hier besonders gut an. Flüssiges wird schnell aufgenommen, Zucker, etwas Fett und Proteine mit Mineralstoffen helfen dir deine Muskulatur zu entspannen (Weichmacher, ATP) und die Glykogenspeicher schnell zu füllen. 
  3. Komplett aufgestellte Fingerposition vermeiden: Auf das Aufstellen zu verzichten, empfehle ich persönlich nicht. Je nachdem, in welchem Gebiet wir klettern, lässt sich ein Aufstellen nicht immer vermeiden, und daher ist es gut, wenn unsere Finger das gewöhnt sind. Überlege dir aber, ob du am Ende einer Trainingseinheit im ermüdeten Zustand noch alle Leisten „herknallen“ möchtest = das und die oben beim Ringbandriss genannten Vorzeichen sehe ich kritisch.
  4. Nicht im ermüdeten Zustand klettern: Ja klar, das schreiben sie immer alle so leicht, die Therapeuten und Physios. Und wie werden wir dann besser? Und was ist überhaupt ermüdet? Hierzu ein kurzer Exkurs: „Skilled people make hard things look easy“, hat ein Professor von mir einmal gesagt. Oft sieht es doch aus, als ob der Weltcupkletterer ohne klare Ermüdungsanzeichen plötzlich herunterfällt und unten angekommen dann aber sagt, wie fertig er war. Profi-Athleten können maximal am Limit noch ein extrem hohes Maß an Koordination abrufen. Das ist kein Glück, sondern eine erworbene Fähigkeit aus jahrelangem, harten Training am Limit. Will ich meinen Athleten pushen, so muss ich ihm in diesem Zustand maximale Koordination abverlangen können. Jedoch befürworte ich das Veto des reifen Athleten: Ein Athlet, der sich selbst gut spürt, sagt dem Trainer, wenn es zu viel ist und es heute nicht geht. Und dann ist fertig.
    Ermüdet ist man folglich dann, wenn koordinative Qualitäten bereits nachlassen. Das musst du selbst bei dir erkennen. Ein koordinativer Boulder, den du als Test hernimmst, könnte dir vielleicht als Referenz dienen.
  5. Im Falle von Schmerzen aufhören
  6. Vorsicht bei schnellem Fortschritt beim Schwierigkeitsgrad. Sehnen und Bänder entwickeln sich langsamer als die Muskulatur. Ja es stimmt, Muskeln können sehr schnell aufbauen, passive Strukturen wie Sehnen und Bänder brauchen wesentlich länger! Aber ich will ja besser werden…und zwar schnell. Koordination, Bewegungsmuster erlernen, spielerisch bouldern, so wie es uns beispielsweise Udo Neumann vormacht – das ist sehr wichtiges Training. Und dabei kommen die Ringbänder nicht an ihre Limits. Spezifisches Krafttraining soll dem Technikerwerbstraining nachgestellt werden. Kletterern, die zuvor im Fitnessstudio Kraftaufbau betrieben haben, fehlt nicht selten die Beweglichkeit und Wahrnehmung des Körpers an der Wand. In den Achtzigern haben einige Kletterer Eigenexperimente unternommen, indem sie versuchten, durch Muskelaufbau (Hypertrophie) besser zu klettern. Das Outcome war eindeutig: alle wurden schlechter, weil sie an Beweglichkeit verloren und Masse zunahmen. Nun, traue keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast. Beobachtet man heutzutage die Athletenentwicklung beispielsweise im Weltcup, so ist ein großer Biceps schon Trumpf, wie Nationaltrainer Urs Stöcker beteuerte.

So wärmen Profis wie Adam Ondra, Janja Garnbret und Akiyo Noguchi auf

Über die Artikelserie

Die Artikelserie mit Klaus Isele greift in regelmässigen Abständen kletterspezifische Gesundheitsthemen auf. Präsentiert wird die Themenreihe von Black Diamond Equipment.

Über Klaus Isele

Klaus lsele, MSc D.O., ist Kletterer, Physiotherapeut, Osteopath, staatlich geprüfter Trainer für Sportklettern und hat zehn Jahre lang das österreichische Kletter­nationalteam begleitet. Zudem betreute er zwei Jahre lang Adam Ondra, den er unter anderem dabei unterstützte, die erste 9c zu klettern. Klaus führt die Praxis Therapierbar mit vier Niederlassungen und verfolgt einen klaren Ansatz: Vieles ist therapierbar, man muss nur wissen wie.

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Credits: Skizze Daniel Zimmermann

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