Am 2. Mai 2026 fand im DAV Kletterzentrum swoboda alpin in Kempten die zweite offene Deutsche Meisterschaft im Paraclimbing statt. Bei frühlingshaften Temperaturen wurden in sieben Klassen neue deutsche Meister:innen gekürt – ein weiterer Schritt in der wachsenden Paraclimbing-Szene Deutschlands auf dem Weg Richtung Paralympics 2028 in Los Angeles.
Nach der Premiere im vergangenen Jahr in Augsburg ging die Deutsche Meisterschaft im Paraclimbing in Kempten in die zweite Runde. Bei blauem Himmel, Sonnenschein und rund 24 Grad startete das Teilnehmer:innenfeld in die Qualifikation. Die überwiegend im Schatten liegende Wand bot trotz fast schon vorsommerlicher Temperaturen gute Wettkampfbedingungen.

Die Deutschen Meister*innen 2026
Frauen
- Charlotte Faist (RP1w, DAV Ulm/Neu-Ulm)
- Elena Wopkes (RP2w, DAV Erlangen)
- Laura Nesciobelli (RP3w, DAV München-Oberland)
- Carolin Heberle (AU2w, DAV Allgäu-Kempten)
Männer
- Korbinian Franck (RP1m, DAV Kampenwand)
- Philipp Hrozek (RP2m, DAV München-Oberland)
- Aldrik Bethke (AU3m, DAV Oldenburg)




Unten: Das Line-Up der Athlet:innen vor dem Wettkampf | Alle Bilder: Xaver Quintus
Die Startklassen im Paraclimbing erklärt
Damit Athlet:innen mit unterschiedlichen Behinderungen möglichst fair miteinander verglichen werden können, gibt es im Paraclimbing verschiedene Startklassen. Die Einteilung folgt einem internationalen System der World Climbing und richtet sich nach Art und Grad der Beeinträchtigung.
Die Buchstaben am Anfang der Klassenbezeichnung stehen für die Art der Einschränkung, die Zahl dahinter (1–3) für den Grad: Je niedriger die Zahl, desto stärker die Beeinträchtigung. Das angehängte »w« oder »m« steht für weiblich oder männlich.
B – Visual Impairment (Sehbehinderung): B1 bezeichnet blinde oder nahezu blinde Athlet:innen, die mit Augenmaske klettern, B2 ein stark eingeschränktes Sehvermögen, B3 eine moderate Sehbehinderung. Athlet:innen der B-Klassen werden von einem Sight Guide vom Boden aus durch die Route geführt.
AU – Arm/Upper Limb (Einschränkung der oberen Gliedmaßen): AU1 steht für eine hohe Amputation oder schwere Einschränkung eines Arms, AU2 für eine Amputation unterhalb des Ellbogens oder vergleichbare Einschränkungen, AU3 für leichtere Einschränkungen etwa an der Hand. In Kempten startete Carolin Heberle in der Klasse AU2w und Aldrik Bethke in AU3m.
AL – Lower Limb/Leg Amputee (Einschränkung der unteren Gliedmaßen): Diese Klasse umfasst Athlet:innen mit Amputationen oder vergleichbaren Einschränkungen der Beine. AL1 bezeichnet die stärkste Einschränkung, etwa eine beidseitige Beinamputation oder eine hohe einseitige Amputation oberhalb des Knies, AL2 eine Amputation unterhalb des Knies oder vergleichbare Einschränkungen. Geklettert wird je nach individueller Voraussetzung mit oder ohne Prothese.
RP – Range and Power (neurologische und physiologische Einschränkungen): Hier starten Athlet:innen mit zerebralen Bewegungsstörungen, neurologischen Erkrankungen oder Muskelerkrankungen. RP1 bezeichnet die stärkste Einschränkung, RP2 eine deutliche Einschränkung von Beweglichkeit oder Kraft, RP3 eine leichtere Einschränkung. Die meisten DM-Titel in Kempten wurden in den RP-Klassen vergeben.
Geklettert wird in allen Klassen im Top Rope. Bewertet wird nach Höhe, wer am höchsten kommt, gewinnt. Bei Gleichstand entscheiden Nebenwertungen wie Zeit oder Qualifikationsergebnis. Neben den klassifizierten Startgruppen gibt es zudem eine Open Class für Athlet:innen ohne offizielle Klassifizierung oder mit dem Status NE (not eligible). Sie ermöglicht einen niedrigschwelligen Zugang zum Wettkampfsport, ohne dass ein offizieller Titel auf dem Spiel steht.

Wachsende Szene, steigendes Niveau
Bundestrainer Christoph Reichert zog ein durchweg positives Fazit der Veranstaltung. Organisation, Routenbau und Ablauf hätten gestimmt – und vor allem die sportliche Entwicklung lasse aufhorchen. Sowohl die etablierten Kaderathlet:innen als auch viele Neueinsteiger:innen, die in Kempten erstmals an den Start gingen, hätten starke Leistungen gezeigt. Auffällig sei die wachsende Zahl an Klassifizierungen: So viele wie diesmal habe es bisher noch nie gegeben. »Der Andrang ist da, das Leistungsniveau steigt, und vorne wird es immer enger«, so Reichert.
Mit Rückenwind in die Weltcup-Saison
Für das deutsche Paraclimbing-Team ist die DM zugleich Standortbestimmung vor dem internationalen Saisonstart. Bereits in einer Woche reist ein großes deutsches Aufgebot zum ersten Weltcup nach Salt Lake City, ehe Mitte Juni der Weltcup in Innsbruck folgt. »Wir haben schon im Wintertraining gesehen, dass sich alle weiterentwickelt haben – entsprechend groß ist die Vorfreude auf die Saison«, sagt Reichert.
Der Blick richtet sich dabei längst auch in Richtung Los Angeles 2028, wenn Paraclimbing erstmals Teil der Paralympischen Spiele sein wird. Veranstaltungen wie die DM in Kempten sind dabei mehr als nur ein nationaler Titelkampf: Sie liefern Wettkampfpraxis, schaffen Sichtbarkeit und zeigen, dass der inklusive Klettersport in Deutschland an Breite und Tiefe gewinnt.
Das Finale im Replay
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