Rätikon: Babsi Zangerl & Jacopo Larcher wiederholen „Déjà“ (8c+) – schwerste Multipitch-Begehung einer Frau

Mit ihrer freien Begehung von „Déjà“ an der Kirchlispitzen-Südwand haken die Österreicherin und der Italiener ihr bisher härtestes Projekt im Rätikon ab. Es ist das erste Mal, dass die Linie überhaupt wiederholt wurde – und wohl das erste Mal, dass eine Frau eine Mehrseillängenroute im Schwierigkeitsgrad 8c+ geklettert ist.

Über die Route

„Déjà“ (8c+, 10-12 SL) liegt an der Südwand der Kirchlispitzen in den westlichen Zentralalpen. Am 12. September 1992 eröffneten Michi Wyser und Andres Lietha die Linie – beiden war klar, dass sie die fünfte und schwierigste Seillänge der Tour nicht frei klettern konnten, weshalb sie die Länge technisch einrichteten.

Ganze 27 Jahre sollte es bis zur ersten freien Begehung dauern: Die gelang dem deutschen Profialpinisten Fabian Buhl am 27. November 2019. Buhl hatte 2015 bereits gemeinsam mit Jacopo Larcher an der Route gearbeitet. Eine weitere freie Begehung gab es seither nicht. „Déjà“ gilt als eine der schwersten Multipitch-Routen der Alpen.

Babsi Zangerls Begehung am 6. Juli 2026 war nicht nur die erste freie Wiederholung der Linie, sondern auch das erste Mal, dass eine Frau eine Mehrseillängenroute dieser Schwierigkeit geschafft hat. Wenige Tage später gelang Jacopo Larcher die zweite Wiederholung von „Déjà“. Beide stiegen alle Seillängen an einem Tag und von unten aus durch.

„Déjà“ Routensteckbrief

  • Seillängen: 6a+, 6c+, 6b+, 7c, 8c+, 7c+, 6b+, 6b+, 7c+, 7a, 8a+, 6b+
  • Länge: 400m
  • Eingerichtet: 12.09.1992 durch Michi Wyser & Andres Lietha
  • Erste freie Begehung 27.11.2019 Fabian Buhl mit Sicherungspartner Andres Lietha

Die Geschichte hinter dem Durchstieg von „Déjà“

Ein Erfahrungsbericht von Babsi Zangerl und Jacopo Larcher1

Jacopos Geschichte mit „Déjà“ begann vor mehr als zehn Jahren, als Fabi Buhl ihn 2015 fragte, ob er sich die Route gemeinsam mit ihm anschauen wolle. Damals war die Route noch nie frei geklettert worden und beide wussten nicht, was sie erwarten würde. Umso neugieriger waren sie, dieses lange ungekletterte Projekt auszuprobieren.

Es ist immer etwas Besonderes, etwas zu versuchen, das noch niemand vorher geschafft hat. Es gibt eine große Unbekannte: Man weiß nicht, ob es überhaupt möglich ist, deshalb fühlt sich jeder freie Zug wie ein kleines Geschenk an. In der fünften und schwersten Seillänge brauchten Jacopo und Fabi Buhl eine Weile, um die Bewegungen herauszufinden. Beim gemeinsamen Tüfteln wurde schließlich klar: Die Seillänge ist machbar, aber extrem schwer – und dazu extrem hautfressend. Selbst für einen Versuch brauchte es perfekte Bedingungen.

Beide arbeiteten noch einige weitere Tage an der Seillänge, aber Jacopo zog es schließlich weiter zu anderen Projekten. Fabi blieb dran und schaffte 2019 schließlich die erste freie Begehung dieser wunderschönen Linie. Damit wurde eines der ältesten und coolsten Projekte an dieser historischen Wand endlich geklettert.

Jacopo Larcher in „Déjà“: ein Multipitch-Testpiece, das seinesgleichen sucht | Bild: Christian Adam für Black Diamond

Im Rätikon zuhause

Für uns beide fühlt sich das Rätikon wie Zuhause an. Hier hat Babsi damals ihr erstes richtiges Mehrseillängenprojekt probiert und seitdem unzählige Routen geklettert. In den vergangenen Jahren haben wir außerdem gemeinsam mehrere Routen an der Nordseite des Massivs wiederholt. Im Rätikon verbringen wir im Sommer viel Zeit und dieser Ort bedeutet uns sehr viel.

„Déjà“ hat sich wie das perfekte gemeinsame Projekt angefühlt.

Jacopo Larcher & Babsi Zangerl

Als wir die Route 2025 zum ersten Mal gemeinsam probierten, haben wir uns sofort in die Kletterei verliebt – besonders in die fünfte Seillänge, die Crux. Sie ist einfach einzigartig: extrem schwer und bis zum Stand durchgehend anspruchsvoll. Stürzen kann man fast überall. Wahrscheinlich ist es die schwierigste einzelne Seillänge, die wir jemals auf einer Mehrseillängenroute versucht haben. Wir verbrachten mehrere Tage nur damit, an dieser spezifischen Stelle der Route zu arbeiten.

