Lebensgefahr für Klicks: Wenn Influencer auf den Berg gehen

Magnus Midtbø versucht sich mit minimaler Vorbereitung und allein am Matterhorn – und rät danach anderen davon ab, ihr Leben derart zu riskieren. Welche Verantwortung haben Influencer für ihre gefährlichen Aktionen?

Sein neuestes Video dürfte durch die Decke gehen: Magnus Midtbø, der größte YouTuber der Kletterszene, versucht sich unerfahren und solo am Matterhorn, dem gefährlichsten Berg Europas. Die riskante Aktion ist das jüngste Beispiel eines medialen Trends, bei dem Content-Produzenten auch zunehmend im Bergsport spektakuläre Inhalte für wertvolle digitale Aufmerksamkeit nutzen.

Mit Selfie-Stick in der Hand zum Gipfel

Midtbøs Plan: das 4.478 Meter hohe Matterhorn in den Walliser Alpen allein zu besteigen und sich dabei für ein Video zu filmen. Das Schweizer Wahrzeichen gilt als einer der gefährlichsten Berge der Welt, seit der Erstbesteigung 1865 sind Hunderte Menschen dort ums Leben gekommen. Trotzdem zieht genau dieser Gipfel immer noch so viele an, die ihm eigentlich nicht gewachsen sind.

Ich habe sowas noch nie gemacht. Alpinismus ist weit außerhalb meiner Komfortzone – vielleicht sogar zu weit.

Magnus Midtbø

Auch Magnus Midtbø zeigt sich im Video nicht unbedingt ideal vorbereitet. Der Norweger hatte mit seinen rund 35 Kilo Equipment deutlich zu viel dabei – vieles davon Gegenstände für den Videodreh. «Ich nehme relativ wenig Kletterausrüstung mit. Mir wurde ein 40-Meter-Seil empfohlen, aber ich denke meine 35 Meter reichen aus», erzählt Midtbø der Kamera, als er auf der Hörnlihütte seine Sachen packt.

Wer sich das Video in Gänze anschaut, kann quasi in Echtzeit beobachten, wie die Realität des Berges schrittweise bei dem 38-Jährigen ankommt – in Form von Angst, losem Gestein, der generellen Schwierigkeit und der Auswirkungen durch die Höhe. Am Tag zuvor hatte Midtbø noch gegoogelt, »wie man Steigeisen richtig benutzt«.

(Bild: Screenshot Magnus Midtbø – YouTube)

Ein Spoiler sei an dieser Stelle angebracht: Midtbø schaffte es unversehrt auf die Spitze des Matterhorn und zurück. Trotzdem entging er dabei mehr als einmal einer brenzligen Situation. Bei einem Teil des gefährlichen Abstiegs entschied sich Midtbø gegen eine Absicherung, die »zu viel Zeit gekostet hätte«. Dass dabei nichts passiert ist – auch eine Frage von Glück. Nur unweit von Midtbø ereigneten sich am selben Tag zwei Unfälle am Matterhorn, beide Betroffenen wurden nur leicht verletzt.

Erfolgreicher Kletter-YouTuber spielt mit seinem Leben

Es ist kein Zufall, dass sich Midtbø ausgerechnet das Matterhorn ausgesucht hat. Der zurecht gefährliche Ruf des Berges wird strategisch genutzt, um im Video für die nötige Dramatik zu sorgen. Dass schon die Normalroute am Matterhorn für erfahrene Berggeher eine Herausforderung darstellt und eine Solo-Tour für unerfahrene Gipfelaspiranten lebensgefährlich sein kann, scheinen für Midtbø Gründe zu sein, keine Hindernisse.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der 38-jährige Profikletterer für Klicks in Gefahr begibt. Schon vor drei Jahren hatte Midtbø mit einem Free Solo in Begleitung von Alex Honnold einen viralen Hit gelandet. Der mehrfache Nordische Meister widmet sich seit seinem Karriereende 2017 primär seinem extrem erfolgreichen YouTube-Kanal. Dort unterhält er mittlerweile mehr als 3 Millionen Follower mit regelmäßigen Extrem-Fitness-Challenges, aber auch mit Kollaborationen wie mit Janja Garnbret oder Jakob Schubert.

Sich mit YouTube ein zweites Standbein aufzubauen, ist längst zur Strategie von ehemaligen und noch aktiven Wettkampfkletterern geworden. Und auch wenn Midtbøs Kletter-Expertise unbestreitbar ist, macht sie ihn nicht zu einem erfahrenen Alpinisten. Und genau dieser Unterschied ist am Berg ausschlaggebend.

