Seit 130 Jahren sind Bergretterinnen und Bergretter in den Alpen zu Stelle. Wir blicken zurück auf die Geschichte der alpinen Rettung im DACH-Raum.
Wenn Bergsteigerinnen und Bergsteiger in Not geraten, beginnt für andere die Arbeit unter extremen Bedingungen: Seit mehr als 100 Jahren stehen in den Alpen organisierte Kräfte bereit, um Verunglückte aus Felswänden, Gletscherspalten oder abgelegenen Bergregionen zu bergen. Dabei arbeiten sie in steilem Gelände, bei unberechenbarem Wetter und oft im Wettlauf gegen die Zeit.
Was einst mit einfachsten Mitteln begann, hat sich zu einem hochspezialisierten System entwickelt. Unser Blick auf 130 Jahre alpine Hilfe im DACH-Raum zeigt, wie sich Strukturen, Technik und Anforderungen im Gebirge verändert haben – und was bis heute gleich geblieben ist.1

Gerettet wurde schon immer
Die Anfänge alpiner Hilfe reichen so weit zurück, wie Menschen in den Alpen unterwegs waren. Lange bevor es organisierten Strukturen gab, unterstützte man sich gegenseitig mit einfachen Mitteln und aus dem unmittelbaren Umfeld heraus.
Eine wichtige Rolle in diesen frühen Tagen spielten dabei die Hospize entlang zentraler Passrouten, die – damals vor allem Pilgern – Schutz vor Wetterstürzen boten. Bereits 1386 entstand am 1.793 Meter hohen Arlberg eine solche Unterkunft. Sie gilt als früher Vorläufer jener Einrichtungen, die teils bis heute in den abgelegenen Regionen der Alpen bestehen.
Als Meilenstein in der Vorgeschichte heutiger Bergrettungsdienste gilt eine Überlieferung aus dem 17. Jahrhundert: Damals nutzten die Mönche der Augustiner-Chorherren am Großen St. Bernhard-Pass in der Schweiz Bernhardinerhunde, um Lawinenopfer zu finden und zu bergen. Ein frühes Beispiel für die Zusammenarbeit von Mensch und Tier im alpinen Gelände, die bis heute Bestand hat.2


Als der Tourismus die Alpen eroberte
Die Geschichte der Bergrettung, wie wir sie heute kennen, ist untrennbar mit der Entwicklung des alpinen Tourismus verbunden. Schon seit dem 18. Jahrhundert mussten junge Aristokraten aus ganz Europa auf ihrer kontinentalen Bildungsreise (»Grand Tour«) die Alpen überqueren. Die hohen Gipfel und unerbittlichen Bedingungen weckten bei manchen von ihnen Schrecken, bei anderen Faszination – festgehalten in vielen Reisetagebüchern und Briefen.
Zeitgleich trieb es auch Abenteurer in die Berge, um die Grenzen des Menschenmöglichen auf den Prüfstand zu stellen: frühe Alpinisten wie den Genfer Arzt Michel-Gabriel Paccard und den einheimischen Bergführer Jacques Balmat, die am 8. August 1786 erstmals den Gipfel des Mont Blanc (4.810 m) bestiegen. Nach der Eroberung vom »Dach Europas« veränderte sich der Blick auf die Alpen und auch auf die Rolle des Menschen im Gebirge. Dennoch galt: Wer damals im Gelände verunglückte, war meist auf sich gestellt.3

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert kam der Alpentourismus auch im Bürgertum an. Getrieben von romantischer Sehnsucht nach Naturverbundenheit und Individiualismus, aber auch durch die Fortschritte dank Industrialisierung und Urbanisierung strömten Touristen aus ganz Europa in die Berge.
Allerdings reisten nicht alle von ihnen nur für die Thermalbäder und die gute Luft an. Mit dem Aufstieg des alpinen Tourismus nahmen auch die Unfälle im Gebirge rapide zu. Zwar gab es damals schon erste Alpenvereine – den Österreichische Alpenverein (OeAV, gegründet 1862), den Schweizer Alpen-Club (SAC, gegründet 1863) und den Deutschen Alpenverein (DAV, gegründet 1869) –, aber die Durchführung von Bergrettungen lief noch nicht organisiert ab. Stattdessen oblagen die Einsätze in dieser Zeit meist erfahrenen Einzelpersonen aus den alpinen Vereinen.4

