Begehungsbericht von Fritz Miller: «Via Pesche e Mele» am Poncione d’Alnasca (530 m, A4+, 6c)

Valle Verzasca, Schweiz, 26. April 2025. Da stehen wir nun, legen unsere Köpfe in den Nacken und blicken etwas ungläubig nach oben. 1.700 Höhemeter über uns ragt die Spitze dieses gigantischen Zahns in den Himmel. Seine knapp 500 Meter hohe, über weite Strecken überhängende Südwand gilt als Königin der Tessiner Felswände. Alle ihre Routen beinhalten hohe Kletterschwierigkeiten und verlangen besonderen Einsatz. «Via Pesche e Mele», die Route, die wir uns vorgenommen haben, ist aus alpinistischer Sicht die schwierigste. Wahrscheinlich ist sie auch die gefährlichste.

Ein Gastbeitrag von Fritz Miller – Alpinist und Bergführer

Wir schultern unsere gut 30 kg schweren Haulbags und gehen los. Zunächst ist der Weg noch ausgebaut, später wird er zum Pfad, irgendwann geht es weglos weiter, Abschnitte sind exponiert und verzeihen keinen Fehltritt. Rund 1.300 Höhenmeter sind es bis zur Basis der Wand. Was wir uns hier mühevoll erarbeiten, ist nicht nur der Zugang zu einem Kletterziel, es ist vielmehr die Abgeschiedenheit und Einsamkeit der Berge, es ist das Außergewöhnliche.

Nicht erst seit der Geburt meiner Tochter schlagen in meiner Brust zwei Herzen, die oftmals konkurrieren. Das eine möchte mich zurückhalten, das andere – es hat sich diesmal durchgesetzt – treibt mich an.

Fritz Miller

Obwohl Klettern und Bergsteigen äußerst facettenreich sind, scheinen Schwierigkeitsgrade und Rekorde das Bild zu bestimmen. Dementgegen steht das Abenteuer. Es folgt keinen Regeln und lässt sich nicht in Zahlen pressen. Doch zum Wesen des Abenteuers zählt nicht zuletzt sein ungewisser Ausgang – dieser Realität muss ich mich stellen. Nicht erst seit der Geburt meiner Tochter schlagen in meiner Brust zwei Herzen, die oftmals konkurrieren. Das eine möchte mich zurückhalten, das andere – es hat sich diesmal durchgesetzt – treibt mich an. Wir queren in Richtung Einstieg, durch ein Feld voller Trümmer, Krater und herausgerissener Vegetation. Es wirkt, als wäre nicht nur ein Felssturz, sondern auch eine Lawine über den rechten, etwas flacheren Wandteil abgegangen.

Der lange Weg zur Wand

Dieses Abenteuer begann nicht erst mit dem Packen der Ausrüstung, der Fahrt ins Tessin oder dem Zustieg zur Wand. Es begann vor vielen Jahren in unseren Köpfen und wurde mit der Zeit konkreter. Die Wege von David, meinem jungen Kletterpartner, und mir haben sich in der Vergangenheit immer wieder gekreuzt. Für dieses Vorhaben schlossen wir uns schließlich zusammen. Im Alpenraum gibt es nicht viele Kletterer mit dem Können und der Motivation für einen Versuch dieser Route. 20 Jahre liegt ihre Erstbegehung nun zurück. Höchstwahrscheinlich konnte sie seitdem erst einmal wiederholt werden, im Sommer 2023 von zwei jungen Kletterern aus der Deutschschweiz.

Fritz Miller im Zustieg zur Via Pesche e Mele
Im Zustieg, mit über 30 kg Material am Rücken; Foto: David Schneider

Natürlich wäre es besser, die erste Nacht beim idyllischen „Scorpio-Biwak“ zu verbringen, welches sich in sicherer Distanz zur Wand befindet. Stattdessen schlagen wir unser Portaledge-Lager am Wandfuß auf. Für die Nacht ist Regen vorhergesagt. Ein Zustieg über nassen Untergrund erschien riskanter als das Biwak am Wandfuß. Hier im linken Teil hängt die Wand etwas über, so dass wir uns sicher fühlen. Der Einstieg der Route liegt nur wenige Meter neben uns. Die erste Seillänge wollen wir heute noch klettern und fixieren. Wir losen aus, wer mit dem Vorstieg beginnt. Ich erhalte den Vorzug. 45 Meter im Schwierigkeitsgrad A1 – keine schwere Übung. Tatsächlich ist diese Länge aber nicht geschenkt und ich merke, dass ich müde bin, nach der letzten, praktisch schlaflosen Nacht zuhause.