Dabei muss es gar nicht erst das Matterhorn sein: Auch weniger riskante Gipfel bergen Gefahren, die im alpinen Breitensport häufig unterschätzt werden. Ein Blick auf die Website der Kantonspolizei Wallis zeigt: Fast jede Woche verunglückt ein Berggeher in den Walliser Alpen tödlich. In Österreich gab es im Jahr 2024 309 Alpintote – ein trauriger Rekord. Aber auch Einsätze, bei denen schlecht ausgerüstete Berggeher unterkühlt oder in Turnschuhen abgeholt werden müssen, gehören mittlerweile zum alpinen News-Repertoire.

Die Bergwelt boomt auf Social Media

Derweil boomt die Bergwelt in den Sozialen Medien: Inhalte auf Instagram, TikTok oder YouTube zeigen nicht selten extrem ästhetische, aber erkennbar wenig vorbereitete Ausflüge in die Berge. Natürlich sind auch viele erfahrene Berggeher*innen Teil von #bergliebe – Fakt bleibt aber, dass die Berge auch wegen der vielen medialen Vorbilder immer voller werden. Auf der Zugspitze schützt deshalb ein alternatives Gipfelkreuz seit diesem Jahr die Besucherströme vor Abstürzen am Original.

Auch für die zuständigen Bergwachten im Alpenraum sind die steigenden Besucherzahlen spürbar. »Je mehr Menschen in den Bergen unterwegs sind, desto mehr Unfälle passieren«, sagte Christian Eder von der Bergrettung Tirol kürzlich in einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks. Die Ausrüstung sei zwar besser als früher, doch die Selbstüberschätzung bleibe eines der Hauptprobleme, ergänzte Stefan Winter, Ressortleiter für Sportentwicklung beim DAV.

Die freiwilligen Einsatzkräfte sind im Notfall zur Stelle, um zu retten – nicht um zu urteilen. Trotzdem ist die Inanspruchnahme dieses Angebots immer mit dem Respekt vor denen verbunden, die das eigene Leben für die Entscheidungen anderer riskieren.

Reichweite bedeutet Verantwortung

Diese Thematik ist freilich größer als die Einzelperson Magnus Midtbø und seine Videos. Die jüngste Aktion des reichweitenstarken Norwegers kann jedoch als Anlass dienen, solche Inhalte – und den Umgang damit – kritisch zu hinterfragen.

Midtbøs Community sieht das ähnlich. Die überwältigen Mehrheit der Tausenden Kommentare zeigt sich schockiert, vor allem über Midtbøs mangelnde Vorbereitung und den Verzicht auf einen Bergführer. Viele beschreiben die Aktion als »gruselig« und »verantwortungslos«, ein User »weiß nicht, ob er so ein Video überhaupt liken soll«. Nicht wenige Fans bitten ihn: »Bitte stirb nicht für deine Videos«.

Das ist wahrscheinlich mein erstes Video, das ich bereue.

Magnus Midtbø

Es ist irgendwo verständlich, dass Midtbø sein Video, in das neben einer gehörigen Prise Lebensgefahr auch viel Arbeit geflossen ist, danach auch verwerten möchte. Mit einem Vorab-Disclaimer (»Bitte nicht nachmachen«) und einer nicht ganz 60 Sekunden langen Einordnung am Ende des 25-minütigen Videos versucht er sich zumindest an einer Reflexion seiner Matterhorn-Aktion, die er rückwirkend als »doch etwas zu riskant« beurteilt. Es sei das erste Video, das er bereue.

Bewusstsein für die Risiken schaffen

Trotzdem: Das Video ist online und wird fleißig geklickt und kommentiert – das ist gut für den Algorithmus. Dass Midtbø und andere Medienpersonen solche Aktionen vielleicht »bereuen«, ist zweitrangig, wenn der Erfolg ihrer Inhalte ihnen Recht gibt. Und auch wir müssen uns bei der Berichterstattung über besonders spektakuläre und riskante Unternehmungen am Berg oder Fels um eine kritische Einordnung bemühen.

Risiken sind seit jeher zentraler Bestandteil des Kletterns und insbesondere des Alpinismus. Oft machen sie sogar einen nicht unwesentlichen Teil dessen aus, was viele von uns an den Herausforderungen des Sports reizt.

Trotzdem gilt gerade in Zeiten des boomenden Bergtourismus: Wer diese Risiken leichtfertig eingeht, gefährdet nicht nur das eigene Leben, sondern auch das von anderen. Es liegt zwar nicht allein an reichweitenstarken Influencern, ein besseres Bewusstsein hierfür zu schaffen – aber wenn jemand die Mittel dazu hätte, dann sie.

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Credits Titelbild: Julius Silver/Pixabay CC

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