Klettern jeden Sommer im Rätikon: Babsi Zangerl & Jacopo Larcher | Bilder: Christian Adam für Black Diamond

Mit dem E-Bike an den Fels

Die Südwand der Kirchlispitzen wird im Sommer unglaublich heiß. Bei den rasiermesserscharfen Griffen wurde uns schnell klar, dass wir nur wenige gute Versuche hatten, bevor unsere Haut durch war. Auch die außergewöhnliche Hitzewelle in diesem Jahr war dabei keine Hilfe.

Nach einer Weile beschlossen wir, entweder sehr früh am Morgen oder spät am Abend zu starten. Gleichzeitig war die Straße zum Grüscher Älpli unter der Woche wegen Wartungsarbeiten gesperrt, weshalb wir uns entschieden, von der österreichischen Seite aus mit E-Bikes zur Route zu fahren. Das bedeutete etwas mehr Aufwand, wurde aber schnell Teil des Abenteuers.

Diese Tage im Rätikon waren unglaublich. Wir hatten fast immer tolles Wetter und konnten vom späten Abend oft bis kurz vor Mitternacht klettern. Beinahe jeder Tag fühlte sich wie eine kleine Mission an – wie ein echtes Kletterabenteuer, obwohl die Wand normalerweise sehr leicht zugänglich ist.

Indem wir mit dem Rad angereist sind, konnten wir diesen Ort, den wir eigentlich so gut kennen, nochmal ganz anders erleben.

Jacopo Larcher & Babsi Zangerl

Die Schlüsselseillänge ist definitiv die größte Herausforderung und forderte uns mehrere Tage ab. Auch danach wird die Route eigentlich nie wirklich leicht. Die elfte Seillänge ist mit 8b ebenfalls kein leichter Vertreter des Schwierigkeitsgrades – sie bleibt anhaltend schwer und endet mit einem harten Boulder. Nachdem wir die gesamte Route einmal von unten nach oben geklettert hatten, beschlossen wir, noch etwas Zeit in die letzten schwierigen Seillängen zu investieren, bevor wir einen Durchstiegsversuch wagen würden.

400 Meter Kletterei bis 8c+: das ist „Déjà“ | Bild: Christian Adam für Black Diamond

Verletzungs-Comeback für Babsi Zangerl

Babsi machte am 6. Juli ihren ersten Versuch vom Boden aus. Die Erwartungen waren nicht allzu hoch, da sie die Schlüsselseillänge zuvor noch nie geklettert war, ohne sich ins Seil zu setzen. Doch überraschenderweise fühlte sie sich beim ersten Versuch richtig gut und stürzte erst am Ende des ersten schwierigen Abschnitts. Der zweite Versuch lief noch besser, doch dann rutschte Babsi unerwartet von einem Griff ab. Beim dritten Versuch wusste sie zwar, dass nicht mehr viel im Tank war, aber irgendwie reichte es gerade noch, um sich durch die gesamte Seillänge zu kämpfen.

Am Stand war Babsi unglaublich glücklich und gleichzeitig nervös. Der Weg zum Gipfel war noch lang und jede Seillänge musste jetzt im ersten Versuch klappen, weil die letzte schwierige Seillänge weiter oben noch auf sie wartete. Nachdem sie die Crux geschafft hatte, bekam sie einen enormen Schub an Selbstvertrauen. Alles lief auf einmal und Babsi kletterte alle verbleibenden Seillängen ohne einen weiteren Sturz. Den Gipfel zu erreichen fühlte sich unglaublich an – und nach einem echten Comeback nach ihrer Rückenverletzung Ende 2025.

Nach einer so langen Verletzungspause bedeutet mir diese Route sehr viel. Es ging nicht nur um den Schwierigkeitsgrad – es fühlte sich wie ein echtes Comeback an.

Babsi Zangerl
Babsi Zangerl klettert als erste Frau eine 8c+ Mehrseillänge und meldet sich imposant aus der Verletzungspause zurück | Bild: Christian Adam für Black Diamond

Klarer Stil: Vorstieg vom Boden aus und an einem Tag

Wenn wir im Rätikon klettern, ist uns der Begehungsstil besonders wichtig: Einer von uns steigt alle Seillängen vor, während der andere sichert, und anschließend wird getauscht. Wir klettern schwere Routen gerne auf diese Weise: vom Boden aus, an einem Tag und beide als Vorsteiger in jeder Seillänge.

Ein paar Tage später war Jacopo an der Reihe. Zu Beginn war er nervös – vor allem wegen der Hitze und der langen Woche im Routenbau, die er hinter sich hatte. In der Route änderte sich alles. Jacopo kletterte entspannt, schnell und selbstbewusst, und auch das Wetter war wieder perfekt und schattiger. Um 11:30 Uhr morgens erreichten wir den Gipfel, nachdem Jacopo die gesamte Route sturzfrei geklettert hatte.

Zusammen oben zu stehen, nachdem wir beide „Déjà“ geklettert hatten, war ganz besonders – nicht nur wegen der Route selbst, sondern wegen des gemeinsamen Abenteuers auf dem Weg dorthin.

Babsi Zangerl & Jacopo Larcher

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Credits Titelbild: Christian Adam für Black Diamond

  1. Übersetzt und redaktionell bearbeitet ↩︎

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