Langsam neigt sich der Tag seinem Ende zu. Wir sitzen vor dem Portaledge im Gras und schauen in die verschneiten Berge. In der Ferne rauschen die Wasserfälle. Diese Momente der Ruhe und des Friedens sind für mich unbezahlbar. Könnte ich sie auch einfacher bekommen? Sicher nicht in dieser Intensität. Derweil kommen die dunklen Wolken immer näher. Die ersten Regentropfen holen mich zurück in die Realität. Wir verkriechen uns im Portaledge, das mit seinem neuartigen, eckigen Zeltdach wie eine winzige Biwakschachtel wirkt, die hier an der Wand klebt. Nun liegen wir beengt auf dieser wackeligen Pritsche und doch werde ich so tief und fest schlafen wie schon lange nicht mehr.

Portaledge am Wandfuss
Das Basecamp am Wandfuß. Foto: Fritz Miller

Tag zwei – auf den Spuren von Marco Pedrini

Der Tag beginnt regnerisch trüb. Am späten Vormittag starten wir schließlich in die Wand. Ziel ist, am Nachmittag zwei weitere Seillängen zu fixieren, dann wieder runter zum Wandfuß. Ich bin nicht zufrieden mit dem, was ich gestern gezeigt habe und will es heute besser machen. Es folgt die zweite Seillänge. 50 m, A3+. Die Bewertung der technischen Kletterei erfolgt hier gemäß der New Wave Scala. Diese reicht von A0 bis A5 und ist verglichen mit der traditionellen Aid-Bewertung viel strenger. Der Vorstieg einer langen Seillänge im Bereich A3 dauert typischerweise zwei bis drei Stunden. Und wenn man einen Fehler macht, sind weite Stürze mit mehreren ausbrechenden Fixpunkten realistisch. Schon nach wenigen Zügen wird es kompliziert. Ich lege einen Hook in ein seichtes Loch, steige höher, rätsle, wie ich weiterkommen soll. Plötzlich rutsch der Hook aus seinem Placement und ich stürze in den darunterliegenden Haken. Jetzt sind wir wach.

Die ersten eineinhalb Seillängen folgen einem Versuch von Marco Pedrini, der hier in den frühen 80er-Jahren bis unters große Dach kletterte. Pedrini, geboren 1958 in Lugano, zählte zu den stärksten Alpinkletterern seiner Zeit. 1985 schaffte er die erste Solobesteigung des Cerro Torre, 1986 die erste Solobegehung der schwierigen „Directe Américaine“ an der Aiguille du Dru. Im Abstieg verunglückte er im Alter von nur 28 Jahren. Vermutlich wurde ihm ein ausbrechender Abseilstand zum Verhängnis. Nun hänge ich an seinem letzten Haken, einem rostigen Ringbohrhaken, zusammen mit einer von Wind und Wetter zerrupften Seilpuppe. Wahrscheinlich wollte er wiederkommen, irgendwann… Ich schneide das Seil ab und werfe es die Wand hinunter, um es später zum Scorpio-Biwak zu bringen.

Nichts für schwache Nerven

Ein paar Cliff-Züge später beginnt diese Route so richtig. Frei baumelnd hänge ich im Dach, am kleinsten Hook. Aus dieser Position strecke ich mich zur Dachkante, wo ich insgesamt drei eher dürftige Haken schlagen kann. Darüber ist die Wand fatzenglatt. Es folgt eine Passage an „Bat Hooks“, 6-mm-Bohrlöcher, in die man die kleinsten Hooks legen kann. Mit dieser speziellen Technik überwindet die Route glatte Wandbereiche ohne natürliche Strukturen. Die kleinen Löcher führen rechtshaltend zu einer Schuppe, welche über eine Länge von gut drei Metern horizontal nach rechts leitet, zum nächsten Standplatz. Ich lege einen weiteren Hook, steige in meiner Bandleiter hoch und suche die glatte Felsplatte nach dem nächsten Bohrloch ab – und kann keines finden. Irgendwann erkenne ich links oberhalb von mir, entgegen der logischen Richtung, eine kleine Felsleiste. Waren die Erstbegeher wirklich so verrückt, sich auf dieses Spiel einzulassen?

