Ohne Beine auf den höchsten Gipfeln: Hari Budha Magar vollendet die Seven Summits

Am sechsten Januar 2026 hat der nepalesische Bergsteiger Hari Budha Magar Geschichte geschrieben. Als als erster Mensch mit einer doppelten Oberschenkelamputation hat er die »7 Summits«, also die höchsten Gipfel aller sieben Kontinente, bestiegen.

Wenn jemand nach dem Lesen oder Ansehen meiner Geschichte Hoffnung und einen Sinn im Leben findet, bevor er aufgibt, den Mut, in schwierigen Momenten weiterzumachen, oder die Motivation, im Leben einen weiteren Schritt zu gehen, dann weiß ich, dass ich etwas bewirkt habe.

Hari Magar

Keine Limits – Traum der »7 Summits«

Am sechsten Januar gegen 22 Uhr erreichte Hari Magar den Gipfel des Mount Vinson. Dieser ist mit 4.892 m der höchste Berg der Antarktis und befindet sich in den Ellsworth Mountains. Der Erfolg war für den Veteranen der Royal Gurka Rifles gleichzeitig der Abschluss eines Herzensprojektes: Mit dem Gipfel des Mount Vinson hat er die »7 Summits« geschafft, und zwar als erste Person mit einer doppelten Oberschenkelamputation. Magar selbst betont immer wieder, dass es ihm bei dem was er tut nicht um Rekorde allein gehe. Sein Projekt versteht er als Beitrag zu einem erweiterten Bild davon, was im Bergsport möglich ist – technisch, körperlich und mental. Gleichzeitig setzt er sich international für die Rechte und die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen ein – insbesondere von Kriegsversehrten.

Wenn du einen Traum hast, dich ihm voll und ganz widmest und niemals aufgibst, kannst du alles erreichen – egal, wie das Leben dich auch auf die Probe stellt.

Hari Magar
Hari Magar am Mount Vinson in der Antarktis | Bild: Abiral Rai

Von ganz unten auf die höchsten Gipfel

Geboren im Westen von Nepal, wuchs Hari Magar in einem kleinen Dorf am Rand des Himalaya auf. In seiner Jugend erlebte er den nepalesischen Bürgerkrieg. Mit 19 Jahren trat er den Gurkhas bei – einer Eliteeinheit der britischen Armee. Für junge Nepalesen, so Hari, ist ein Platz in den Reihen der elitären Gurkhas einer der bestmöglichen Jobs. Am 17. April 2010 kam es während eines Einsatzes in Afghanistan zu dem Ereignis, das sein Leben grundlegend veränderte. Bei einer Explosion durch eine improvisierte Sprengvorrichtung verlor Magar beide Beine oberhalb des Knies. Die Verletzungen waren schwer, die Prognosen zunächst ungewiss. Es folgten lange Monate der medizinischen Versorgung, Rehabilitation und psychischen Neuorientierung. Heute spricht er sehr offen darüber, dass er nach diesem Schicksalsschlag dem Alkohol und Depressionen verfiel. Er konnte damals nicht akzeptieren beide Beine verloren zu haben.

Ich habe irgendwann verstanden – wenn ich sterbe, dann ist meine Geschichte vorbei. Aber meine Familie würde leiden. Also habe ich mich entschieden, mein Leben zu leben.

Hari Magar
Hari Magar klettert mit speziellen Prothesen | Bild: Abiral Rai
Hari Magar klettert mit speziellen Prothesen | Bild: Abiral Rai

