Yannick Flohé hat in Colorado die vierte Begehung von Nathaniel Colemans »No One Mourns the Wicked« geschafft. Nach sieben Sessions schlägt der deutsche Boulderprofi vor, den bislang als 9A bewerteten Boulder auf 8C+ herabzustufen.
Eigentlich hatte Yannick Flohé seinen US-Trip ganz anders geplant. Der Aachener wollte in den Red Rocks sportklettern, doch eine unerwartete Hitzewelle im Westen der USA machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Statt rotem Sandstein landete er kurzerhand in Colorado. Und das mit Erfolg: Bereits an seinem ersten Klettertag holte er sich Daniel Woods‘ Klassiker »Defying Gravity« (8C) an der Thunder Ridge ab. Direkt im Anschluss begann er, sich am Low-Start zu versuchen, an einer der derzeit härtesten Linien der Welt.

Vierte Begehung eines Mega-Boulders
»No One Mourns the Wicked« wurde im Dezember 2024 von Nathaniel Coleman erstbegangen, der den Boulder mit 9A bewertete. Die Linie ist die ursprüngliche Vision für die Wand: ein neun Züge langer Low-Start in »Defying Gravity«, der laut Coleman für sich genommen bereits etwa 8B ist und durch fingerlastige Züge und hohe Körperspannung die Unterarme bis zum Übergang in den Stehstart auslaugt.
Die zweite Begehung gelang dem Briten Hamish McArthur in nur einem einzigen Tag. Im Februar dieses Jahres holte sich der erst 16-jährige Beckett Hsin den dritten Send und sprach von einer »weichen« 9A. Flohés Ascent ist nun die vierte Begehung und die erste, bei der ein Downgrade vorgeschlagen wird.
Bedingungen vs. Boulder
Auf Instagram beschreibt Flohé eine Auseinandersetzung, die mehr von den Bedingungen als von der Linie selbst geprägt war:
Die größte Herausforderung waren die trockenen Bedingungen, der stürmische Wind und meine trockene Haut, die das Klettern an dem spiegelglatten Fels sehr schwierig machten.
Yannick Flohé
Die eigentliche Herausforderung lag laut Flohé also in den Bedingungen: trockene Luft, starker Wind und trockene Haut auf dem ohnehin speckigen Fels. An manchen Tagen mit 15 Prozent Luftfeuchtigkeit und starkem Wind habe er nicht einmal die Stehstart-Züge geschafft, an anderen – mit Wolken und Regen – sei der Fels so griffig gewesen, dass er den »Defying«-Move zum Aufwärmen mehrfach in Folge klettern konnte. Vom ersten Tag an sei er sich sicher gewesen, den Boulder zu schaffen, schreibt Flohé. Am Ende brauchte er sieben Sessions.

»Ich schlage 8C+ vor«
Bemerkenswert ist Flohés ehrliche Einordnung im Anschluss. Der Aachener, der bislang noch keinen 9A-Boulder auf seiner Tickliste hat, schreibt auf Instagram:
»Ich glaube nicht, dass dieser Boulder 9A ist – das war eher ein Kampf gegen die Bedingungen und meine trockene Haut als gegen den Boulder selbst. Ich habe selbst noch keinen 9A geklettert, aber ich weiß, wie sich andere 9As anfühlen. Deshalb schlage ich 8C+ vor.«
Ein starkes Statement des Aacheners. Die Boulder-Szene reagiert natürlich sofort und Glückwünsche unter anderem von Alex Megos, Jakob Schubert und Michaela Kiersch trudelten ein. Auch der erste Wiederholer von NOMTW, Hamish McArthur meldete sich zu Wort und gratulierte Flohé zu dem Send. Des Weiteren teilt der Brite seine Sicht auf die Bestimmung eines Schwierigkeitsgrades. »Ich glaube nicht, dass ‚der Boulder an sich‘ in irgendeiner relevanten Weise existiert, insbesondere nicht losgelöst von den Bedingungen oder dem Zustand der eigenen Haut. Die Herausforderung beim Bouldern existiert nicht ‚trotz‘, sondern wegen der Bedingungen – es ist sowohl eine Beziehung als auch ein Kampf.« schreibt er unter Flohés Downgrade-Post auf Instagram.

Ein außergewöhnliches Jahr für Flohé
Der 26-jährige Wettkampfkletterer und Olympionik zeigt einmal mehr, wie breit aufgestellt er ist. Im Juli 2025 schrieb er Geschichte mit dem ersten 8C-Flash der Welt von »Foundation’s Edge« in Fionnay. Im Anschluss holte er sich die zweite Begehung von Alex Megos‘ »Ratstaman Vibrations« in Céüse, im Dezember die vierte Begehung von Stefano Ghisolfis »Excalibur« (9b/+) in Drena. Hinzu kommen Klassiker wie »Story of Three Worlds« (8C+), »Return of the Dreamtime« (8C+), »Ephyra« (8C+) und »Off the Wagon Sit« (8C+).
Mit »No One Mourns the Wicked« reiht sich nun ein weiterer Mega-Boulder in seine Vita ein – und mit dem Downgrade-Vorschlag dürfte die Diskussion um den tatsächlichen Schwierigkeitsgrad der Linie an der Thunder Ridge erst richtig losgehen. Die nächsten Begehungen werden zeigen, wo sich »NOMTW« final einsortiert.
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Credits Titelbild: Griffin Appel