Erstbegangen wurde die Route im Juni 2005 von den walliser Bergführern Lars Hofer und Andy Schnarf. Hofer machte sich einen Namen als Erschließer harter Techno- und Bigwallrouten und war die treibende Kraft bei dieser Erstbegehung. Es ist davon auszugehen, dass er mit einem guten Nervenkostüm ausgestattet war. Schnarf kletterte in jungen Jahren mit Thomas Huber in der Cerro-Torre-Gruppe, später war er mehrfach mit Stephan Siegrist auf Expedition. Als ich ihn vor Jahren kontaktierte, schrieb er mir, diese Route hätte sich in seine Seele tätowiert. Nicht unwahrscheinlich also, dass sie diesen Umweg wählten, um möglichst selten den Bohrer ansetzen zu müssen.

Waren die Erstbegeher wirklich so verrückt, sich auf dieses Spiel einzulassen?

Fritz Miller

Ich lege zwei kleine Hooks auf die Leiste – doppelt hält besser, so die Devise. Dann trete ich mit dem Bein kräftig in die Leiter, um das Placement zu testen. Scheint zu halten. Vorsichtig belaste ich die Leiter und steige mit ruhigen Bewegungen höher. Links über mir verläuft eine 10 cm breite, flache Leiste. Ich lege zwei große Hooks darauf, teste sie behutsam und steige dann im Schneckentempo in der Leiter höher.

Je höher man kommt, desto instabiler wird das Ganze. Eine falsche Bewegung, und die Hooks würden von der Leiste rutschen. Über mir ist alles glatt, aber die Platte ist leicht geneigt, so dass es möglich sein müsste, auf die Leiste zu steigen. Sollte das schief gehen, würde es einen lustigen Rundflug durch die Tessiner Berge geben – sofern die Haken an der Dachkante hielten. Andernfalls gäbe es die Bombe meines Lebens. Haben die Erstbegeher das wirklich durchgezogen? Und was ist mit Malte, der die Route zusammen mit seinem Bruder wiederholen konnte? Ich habe ihn nie getroffen, nur ein Bild von ihm gesehen. Ein lässiger Typ, würde ich sagen, dem eine gewisse Portion Wahnsinn ins Gesicht geschrieben ist. Kurzum, ich traue es ihnen durchaus zu…

Irgendwann überwinde ich mich und klettere auf die Leiste, von der es dann weder vor noch zurück geht. Immerhin weiß ich nun, dass ich abgedriftet bin. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Bohrmaschine hochzuziehen und zwei Bat Hooks zu bohren, um zurück zur Route zu gelangen. Der Rest der Seillänge ist zum Glück nicht mehr so schlimm und nach einer weiteren, leichteren Seillänge erreichen wir das große Grasband, welches gut 100 m über dem Boden verläuft. Wir fixieren die Seile und seilen ab zu unserem Lager an der Basis der Wand.   

Kletterei in glatter Platte
Am Beginn der 4. SL (A4), welche durch eine glatte, rötliche Platte führt; Foto: David Schneider

Tag drei – langsam wird es ernst

Die Nacht brachte wieder Regen, zusätzlich läuft Schmelzwasser aus der Wand. Auch die vierte Seillänge ist am Morgen nass. Sie verläuft in der rötlichen Platte oberhalb des Grasbands und steht als A5 im Kletterführer. Gemäß dieser Bewertung kann man davon ausgehen, dass die Fixpunkte dieser Seillänge keinen Sturz halten würden. Bei Nässe einzusteigen, wäre Wahnsinn. Wenn wir Glück haben, ist die Platte bis Mittag abgetrocknet. Wenn nicht, ist es vielleicht das Zeichen, dass wir hier keinen Auftrag haben. Für mich zählen zwei Punkte: hier zu sein und heil nach Hause zu kommen. Ob die Wiederholung gelingt, ist zweitrangig.

