Steigeisentechnik im Fels & Sturz abfangen | Michi Wohlleben erklärt die Basics für die Hochtourensaison

Wie bin ich mit Steigeisen richtig im Fels unterwegs? Wie verhalte ich mich bei Blankeis, Wechten oder Stürzen? Profibergsteiger, Bergführer und Physiotherapeut Michi Wohlleben erklärt euch in der ersten Folge der gemeinsamen Ausbildungsreihe worauf es beim Klettern mit Steigeisen wirklich ankommt und gibt euch starke Tipps für die Hochtouren Saison.

In unserer gemeinsamen Ausbildungsreihe teilt Michi sein Wissen aus über zwei Jahrzehnten am Berg. Diese Episode widmet sich der Hochtourenvorbereitung: Steigeisentechnik im Fels, Verhalten an Wächten und das Abfangen von Stürzen auf Schnee und Eis. Michi geht dabei genau die Situationen durch, in denen statistisch viele Unfälle passieren und erklärt, wie man sich am besten darauf vorbereitet, bevor man im Ernstfall reagieren muss.

Michi Wohlleben am Säntis in der Schweiz | Bild: Maximilian Gierl

Timing entscheidet: Steigeisen früh anlegen 

Ein klassischer Fehler auf Hochtouren ist das zu späte Anlegen der Steigeisen. Klar, ist es oft nervig mit Steigeisen im Fels unterwegs zu sein, die Eisen aber erst im abschüssigen oder gefährlichen Gelände anzuziehen erhöht das Risiko für Fehltritte. Also:

  • Steigeisen lieber zu früh als zu spät anlegen
  • Die Eisen sollten fest und sauber sitzen – passt sie vor der Tour auf euren Schuh an und stellt sicher, dass sie fest eingespannt sind
  • Die abstehenden Bänder müssen korrekt gebunden und verstaut werden 
Die Eisen sollten fest und sauber sitzen. | Bild: Maximilian Gierl

Sicherheit im Eis ist vor allem Technik 

Blankeis ist kein einfaches Gelände. Die meisten Anfänger:innen machen dabei die selben Fehler. Entsprechend klar ist die Empfehlung: Sichere Steigeisentechnik wird nicht auf Tour gelernt, sondern davor.  Grundsätzlich rät Bergführer Michi außerdem dazu, Bewegungsabläufe im einfachen Gelände zu üben, Technik bewusst zu trainieren und zu wiederholen und Fehler dort zu machen, wo sie möglichst wenig Konsequenzen haben. Die eigentliche Entwicklung findet im Training statt, nicht in der anspruchsvollen Tour selbst. Beim Abstieg mit Steigeisen solltet ihr auf die folgenden Punkte achten:

  • Versucht so viele Zacken wie möglich ins Eis zu bringen
  • Achtet auf eine starke Position und Rumpfspannung
  • Die Füße sollten aktiv in Zackenrichtung hangabwärts gesetzt werden
  • Leicht V-Förmiger Schritt, wegen der Zackengeometrie, so beißen die Zacken besser
Michi zeigt wie man es richtig macht: So viele Zacken im Eis wie nur möglich, wenn man auf Blankeis unterwegs ist. | Bild: Maximilian Gierl

Warum Übungsgelände entscheidend ist:
Saubere Schritttechnik und kontrollierte, bewusste Bewegungen sind das a und o bei Hochtouren. Dabei betont Michi Wohlleben bei seinen Gästen immer wieder, dass Übungsgelände kein Rückschritt ist, sondern essentiell für die eigene Sicherheit. Im »einfachen« Gelände lässt sich saubere Schrittechnik üben, wodurch ein besseres Gefühl für Gelände und Gear erlernt wird.

Damokles Schwert: Steigeisen im Fels

Wenn Firn in Fels übergeht, entsteht häufig Unsicherheit. Steigeisen fühlen sich im Fels oft unsicher und wackelig an. Michi rät dazu, die alpinen Gehhilfen bei Trainingstouren mal länger anzubehalten, auch wenn das den Zacken wahrscheinlich nicht so gut gefällt. Auch das gehen mit Steigeisen im gemischten Gelände will geübt sein und auch hier macht die richtige Technik einen entscheidenden Unterschied. Wer dazu tendiert mit Steigeisen auf den Zehenspitzen zu gehen um die Frontzacken möglichst gut in kleinere Kanten zu bekommen, kann hier noch ein paar bessere Tipps mitnehmen:

  • Versucht so oft wie möglich die Ferse bewusst in die Bewegung einzubeziehen
  • Haltet Ausschau nach »Trittstufen« – wo kann ich gut stehen, wo hat viel von meinem Steigeisen Platz?
  • Achtet auf Stabilität und Körperspannung

Wenn ihr sicheres Gehen mit Steigeisen im Fels übt, achtet darauf, dass keine Absturzgefahr besteht!