Das Projekt Mount Everest

Schon vor seiner Verletzung hatte Magar eine enge Beziehung zu den Bergen Nepals. Nach dem Unfall kehrte er Schritt für Schritt in diese Umgebung zurück. Zunächst begann er mit dem Skifahren und entdeckte Skydiving für sich. »Es hat sich unglaublich angefühlt und ich habe verstanden, dass man alles machen kann, auch ohne Beine«, erzählt der 47-jährige. Schnell kam ihm eine noch größere Herausforderung in den Sinn. Schon als Junge hatte ihn der Gedanke fasziniert, den Mount Everest zu besteigen. Mit seiner neu gewonnen Überzeugung war er sich sicher, dass er auch das trotz des Unfalls bewältigen könnte. Hari entschied sich 2018 dazu den Everest zu besteigen. Ein Jahr nachdem Nepal ein Verbot für blinde und beinamputierte Bergsteigende in Kraft gesetzt hatte. Gemeinsam mit mehreren gemeinnützigen Organisationen ging er gegen das Verbot vor. Die Forderung, dass Menschen mit Behinderung nicht von einer Begehung des höchsten Berges der Welt ausgeschlossen werden dürfen, ging bis zum obersten Gerichtshof von Nepal. Schließlich wurde das Verbot aufgehoben und für Magar begann die Vorbereitung das Dach der Welt zu erklimmen.

Hari und seine Seilschaft auf dem Weg auf das Dach der Welt | Bild: Abiral Rai

»Mich hievt da niemand hoch«

Was folgte, war keine schnelle Erfolgsgeschichte, sondern ein jahrelanger Prozess. Zunächst mussten die richtigen Prothesen gefunden werden. Diese kommen aus Deutschland von dem Unternehmen Ottobock. Gemeinsam mit Hari Magar arbeiteten die Orthopädietechniker:innen daran, die bestmöglichen Lösungen für seine Expeditionen zu finden. Hari hat drei verschiedene Aufsätze für Fels, Eis und Schnee, die er am Berg innerhalb von wenigen Minuten wechseln kann. Da er keine Knie hat, läuft er aus der Hüfte, was ihn langsamer macht als andere Bergsteigerinnen und Bergsteiger und zu einem deutlich erhöhten Kalorienverbraucht führt. »Der Unterschied zu anderen ist, dass ich nicht so schnell gehen kann, in manchen Situationen vielleicht nicht so schnell reagieren. Ansonsten bin ich ein ganz normaler Bergsteiger«, erzählt der Veteran in einem Interview mit dem outdoor-Magazin über seine Everest-Begehung. Vor allem betont er, dass er von niemandem »da hoch gehievt« wird. Hari trainiert hart für seine Expeditionen: Er ist täglicher Gast im Fitnessstudio. Dort besteht sein Training aus viel Ausdauer, Krafttraining, Yoga und Meditation. Auch Techniktraining kommt bei dem 47-Jährigen nicht zu kurz. Am 19. Mai 2023 war es schließlich so weit und Hari Magar erreichte den Gipfel des höchsten Berges der Welt. Diese Errungenschaft brachte ihm internationale Bekanntheit ein. Doch hier endete die Mission für Hari nicht.

Hari im Base Camp des Mount Everest | Bild: Abiral Rai
Hari im Base Camp des Mount Everest | Bild: Abiral Rai

Die höchsten Gipfel der sieben Kontinente

Vor dem Everest hatte der nepalesische Bergsteiger bereits den Mont Blanc (4,810 m) in Europa und den Kilimanjaro (5,895m) in Afrika erklommen. Nach seiner Everest Expedition folgten der Denali (6,190 m) in Nordamerika, der Aconcagua (6,961 m) in Südamerika, der Puncak Jaya (4,884 m) in Ozeanien und schließlich der Mt. Vinson (4,892 m) in der Antarktis, mit welchem er das Projekt »7 Summits« vor wenigen Wochen abschloss. Hari Budha Magar möchte mit seinen Erfolgen Sichtbarkeit schaffen und vor allem Menschen mit Behinderungen ermutigen, ihre eigenen Berge zu besteigen. »Sie müssen dafür keinen echten Berg erklimmen«, sagt er. »Es geht darum, zu zeigen, dass auch der metaphorische Berg, der vielleicht vor einem liegt, bezwungen werden kann – welcher auch immer das ist.«

Hari Magar voller Vorfreude auf die Begehung des Mount Everest | Bild: Abiral Rai
Hari Magar voller Vorfreude auf die Begehung des Mount Everest | Bild: Abiral Rai

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Credits: Titelbild: Abiral Rai

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