David geht noch einmal zum Bach, um die Wasserflaschen aufzufüllen. Dann lösen wir unser Lager auf und packen die Haulbags. Ich bin nicht so richtig bei der Sache und brauche ewig für alles. In Gedanken hänge ich längst in der vierten Seillänge. Zunächst aber müssen wir an unseren Seilen aufsteigen und die Haulbags nachziehen. Um die Mittagszeit erreichen wir den dritten Stand. Die Wand darüber sieht trocken aus. Ich fühle mich bereit, bin ruhig und fokussiert. Los geht’s.

Ein paar Meter Freikletterei an hohlen Schuppen, dann eine Traverse nach rechts an überraschend guten Cams, bis zu einem fixen Copperhead. Nun linkshaltend weiter an schlechten Fixpunkten und Bat Hooks, bis zu einer feinen Schuppe. Zuletzt wieder Bat Hooks in einer glatten Platte. Knapp drei Stunden brauche ich für diese 35 m lange, geniale Seillänge. Glücklich und erleichtert erreiche ich den Stand. Jetzt sind wir im Rennen! Bis zum Abend schaffen wir noch zwei weitere, ähnlich anspruchsvolle Seillängen. Dann seilen wir zum Grasband nach der dritten Seillänge ab, wo wir das Portaledge aufbauen wollen. Es ist mittlerweile dunkel und ich bin nach diesem mental fordernden Tag komplett leer im Kopf.

  • Klettern in der fünften Seillänge Via Pesche e Mele
  • Anspruchsvolle Kletterei

Tag vier – Achterbahn der Emotionen

Heute geht David vor. Schnell steigt er an den fixierten Seilen auf und zieht die Haulbags nach. Am 6. Stand machen wir noch einmal Pause. David bereitet sich auf die kommende 60-m-Länge im Bereich A4 vor. Ein paar moderate Meter führen zum ästhetisch geschwungenen „Banana Crack“. Es folgt ein kleines Dach, dann eine glatte Platte mit Bat Hooks, zuletzt eine lange Schuppe, die allerdings überwiegend schlechte Placements bietet. Über viereinhalb Stunden wird David für die 7. Seillänge brauchen. Während er sich Meter um Meter nach oben kämpft, genieße ich die Zeit am Standplatz. Diese Entschleunigung hat etwas Heilsames und es geht mir richtig gut. Das Panorama ist großartig. Mittlerweile sind wir so hoch, dass der Blick bis zum Monte-Rosa-Massiv reicht. Je höher wir kommen, desto mehr zeigen sich die weißen Gipfel der Walliser Alpen.

Nacht im Portaledge
Die dritte Nacht im Portaledge. Foto: Fritz Miller

Ein unangenehmer Hängestand markiert das Ende der 7. Seillänge. Noch 20 Meter bis zum großen Band. Unübersehbar kommt das schlechte Wetter näher. David gibt Gas, erreicht bald das Band und beginnt unverzüglich mit dem Haulen. Der Himmel verfinstert sich, ein Gewitter zieht durch. Beim Cleanen merke ich, dass die Fixpunkte, die David angebracht hat, allesamt recht windig sind. Der Vorstieg der 7. Länge scheint Spuren hinterlassen zu haben. Wird er die nächste Länge noch machen können? Es wäre wichtig, dass wir diese heute noch fixieren…

David in der siebten Seillänge
David im unteren, einfachen Teil der 7. SL (A4-). Foto: Fritz Miller

Als ich das Band erreiche, regnet es bereits, kurz darauf hagelt es. Obwohl wir durch die Felsdächer über uns einigermaßen geschützt sind, ist es nun kalt und ungemütlich in der Wand. Erst einmal abwarten. Die nächste Länge sieht nicht gerade einladend aus. Sie überwindet einen Riegel mit Dächern und quert zuletzt fast 10 Meter nach rechts. Wieder ungefähr A4, nun allerdings über einem weit ausladenden Felsband.

Und wieder einmal: Zweifel

Zwar könnten wir es für heute gut sein lassen, doch das würde unseren gesamten Plan gefährden. Am Ende könnte uns die Zeit ausgehen. Ich entscheide mich, es zu probieren. Das erste Placement oberhalb des Standes ist ein alter Copperhead, darüber darf gebastelt werden. Während ich meine Hammerschnur entheddere, löst sich mein Seilmesser vom Gurt und verschwindet in der Tiefe. Es hat mich 20 Jahre lang bei allen meinen Touren begleitet. Es fühlt sich an wie ein schlechtes Omen. Ich zwinge mich dazu, sämtliche negative Emotionen auszublenden und arbeite mich höher.