Das Üben im Mixed-Gelände ist wichtig für schwerere Touren. | Bild: Maximilian Gierl

Vorsicht bei Wechten 

Wechten sind windverfrachtete, stark verdichtete Schneeablagerungen, die sich an Graten und Geländekanten bilden. Im Prinzip ein freischwebender Schneeüberhang über der windabgewandten Seite. Genau darin liegt ihre Tücke: Unter der scheinbar tragenden Schneedecke ist nichts. Tritt man zu weit hinaus, bricht die Wechte ab, und das oft nicht an der sichtbaren Kante, sondern mehrere Meter dahinter. Diese Schneeablagerungen gehören zu den größten objektiven Gefahren auf Hochtour. Ihre Tragfähigkeit ist schwer einzuschätzen und genau darin liegt das Risiko. Deshalb gilt:

  • Belastung immer auf dem hinteren Bein nahe am Fels
  • Abstand zur Kante halten 
  • Annäherung nur vorsichtig und von oben bzw. seitlich 
  • Belastung der Wechte möglichst vermeiden 

Eine der typischsten Unfallsituationen hier ist außerdem der zu steile Abstieg: Der Hang wird zu steil zum Vorwärtsgehen, man dreht sich um – und plötzlich hängt man mit dem Bauch über der Kante, die Füße sind aus dem Sichtfeld und das Gewicht kippt nach hinten. Michis Methode ist, die Trittstufen von oben »abräumend« durchzugraben, sodass die Füße bestmöglich Halt finden, bevor man überhaupt mit dem Bauch über die Kante muss. Das Gewicht bleibt oben, der Pickel sichert ab, falls ein Tritt wegrutscht. Bei harten Stellen gilt: Zeit lassen und sicherstellen, dass der Pickel wirklich hält, bevor man Übergewicht nach hinten bekommt.

Michi demonstriert den Abstieg in steilerem Gelände. | Bild: Maximilian Gierl

Sturzhalten muss trainiert werden 

Das Sturzhalten gehört zu den wichtigsten Skills auf Hochtour und sollte zwingend vor der Saison geübt werden. Wichtig ist regelmäßiges Training unter sicheren Bedingungen: 

  • in flachem Gelände mit ausreichend Auslauf 
  • ohne Steigeisen, um Verletzungen zu vermeiden 
  • Zentral ist dabei die schnelle Reaktion: 
    • Pickel unter den Oberkörper bringen 
    • Knie und Ellenbogen in den Boden stemmen
    • Körpergewicht gezielt einsetzen 
    • nicht aufhören, aktiv zu bremsen 

Also: aus der Rutschposition auf den Bauch drehen, auf Knie und Ellbogen kommen und die Schuhe aus dem Schnee bekommen, sonst überschlägt es einen, sobald die Frontalzacken einhaken. Erst wenn diese Basisbewegung sitzt, kommt der Pickel dazu: Er bremst am besten, wenn er unter der Brust liegt und das Körpergewicht draufkommt.

Bilder oben: Im Video demonstriert Michi wie man Stürze korrekt abfängt ; unten: Michi demonstriert was passiert, wenn die Füße nicht rechtzeitig angeboben werden.

Fazit: Die Praxis entscheidet 

Hochtouren erfordern ein Zusammenspiel aus Technik, Erfahrung und Vorbereitung. Die wichtigsten Grundlagen lassen sich trainieren, vorausgesetzt, man investiert bewusst Zeit in Übung und Wiederholung. Michis Video gibt einen Überblick über zentrale Aspekte in der Hochtourenvorbereitung. Viel wichtiger ist aber die visuelle Darstellung und die tiefgehende, gute Erklärweise, die er an den Tag legt. Er macht Bewegungsabläufe, Timings und kleine Tricks unmittelbar sichtbar und bietet eine klasse Anleitung zur Vorbereitung auf die nächste Tour.

Wer seine Sicherheit auf Hochtour verbessern möchte findet in unserem gemeinsamen Lehrvideo eine wertvolle Ergänzung zur eigenen Vorbereitung.

Hier gehts zum Video:

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Credits Titelbild: Maximilian Gierl

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