Der Grundstein: Alpine Hilfe wird zur Pflicht
Gleichzeitig zeigten dramatische Unglücke – wie etwa das Drama bei der Erstbesteigung des Matterhorns 1865, bei der vier Menschen ums Leben kamen – immer deutlicher, dass es eine professionelle Lösung für die alpine Rettung brauchte.
1873 schlossen sich OeAV und DAV zum Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DuOeAV) zusammen und führten 1885 die erste »Hilfsverpflichtung der Bergführer im Alpenraum« ein. Sie gilt bis heute als Schlüsselereignis und legt fest, dass Bergführer verpflichtet sind, Verunglückten oder Vermissten im Gebirge zu helfen.4
Jeder Bergführer ist verpflichtet, […] beim Erreichen der nächsten menschlichen Hilfe […] Anzeige zu erstatten […] und, falls er als Führer dienstfrei ist, soweit seine Kräfte es gestatten, selbst zu Hilfe zu eilen. Jeder Bergführer, welcher sich nicht auf einer Tour befindet, oder eben erst von einer Tour zurückkehrt, ist verpflichtet, einer solchen Aufforderung unweigerlich und, wenn es die Umstände zulassen, ohne Aufschub Folge zu leisten.
aus § 9 der gesetzlich erlassenen Bergführerordnung des DuOeAV
Damit war zwar geregelt, dass Menschen am Berg in Not Hilfe erwarten konnten. In der Realität griff die Vorschrift aber nur für die Bereiche, in denen Bergführer gerade ohnehin unterwegs waren. Gezielte Rettungseinsätze in fremdem Gelände waren nach wie vor eine Utopie.

Ein verhängnisvoller Tag im März 1896
Der 8. März 1896 gilt bis heute als Zäsur in der Geschichte der alpinen Hilfe. An jenem Tag wurden die Wiener Bergsteiger Josef Pfannl, Max Schottik und Fritz Wannieck am Reißtalersteig an der Rax von einer Lawine erfasst. Eine hastig organisierte Suchaktion blieb erfolglos und musste wegen Schlechtwetter abgebrochen werden – ein Ereignis, das die Defizite der damaligen Strukturen schonungslos offenlegte. Die Leichname der drei Bergsteiger wurden erst einige Tage später geborgen.
Die Konsequenz folgte noch im selben Jahr: Mit dem »Alpinen Rettungsausschuß Wien« entstand die erste organisierte Einrichtung ihrer Art. Aus einer Tragödie wurde damit der Ausgangspunkt für systematische Hilfe in den Bergen.6

Andernorts ließen ähnliche Entwicklung nicht lange auf sich warten: 1898 gründete sich in München ein weiterer Rettungsausschuss unter dem Dach des Alpenvereins. In den folgenden Jahren entstand ein dichtes Netz an Stationen vom Allgäu bis nach Berchtesgaden, getragen von örtlichen Sektionen.
Auch der Schweizer Alpen-Club begann ab 1901, eigene Strukturen aufzubauen, und verfügte bis 1910 über mehr als 50 Rettungsstationen. Mit der Gründung der ersten deutschen Bergwacht in Sachsen im Jahr 1912 setzte sich diese Entwicklung fort.
Von der Grundausstattung zur High-Tech-Ära
Der Tiroler Alpinist, Bergretter und Autor Walter Spitzenstätter hat die Geschichte des alpinen Rettungswesens in vier Epochen gegliedert. Ein Blick darauf zeigt, wie aus improvisierter Hilfe ein hochspezialisiertes System wurde.7
Beginn & Aufbau
Die Anfänge der organisierten Bergrettung im DACH-Raum waren geprägt vom mühsamen Aufbau von Strukturen. Die »Grundausstattung« der ersten Ortsstellen um 1900 war mit enormen Kosten und Mühen verbunden, die allen voran von den Alpenvereinen getragen wurden. Gleichzeitig war Kommunikation im heutigen Sinn kaum vorhanden. Dass dennoch ein erstaunlich funktionales Netz an Meldestellen in den Bergen entstand, ist umso beeindruckender.