Diese 9. Seillänge ist die bisher anspruchsvollste und gefährlichste der ganzen Route. Die Fixpunkte sind schlecht, der Fels ist zweifelhaft, die Orientierung mal wieder schwierig. Vollkommen leer erreiche ich den Stand. Nun muss ich entlang der Route zurück, unnötige Sicherungen entfernen und ein Fixseil installieren. Mehrfach läuft das Seil über scharfe Felskanten, was mir mental den Rest gibt. Als ich zum Biwakband komme, ist es schon fast dunkel. David zieht mich zum Stand, denn ich hänge frei in der Luft. In der Zwischenzeit hat er schon das Portaledge aufgebaut, so dass ich zum Glück nicht mehr viel machen muss.

Ich bin nicht auf der Flucht vor meinem Leben. Ich kann mich auch nicht damit schmücken, hier das Glück meiner Familie auf Spiel zu setzen.

Fritz Miller

Die Nacht ist klar. Wir sehen die Lichter im Tal. Ich stelle mir vor, dass unten jemand steht, unsere Lampen sieht und sich fragt, was wir hier oben zu suchen haben. Ich könnte ihm keine schlaue Antwort geben. Ich bin nicht auf der Flucht vor meinem Leben. Ich kann mich auch nicht damit schmücken, hier das Glück meiner Familie auf Spiel zu setzen. Dennoch will ich unbedingt hier sein, in der Wand. Für mich geht hier um mehr als das Klettern oder das Erreichen eines alpinistischen Ziels. Es scheint, als müsste ich so weit weg vom normalen Leben, um einen klaren Blick darauf zu bekommen. Um zu erkennen, was wirklich zählt. 

Portaledge in der Wand
Das Portaledge-Lager am 8. Stand. Foto: Fritz Miller

Tag fünf – das Finale

Ein schnelles Frühstück im Portaledge, Material sortieren, möglichst früh los. Unser Plan sieht vor, das Portaledge-Lager hier zu belassen, zum Gipfel zu klettern und wieder zum Lager zurückzukehren. Zwar führt vom Gipfel ein Wanderweg hinunter ins Verzascatal, welcher grundsätzlich die beste Abstiegsoption darstellt. Nordseitig liegt aber noch zu viel Schnee für diese Variante, weshalb wir über die Wand abseilen wollen. David beginnt mit dem Aufstieg am fixierten Seil, etwas später folge ich und entferne die letzten Zwischensicherungen – an sich keine schwere Übung, doch die Tiefe saugt und ich bin mental noch nicht regeneriert. Ich bin froh, dass David an der Reihe ist mit Vorsteigen. Auf dem Papier sehen die letzten drei Seillängen nicht so dramatisch aus, aber mein Gefühl sagt, dass hier noch nichts entschieden ist.

Es folgt eine 60-m-Länge im Grad A1 und 6b, mit dürftiger Absicherung. Der Fels ist logischerweise nicht abgeklettert und die ganze Hardware am Gurt macht die Freikletterei auch nicht einfacher. Dann Seillänge Nr. 11: 60 m, 6c und A2. Die Kletterei ist hart und absolut heikel, der obere Teil der Seillänge ist nass. Mir bleibt nur zu hoffen, dass das irgendwie gut geht. Irgendwann erreicht David den Stand. Durchatmen. Plötzlich ist der Ausstieg der Route zum Greifen nah. Die letzte Seillänge, 45 m, 6b. Es geht gutmütig los, dann exponiert an nicht ganz zuverlässigem Fels weiter. „Ceep cool“ steht im Topo…

Fragwürdige Absicherung
Sicherungsnest mit vier schlechten Beaks. Foto: Fritz Miller

Gegen 17:00 erreichen wir den Gipfel. Die Sonne scheint, alles ist ruhig und friedlich. Es fühlt sich unwirklich an, nun hier oben zu stehen. Wir lassen uns viel Zeit am Gipfel. Doch ist uns bewusst, dass unsere Reise noch nicht zu Ende ist. Wir steigen ab zum letzten Stand, es folgen mehrere anspruchsvolle Abseilmanöver. Spät am Abend erreichen wir unser Portaledge. Eine letzte Nacht in der Wand.

