Wie viel Belastung verträgt ein Körper, der noch wächst? Diese Frage hat sich Athletin Anna Truntschnig gestellt. Gemeinsam mit Physiotherapeut Georg Meyer geht sie der Sache auf den Grund, um euch Tipps für eure Kletterbegeisterten Kids zu geben.
Die Tage werden länger, die Temperaturen steigen – und für viele Kletternde beginnt jetzt die Vorbereitung auf die Sommersaison am Fels. Projekte werden geplant, Trainingsumfänge steigen, neue Grade sollen fallen. Gerade junge Athletinnen und Athleten sind dabei oft besonders motiviert. Sie trainieren mehrmals pro Woche, bouldern in hohen Schwierigkeitsgraden und verfolgen schon früh einen leistungsorientierten Ansatz. Das ist grundsätzlich eine erfreuliche Entwicklung. Gleichzeitig stellt sich jedoch eine wichtige Frage: Wie viel Belastung verträgt ein Körper, der noch wächst?
Im Kinder- und Jugendalter reagiert der Bewegungsapparat sensibler auf bestimmte Belastungen als bei Erwachsenen – insbesondere, wenn es um maximale Belastungen geht. Werden Trainingsreize zu früh oder zu intensiv gesetzt, können Überlastungen entstehen – besonders an den Fingern. In einer Umfrage unter 267 jugendlichen Wettkampfkletterern (8–18 Jahre) gaben ~5% an, eine Wachstumsfugenverletzung an den Fingern erlitten zu haben. Hier wurden allerdings lediglich professionell betreute jugendlichen Kletternde befragt. Eine weitaus höhere Dunkelziffer im Hobbybereich wird angenommen. In der Literatur schreibt man von der häufigsten fingerbezogenen Überlastungsverletzung unter Kletternden im Kindes- und Jugendalter.
Georg Meyer, Betreuer des österreichischen Kletternationalteams und Leiter der Praxis «Physio Bergauf» in Innsbruck erklärt, worauf junge Kletternde, Eltern sowie Trainerinnen und Trainer achten sollten.
Finger im Fokus – die häufigste Baustelle
Die häufigsten Verletzungen im Nachwuchsklettern betreffen die Finger. Anders als bei erwachsenen Kletternden sind jedoch meist nicht Sehnen oder Ringbänder das Problem, sondern eine andere Struktur: die Wachstumsfugen. Hohe Belastungen können hier schneller zu Reizungen oder Verletzungen führen.
Was ist die Wachstumsfuge?
Die Wachstumsfuge befindet sich an den Enden der Röhrenknochen und ist für das Längenwachstum verantwortlich. Hier wird zunächst Knorpel gebildet, der später zu Knochen umgebaut wird. Solange sie noch offen ist – meist bis etwa zum 17. bis 19. Lebensjahr – stellt die Wachstumsfuge den empfindlichsten Bereich des Knochens dar. In Phasen schnellen Wachstums steigt das Risiko für Verletzungen noch weiter an. Bei Mädchen finden solche Wachstumsschübe in der Pubertät im Durchschnitt zwischen dem 9. und 12. Lebensjahr, bei Jungen zwischen dem 11. und 14. Lebensjahr statt.

Kritische Belastungen im Klettersport
Vor allem folgende Trainingsinhalte belasten die Wachstumsfugen der Finger besonders stark:
- Full-Crimp-Griffpositionen
Beim Crimpen wirken extrem hohe Kräfte auf die Finger: Studien zeigen, dass einzelne Strukturen dabei mit dem Drei- bis Vierfachen des Körpergewichts belastet werden. - Campusboard-Training
Explosives Fingertraining erhöht das Risiko für Wachstumsfugenverletzungen stark. - Klimmzüge mit Zusatzgewicht
Bei Klimmzügen wirken große Zugkräfte auf Arme du Schultern. Wenn zusätzlich Gewicht hinzukommt, steigt die Belastung deutlich. Die noch offenen Wachstumsfugen können verletzen und Sehnenansätze, die noch nicht vollständig verknöchert sind, überlasten.
Diese Trainingsformen sollten erst eingesetzt werden, wenn die Wachstumsfugen geschlossen sind.
Warnsignale ernst nehmen
Wenn junge Kletterer über Schmerzen oder Schwellung in einem Fingergelenk klagen, sollte man hellhörig werden: Häufig ist die Wachstumsfuge betroffen. «Schmerzen sind ein wichtiges Signal unseres Körpers», sagt Georg Meyer, Leiter der Praxis Physio Bergauf und Experte für Verletzungen bei Kletterenden. «Gerade bei Kindern und Jugendlichen dürfen sie nicht ignoriert werden. Wenn Schmerzen während des Trainings auftreten, sollte die Einheit beendet werden.» Bleiben Beschwerden länger als eine Woche bestehen, empfiehlt sich eine medizinische Abklärung.
Tape – ein zweischneidiges Schwert
Tape kann Wunder wirken, oder für neue Probleme sorgen: Es stabilisiert zwar kurzfristig, kann aber gleichzeitig Warnsignale des Körpers überdecken, die nicht überhört werden sollten. Es sollte daher nicht leichtsinnig verwendet werden.
- Falsches Sicherheitsgefühl
Tape vermittelt oft das Gefühl, der Finger sei stabilisiert – obwohl es keine echte strukturelle Stabilität bietet. Gerade bei Wachstumsfugenverletzungen hilft Tape praktisch nicht. - Tape kann Überlastung verschleiern
Tape reduziert Schmerz oder vermittelt Stabilität. Dadurch klettern viele weiter, obwohl der Finger eigentlich Pause bräuchte. Besonders problematisch ist das bei Kindern: Sie ignorieren Schmerzen eher und trainieren weiter. - Eingeschränkte Beweglichkeit
Zu häufiges oder dauerhaftes Tapen kann:- Bewegungsumfang reduzieren
- natürliche Fingermechanik verändern
Das kann langfristig sogar die Technik der Kletternden verschlechtern.

Fünf schnelle take-aways: Was junge Kletternde vor Fingerverletzungen schützt
Viele Fingerverletzungen lassen sich durch diese 5 einfachen, aber konsequenten Maßnahmen vermeiden:
- Offene Griffpositionen bevorzugen
- Kein Campusboard, solange die Wachstumsfugen nicht geschlossen sind
- Fingerintensive Bouldermarathons vermeiden
- Technikorientiertes Training regelmäßig mit kraftorientierten Einheiten abwechseln
- Auf Körpersignale hören – Schmerzen sind kein Trainingsreiz
Über die Autorin: Anna Truntschnig

Anna Truntschnig kommt aus Kärnten und hat das Klettern 2016 für sich entdeckt – seitdem lässt es sie nicht mehr los. Am Alpinismus begeistert sie, dass er so vielseitig ist: Eis, Mixed, Fels – jede Disziplin verlangt etwas anderes, es gibt immer etwas Neues zu lernen und genau das reizt sie. Drei Jahre lang war Anna Teil des Naturfreunde-Alpinkaders mit Abschlussexpedition in Kirgistan. Für Anna vereint Klettern Abenteuerlust, Freude an der Bewegung und Miteinander – denn die schönsten Augenblicke sind für sie jene, die man zusammen erleben darf.
Das könnte dich auch interessieren
+++
Credits: Titelbild: Adobe Stock

