Der Corno Grande im Gran Sasso Massiv ist einer der faszinierendsten Gipfel Europas. Er ist von weitem zu sehen und er überragt alle Gipfel und Berge des Apennin. Und das beste: Du kannst hier zu jeder Jahreszeit fantastische Touren unternehmen.
Der Appenin ist die Wirbelsäule Italiens und zieht sich über 1.200 km von der Poebene bis nach Calabrien. Der höchste Gipfel ist der 2.912m hohe Corno Grande im Gran Sasso d’Italia Gebirgsmassiv. Wenn du die Autobahn A24 von der Adria nach L’Aquila entlangfährst, dann schießt der Gran Sasso mit unheimlicher Wucht knapp 3.000 Meter über dir in die Höhe. Die drei Spitzen des Corno Grande Occidentale (2912 m), Centrale (2893 m) und Orientale (2903 m) sind aus Dolomit-Gestein und umschließen im einem wahren „anfiteatro“ den südlichsten Gletscher Europas, den Ghiacciaio del Calderone.

Am 19. August 1573 bestieg der 69-jährige Francesco De Marchi mit einem Führer und weiteren vier Begleitern den Corno Grande zum ersten Mal. Angeblich von dem 900m hohen Assergi in fünf Stunden. Das ist ein flottes Tempo für die 2.000 Höhenmeter, nicht nur für einen Senior. Denn die Besteigung des Corno Grande ist alles andere als eine gewöhnliche Wanderung. Heute stehen 3 Stunden auf dem Wegweiser, allerdings an der Bergstation der Campo Imperatore Seilbahn auf 2.000 m Höhe.

Die drei Normalwege:
Eigentlich gibt es drei „Normalwege“ auf den Corno Grande. Idealerweise kombinierst du dann einen im Aufstieg mit einem anderen im Abstieg. Die einfachste Route führt über die Nordwestflanke und ist auch am besten für den Abstieg geeignet, insofern sie schneefrei ist. Bei uns wäre dieser Anstieg als schwarzer Wanderweg mit ganz leichter Kraxelei am Gipfel klassifiziert.

Der zweite Normalweg nennt sich via diretissima. Dies ist der schnellste Anstieg, wenn du vom Campo Imperatore kommst. Er führt in diretissima-Linie durch eine Steilflanke zum Gipfelkreuz. Die Route ist markiert und erfordert leichte Kletterei bis zum II. Schwierigkeitsgrad. Genauso wie der ausgesetzte Westgrat. Das wäre der dritte Normalweg. Auch hier weisen viele rote Markierungen den Weg. Wenn du ihnen genau folgst, dann erwartet dich herrliche, teilweise aber sehr ausgesetzte Kraxeleibiss zum 2.Schwierigkeitsgrad.

Obwohl die via diretissima und der Westgrat eigentlich leichte Kletterrouten sind, werden sie üblicherweise ohne Seilsicherung begangen. Dies ist auch sinnvoll, da beide Anstiege dann doch relativ lang sind, wenn man von Standplatz zu Standplatz sichern würde. Wenn es dann klettertechnisch etwas mehr sein sollte, dann führt kein Weg am Südpfeiler vorbei:
Der Südpfeiler:
Aus kühnem Dolomit geformt schießt der wuchtige Südpfeiler aus einer riesigen Flanke direkt zum Gipfel. Logisch, dass diese Felsformation ein begehrtes Ziel der ambitionierten römischen Bergsteiger und Kletterer war. Bereits am 26. Juli 1933 wagten sich Giancola, Tomassi und d’Armi an den Pfeiler und hinterließen eine spektakuläre Route. Im italienischen Kletterführer wird die Felsqualität mit „generalemente buona“ beschrieben. Das klingt eigentlich ganz verführerisch, du musst aber wissen, es ist die mittlere von den fünf zur Auswahl stehenden Felsqualitäten. Den Einstieg erreichst du von dem Klettersteig, der extrem ausgesetzt zur feuerroten Bafile Biwakschachtel führt.

Bevor der eigentliche Klettersteig beginnt querst du in leichter Schrofenkletterei zum Einstieg direkt am Pfeiler. 10 eher kurze Seillängen schlängeln sich von hier mal links mal rechts um den Pfeiler bis zur höchsten Spitze. Es gibt zahlreiche Varianten und auch den ein oder anderen Haken. Zur Beruhigung der Nerven sind die Standplätze gut, die meisten sogar gebohrt. Wir würden die Tour trotzdem als Abenteuer-Tour einordnen. Äußerst emfpehlenswert, aber es ist eben ein Unterschied ob der Bohrhaken in Brusthöhe sitzt oder ein rostiger Schlaghaken 5 Meter unter dir. Viele Passagen lassen sich zudem mit mobilen Sicherungsmitteln nicht absichern, da der Fels recht kompakt ist. Die Schwierigkeiten sind mit IV und einigen Passagen V bewertet und das ist sicher nicht untertrieben.

Der Corno Grande mit Ski:
Kaum zu glauben, aber bereits am 26. März 1923 stand der bekannte italienische Bergsteiger und Skipionier Aldo Bonacossa mit Ski am Gipfel. Wo er genau abgefahren ist, wissen wir nicht. Aber es muss eine der drei Routen gewesen sein, die auch heute üblicherweise benutzt werden.
Da ist zum einen der auch im Sommer übliche Normalweg über die steile Nordwestflanke. Bei guten Verhältnissen kommst du mit Ski und einer guten Spitzkehrentechnik bis knapp unter den höchsten Punkt. Wir haben im Winter 2025 die via diretissima gewählt und die Ski ab dem Sattel auf 2.623m an den Rucksack geschnallt. Diese Flanke ist steil (45°), dafür brauchst du im Aufstieg Steigeisen und Eispickel und in der Abfahrt gute Nerven.

Etwas flacher, aber immer noch imposant ist die Abfahrt im orographischen Sinne rechts von der via diretissima durch den Canale Bissolati, ein zu Beginn breites Kar, das sich unten zu einem Couloir verengt. Diese Variante ist unser Favorit, da das Gelände fast so weitläufig wie die Nordwestflanke und nicht ganz so steil wie die via diretissima ist, die aber im Aufstieg vom Campo Imperatore wiederum die kürzeste ist. Apropos Campo Imperatore: Bei guten Verhältnissen und guter Schneelage kannst du von der Bergstation (oder noch besser vom etwas höher gelegenen Rifugio Duca degli Abruzzo bis kurz vor Assergi abfahren, dort wo auch vor mehr als 450 Jahren Francesco De Marchi gestartet ist.
Bei allen Abfahrten gilt aber eines: Stürzen verboten!
Steckbrief Gran Sasso 2.912m
Sommer:
Normalweg über die Nordwestflanke
schwarzer Wanderweg, am Gipfel ausgesetzt
Achtung: Bei Altschneeresten besser auf den Westgrat ausweichen
3h ab Campo Imperatore
Normalweg via diretissima
leichte Kletterei (II)
3h ab Campo Imperatore
Südpfeiler
Klettertour (V)
10 SL, 4h ab Einstieg (+1,5h vom Campo Imperatore)
1,5h zum Einstieg vom Campo Imperatore

Winter:
Nordwestflanke
Anspruchsvolle Skitour im steilen Skigelände
via diretissima
Anspruchsvolle Skitour, Ski müssen ab ca. 2.600m getragen werden
mehrere Abfahrtsvarianten (bis 45°)
Ausgangspunkt Campo Imperatore:
im Sommer über Mautstraße, Parkplatz für Campervans
im Winter mit der Seilbahn von Assergi
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