  • Am Gipfel
  • Beim Abseilen

Tag sechs – Abschied

Ich freue mich auf zuhause und bin gleichzeitig etwas traurig, dass wir diesen Ort nun verlassen werden. Nach einem minimalistischen Frühstück packen wir alles zusammen. Die Haulbags sind natürlich viel zu schwer, um sie beim Abseilen am Rücken zu tragen. Wir gehen deshalb folgendermaßen vor: David seilt am Einfachseil ab. Parallel dazu lasse ich die Haulbags mit dem Haulseil ab. Am Stand angekommen, zieht David die Haulbags mit einem dritten, kurzen Seil zu sich. Anschließend seile ich an Einfachseil und Haulseil ab. Mit dieser Technik sowie etwas Pendeln und Queren kommen wir ohne Probleme zum Wandfuß, wo wir nochmals umpacken für den langen Abstieg ins Verzascatal. Zuvor aber suchen wir den Wandfuß ab und finden mein Messer wieder!

Abstieg. Peu à peu nähern wir uns dem Tal. Die Welt dort unten ist eine andere. Ich realisiere, dass der Übergang nicht leicht werden wird. Diese Wand wird mich so schnell nicht loslassen und ich denke, dass ein Teil von mir hierbleiben wird.

Text: Fritz Miller, Juli 2025

Routeninfos Via Pesche e Mele

1. Begehung: Lars Hofer, Andy Schnarf, 09.-18.06.2005

1. Wiederholung (soweit bekannt): Malte Leibinger, Calvin Leibinger, 28.08.-03.09.2023

2. Wiederholung (soweit bekannt): Fritz Miller, David Schneider, 26.04.-01.05.2025

Unsere Bewertung der Seillängen

  • SL1: 45 m, A1-2 (Route Himmelsfinger)
  • SL2: 50 m, A3+
  • SL3: 40 m, A2, 3-4
  • SL4: 35 m, A4
  • SL5: 40 m, A4-
  • SL6: 30 m, A4-, 4a
  • SL7: 60 m, A4-
  • SL8: 20 m, A2, 4a
  • SL9: 45 m, A4+, 3-4 (je nach Variante auch deutlich schwierigere Freikletterei)
  • SL 10: 60 m, 6b, A1
  • SL 11: 60 m, 6c, A2
  • SL 12: 45 m, 6b

Hinweis zum Abseilen vom 9. Stand zum 8. Stand

Linkshaltend zu Bolt knapp über der Dachkante. Diesen clippen, dann überhängend zum Band. Sehr anspruchsvoller Abseiler! Am Band zurückqueren zum 8. Stand. Insgesamt sind es 35 m.

Anmerkung: Der Bolt wurde von uns gebohrt, abseits der Route, und ist von der Route nicht zu sehen.

Routenverlauf Via Pesche e Mele
Routenverlauf Via Pesche e Mele. Foto: Fritz Miller

Verwendetes Material in der Via Pesche e Mele

  • 3 Sätze Cams bis #3, 1-2 x #4 (Totems und Offsetcams empfehlenswert)
  • Cam #5 und #6 braucht man nicht
  • Keile, Ballnuts und kleine Tricams sind hier und da hilfreich
  • 15 Beaks + solide Auswahl an Knifeblades, Lost Arrows und Profilhaken
  • Kleine Auswahl an Heads
  • Diverse Hooks, insbesondere BD Talons und Grappling Hooks
  • Eine gute Handvoll Bandfalldämpfer
  • 70-m-Seile empfehlenswert für mehr Möglichkeiten beim Fixieren, Abseilen, …

Zur Geschichte des Routennamens

Während des Materialtransports zur Wand bargen die Erstbegeher eine Ziege aus einem Felsspalt beim „Scorpio-Biwak“. Andy seilte sich zur Ziege ab und zog ihr einen Klettergurt an (nachdem er zunächst angegriffen wurde…). So konnte das Tier aus dem Spalt gezogen werden. Zum Dank schenkte die Älplerin den beiden ein Stück Käse sowie ein Glas selbstgemachte Marmelade, Sorte Pesche e Mele.

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Foto-Credits: Fritz Miller und David Schneider

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