Was diese Anfangszeit prägte, war weniger Technik als Haltung: Idealismus, Bergerfahrung und die Bereitschaft, Menschen in Not zu helfen. Rettungseinsätze übernahmen vor allem versierte Bergführer und Spitzenkletterer – ehrenamtlich und oft unter Bedingungen, die aus heutiger Sicht kaum vorstellbar sind.
Ihr Einsatz legte das Fundament für alles, was folgte. Erst mit den Umbrüchen vor dem Zweiten Weltkrieg endet diese Pionierphase und macht Platz für eine neue Zeit, in der neben organisatorischen Veränderungen auch erstmals spezialisierte Ausrüstung Einzug hielt.
Neuzeitliche Rettungstechnik
Der Zweite Weltkrieg hinterließ auch in der alpinen Rettung seine Spuren – vor allem auf struktureller Ebene: Nach dem Anschluss Österreichs 1938 wurden die dortigen Strukturen in die Deutsche Bergwacht eingegliedert. Erst 1946 entstand mit dem Österreichische Bergrettungsdienst (ÖBRD) wieder eine eigenständige Organisation. Der Deutsche Alpenverein wurde 1945 als nationalsozialistische Organisation verboten und fünf Jahre später neu gegründet. Derweil schlossen sich die bestehenden Abteilungen den jeweiligen Landesverbänden des Deutschen Roten Kreuzes an.
Parallel dazu brachte die Zeit auch technische Fortschritte. Ab 1941 setzte die Heeres-Gebirgs-Sanitätsschule in St. Johann erstmals spezielle Rettungsgeräte in Österreich ein, die die bis dahin üblichen Kletterseile ergänzten und Einsätze deutlich erleichterten. Mit der Gründung der Internationalen Kommission für alpine Rettung (IKAR) 1955 in Südtirol begann zudem eine stärkere internationale Vernetzung, die heute 85 Mitgliederorganisationen aus 34 Ländern umfasst.


Rettung aus der Luft
Viele Einsätze im Gebirge sind heute ohne Hubschrauber kaum mehr denkbar. Doch die leistungsfähigen Modelle, die wir heute kennen, werden erst seit den 1970er Jahren regelmäßig eingesetzt. Frühere Rettungsversuche mit Flächenflugzeugen gelten rückblickend als Pionierleistungen, blieben jedoch in ihren Möglichkeiten stark eingeschränkt.
Den entscheidenden Umbruch brachte erst eine neue Generation deutlich leistungsstärkerer Hubschrauber: Sie mussten für die Aufnahme nicht mehr landen. Verunfallte Personen konnten nun direkt aus der Wand geborgen werden – ein Fortschritt, der die alpine Rettung grundlegend veränderte.
Der Hubschrauber [hat sich] unzweifelhaft als ideale Ergänzung für die Rettung aus Bergnot etabliert.
Walter Spitzenstätter
Dass die Arbeit der Bergretter durch die Technik hinfällig würde, war tatsächlich eine verbreitete Sorge aus dieser Zeit. Die stellte sich jedoch als unbegründet heraus: Denn bei Nacht oder schlechtem Wetter bleibt der Einsatz vom Boden aus noch heute die einzige Option. Während die Luftrettung kontinuierlich ausgebaut wurde, entwickelte sich auch ein weiterer zentraler Baustein moderner Einsätze rasant weiter – die Kommunikationstechnik.

Neue Strukturen & moderne Technik
Die rasante Entwicklung der Funktelefonie – vom Mobiltelefon bis zum Smartphone – zählt zu den wichtigsten technischen Fortschritten für den alpinen Einsatz. Denn wie schnell nach einem Unfall Hilfe angefordert werden kann, entscheidet oft über Leben und Tod. Auch wenn ein Notruf längst nicht aus jeder Felswand möglich ist, lässt sich diese kritische Lücke in der Rettungskette heute besser überbrücken als je zuvor. Ergänzt wird die moderne Bergrettung durch Notfall-Apps und spezialisierte Software, die Suche und Koordination deutlich effizienter machen.
Parallel zum technischen Fortschritt veränderten sich auch die Strukturen einiger Rettungsdienste im DACH-Raum. So ging 2005 in Tirol eine zentrale Leitstelle für alle Blaulichtorganisationen in Betrieb, um Einsätze besser zu koordinieren. In der Schweiz gründeten der SAC und die Rettungsflugwacht Rega im selben Jahr die Stiftung Alpine Rettung Schweiz – nicht zuletzt als Reaktion auf die steigende Zahl von Einsätzen für Nichtmitglieder.

Bergrettung bleibt Ehrensache – und Ehrenamt
Heute sind alpine Einsatzkräfte längst nicht mehr nur für Bergsteigerinnen und Bergsteiger unverzichtbar. Auch im Katastrophen- und Umweltschutz leisten sie einen wesentlichen Beitrag. Trotz aller technischen Fortschritte und organisatorischen Veränderungen hat sich eines über mehr als ein Jahrhundert hinweg nicht gewandelt: der Anspruch, anderen aus Überzeugung in Notsituationen beizustehen.
Ehrenamt ist Ehrensache.
Motto der Bergwacht Bayern
Die Zahlen sprechen für sich: In Deutschland, Österreich und der Schweiz8 sind heute schätzungsweise mehr als 30.000 Freiwillige in der Bergrettung aktiv – rund um die Uhr einsatzbereit, bei jedem Wetter und oft unter erheblichem Risiko für die eigene Sicherheit.

Mit dem Boom des Bergtourismus, verstärkt durch soziale Medien, steigt derweil die Zahl der Einsätze. »Wir stellen fest, dass die Einsätze zunehmen, je mehr Menschen in den Bergen unterwegs sind. Dies zeigt sich besonders aufgrund der saisonalen und wetterbedingten Schwankungen«, stellt die Alpine Rettung Schweiz fest. Die vielen Ehrenamtlichen ermöglichen dabei eine dichte Abdeckung mit Rettungskräften, um eine Einsatzbereitschaft rund um die Uhr sicherzustellen.
Was bei Bergrettungen im alpinen Raum oft selbstverständlich wirkt, ist in Wahrheit alles andere als das: ein freiwilliger Einsatz für andere, getragen von Erfahrung, Verantwortung und großem persönlichen Einsatz – und das Ergebnis einer langen Geschichte von Hilfsbereitschaft in den Bergen.

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Credits Titelbild: Adobe Stock/Standardlizenz (Datei-Nr. 394486308)
- Natürlich gibt es auch über den DACH-Raum hinaus viele weitere Bergrettungsorganisationen in den Alpen, die unverzichtbare Arbeit leisten. Auch wenn sie in diesem Artikel nicht namentlich vorgestellt werden, soll ihr Engagement damit keinesfalls weniger gewürdigt werden. ↩︎
- Quelle: Walter Spitzenstätter (2019): Ehrensache Leben retten – Die Geschichte der Bergrettung Tirol. Innsbruck/Wien: Tyrolia-Verlag. ↩︎
- Quelle: Thomas Crauwels (2025): Auf Entdeckungsreise durch die Alpen. Die Entstehung des Tourismus im 19. Jahrhundert. Online: https://www.thomascrauwels.ch/de/blog/a-la-decouverte-des-alpes-naissance-du-tourisme-au-19e-siecle/?srsltid=AfmBOoogVecv4eC-P7I1zFOxJjbZHtwFIu2OhwWoYwtHUM_Y5AlDV8va ↩︎
- Quelle: Walter Spitzenstätter (2019): Ehrensache Leben retten – Die Geschichte der Bergrettung Tirol. Innsbruck/Wien: Tyrolia-Verlag. ↩︎
- Quelle: Walter Spitzenstätter (2019): Ehrensache Leben retten – Die Geschichte der Bergrettung Tirol. Innsbruck/Wien: Tyrolia-Verlag. ↩︎
- Quelle: Welt der Wunder: Bergrettung: Wie ein Unglück vor 125 Jahren zur Gründung führte. Online: https://www.weltderwunder.de/bergrettung-wie-ein-ungluck-vor-125-jahren-zur-grundung-fuhrte/ ↩︎
- In diesem Abschnitt werden lediglich die wichtigsten Entwicklungen der alpinen Bergrettung übersichtlich zusammengefasst. Spitzenstätter fokussiert sich in seiner Arbeit primär auf die Geschichte der Bergrettung in Tirol. Es wird kein Anspruch auf Lückenlosigkeit erhoben. ↩︎
- Zahlen zu Rettungskräften der Deutschen Bergwacht (14.500), des ÖBRD (13.000) & der Alpinen Rettung Schweiz (3.500) (Stand 2026). ↩︎

